Stanislaw Lem – “Eden” (kurzgefasst)

Manchmal ist alles, was bleibt der schöne Schein. Diese Erkenntnis begleitet die sechsköpfige Mannschaft einer Rakete, als sie von einem Planeten fliehen, den sie auf Grund einer Bruchlandung genauer inspizieren konnten.

Im Laufe der Zeit beginnen der Koordinator, der Kybernetiker, der Chemiker, der Physiker, der Ingenieur und der Doktor (nur einer von ihnen wird regelmäßig im Gespräch beim Vornamen genannt, allgemein bleibt ihr Fachgebiet die einzige Benennung, auch wenn ihre Charaktere sich immer klarer herauskristallisieren) ihre Umgebung zu erkunden, entdecken vieles, das sie nicht einsortieren können, und stehen nicht selten vor der Tatsache, dass sie mit der Behebung des einen Schadens den nächsten begünstigen. Die Umgebung ist trotz ihrer Schönheit unwirtlich und der Kontakt mit den “Doppelts” schwankt zwischen purer Panik und Feindseligkeit. Erst ein neugieriger und mutiger Astronom und ein für die Übersetzung angepasster Kalkulator bringen tatsächliche Antworten, die jedoch die schlimmsten Spekulationen übertreffen.

Ja, es ist alte Science-Fiction und trägt diesen Namen vollkommen zu Recht. Die verschiedenen Wissenschaftler versuchen mit ihren jeweiligen Disziplinen die aktuelle Situation zu erklären, kennen sich in den anderen aber zumindest so weit aus, dass sie wichtige Impulse liefern können. Die beschriebenen technischen Bestandteile der sog. “Automaten” und des “Kalkulators” lassen mich schmunzeln, während ihre Fähigkeiten noch nicht ganz von unserer heutigen Technik eingeholt wurden. Gleichzeitig ist unverkennbar ein Element zentral, dass mir einst auch in den Sternentagebüchern aufgefallen ist. Die brutale und schonungslose Beleuchtung einer Gesellschaft. Zwar beschwichtigt sich die Mannschaft immer wieder gegenseitig und versucht harmlose Erklärungen für ihre Beobachtungen zu finden, man könne nicht in wenigen Tagen eine über Jahrhundert und -tausende gewachsene Kultur verstehen, doch bereits mit der Schilderung der ersten autonomen Fabrik beschleicht den Leser (oder in meinem Fall Hörer) ein ungutes Gefühl. Dieses wird im Gespräch mit dem Astronom nach dem anfänglichen Abgleich des wissenschaftlichen Standes tatsächlich bestätigt und entpuppt sich als Horrorszenario der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Resigniert müssen sie einsehen, dass sie nichts gegen dieses System ausrichten können und konzentrieren sich stattdessen auf die Reperatur der Rakete.

Scheinbar langatmig fesselt die Nüchternheit des Erzählers jedoch sehr schnell und überlässt es den Äußerungen der Mannschaft die emotionale Seite der Handlung zu erzeugen. In der Hörbuchfassung des Langen Müller Verlags absolut hörenswert und bestimmt auch so lesenswert.

Begonnen: ?.?.20 Beendet: 19.2.21

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Tanja Schurkus – “Der Dichter des Teufels” (kurzgefasst)

Normalerweise sind Historische Romane nicht so wirklich mein Fall, aber dieser Zufallsfund auf der Frankfurter Buchmesse vor ein paar Jahren, hat mich dann doch gefesselt. Nicht nur die teils vertrauten Handlungsorte, sondern auch der zu Grunde liegende Krimi haben mich schnell gepackt und bis zum Ende nicht losgelassen.

Das Glück scheint für Lucinde und Ferdinand zum Greifen nah, doch da wird die Braut in der Hochzeitsnacht entführt und ihr Angetrauter des Mordes beschuldigt. Da der Hunsrück zu Beginn des 19. Jahrhunderts unter französischer Herrschaft steht, ist Picaud der zuständige Gendarm, der nichts auf lokale Schauergeschichten gibt, und der Spur eines rätselhaften Tintenfässchens bis nach Heidelberg folgt.

