Deborah Feldman – Unorthodox

Wegen meines Redebedarfs habe ich vor 8 Jahren diesen Blog begonnen und selten hat in diesem Zeitraum ein Buch so in mir gearbeitet wie die Autobiografie von Deborah Feldman, die gerade einmal die ersten 24 Jahre ihres Lebens umfasst und mit der Erkenntnis endet, dass bereits all ihre Träume war geworden sind.

Die eigentliche Handlung lässt sich relativ kurz zusammenfassen. Feldman schildert an hand ihrer Erinnerungen wie sie bei ihren Großeltern väterlicherseits in Williamsburg, einem Teil von Brooklyn, New York, aufwuchs, zur Schule ging, als Lehrerin arbeitete, verheiratet wurde, Mutter wurde und einen höheren Schulabschluss anstrebte. Doch der Teufel steckt hier im Detail.

Ihre Großeltern, und damit auch ihr geistig behinderter Vater, gehören der ultraorthodoxen, jüdischen (chassidischen) Gemeinschaft der Satmarer an. Diese Gruppe lehnt ihren Namen an eine ungarische Stadt an, aus der ihr erster und prägendster Rabbi stammte und sie glauben, dass der Holocaust eine Strafe Gottes für die Verweltlichung gewesen sei, was sie über ein besonders frommes und strengen Regeln unterworfenes Leben wieder gut machen wollen. Wie einschränkend diese Regeln vor allem für Frauen sind, wird zunächst vor allem durch die Schilderungen der Großmutter, Bubby genannt, deutlich. Sie liebt Musik, doch singen darf sie offiziell nicht und ein Radio ist verboten. Ihre Haare, die sie eh unter einer Perücke versteckt, muss sie regelmäßig rasieren. Während die Männer den rituellen Teil der Feiertage begehen, bleibt alle Arbeit an ihr hängen (auf die Spitze getrieben in einer Situation, da der Großvater seinen Hut anzündet, es nicht merkt und seiner Frau unterstellt, sie hätte heimlich einen Kuchen im Ofen und sie ihn frägt, wie sie dafür denn hätte Zeit haben sollen). Zu Pessach erzählt nur der Großvater von seinen Erlebnissen in der ungarischen Armee, niemand frägt, wie es der Großmutter im Konzentrationslager erging, das sie als Einzige in ihrer Familie überlebte.

Ihre Freizeit nutzt Feldman heimlich, um zu lesen. Nicht umsonst ist das Zitat, dass das erste Kapitel begleitet aus Roald Dahls Matilda.

Da sie sehr klein war und sehr jung, war die einzige Macht, die sie über jeden in ihrer Familie besaß, die Macht ihrer Intelligenz.

Diese Intelligenz muss sie aber genau wie ihre Bücher verstecken, was nicht selten zu Konflikten mit einer ihrer Tanten führt, die die Unterstufe ihrer Schule leitet und später Aufgaben in ihrem Leben unternimmt, die normalerweise von der Mutter übernommen werden. Ihre Neugier und Intelligenz lassen sie erste Widersprüche in ihrem Leben erkennen, vor allem, als sie eine englische Übersetzung des Talmuds erwirbt und die dort geschilderten Ereignisse sich nicht mit dem decken, was ihre Lehrerinnen ihr und ihren Mitschülerinnen beibringen. Gleichzeitig weiß sie bereits, dass sie sich dieses Wissen nicht anmerken lassen darf. Einen Schlüssel dazu findet sie bei einem Streich in einer langweiligen Schulstunde, bei dem ihr alle tatsächlich glauben, sie hätte eine Maus gesehen, sah sie doch so erschrocken aus.

… aber ich kann so tun als ob; ich kann mich derart überzeugend verhalten, dass niemand je die Wahrheit zu entdecken vermag.

Diese Wahrheit verbindet sie nach ihrem Schulabschluss rasch mit einer anderen jungen Lehrerin, in der sie endlich jemanden zum Diskutieren und Austauschen findet, obwohl diese aus einer noch strenger religiösen Familie stammt. Doch diese durch ihre Arbeit neu gewonnene Freiheit währt nicht lange, da bald für sie eine Ehe arrangiert wird. Hier tut sich ein neuer Widerspruch für sie auf – nicht in der Tatsache, dass sie ihren Zukünftigen nicht kennt und auch keine wirkliche Chance hat ihn bis zu ihrer Hochzeit näher kennen zu lernen, sondern darin, dass plötzlich Geld für Geschenke und ihre Mitgift da ist, obwohl sie bisher sehr bescheiden und einfach gelebt hatte.

Was mich persönlich an die Grenzen des Erträglichen getrieben hat, waren schließlich die Schilderungen ihrer ersten Ehejahre. Denn plötzlich wurde von jemandem, der vorher noch nicht einmal verstand, weswegen sich die Erwachsenen darüber aufregten, dass sie mit einer Freundin auf einer ungemähten Wiese außer Sichtweite lag, erwartet, ihre ehelichen Pflichten zu erfüllen, von jemandem der sich bis dahin als Seele in einer irdischen Hülle verstand, aber keinerlei Ahnung von Sexualität hatte. Die Schuld an dem Versagen des “Ehevollzugs” werden allein ihr gegeben, obwohl ihr Mann einen ebenso großen Anteil daran hat, jedes Detail ist ihren Schwiegereltern bekannt, Privatsphäre gibt es zwischen ihnen nicht. Als sie doch endlich schwanger wird, stellt ihr Mann die Ruhe seiner Familie an Schabbes (Sabbat) über ihre Gesundheit und die des Kindes. Selbst ohne Ambitionen schätzt er die Meinung seiner Frau gering, und plappert lieber die selbst in ihren Augen zu engstirnigen Ansichten seines Vaters nach. Denn ihr Großvater war für sie deutlich gelehrter als ihr Schwiegervater, der sein fehlendes Wissen, durch strengstes Befolgen der Regeln wettmachen wollte.

Mit ihrer Schwangerschaft ändert sich jedoch aber auch etwas Wesentliches. Sie weiß, dass sie ihr Kind nicht unter den gleichen Bedingungen aufziehen will, unter denen sie groß wurde. Sie überredet ihren Mann weg von Brooklyn zu ziehen, lernt Autofahren, nimmt heimlich den Kontakt zu ihrer Mutter wieder auf, die sie zu in einem Alter verließ, in dem sie sich noch nicht an sie erinnern konnte, beginnt eine Ausbildung/Studium für Erwachsene und erkennt schließlich, dass der Zeitpunkt gekommen ist, alles hinter sich zu lassen, als sie unversehrt einen heftigen Autounfall überlebt. Denn was könne ihr Schlimmeres noch passieren?

Damit endet dieser Teil ihrer Geschichte fast. Im Anschluss schildert sie noch, wie es zu dem Buch kam. Nämlich basierend auf ihren anonymen Blogbeiträgen als Teil der Strategie bei der Scheidung von ihrem Mann sowohl weltlich als auch religiös das Sorgerecht für ihren Sohn zu erhalten.

Dieser Schritt ist ihr gelungen und sie lebt inzwischen mit ihrem Sohn in Berlin, wo sie auch dieses Frühjahr das Interview führte, durch das ich auf sie aufmerksam wurde. Während der vier Stunden unter dem Motto “Alles gesagt” lauschte ich gebannt und wusste danach, dass ich dieses Buch lesen musste. Vieles hat mich überrascht, vieles wollte ich zunächst nicht glauben, manches hat sicherlich auch meine Sichtweise beim Lesen nachhaltig beeinflusst. Dazu gehört Feldmans Meinung, sie sei nicht mutig, denn sie habe nur die Wahl gehabt, entweder zu gehen oder zu sterben. Und auch ihre Beobachtung, dass die Unterdrückung die sie erfahren habe, meistens von Frauen ausgegangen sei, die statt ihr zu helfen, sich an das Bisschen Macht klammerten, das ihnen die patriachale Gesellschaft zugestand. Die Schilderung ihres Erlebnisses mit zwei japanischen Journalistinnen, die ihr sagten, dass ihre Geschichte die jeder japanischen Frau sei, hat mich beunruhigt, ist doch eine japanische Kampfkunst für mich ein wichtiger Katalysator zum selbstbewussten Auftreten in meinem männlich geprägten Arbeitsumfeld. Es kann allerdings nicht schaden, die eigenen Wissenslücken aufgezeigt zu bekommen, um anschließend zu versuchen sie zu überwinden.

Auch wenn die Vielzahl an religiösen Feiertagen und Riten ein zentraler Bestandteil des Buches ist, da sich Feldman früheres Leben stark darum drehte, gelingt ihr doch alles so zu schildern, dass man auch ohne viel Vorwissen gut alles versteht und einordnen kann. Generell beschreibt sie alles in sehr klaren und eindrücklichen Bildern, ihre Liebe zur Literatur ist mit jedem Satz spürbar. Das war auch einer der Gründe weswegen ich das Buch ab einem gewissen Punkt nicht mehr zur Seite legen konnte, obwohl mich das Ausmaß der systematischen Unterdrückung und des Schreckens einer Gemeinschaft, die Fortpflanzung als etwas sehr wichtiges ansieht, gleichzeitig aber ihre Jugend bis kurz vor der Hochzeit nicht aufklärt (und selbst dann nur rudimentär) immer wieder ins Stocken brachte. Vielleicht ging mir aber auch genau deswegen alles so nah. Während Austens “Stolz und Vorurteil” oft die Blaupause für moderne Liebesfilme ist, sah Feldman darin perfekt ihre eigene Wirklichkeit gespiegelt. Man spürt die schwüle Sommerluft oder das Unverständnis, weshalb sie eine Schokolade, die ihr ein anderes, jüdisches Mädchen gab, nicht essen darf, da diese nicht koscher genug sei. Die Verunsicherung, als sie hört, sie habe sich die Gürtelrose vermutlich bei der Mikweh (ein rituelles Bad) vor ihrer Hochzeit eingefangen; denn wie könnte etwas, das Teil der Ausübung ihres Glaubens ist, sie so sehr verletzen. Die Freude jemanden zum Reden gefunden zu haben. Die Wut auf ihren Mann, der sie vor seiner Familie nicht verteidigt, nichts unternehmen will, um seine neue Familie mit ihr tatsächlich ernähren zu können. Ihre Freude über die kleinen Siege und Freiheiten, die sie sich nach und nach in ihrem Studium erkämpft…

Gewiss ist, dass dieses Buch, diese Geschichte noch eine ganze Weile weiter in mir arbeiten wird, und ich unsicher bin, ob und wie ich es weiterempfehlen soll. Denn ihm wohnt eine Kraft inne, die weh tut. Gleichzeitig gibt sie Zuversicht.

Ich bin machthungrig, aber nicht, um über andere zu herrschen; nur, um mir selbst zu gehören

Begonnen: 16.5. Beendet: 24.5.21

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Jean-Paul Didierlaurent – “Die Sehnsucht des Vorlesers”

Vielen Bücherfreunden erscheint schon der Gedanke, Bücher wegzuwerfen seltsam, aber sie tagein tagaus zu vernichten käme wirklich nur den wenigsten in den Sinn. Umso erstaunlicher ist es, dass gerade Guylain jahrelang an der “Bestie” im Recyclingwerk arbeitet. Denn genau wie sein seit einem Betriebsunfall im Rollstuhl sitzender Freund Guiseppe und der Pförtner Yvon liebt er Bücher.

Wie genau der 36-Jährige, der bis auf einen Goldfisch (während der Handlung Nr. 5 und Nr. 6) allein in einer kleinen Wohnung in Paris lebt, zu dieser Stelle gekommen ist, und was ihn letztendlich daran hindert zu kündigen, erfährt der Leser nicht. Dafür aber in den schillerndsten Farben wie gefährlich und heimtückisch eine solche Reißmühle sein kann. Guiseppe kostete sie die Beine, die er nun in ihrer neuen Form als Gartenratgeber versucht ausfindig zu machen. Seine Buße leistet Guylain jeden morgen auf dem Weg zu Arbeit, wenn er einzelne Seiten vorliest, die er am Vorabend bei der Reinigung der Maschine gerettet hat. Wurde auf meinem alten Arbeitsweg zu einer ganz ähnlichen Tageszeit jeder, der die beruhigende Stille durchbrach, böse angesehen, so scheint Guylain zumindest den ein oder anderen Mitreisenden den Start in den Tag mit seiner angenehmen Stimme zu versüßen.

Zwei alte Damen sind sogar so von ihm begeistert, dass sie ihn bitten, für sie samstagvormittags vorzulesen. “Sie” bedeutet allerdings nicht nur die beiden Schwestern, sondern fast die gesamte Seniorenresidenz, die ihn bereits nach der ersten Vorlesestunde ins Herz schließt und den Verseschmied Yvon, der einige Wochen später ebenfalls vorträgt, am liebsten adoptieren würde.

An einem anderen Morgen findet Guylain dann einen USB-Stick an seinem üblichen Platz und ist von seinem Inhalt so begeistert, dass er nun diese Texte vorliest statt seiner geretteten Findelkinder und plötzlich lacht morgens der ganze Wagen. Die Texte stammen aus der Feder der aufgeweckten Toilettenfrau Julie, die, um das Weltbild ihrer Kunden nicht zu zerstören, nur heimlich am Arbeitsplatz schreibt und ihre täglichen Erlebnisse und die Weisheiten ihrer Tante so humorvoll zu Papier gebracht hat, dass man wirklich froh ist, dass Guylain ihr Tagebuch mit der Welt teilt. Als Guiseppe mitbekommt, wie gut seinem Freund das literarische Ich der Texte gefällt, entschließt er sich spontan ihm bei der Suche zu helfen. Mit den wenigen, verstreuten Hinweisen zu Baujahr, Größe und vorhandenen Geschäften des immer wieder erwähnten Einkaufszentrums grenzt er das Suchgebiet auf acht mögliche Adressen ein, zu denen er Guylain schickt.

Überraschenderweise findet dieser sogar seine heimliche Angebetete, kann sich jedoch kein Herz fassen, sei direkt anzusprechen und entscheidet sich stattdessen für eine romantische Geste an dem Tag, an dem sie alljährlich die Kacheln ihres “Reichs” zählt. Hier wechselt die Perspektive und das Buch endet damit, dass Julie sich entschließt, ihn anzurufen.

Um ehrlich zu sein, habe ich mehrere Anläufe gebraucht, um wirklich in die Geschichte zu kommen und ohne das Hörbuch, hätte ich vermutlich auch dieses Mal schnell wieder aufgegeben. Der ruhige, melancholische Fluss von Guylains Leben wird nämlich immer wieder durch die teils grausamen Vorlesepassagen und die Schilderungen der “Bestie” unterbrochen. Doch im Endeffekt war es eigentlich viel zu schnell vorbei und ich fühlte mich wie einer seiner Zuhörer, die sich fragen, wie es wohl nach dieser einen Seite weitergeht mit der Geschichte.

Begonnen: 24.4. Beendet: 27.4.21

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Diana Wynne Jones – “House of many ways”

One of the most eifficient ways to grow is to leave well known surroundings behind and dare to take on something new*. This experience is something that Charmain Baker, Miss Charming for many she meets throughout the story, and I have in common. We both are also bookworms, but I knew a bit better to help at the household when I was her age.