Vor der Kulisse der Romantik, inklusive Verklärung des Mittelalters und einer sich der Dichtkunst widmenden Geheimloge, der damaligen politischen Situation und einem größenwahnsinnigen Alchemisten macht das Buch einiges her, nicht zuletzt durch Picaud, der verschmitzt mit dem ein oder anderem Cliché spielt.

Begonnen: 8. Beendet: 16.5.19

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Page Morgan – “the Beautiful and the Cursed”

Are you fed up with vampires – try gargoyles! That was my first thought last year when I read the first volume of Jennifer L. Armentrout “Dark Elements” series. (Un)Fortunately this didn’t stop me from reading the first volume of Morgan’s Dispossessed series. The other volumes are not available in my library, so I’m not sure whether I will continue with it, but we’ll see. And as usually: first things first.

The book follows the Waverly sisters during their first week(s) in Paris in 1899. Their mother, Lady Charlotte Brickton, is French and finally persuaded her husband to let her open her own art gallery. The building her son, Grayson, found for that turns out to be an abandoned abbey – old, creepy gargoyles on the roof included. To everyone’s surprise Grayson is not there when they arrive and though Monsieur Constantine and the servants claim this to be a rather normal behavior for a young noble man especially Ingrid is worried. While investigating on her own about the whereabouts of her twin brother she and her sister Gabriella stumble upon a secret society, called the Alliance, that protects the citizens from demons. Those ghastly creatures live in the Underneath and are rather active at the time, so that Ingrid gets attacked by hellhounds when she leaves the abbey during nighttime.

But she is saved by the gargoyle Luc, who is bound to her new home and rather attractive in his old human form. Nevertheless she also seems able to protect herself since from time to time electricity would leave her fingertips. The Alliance and the other gargoyles a like soon speculate her to have demonic powers. A thesis proven true when Grayson suddenly returns and Ingrid finds herself dragged to the Underneath (how and why I leave for you to read yourself). Axia, an fallen angel, has “gifted” children with demonic powers and Ingrid and Grayson even with her own blood to prepare her revenge upon the Angelic Order. Before she can gain her powers back though the twins are saved by Luc, who feels way to much attracted to Ingrid, and two other gargoyles.

The aftermath: Grayson starts slowly to heal from the “improvements” Axia did to him, meaning becoming more human than demon again, Luc isn’t punished, but will have to share his duties with another gargoyle making his feelings for Ingrid even more impossible, Gabriella receives a sword and the promise that she will be trained by the Alliance and Ingrid learns from Monsieur Constantine that even “normal” humans can be aware of gargoyles and demons.

Though the target group of the book is pretty obvious I actually enjoyed this book. The descriptions of clothing, society and other details seem accurate, though I had hoped for more influence of the Fin de Siècle. It is well written, thrilling and a good start for a series. I wonder if it is just me after reading the graphic novels now for over a year, or the name of Monsieur Constantine is really a reference to that family in “Sandman”. Nevertheless there are also some drawbacks. Despite being rather important for the great revelation to the end of the book Marie, a girl of the Alliance, stays a neglected supporting character – like actually every female except for the Waverly sisters. Those are both granted with not one, but two handsome love interests (though Luc’s true form is a gargoyle and Tomas isn’t one of the good). I know with only 300 pages and a time frame of 3 months of writing (according to the acknowledgements) I can’t expect more, but those pseudo love triangles and “forbidden” love theme somehow ruined an otherwise interesting and well executed idea for me.

Started: 19.12.20 Finished: 2.1.21

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Terry Pratchett – “der Zauberhut” – Scheibenwelt die Fünfte

So wie angeblich Kleider Leute machen, so machen Hüte Zauberer. Das ist zumindest einer der Schlüsse, die Band 3 der Scheibenwelt-Romane zuließ. Band 5 knüpft an diese Annahme an und stürzt Rincewind in sein erstes Abenteuer nach seiner Bekanntschaft mit Zweiblum.

In der kurzen Vorgeschichte erfährt der Leser von Allesweiß dem Roten, der einst die Unsichtbare Universität verlassen musste und mit seiner Frau zusammen acht Söhne bekommt. An dem Tag, an dem Münze geboren wird, sterben jedoch er uns eine Frau und mit Tod spricht er noch eine Weile darüber, was aus dem Knaben werden soll, bevor ihn der Blitz trifft und seltsamerweise in seinen aus Oktarin bestehenden Zauberstab überträgt.

Die Rechtsanwälte des Verhängnisses verlangen eine Hintertür in jeder Prophezeihung.

Die eigentliche Handlung setzt ungefähr zehn Jahre später mit der Ernennung eines neuen Erzkanzlers an. Während die Vorbereitungen im vollen Gange sind, bemerken der Bibliothekar und ein ehrenamtlicher Stellvertreter, Rincewind, einige seltsame Vorzeichen (wie die Flucht sämtlichen “Ungeziefers” aus der Universität) und beschließen in der “geflickten Trommel” Zuflucht zu suchen. Dort werden sie von der Diebin Conina angesprochen, die auf dessen ausdrücklichen Wunsch hin den Hut des Erzkanzlers gestohlen hat. Während einer wilden Verfolgungsjagd durch Ankh-Morpork, die schließlich mitsamt dem Gepäck auf einem Schiff Richtung Klatsch endet, stellt sich heraus, dass sie Conans Tochter ist (wir erinnern uns vage an Band 2) und ihre Gene leider stärker sind als ihr Wunsch den Leuten einfach nur die Haare zu schneiden. (Hier wurde wohl fleißig geklaut, als man das Drehbuch für “Leg dich nicht mit Zohan an” schrieb) Einen Teil ihrer Utensilien büßt sie allerdings beim Piratenüberfall ein, wobei sie nicht verhindern kann, dass der Hut geraubt wird, denn Rincewind ist nach wie vor nicht gut im Umgang mit Magie.

Währenddessen sprengt der junge Münze die Ernennung des Erzkanzlers im wahrsten Sinne des Wortes und macht deutlich, dass er von nun an das Sagen hätte. Er trifft dabei auf wenig Gegenwehr, sobald den Zauberern klar wird, dass sie durch seine Anwesenheit ebenfalls auf die kreative Magie zugreifen können, die komplizierte Riten und aufwändige Sprüche überflüssig macht. Sie sind sogar zur Expansion ihrer Macht in Ankh-Morpork (der Patrizier wird in eine Eidechse verwandelt) und allmählich der gesamten Scheibenwelt bereit. Nur Quästor Spelzdinkel, dem Münzes Zauberstab nicht ganz geheuer ist, und der Bibliothekar, der sich in der Bibliothek verbarrikadiert hat – jemand muss ja schließlich die Bücher beruhigen – ziehen nicht so richtig mit.

Rincewind landet bei der Suche nach dem Hut in der Schlangengrube des ansässigen Herrschers, der lieber dichtet, als zu regieren, und lernt dort neben einer äußerst kultivierten Schlange auch den barbarischen Helden Nijel kennen, der jedoch erst seit drei Tagen im Geschäft ist und seiner Mutter zu liebe wollene Unterhosen trägt. Ihnen gelingt die Flucht, allerdings erst nachdem der Hut in Wesir Abrim einen würdigen Träger gefunden hat und diesen übernimmt. So beginnt mit Münzes Eintreffen in Al Khali ein magischer Krieg.

Mit Hilfe eines magischen Teppichs gelingt die Flucht mit Conina und dem nun obdachlosen Serif, doch Rincewind quälen die Gewissensbisse, sodass er zurück nach Ankh-Morpork fliegt, um … nunja, einfach mal wieder zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Denn Münze angetrieben vom Rachedurst seinen Vaters/des Zauberstabs hat inzwischen die Götter der Scheibenwelt in einer Perle gefangen und damit die Eisriesen befreit. Die Apokalypse der Scheibenwelt kann also beginnen. Hunger, Krieg und Pestilenz verspäten sich nur, weil Conina, Nijel und Krösus auf ihrer Suche nach Rincewind ihnen die Pferde stehlen. Tod indes trifft pünktlich zum großen Show-Down auf dem neuerrichteten Magierturm ein, auf dem Münze sich gegen den Stab auflehnt, da er Rincewind nicht töten möchte. Gemeinsam gelingt es ihnen erstaunlicherweise den Stab zu zerstören, doch landen sie in den Kerkerdimensionen und Rincewind opfert sich, um dem Jungen die Flucht zu ermöglichen.