Nevertheless, in the eyes of her aunt Sempronia she is the perfect candidate when Great-Uncle Wiliam has to be cured from a strange disease to look after his house. Given the opportunity to slip her mother’s guarding she accepts and also applies as help in the royal library of High Norland. Her first day in the house proves that she grew up too protected. Instead of reducing the mess of dirty dishes and laundry she adds quite a lot to it, when she burns a piece of soap and upsets the kobolds that do actually most of the housework. Just because hyndrangeas are beautiful in all colours – not only blue! Luckily the dog Waif looks after her and a new apprentice, Peter, arrives just in time to teach here. Even though he is really bad at magic and often confused with easy things like which side is right and which one is left, he at least knows about housekeeping.

Charmain on her part does not seem to have problems with magic. It actually comes to her rather naturally and even shuffling three different spells into one does what she intended to achieve – she can fly. That one comes in really handy when she falls off the cliff while running from the Lubbock. What a Lubbock is? It is an insect-like looking monster that can adjust its size and will lay its eggs into every human(like) being that comes near it. Male persons die, while female persons give birth to children with purple eyes, the Lubbockin.

How big of a threat the Lubbock really is comes out, when the crown-prince of Norland and his companions try to take over. Not only did he constantly steal the gold from the king who is desperately searching for a solution and remedy (aka Waif) but he also dears to kidnap Sophie’s son Twinkle, ignoring the fact that Calcifer is powerful enough to kill a Lubbock.

At the end Twinkle even discovers a huge amount gold underneath the palace roof, Uncle Wiliam is cured by removing the Lubbock’s eggs, Charmain is allowed to continue her studies and Sophie and her family depart.

Yes, I skipped a really a lot of the plot – just because in hindsight I’m as confused from the plot twists and details as Peter is from remembering where and when to turn in which direction to get around in the wizard’s house. Because obviously strange houses are really a wizard thing. Instead of a house that can move and even fly (Jones’ amazing take on “Aladin”/novel 2) the house of one of Great-Uncle Wiliam’s predecessors is located on a net of junctions in time and space which causes it to have a lot more rooms than thought possible and direct links to palaces and kobold caves. And as always the details do the actual magic.

While reading a lot of pieces fell into place for me. Here were a lot of details a loved in the movie adaptation of the first novel and missed them in the actual novel. The devastatingly long palace staircase, the flower meadow, the protecting effect of the dog, the strange appearance of the other wizards, … even the way the footboys look is derived from the third novel. But to be honest there was so much more in this amazing story and Sophie’s son letting rocking horses appear is just one of them.

Though I don’t think it is necessary let me finish by saying how I love this book and actually the whole series. All its main characters have a self developing of their own and are relatable, the side characters are easy to remember and distinguish, brilliantly written and fun and the surroundings are fantastic and so colourful one can even smell the flowers and the smoke from the castle’s chimneys.

started: 12.1.21. finished: 17.2.21

*some days ago I learned about Lew Wygotski and it seems like my intuition was correct.

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Becky Albertalli – “Nur drei Worte”

Es ist unglaublich wie viel man mit drei Worten ausdrücken kann. Im romantischen Kontext denkt man fast automatisch an die drei magischen Worte. Doch das, was Simon Spiers seiner Familie am Weihnachtsmorgen sagt, ist etwas anders. Ich bin schwul.

Dass es zu dieser Aussage nicht ganz freiwillig kommen wird, wird bereits im ersten Kapitel klar. Simon wird von seinem Mitschüler Martin mit dem Wissen um dessen Brieffreundschaft erpresst. Denn Martin steht auf auf Simons beste Freundin Abby – und selbst die Tatsache, dass sein eigener großer Bruder schwul ist, weckt keine Gewissensbisse in ihm. Also lässt sich Simon regelmäßig Gelegenheiten einfallen, bei der Abby und Martin “zufällig” Zeit miteinander verbringen. Anlässe wie die ein oder andere Party oder auch die Proben für das nächste Schulmusical, “Oliver”, gibt es genug. Denn das, was Simon, dem es als mittlerem Kind einer Psychologin und eines Anwalts mit guten Noten und grandiosen Freunden wirklich gut geht, nicht verlieren möchte ist seine Freundschaft zu Blue.

Blue heißt in Wahrheit natürlich anders, aber unter diesem Namen hatte er sich auf der Tumblr-Seite der Schule Anfang des Schuljahrs geoutet und Simon hatte sich ein Herz gefasst und ihm geschrieben. Sie reden über quasi alles – außer Details, die darauf schließen lassen, wer sie wirklich sind – und stellen immer mehr fest, wie sehr sie sich mögen. Doch vor allem Blue möchte ihn noch nicht im “echten Leben” treffen, was für Simon zunehmend schwierig wird. Zumal Blue Anfang Januar einen gemeinen Vorteil hat: er weiß genau, wer sein Brieffreund Jacques ist.

Martin veröffentlicht, weil Abby ihn abgewiesen hat, in Simons Namen einen mehr als geschmacklosen Text auf Tumblr, den er zwar bald wieder löscht, aber der Schaden ist angerichtet. Und während Simon von seiner Familie und von seinen engsten Freunden Rückendeckung erfährt, wird das Klima in der Schule deutlich rauer für ihn. Da hilft es auch nichts, dass Martin seine Tat wirklich bereut. Gleichzeitig sieht Simon darin aber auch eine Chance. Der süße Cal Price aus der Theatergruppe zeigt Interesse an ihm, was er ein paar Wochen zuvor sogar erwidert hätte, und Abby und Nick, die bald darauf zusammen kommen, fahren mit ihm nach Atlanta (die Geschichte spielt in einem Vorort der Stadt) rein und er merkt in einer Schwulenbar, dass er er selbst sein kann. Allerdings betrinkt er sich an dem Abend und will unbedingt im Anschluss nach Hause, um ein T-Shirt zu holen, dass ihm Blue an seinen Spind gehängt hatte. Die Folge sind zwei Wochen Hausarrest ohne Handy oder Laptop. Etwas Freiraum bietet nur die anstehende Musicalaufführung. Als sein Hausarrest nach der ersten gelungenen Aufführung etwas gelockert wird, bekommt Simon seinen Laptop wieder und liest nochmal in Ruhe alle bisherigen E-Mails. Dabei wird er sich immer sicherer, dass er endlich Blue kennen lernen will, der ihm bereits jetzt schon so vertraut ist. Also setzt er alles auf eine Karte und schreibt ihm, er solle ihn auf dem Jahrmarkt treffen. Kurz vor Ende steigt Nicks Kumpel Bram zu ihm in ein Fahrgeschäft, für das sein Magen eindeutig nicht ausgelegt ist. Simon ist überrascht, aber gleichzeitig überglücklich endlich zu wissen, wer sein Freund ist.

Den Abschluss des Buches bildet allerdings der Talentwettbewerb eine Woche später, bei dem sich Simon mit seiner Kindheitsfreundin Leah aussöhnt und feststellen muss, wie gut seine kleine Schwester Gitarre spielt.

Was soll ich sagen? Kitsch pur – aber von der guten Sorte. Simon ist als Ich-Erzähler glaubhaft und manchmal so blind für sein Umfeld, wie man es (hoffentlich) nur als Teenager ist. Den größten Teil nimmt auch nicht die Beziehung zu Blue (Bram Louis Greenfield) ein, sondern die zu seiner Familie, den beiden Schwestern, und seinen Freunden Nick, Leah und Abby. Die sich entwickelnden Gefühle bekommt man als Leser vor allem dadurch mit, dass jedes zweite Kapitel aus den E-Mails der beiden besteht. Umso drastischer ist die plötzliche Funkstille zwischen den beiden, als Blue scheinbar auf Distanz geht (in dem Band-Shirt hatte er einen Zettel mit seiner Handynummer versteckt). Wie Simon selbst feststellt, weiß er manchmal erschreckend wenig über seine Freunde und so bleibt auch der Leser leider unwissend, aber die Figuren, denen er seine Aufmerksamkeit schenkt, kann man ihre Tiefe nicht absprechen. Und so fällt es leicht sich nicht nur mit Simon, sondern auch mit den anderen zu identifizieren (in meinem Fall vor allem Leah, auch wenn ich kein Schlagzeug spiele).