Wieder auf der Scheibenwelt lässt dieser die Götter wieder frei, die Eisriesen verschwinden. Conina und Nijel, die weiter nach Rincewind suchen und Gefallen an einander gefunden haben, verändert der das Gedächtnis und verabschiedet sich noch beim Bibliothekar, bevor er sich seine eigene Traumwelt/Realität erschafft und darin verschwindet.

Leider wirkt das Buch nur im Zusammenhang mit Band 3, wenn z.B. Münze in Rincewinds Erinnerungen einen Vortrag darüber findet, dass man in den Kerkerdimensionen unter keinen Umständen Magie anwenden sollte, und gerade im Vergleich zu diesem Buch verliert es eindeutig. Münze reicht einfach nicht an Esk heran. Dennoch hat das Lesen Spaß gemacht und der ein oder andere Seitenhieb hat das ständige Schmunzeln in ein breites Grinsen verwandelt, etwa der Dschinn, der einen Schichtplan für die jeweilige Betreuung einer Lampe hat, oder das unglücklich in Conina verliebte Gepäck. Vor allem der Bibliothekar, der nach dem Niederbrennen der Bibliothek die geflüchteten Bücher im Kunstturm notoperiert, entwickelt sich allmählich zu einem meiner Lieblingscharaktere.

Alles in allem also ein ganz gut zu lesendes Buch – man kommt aber auch erstaunlich gut ohne es aus.

Begonnen: 26.11.20 Beendet: 10.12.20

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Sapkowski – die Dame vom See

Nach etlichen Seiten und einigem “Figur A muss eben dort und dorthin, deswegen…” wird das Geheimnis um Ciri endlich gelüftet und eine Handlungsebene eingezogen, die mich sowohl zeitlich als auch räumlich etwas aus dem Konzept gebracht hat. Denn “die Dame vom See” ist hier keine zufällige Parallele zur Artussage, sondern eine gezielt verwendete Referenz!

So beginnt der fünfte Band der Hexer-Reihe aus Sicht eines gewissen Galahad, der die in einem See badenden Ciri für ebenjene Dame hält und ihr das Schwert wegnehmen will. Sie klärt jedoch das Missverständnis auf und erzählt daraufhin, wie sie an den See kam. Gleichzeitig wird Nimue, ihr Geliebter, der Fischerkönig, und eine “Praktikantin”, eine so genannte Träumerin, eingeführt, mit deren Hilfe sie die Wahrheit über die Geschehnisse um Ciri zu ergründen versucht.

Den Anfang in diesen besonderen Recherchen bildet Yennefer, die nachdem sie das Rätsel um das Schiffsunglück, bei dem Ciris Eltern umkamen gelöst hat, von Vilgefortz gefangen gehalten wird. Während sie leidet, verbringt Geralt einen entspannten Winter in Touissant, tötet die dort ansässigen kleineren Monster und vergnügt sich mit der angeblichen Verwandten der Fürstin, einer weiteren Zauberin. Als er auf einem dieser Streifzüge Skellen belauscht, der Vilgefortz Aufenthaltsort verrät, erinnert er sich plötzlich wieder an sein eigentliches Vorhaben und verlässt mit den anderen die Idylle. Nur Rittersporn bleibt.

Ciri befindet sich währenddessen tatsächlich in einer anderen Welt. Einer Welt, in der die Aed Elle herrschen und Menschen als Diener haben. Um ihre besondere Gabe für die Elfen zu sichern, soll sie ein Kind von Auberon/dem Erlkönig empfangen, der sie aber wenig erregend findet und sogar an dem ihm verabreichten Potenzmittelchen stirbt. Glücklicherweise hatte sie diese Nacht eh für ihre Flucht geplant und kann mithilfe von “Pferdchen” (dem Einhorn aus Band 2) fliehen. Dieses erklärt ihr kurz, dass sie tatsächlich zwischen den Welten reisen kann und nicht wieder gefangen genommen werden darf – denn in der Welt, in der sie sich aktuell befinden, lebten einst ausschließlich Menschen, die von den Aed Elle fast alle ermordert wurden. So flieht sie von Welt zu Welt und springt zwischen den Zeiten, bis ihr Nimue und ihre Schülerin schließlich ein Portal zum “richtigen” Zeitpunkt außerhalb von Vilgefortz Festung öffnen.