Albertalli, die selbst als Psychologin arbeitet und wohl einen Teil ihrer Erfahrungen miteingebracht hat, gelingt aus meiner Sicht ein erstaunlich normaler Umgang mit einem für viele heiklen Thema. In dem Podcast, der mich auf das Buch gebracht hat (eigentlich dem Film, da Teil 2 als Serie umgesetzt wird), wurde kommentiert, dass es eher ein Buch für Freunde und Angehörige sei, um ihnen zu zeigen wie selbstverständlich der Umgang mit Homosexualität sein kann, weniger das Widerspiegeln der Realität. Aber es ist ein Anfang.

Begonnen: 9.3.21. Beendet: 12.3.21

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Stanislaw Lem – “Eden” (kurzgefasst)

Manchmal ist alles, was bleibt der schöne Schein. Diese Erkenntnis begleitet die sechsköpfige Mannschaft einer Rakete, als sie von einem Planeten fliehen, den sie auf Grund einer Bruchlandung genauer inspizieren konnten.

Im Laufe der Zeit beginnen der Koordinator, der Kybernetiker, der Chemiker, der Physiker, der Ingenieur und der Doktor (nur einer von ihnen wird regelmäßig im Gespräch beim Vornamen genannt, allgemein bleibt ihr Fachgebiet die einzige Benennung, auch wenn ihre Charaktere sich immer klarer herauskristallisieren) ihre Umgebung zu erkunden, entdecken vieles, das sie nicht einsortieren können, und stehen nicht selten vor der Tatsache, dass sie mit der Behebung des einen Schadens den nächsten begünstigen. Die Umgebung ist trotz ihrer Schönheit unwirtlich und der Kontakt mit den “Doppelts” schwankt zwischen purer Panik und Feindseligkeit. Erst ein neugieriger und mutiger Astronom und ein für die Übersetzung angepasster Kalkulator bringen tatsächliche Antworten, die jedoch die schlimmsten Spekulationen übertreffen.

Ja, es ist alte Science-Fiction und trägt diesen Namen vollkommen zu Recht. Die verschiedenen Wissenschaftler versuchen mit ihren jeweiligen Disziplinen die aktuelle Situation zu erklären, kennen sich in den anderen aber zumindest so weit aus, dass sie wichtige Impulse liefern können. Die beschriebenen technischen Bestandteile der sog. “Automaten” und des “Kalkulators” lassen mich schmunzeln, während ihre Fähigkeiten noch nicht ganz von unserer heutigen Technik eingeholt wurden. Gleichzeitig ist unverkennbar ein Element zentral, dass mir einst auch in den Sternentagebüchern aufgefallen ist. Die brutale und schonungslose Beleuchtung einer Gesellschaft. Zwar beschwichtigt sich die Mannschaft immer wieder gegenseitig und versucht harmlose Erklärungen für ihre Beobachtungen zu finden, man könne nicht in wenigen Tagen eine über Jahrhundert und -tausende gewachsene Kultur verstehen, doch bereits mit der Schilderung der ersten autonomen Fabrik beschleicht den Leser (oder in meinem Fall Hörer) ein ungutes Gefühl. Dieses wird im Gespräch mit dem Astronom nach dem anfänglichen Abgleich des wissenschaftlichen Standes tatsächlich bestätigt und entpuppt sich als Horrorszenario der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Resigniert müssen sie einsehen, dass sie nichts gegen dieses System ausrichten können und konzentrieren sich stattdessen auf die Reperatur der Rakete.

Scheinbar langatmig fesselt die Nüchternheit des Erzählers jedoch sehr schnell und überlässt es den Äußerungen der Mannschaft die emotionale Seite der Handlung zu erzeugen. In der Hörbuchfassung des Langen Müller Verlags absolut hörenswert und bestimmt auch so lesenswert.

Begonnen: ?.?.20 Beendet: 19.2.21

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Tanja Schurkus – “Der Dichter des Teufels” (kurzgefasst)

Normalerweise sind Historische Romane nicht so wirklich mein Fall, aber dieser Zufallsfund auf der Frankfurter Buchmesse vor ein paar Jahren, hat mich dann doch gefesselt. Nicht nur die teils vertrauten Handlungsorte, sondern auch der zu Grunde liegende Krimi haben mich schnell gepackt und bis zum Ende nicht losgelassen.

Das Glück scheint für Lucinde und Ferdinand zum Greifen nah, doch da wird die Braut in der Hochzeitsnacht entführt und ihr Angetrauter des Mordes beschuldigt. Da der Hunsrück zu Beginn des 19. Jahrhunderts unter französischer Herrschaft steht, ist Picaud der zuständige Gendarm, der nichts auf lokale Schauergeschichten gibt, und der Spur eines rätselhaften Tintenfässchens bis nach Heidelberg folgt.

Vor der Kulisse der Romantik, inklusive Verklärung des Mittelalters und einer sich der Dichtkunst widmenden Geheimloge, der damaligen politischen Situation und einem größenwahnsinnigen Alchemisten macht das Buch einiges her, nicht zuletzt durch Picaud, der verschmitzt mit dem ein oder anderem Cliché spielt.

Begonnen: 8. Beendet: 16.5.19

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Page Morgan – “the Beautiful and the Cursed”

Are you fed up with vampires – try gargoyles! That was my first thought last year when I read the first volume of Jennifer L. Armentrout “Dark Elements” series. (Un)Fortunately this didn’t stop me from reading the first volume of Morgan’s Dispossessed series. The other volumes are not available in my library, so I’m not sure whether I will continue with it, but we’ll see. And as usually: first things first.

The book follows the Waverly sisters during their first week(s) in Paris in 1899. Their mother, Lady Charlotte Brickton, is French and finally persuaded her husband to let her open her own art gallery. The building her son, Grayson, found for that turns out to be an abandoned abbey – old, creepy gargoyles on the roof included. To everyone’s surprise Grayson is not there when they arrive and though Monsieur Constantine and the servants claim this to be a rather normal behavior for a young noble man especially Ingrid is worried. While investigating on her own about the whereabouts of her twin brother she and her sister Gabriella stumble upon a secret society, called the Alliance, that protects the citizens from demons. Those ghastly creatures live in the Underneath and are rather active at the time, so that Ingrid gets attacked by hellhounds when she leaves the abbey during nighttime.

But she is saved by the gargoyle Luc, who is bound to her new home and rather attractive in his old human form. Nevertheless she also seems able to protect herself since from time to time electricity would leave her fingertips. The Alliance and the other gargoyles a like soon speculate her to have demonic powers. A thesis proven true when Grayson suddenly returns and Ingrid finds herself dragged to the Underneath (how and why I leave for you to read yourself). Axia, an fallen angel, has “gifted” children with demonic powers and Ingrid and Grayson even with her own blood to prepare her revenge upon the Angelic Order. Before she can gain her powers back though the twins are saved by Luc, who feels way to much attracted to Ingrid, and two other gargoyles.

The aftermath: Grayson starts slowly to heal from the “improvements” Axia did to him, meaning becoming more human than demon again, Luc isn’t punished, but will have to share his duties with another gargoyle making his feelings for Ingrid even more impossible, Gabriella receives a sword and the promise that she will be trained by the Alliance and Ingrid learns from Monsieur Constantine that even “normal” humans can be aware of gargoyles and demons.

Though the target group of the book is pretty obvious I actually enjoyed this book. The descriptions of clothing, society and other details seem accurate, though I had hoped for more influence of the Fin de Siècle. It is well written, thrilling and a good start for a series. I wonder if it is just me after reading the graphic novels now for over a year, or the name of Monsieur Constantine is really a reference to that family in “Sandman”. Nevertheless there are also some drawbacks. Despite being rather important for the great revelation to the end of the book Marie, a girl of the Alliance, stays a neglected supporting character – like actually every female except for the Waverly sisters. Those are both granted with not one, but two handsome love interests (though Luc’s true form is a gargoyle and Tomas isn’t one of the good). I know with only 300 pages and a time frame of 3 months of writing (according to the acknowledgements) I can’t expect more, but those pseudo love triangles and “forbidden” love theme somehow ruined an otherwise interesting and well executed idea for me.

Started: 19.12.20 Finished: 2.1.21

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Terry Pratchett – “der Zauberhut” – Scheibenwelt die Fünfte

So wie angeblich Kleider Leute machen, so machen Hüte Zauberer. Das ist zumindest einer der Schlüsse, die Band 3 der Scheibenwelt-Romane zuließ. Band 5 knüpft an diese Annahme an und stürzt Rincewind in sein erstes Abenteuer nach seiner Bekanntschaft mit Zweiblum.

In der kurzen Vorgeschichte erfährt der Leser von Allesweiß dem Roten, der einst die Unsichtbare Universität verlassen musste und mit seiner Frau zusammen acht Söhne bekommt. An dem Tag, an dem Münze geboren wird, sterben jedoch er uns eine Frau und mit Tod spricht er noch eine Weile darüber, was aus dem Knaben werden soll, bevor ihn der Blitz trifft und seltsamerweise in seinen aus Oktarin bestehenden Zauberstab überträgt.

Die Rechtsanwälte des Verhängnisses verlangen eine Hintertür in jeder Prophezeihung.

Die eigentliche Handlung setzt ungefähr zehn Jahre später mit der Ernennung eines neuen Erzkanzlers an. Während die Vorbereitungen im vollen Gange sind, bemerken der Bibliothekar und ein ehrenamtlicher Stellvertreter, Rincewind, einige seltsame Vorzeichen (wie die Flucht sämtlichen “Ungeziefers” aus der Universität) und beschließen in der “geflickten Trommel” Zuflucht zu suchen. Dort werden sie von der Diebin Conina angesprochen, die auf dessen ausdrücklichen Wunsch hin den Hut des Erzkanzlers gestohlen hat. Während einer wilden Verfolgungsjagd durch Ankh-Morpork, die schließlich mitsamt dem Gepäck auf einem Schiff Richtung Klatsch endet, stellt sich heraus, dass sie Conans Tochter ist (wir erinnern uns vage an Band 2) und ihre Gene leider stärker sind als ihr Wunsch den Leuten einfach nur die Haare zu schneiden. (Hier wurde wohl fleißig geklaut, als man das Drehbuch für “Leg dich nicht mit Zohan an” schrieb) Einen Teil ihrer Utensilien büßt sie allerdings beim Piratenüberfall ein, wobei sie nicht verhindern kann, dass der Hut geraubt wird, denn Rincewind ist nach wie vor nicht gut im Umgang mit Magie.

Währenddessen sprengt der junge Münze die Ernennung des Erzkanzlers im wahrsten Sinne des Wortes und macht deutlich, dass er von nun an das Sagen hätte. Er trifft dabei auf wenig Gegenwehr, sobald den Zauberern klar wird, dass sie durch seine Anwesenheit ebenfalls auf die kreative Magie zugreifen können, die komplizierte Riten und aufwändige Sprüche überflüssig macht. Sie sind sogar zur Expansion ihrer Macht in Ankh-Morpork (der Patrizier wird in eine Eidechse verwandelt) und allmählich der gesamten Scheibenwelt bereit. Nur Quästor Spelzdinkel, dem Münzes Zauberstab nicht ganz geheuer ist, und der Bibliothekar, der sich in der Bibliothek verbarrikadiert hat – jemand muss ja schließlich die Bücher beruhigen – ziehen nicht so richtig mit.

Rincewind landet bei der Suche nach dem Hut in der Schlangengrube des ansässigen Herrschers, der lieber dichtet, als zu regieren, und lernt dort neben einer äußerst kultivierten Schlange auch den barbarischen Helden Nijel kennen, der jedoch erst seit drei Tagen im Geschäft ist und seiner Mutter zu liebe wollene Unterhosen trägt. Ihnen gelingt die Flucht, allerdings erst nachdem der Hut in Wesir Abrim einen würdigen Träger gefunden hat und diesen übernimmt. So beginnt mit Münzes Eintreffen in Al Khali ein magischer Krieg.

Mit Hilfe eines magischen Teppichs gelingt die Flucht mit Conina und dem nun obdachlosen Serif, doch Rincewind quälen die Gewissensbisse, sodass er zurück nach Ankh-Morpork fliegt, um … nunja, einfach mal wieder zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Denn Münze angetrieben vom Rachedurst seinen Vaters/des Zauberstabs hat inzwischen die Götter der Scheibenwelt in einer Perle gefangen und damit die Eisriesen befreit. Die Apokalypse der Scheibenwelt kann also beginnen. Hunger, Krieg und Pestilenz verspäten sich nur, weil Conina, Nijel und Krösus auf ihrer Suche nach Rincewind ihnen die Pferde stehlen. Tod indes trifft pünktlich zum großen Show-Down auf dem neuerrichteten Magierturm ein, auf dem Münze sich gegen den Stab auflehnt, da er Rincewind nicht töten möchte. Gemeinsam gelingt es ihnen erstaunlicherweise den Stab zu zerstören, doch landen sie in den Kerkerdimensionen und Rincewind opfert sich, um dem Jungen die Flucht zu ermöglichen.

Wieder auf der Scheibenwelt lässt dieser die Götter wieder frei, die Eisriesen verschwinden. Conina und Nijel, die weiter nach Rincewind suchen und Gefallen an einander gefunden haben, verändert der das Gedächtnis und verabschiedet sich noch beim Bibliothekar, bevor er sich seine eigene Traumwelt/Realität erschafft und darin verschwindet.

Leider wirkt das Buch nur im Zusammenhang mit Band 3, wenn z.B. Münze in Rincewinds Erinnerungen einen Vortrag darüber findet, dass man in den Kerkerdimensionen unter keinen Umständen Magie anwenden sollte, und gerade im Vergleich zu diesem Buch verliert es eindeutig. Münze reicht einfach nicht an Esk heran. Dennoch hat das Lesen Spaß gemacht und der ein oder andere Seitenhieb hat das ständige Schmunzeln in ein breites Grinsen verwandelt, etwa der Dschinn, der einen Schichtplan für die jeweilige Betreuung einer Lampe hat, oder das unglücklich in Conina verliebte Gepäck. Vor allem der Bibliothekar, der nach dem Niederbrennen der Bibliothek die geflüchteten Bücher im Kunstturm notoperiert, entwickelt sich allmählich zu einem meiner Lieblingscharaktere.

Alles in allem also ein ganz gut zu lesendes Buch – man kommt aber auch erstaunlich gut ohne es aus.

Begonnen: 26.11.20 Beendet: 10.12.20

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Sapkowski – die Dame vom See

Nach etlichen Seiten und einigem “Figur A muss eben dort und dorthin, deswegen…” wird das Geheimnis um Ciri endlich gelüftet und eine Handlungsebene eingezogen, die mich sowohl zeitlich als auch räumlich etwas aus dem Konzept gebracht hat. Denn “die Dame vom See” ist hier keine zufällige Parallele zur Artussage, sondern eine gezielt verwendete Referenz!