Gleichzeitig erreicht der weltliche Konflikt zwischen den nördlichen Königreichen und Nilfgaard seinen Höhepunkt in der Schlacht bei Brenna. Teile davon werden in späteren Aufzeichnungen Jarres, Ciris Freund aus dem Tempel, geschildert, andere aus der Sicht des Lazaretts. In diesem arbeiten die Adeption Iola, die Medizinstudentin Shani und der Halbling Rusty zusammen, um die Verwundeten beider Seiten zu retten.

In Vilgefortz Festung wurde indes Ciri gefangen genommen und soll künstlich befruchtet werden, da es in der (leider nie vollständig) zitierten Prophezeihung um ihren Mutterkuchen und nicht um ihren tatsächlichen Nachwuchs dreht (ja, das ist irgendwie…). Doch Regis befreit sie rechtzeitig und stürzt sich mit den anderen in den Kampf. So sterben Milva, Cahir, Angouleme und auch der Vampir. Yennefer kann Vilgefortz besiegen und Ciri besiegt Bonhart. Beim Verlassen der Burg bekommen sie es außerdem mit eine Gruppe Nilfgaarder Soldaten zu tun, die direkt Kaiser Emhyr untersteht. Nur Geralt erkennt in ihm Duny und stellt ihn getrennt von den anderen zur Rede. So erfährt er wie lange Duny diesen Plan bereits verfolgt und auch, dass er Ciris Mutter nie wirklich geliebt hat, diese ihn durschaut hatte und so Ciri vor ihm beschützt hatte, aber selbst bei dem vorgetäuschten Schiffsunglück starb. Emhyr lässt ihm und Yennefer die Möglichkeit sich selbst zu richten und nimmt Ciri mit, damit sie rechtmäßig den Platz als seine Frau einnähme (wenn ihr bei den Verwandschaftsverhältnissen noch durchblickt: ja, er ist ihr Vater).

Doch Überraschung: Ciri sammelt die überraschten Yennefer und Geralt nach einer Weile ein, bevor sie Selbstmord begehen konnten und reist zusammen mit ihnen ab. So. Und nach der Auflösung muss auf den letzten hundert Seiten natürlich noch aufgeräumt werden, auch wenn bereits im Laufe der Geschichte angedeutet wurde, dass nicht alles sich in Friede-Freude-Eierkuchen auflösen wird. So hat Ciri aus Versehen eine entsetzlich Seuche eingeschleppt und etwas scheint noch mit den Zauberinnen zu passieren. Aber erst einmal nimmt Ciri ihren Platz in deren Mitte ein und erfährt, dass sie die Geliebte eines Prinzen werden soll. Geralt holt Rittersporn ab/rettet ihn vor der Hinrichtung, da seine geliebte Fürstin nicht wirklich von seiner Untreue angetan ist und sie treffen sich alle in Riva, im Stadtteil Ulm, wo sie mit dem Zwerg Zoltan Schnecken essen und auf die “Damen” warten. Doch es kommt anders. Ein wütender Mopp erstürmt den Stadtteil mit dem Ziel die “Nicht-Menschen” zu töten und Geralt wird im Kampf mit einer Mistgabel wie von Ciri einst vorausgesagt schwer verletzt. Unter Pferdchens Führung bringen Ciri und Yennefer ihn in ein nicht näher benanntes Zwischenreich, in dem sie auch die anderen toten Freunde wiedersehen. Damit endet Ciris Schilderung und sie beschließt, sich zumindest für eine Weile Galahad anzuschließen.

Natürlich habe ich die ein oder andere Wendung und Details wie die Aushandlung des Friedens von Cintra (bei dem eine Menge Latein gesprochen wird) weggelassen, aber anders wäre es leider nicht möglich gewesen. Sapkowski hat nämlich auch im abschließenden Band durchblitzen lassen, wie viel größer die von ihm erschaffene Welt eigentlich ist und wie viele Geschichten sich noch in ihr verbergen. Umso unnötiger empfand ich die Einbindung der Artussage. Seitdem mein Freund mit mir vor einigen Jahren “Stargate SG1” angesehen hat, hat das außerdem leider den Beigeschmack von “es fällt den Schreibern nicht mehr ein, darum greifen sie jetzt auf Artus zurück” (ja, Tad Wiliams bedient sich auch bei der Legende vom Fischerkönig – aber dort ist es von Anfang an ein fester Bestandteil und kommt nicht erst auf den letzten Drücker).  Auch machte es meine persönliche zeitliche Einordnung zu nichte. Zunächst hatte ich – in Anlehnung an McCaffrey – geglaubt, die Bücher spielten nach unser Zeit, dann war ich zumindest beim späten Mittelalter, da neben Latein auch viele französische Anspielung versteckt sind und die Beschreibung von Kleidung und technischem Stand passen würde, so stimmt aber gar nichts mehr.