So beginnt der fünfte Band der Hexer-Reihe aus Sicht eines gewissen Galahad, der die in einem See badenden Ciri für ebenjene Dame hält und ihr das Schwert wegnehmen will. Sie klärt jedoch das Missverständnis auf und erzählt daraufhin, wie sie an den See kam. Gleichzeitig wird Nimue, ihr Geliebter, der Fischerkönig, und eine “Praktikantin”, eine so genannte Träumerin, eingeführt, mit deren Hilfe sie die Wahrheit über die Geschehnisse um Ciri zu ergründen versucht.

Den Anfang in diesen besonderen Recherchen bildet Yennefer, die nachdem sie das Rätsel um das Schiffsunglück, bei dem Ciris Eltern umkamen gelöst hat, von Vilgefortz gefangen gehalten wird. Während sie leidet, verbringt Geralt einen entspannten Winter in Touissant, tötet die dort ansässigen kleineren Monster und vergnügt sich mit der angeblichen Verwandten der Fürstin, einer weiteren Zauberin. Als er auf einem dieser Streifzüge Skellen belauscht, der Vilgefortz Aufenthaltsort verrät, erinnert er sich plötzlich wieder an sein eigentliches Vorhaben und verlässt mit den anderen die Idylle. Nur Rittersporn bleibt.

Ciri befindet sich währenddessen tatsächlich in einer anderen Welt. Einer Welt, in der die Aed Elle herrschen und Menschen als Diener haben. Um ihre besondere Gabe für die Elfen zu sichern, soll sie ein Kind von Auberon/dem Erlkönig empfangen, der sie aber wenig erregend findet und sogar an dem ihm verabreichten Potenzmittelchen stirbt. Glücklicherweise hatte sie diese Nacht eh für ihre Flucht geplant und kann mithilfe von “Pferdchen” (dem Einhorn aus Band 2) fliehen. Dieses erklärt ihr kurz, dass sie tatsächlich zwischen den Welten reisen kann und nicht wieder gefangen genommen werden darf – denn in der Welt, in der sie sich aktuell befinden, lebten einst ausschließlich Menschen, die von den Aed Elle fast alle ermordert wurden. So flieht sie von Welt zu Welt und springt zwischen den Zeiten, bis ihr Nimue und ihre Schülerin schließlich ein Portal zum “richtigen” Zeitpunkt außerhalb von Vilgefortz Festung öffnen.

Gleichzeitig erreicht der weltliche Konflikt zwischen den nördlichen Königreichen und Nilfgaard seinen Höhepunkt in der Schlacht bei Brenna. Teile davon werden in späteren Aufzeichnungen Jarres, Ciris Freund aus dem Tempel, geschildert, andere aus der Sicht des Lazaretts. In diesem arbeiten die Adeption Iola, die Medizinstudentin Shani und der Halbling Rusty zusammen, um die Verwundeten beider Seiten zu retten.

In Vilgefortz Festung wurde indes Ciri gefangen genommen und soll künstlich befruchtet werden, da es in der (leider nie vollständig) zitierten Prophezeihung um ihren Mutterkuchen und nicht um ihren tatsächlichen Nachwuchs dreht (ja, das ist irgendwie…). Doch Regis befreit sie rechtzeitig und stürzt sich mit den anderen in den Kampf. So sterben Milva, Cahir, Angouleme und auch der Vampir. Yennefer kann Vilgefortz besiegen und Ciri besiegt Bonhart. Beim Verlassen der Burg bekommen sie es außerdem mit eine Gruppe Nilfgaarder Soldaten zu tun, die direkt Kaiser Emhyr untersteht. Nur Geralt erkennt in ihm Duny und stellt ihn getrennt von den anderen zur Rede. So erfährt er wie lange Duny diesen Plan bereits verfolgt und auch, dass er Ciris Mutter nie wirklich geliebt hat, diese ihn durschaut hatte und so Ciri vor ihm beschützt hatte, aber selbst bei dem vorgetäuschten Schiffsunglück starb. Emhyr lässt ihm und Yennefer die Möglichkeit sich selbst zu richten und nimmt Ciri mit, damit sie rechtmäßig den Platz als seine Frau einnähme (wenn ihr bei den Verwandschaftsverhältnissen noch durchblickt: ja, er ist ihr Vater).

Doch Überraschung: Ciri sammelt die überraschten Yennefer und Geralt nach einer Weile ein, bevor sie Selbstmord begehen konnten und reist zusammen mit ihnen ab. So. Und nach der Auflösung muss auf den letzten hundert Seiten natürlich noch aufgeräumt werden, auch wenn bereits im Laufe der Geschichte angedeutet wurde, dass nicht alles sich in Friede-Freude-Eierkuchen auflösen wird. So hat Ciri aus Versehen eine entsetzlich Seuche eingeschleppt und etwas scheint noch mit den Zauberinnen zu passieren. Aber erst einmal nimmt Ciri ihren Platz in deren Mitte ein und erfährt, dass sie die Geliebte eines Prinzen werden soll. Geralt holt Rittersporn ab/rettet ihn vor der Hinrichtung, da seine geliebte Fürstin nicht wirklich von seiner Untreue angetan ist und sie treffen sich alle in Riva, im Stadtteil Ulm, wo sie mit dem Zwerg Zoltan Schnecken essen und auf die “Damen” warten. Doch es kommt anders. Ein wütender Mopp erstürmt den Stadtteil mit dem Ziel die “Nicht-Menschen” zu töten und Geralt wird im Kampf mit einer Mistgabel wie von Ciri einst vorausgesagt schwer verletzt. Unter Pferdchens Führung bringen Ciri und Yennefer ihn in ein nicht näher benanntes Zwischenreich, in dem sie auch die anderen toten Freunde wiedersehen. Damit endet Ciris Schilderung und sie beschließt, sich zumindest für eine Weile Galahad anzuschließen.

Natürlich habe ich die ein oder andere Wendung und Details wie die Aushandlung des Friedens von Cintra (bei dem eine Menge Latein gesprochen wird) weggelassen, aber anders wäre es leider nicht möglich gewesen. Sapkowski hat nämlich auch im abschließenden Band durchblitzen lassen, wie viel größer die von ihm erschaffene Welt eigentlich ist und wie viele Geschichten sich noch in ihr verbergen. Umso unnötiger empfand ich die Einbindung der Artussage. Seitdem mein Freund mit mir vor einigen Jahren “Stargate SG1” angesehen hat, hat das außerdem leider den Beigeschmack von “es fällt den Schreibern nicht mehr ein, darum greifen sie jetzt auf Artus zurück” (ja, Tad Wiliams bedient sich auch bei der Legende vom Fischerkönig – aber dort ist es von Anfang an ein fester Bestandteil und kommt nicht erst auf den letzten Drücker).  Auch machte es meine persönliche zeitliche Einordnung zu nichte. Zunächst hatte ich – in Anlehnung an McCaffrey – geglaubt, die Bücher spielten nach unser Zeit, dann war ich zumindest beim späten Mittelalter, da neben Latein auch viele französische Anspielung versteckt sind und die Beschreibung von Kleidung und technischem Stand passen würde, so stimmt aber gar nichts mehr.