 Die Auflösung der Konflikte war glaubhaft gestaltet und lässt genug Spielraum für kommende Bücher. Auch Emhyr Einsehen, dass er trotz des vermeintlichen Nutzens für sich, seine Familie und langfristig der gesamten Welt (die Abwendung einer Art Eiszeit in mehreren tausend Jahren) nicht seine Tochter ehelichen sollte, hat mir gefallen. Bitter stießen mir hingegen zwei Dinge auf. Erstens empfand ich den Tod von Geralts Weggefährten als unnötig. Cahir und Angouleme opfern sich für Ciri, die aber wenige Augenblicke später entscheidet, dass sie doch gegen Bonhart kämpfen wird, um nur ein Beispiel zu nennen. Zweitens wird der Vorfall in Riva später als “Progrom” bezeichnet, was in dem historisch interessierten Teil meines Kopfes die richtigen/falschen Assoziationsketten ausgelöst hat und rückblickend im Bezug auf die Darstellung der Zwerge einiges hinterfragen lässt. Genauer werde ich das wohl mal in einem eigenen Beitrag schildern und untersuchen.

Dennoch hat mir die Reihe im Großen und Ganzen gut gefallen. Sie ist gut geschrieben, hat Tiefe und Spannung, enthält die ein oder andere überraschende Wendung, eine Fülle an Orten und Figuren. Es wird sogar ohne Probleme der Bechtel-Test bestanden und Ciris Erwachsenwerden wird mit einem erstaunlichen Feingefühl geschildert (zieht man mal die ganzen Kämpfe ab). 

Lesenswert – aber manche Ansichten sollten nicht einfach so hingenommen werden. 

Begonnen: 1.6.20    Beendet: 12.6.20

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Karine Tuil – “die Gierigen”

Vor ein paar Monaten las ich ziemlich überrascht den Post eines ehemaligen Mitschülers, dass er langsam begänne, unser 10-Jähriges Abi-Treffen zu planen. Aber war es dafür denn nicht noch viel zu früh? Wir haben doch erst vor… oh, verstehe. Aber will ich dort überhaupt hin? Mich dem direkten Vergleich mit denjenigen stellen, die die “gleichen” Voraussetzungen für das Leben nach der Schule hatten wie ich? Mir vor Augen halten lassen, in welchen Bereichen ich vermeintlich versagt habe? Karine Tuil treibt diese Überlegungen mit einem Abstand von 20 Jahren in ihrem Buch über die Freunde Samuel und Samir auf die Spitze und mutet dem Leser dabei so viel menschliche Nähe zu, dass es nicht selten weh tut.

Was spielt sich im Kopf eines Schriftstellers ab, der meint, ein Thema gefunden, eingegrenzt zu haben? Zuerst freudige Erregung über seines Geistesblitz und gleich darauf der Fragenkatalog: Wie soll ich das Thema behandeln? In welcher Form? Mit welchem Ziel? Welchen Mitteln? Welches Ergebnis will ich erreichen?