 Die Auflösung der Konflikte war glaubhaft gestaltet und lässt genug Spielraum für kommende Bücher. Auch Emhyr Einsehen, dass er trotz des vermeintlichen Nutzens für sich, seine Familie und langfristig der gesamten Welt (die Abwendung einer Art Eiszeit in mehreren tausend Jahren) nicht seine Tochter ehelichen sollte, hat mir gefallen. Bitter stießen mir hingegen zwei Dinge auf. Erstens empfand ich den Tod von Geralts Weggefährten als unnötig. Cahir und Angouleme opfern sich für Ciri, die aber wenige Augenblicke später entscheidet, dass sie doch gegen Bonhart kämpfen wird, um nur ein Beispiel zu nennen. Zweitens wird der Vorfall in Riva später als “Progrom” bezeichnet, was in dem historisch interessierten Teil meines Kopfes die richtigen/falschen Assoziationsketten ausgelöst hat und rückblickend im Bezug auf die Darstellung der Zwerge einiges hinterfragen lässt. Genauer werde ich das wohl mal in einem eigenen Beitrag schildern und untersuchen.

Dennoch hat mir die Reihe im Großen und Ganzen gut gefallen. Sie ist gut geschrieben, hat Tiefe und Spannung, enthält die ein oder andere überraschende Wendung, eine Fülle an Orten und Figuren. Es wird sogar ohne Probleme der Bechtel-Test bestanden und Ciris Erwachsenwerden wird mit einem erstaunlichen Feingefühl geschildert (zieht man mal die ganzen Kämpfe ab). 

Lesenswert – aber manche Ansichten sollten nicht einfach so hingenommen werden. 

Begonnen: 1.6.20    Beendet: 12.6.20

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Karine Tuil – “die Gierigen”

Vor ein paar Monaten las ich ziemlich überrascht den Post eines ehemaligen Mitschülers, dass er langsam begänne, unser 10-Jähriges Abi-Treffen zu planen. Aber war es dafür denn nicht noch viel zu früh? Wir haben doch erst vor… oh, verstehe. Aber will ich dort überhaupt hin? Mich dem direkten Vergleich mit denjenigen stellen, die die “gleichen” Voraussetzungen für das Leben nach der Schule hatten wie ich? Mir vor Augen halten lassen, in welchen Bereichen ich vermeintlich versagt habe? Karine Tuil treibt diese Überlegungen mit einem Abstand von 20 Jahren in ihrem Buch über die Freunde Samuel und Samir auf die Spitze und mutet dem Leser dabei so viel menschliche Nähe zu, dass es nicht selten weh tut.

Was spielt sich im Kopf eines Schriftstellers ab, der meint, ein Thema gefunden, eingegrenzt zu haben? Zuerst freudige Erregung über seines Geistesblitz und gleich darauf der Fragenkatalog: Wie soll ich das Thema behandeln? In welcher Form? Mit welchem Ziel? Welchen Mitteln? Welches Ergebnis will ich erreichen?

Die Neugier mit der Samuel Baron, auf der Arbeit als Sozialberater Jacques genannt, um sich die Fragen nach seiner jüdischen Herkunft zu ersparen, über seinen ehemaligen Freund Samir Tahar recherchiert grenzt an mehr als nur Masochismus. Als sie sich vor zwanzig Jahren trennten, stand er als der Gewinner da. Nina hatte sich für ihn entschieden, hatte ihn später sogar geheiratet. Sie schmissen beide das Jurastudium für etwas, das mehr ihren Neigungen entsprach. Doch Samir, der ebenfalls in Nina verliebt war, eine Affäre mit ihr hatte, während sein bester Freund seine Eltern beerdigte, tat das nicht. Er machte weiter, absolvierte sein Studium mehr als erfolgreich, wurde Partner in einer New Yorker Kanzlei, heiratete die Tochter eines reichen Unternehmers, … und baute all dies auf einer Lüge auf, wie Samuel und Nina klar wird, sobald sie im Anschluss an das Fernsehinterview nach weiteren Informationen suchen. Der muslimische Sohn tunesischer Eltern, der sowohl in Paris als auch in London aufwuchs, den Vater früh verlor und außerdem einen fünfzehn Jahre jüngeren Halbbruder hat, tauschte seine Biografie gegen die seines ehemaligen Freundes. Er war nun der Sohn jüdischer Intellektueller, orthodox erzogen, sie starben, als er zwanzig war. Die vorangegangene Adoption, die einst zum Bruch zwischen Samuel und seinen Eltern führte, ließ er dabei jedoch aus.

Samir, für sein Umfeld deutlich neutraler “Sam”, genießt sein Leben in vollen Zügen, den Status den er durch seinen Beruf und nicht zuletzt die Familie seiner Frau erreicht hat, seine Beliebtheit bei den Frauen, seine Macht. All das kippt jedoch an seinem vierzigsten Geburtstag, als sich seine Mutter (Nawel) bei ihm meldet, es sei dringend, es ginge um seinen Bruder. Alarmiert reist er nach Paris und trifft sich auch mit Nina und Samuel wieder. Samuel hatte sie dazu gedrängt, will er doch wissen, ob sie ihre Entscheidung von damals (er hatte sie erpresst, sich im Hörsaal die Pulsadern aufgeschnitten) bereut, ob sie immer noch Gefühle für seinen Rivalen hat. Samir durchschaut ihre Inszenierung als ebenfalls erfolgreiches Paar schnell und stellt fest, dass er immer noch Gefühle für Nina hat. Nach einem ziemlich üblen Streit mit Samuel kann er sie sogar davon überzeugen, mit ihm nach New York zu kommen, seine Geliebte zu werden. Weniger erfolgreich verläuft sein Familientreffen. Seine Mutter, die darauf besteht weiterhin im heruntergekommenen Banlieue zu leben, zeigt ihm, dass sein Bruder heimlich Waffen versteckt, bittet ihn, sich einzumischen, doch Francois stellt sich sturr, will keine Hilfe und was hätte sein großer Bruder denn je für ihn getan?

Damit ist die Bühne für das beste Jahr in Samirs Leben bereitet. Er blüht durch die Anwesenheit von Nina, die er mit Geschenken überhäuft und sich zu seiner ständigen Verfügung halten muss, auf. Einzig die mehrwöchige Anwesenheit seines Bruders schmälert kurz die Freude. Allerdings wird er diesen mit dem Rat seines Mentors aus Frankreich, Pierre Levy, schnell wieder los: er tut so, als wolle er mehr an dessen Leben teilhaben, überzeugt ihn, sich endlich wieder eine Ausbildung zu suchen und unterstützt ihn mit monatlichen Geldzahlungen. Ruth, seine Frau, merkt von all dem nichts. Währenddessen geht es Samuel immer schlechter. Er leidet unter der Trennung von Nina, hört auf zu arbeiten, trinkt, greift schließlich zu harten Drogen – und arbeitet endlich an dem schon so lange geplanten Roman über seine Lebensgeschichte, den er Nina widmet. Sie selbst spricht er in dieser Zeit nur zwei Mal. Einmal, als er Geld braucht, seine Drogenschulden zu begleichen und seinen Laptop mit dem Manuskript wieder zu bekommen, ein zweites Mal, als er schlicht wissen will, wie es ihr geht und dabei tiefen Zweifel an der Art ihrer Beziehung zu Samir säht. Sie ist vollkommen von ihm abhängig, in diesem fremden Land ohne eigene Arbeit und kaum sozialen Kontakten, und fremdbestimmt, muss sich ihm und seinen “Bedürfnissen” unterordnen. Schließlich verlangt sie von ihm das eine, was ihr Samuel wegen der schwierigen finanziellen Lage immer verweigert hat: ein Kind. Samir gibt nach mehreren Wochen nach, kann ihr seinen Entschluss aber nicht mehr mitteilen.

Der vierte Abschnitt beginnt mit den kurzen, begeistertsten Kritiken zu “Die Tröstung”, Samuels Roman. Er hat es endlich geschafft und wird als Autor gefeiert. Doch bald leidet er unter seinem Ruhm und vor allem die negativen Kritiken machen ihm so sehr zu schaffen, dass er wieder trinkt. Er reißt sich aber zusammen und liest überrascht kurz vor einem Interview in ebendem Hotel, in dem sie sich wiedersahen, dass Samir wegen Terror-Unterstützung festgenommen sei. Trotz all dem, was er ihm selbst vorwirft, zweifelt er jedoch keine Sekunde an dessen Unschuld, womit er sehr allein darsteht.

Samir wird gewaltsam mitten in der Nacht aus seiner Wohnung entführt und ins Gefängnis gesperrt (er denkt dabei an den Beginn von Kafkas “der Proceß”). Nach und nach erfährt er, dass Francois/Djamal zum Islam konvertiert ist, radikalisiert wurde, das Geld seines Bruders unter anderem für Reisen in den Jemen und die Veröffentlichung antisemitischer Flugblätter verwendet hat, und schließlich in einem Ausbildungslager in Afghanistan vom amerikanischen Militär gefangen genommen wurde. Die finanzielle Unterstützung ist jedoch nicht das, was die Situation aussichtslos werden lässt. Sobald bekannt wird, dass er seine Biografie frei erfunden hat, steht er selbst unter Verdacht ein Schläfer zu sein. Seine Frau, zusätzlich von ihrem Vater unter Druck gesetzt, wendet sich von ihm ab und reicht die Scheidung ein, seine Freunde stellen sich gegen ihn, finden Belege für sein unrechtes Verhalten. Nur Pierre Levy und Dan Stein, eigentlich der Anwalt von Ruths Familie, später von Levy bezahlt, stehen noch hinter ihm. Denn Pierre glaubt Samir. Er hatte die Wahrheit bereits knapp ein Jahr zuvor erfahren und erkannt, dass der systematische Rassismus in Frankreich und nicht zuletzt seine eigenen Annahmen und im Bewerbungsgespräch geäußerten Nachfragen (“Sam für Samuel?”, er habe Familienmitglieder mit dem Namen Tahar, sephardische Juden) ihn zu dieser Lüge getrieben hatte. Überraschend stellt sich Samuel als wichtiger Fürsprecher heraus, der die öffentliche Meinung stark genug beeinflusst, dass schließlich das Verfahren eingestellt wird. Eigentlich wollte er Samirs Geschichte für sein zweites Buch ausschlachten, entscheidet sich jedoch aus Respekt dagegen und sucht stattdessen nach Nina, die mittellos in Paris ist. Sie konnte ihn bei ihrer überstürzten Rückkehr nicht finden und lebt nun in einem Frauenhaus. Als Samuel in einem dem alten Samir nicht unähnlichen Aufzug sie von dort “retten” will, weigert sie sich mit ihm zu kommen, sie sei glücklich und endlich frei davon, Männern gefallen zu wollen. Von dieser Akzeptanz der Einfachheit bewegt, lehnt Samuel anschließend einen wichtigen Literaturpreis ab. Und Samir stellt nach seiner Entlassung fest, dass er nun endlich frei von Ehrgeiz und Erfolgssucht sei; nur seine Mutter aus seinem Leben zu streichen und seine Kinder anzulügen seien seine einzigen wirklichen Fehler im Leben.

Das ist jetzt wirklich keine leichte Kost gewesen. Sowohl inhaltlich als auch stilistisch. Fast alles ist im Präsenz geschrieben, es gibt kaum wörtliche Rede und vor allem auf den ersten siebzig Seiten sucht man so etwas wie Handlung vergeblich. Dennoch hat mich dieses Buch schließlich so sehr gepackt, dass ich die zweite Hälfte an zwei Abenden einfach runter gelesen habe. Die Figuren sind so komplex und facettenreich geschildert, dass sie tatsächlich real sein könnten, selbst noch so kleine Nebencharaktere erhalten durch Fußnoten mit Alter, Name und ihren Wünschen oder vergangenen Erlebnissen Tiefe. Wer dabei seltsam eindimensional bleibt ist Nina. Vor allem in der Fülle, mit der ihre angeblich gleich gestellten Freunde zu Beginn eingeführt werden, bleibt sie blass. Man erfährt, dass ihre Mutter sie und ihren Vater für einen anderen Mann sitzen gelassen hat, dass sie als Model für einen Kaufhauskatalog arbeitet, sich ihrer Wirkung auf Männer durchaus bewusst ist, diese aber meistens als störend empfindet. Und da haben wir es. Sie wird meist aus männlicher Perspektive geschildert, als würde sie nur durch sie existieren, und verkommt dabei tatsächlich zum Objekt, die Trophäe im Wettstreit. Umso mehr hat mich ihr Ende berührt, in dem sie sich endlich davon losmacht, äußerlich gefallen zu wollen. Ebenfalls fertig mit den Männern ist Nawel, die nach dem Zusammenbruch ausgelöst durch die Nachricht, dass beide Söhne im Gefängnis sind, erkennt, wie anders ihr Leben hätte verlaufen können, wenn sie sich nicht ständig erst ihrem Vater, dann ihrem Mann, ihrem Geliebten und schließlich ihren Söhnen untergeordnet hätte. Die “Verliererin” in dieser Betrachtung ist erstaunlicherweise Ruth, die zu Beginn als starke, selbstbewusste Frau eingeführt wird, die den Frauenheld Samir für sich gewann, obwohl sie nicht in sein übliches Beuteschema fiel, sich mit der Heirat gegen ihren Vater durchsetzte, denn ausgerechnet sie beugt sich der gesellschaftlichen Erwartung.

Zu einem weiteren Leitmotiv des Buches fällt es mir ziemlich schwer etwas zu sagen. Tuil spielt in ihren Wechseln zwischen Samuel und Samir oft mit Gegensätzen (wie gut es Samir geht, während es Samuel gleichzeitig so schlecht geht, später verkehrt sich das Ganze) und zwei von allen Figuren immer wieder aufgenommene Kontrahenten sind Islam und Judentum. Ich habe das Glück, dass beide Glaubensgruppen in meiner Heimatstadt ausreichend vertreten sind, dass ich als Jugendliche, als es bei mir selbst darum ging wie ich mit meinem christlichen Glauben umgehen möchte, nicht über sondern mit ihnen diskutieren konnte. Dennoch möchte ich mir über ihre Darstellung im Buch kein Urteil erlauben. Auffällig ist, wie sehr die Religion mit der Herkunft gleichgesetzt wird, beide “Seiten” können von Benachteiligung deswegen berichten, diskriminieren aber auch die andere Seite aus diesem Grund. Dabei will ich es hier auch schon bewenden lassen. Es gibt genug Leute, die das vermutlich besser erklären können als ich.

Zum Abschluss noch kurz zum Titel und dem Ende als dessen Auflösung. Zu Beginn dachte ich, die angesprochene Gier beziehe sich nur auf Samuel und teilweise Nina, die ihr Wissen gegenüber Samir ausnutzen wollen, um ihn zu erpressen, ihr eigenes Leben zu verbessern. Zum Ende hin wird jedoch deutlich, dass viele der vorgestellten Charaktere von ihr angetrieben werden. Samir will seine ärmliche Vergangenheit hinter sich lassen, sein Bruder Francois möchte endlich Anerkennung, Rahm Berg, Ruths Vater, die perfekte Familie, … Bei den ansonsten eher vagen Zeitangaben ist mir außerdem ins Auge gefallen, dass Samir bis zur Verfahrenseinstellung 66 Tage in Haft saß – dem Zeitraum, den es angeblich braucht, bis sich Gewohnheiten ausbilden. Das was ich daher für mich aus diesem für mich komplett aus dem Rahmen fallenden Buch mitnehme, ist, dass man durchaus nach Erfüllung in seinem Leben streben soll, aber immer das Maß kennen sollte, um es auch tatsächlich genießen zu können.

Begonnen: 17.10.20 Beendet: 29.10.20

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