Die Neugier mit der Samuel Baron, auf der Arbeit als Sozialberater Jacques genannt, um sich die Fragen nach seiner jüdischen Herkunft zu ersparen, über seinen ehemaligen Freund Samir Tahar recherchiert grenzt an mehr als nur Masochismus. Als sie sich vor zwanzig Jahren trennten, stand er als der Gewinner da. Nina hatte sich für ihn entschieden, hatte ihn später sogar geheiratet. Sie schmissen beide das Jurastudium für etwas, das mehr ihren Neigungen entsprach. Doch Samir, der ebenfalls in Nina verliebt war, eine Affäre mit ihr hatte, während sein bester Freund seine Eltern beerdigte, tat das nicht. Er machte weiter, absolvierte sein Studium mehr als erfolgreich, wurde Partner in einer New Yorker Kanzlei, heiratete die Tochter eines reichen Unternehmers, … und baute all dies auf einer Lüge auf, wie Samuel und Nina klar wird, sobald sie im Anschluss an das Fernsehinterview nach weiteren Informationen suchen. Der muslimische Sohn tunesischer Eltern, der sowohl in Paris als auch in London aufwuchs, den Vater früh verlor und außerdem einen fünfzehn Jahre jüngeren Halbbruder hat, tauschte seine Biografie gegen die seines ehemaligen Freundes. Er war nun der Sohn jüdischer Intellektueller, orthodox erzogen, sie starben, als er zwanzig war. Die vorangegangene Adoption, die einst zum Bruch zwischen Samuel und seinen Eltern führte, ließ er dabei jedoch aus.

Samir, für sein Umfeld deutlich neutraler “Sam”, genießt sein Leben in vollen Zügen, den Status den er durch seinen Beruf und nicht zuletzt die Familie seiner Frau erreicht hat, seine Beliebtheit bei den Frauen, seine Macht. All das kippt jedoch an seinem vierzigsten Geburtstag, als sich seine Mutter (Nawel) bei ihm meldet, es sei dringend, es ginge um seinen Bruder. Alarmiert reist er nach Paris und trifft sich auch mit Nina und Samuel wieder. Samuel hatte sie dazu gedrängt, will er doch wissen, ob sie ihre Entscheidung von damals (er hatte sie erpresst, sich im Hörsaal die Pulsadern aufgeschnitten) bereut, ob sie immer noch Gefühle für seinen Rivalen hat. Samir durchschaut ihre Inszenierung als ebenfalls erfolgreiches Paar schnell und stellt fest, dass er immer noch Gefühle für Nina hat. Nach einem ziemlich üblen Streit mit Samuel kann er sie sogar davon überzeugen, mit ihm nach New York zu kommen, seine Geliebte zu werden. Weniger erfolgreich verläuft sein Familientreffen. Seine Mutter, die darauf besteht weiterhin im heruntergekommenen Banlieue zu leben, zeigt ihm, dass sein Bruder heimlich Waffen versteckt, bittet ihn, sich einzumischen, doch Francois stellt sich sturr, will keine Hilfe und was hätte sein großer Bruder denn je für ihn getan?

Damit ist die Bühne für das beste Jahr in Samirs Leben bereitet. Er blüht durch die Anwesenheit von Nina, die er mit Geschenken überhäuft und sich zu seiner ständigen Verfügung halten muss, auf. Einzig die mehrwöchige Anwesenheit seines Bruders schmälert kurz die Freude. Allerdings wird er diesen mit dem Rat seines Mentors aus Frankreich, Pierre Levy, schnell wieder los: er tut so, als wolle er mehr an dessen Leben teilhaben, überzeugt ihn, sich endlich wieder eine Ausbildung zu suchen und unterstützt ihn mit monatlichen Geldzahlungen. Ruth, seine Frau, merkt von all dem nichts. Währenddessen geht es Samuel immer schlechter. Er leidet unter der Trennung von Nina, hört auf zu arbeiten, trinkt, greift schließlich zu harten Drogen – und arbeitet endlich an dem schon so lange geplanten Roman über seine Lebensgeschichte, den er Nina widmet. Sie selbst spricht er in dieser Zeit nur zwei Mal. Einmal, als er Geld braucht, seine Drogenschulden zu begleichen und seinen Laptop mit dem Manuskript wieder zu bekommen, ein zweites Mal, als er schlicht wissen will, wie es ihr geht und dabei tiefen Zweifel an der Art ihrer Beziehung zu Samir säht. Sie ist vollkommen von ihm abhängig, in diesem fremden Land ohne eigene Arbeit und kaum sozialen Kontakten, und fremdbestimmt, muss sich ihm und seinen “Bedürfnissen” unterordnen. Schließlich verlangt sie von ihm das eine, was ihr Samuel wegen der schwierigen finanziellen Lage immer verweigert hat: ein Kind. Samir gibt nach mehreren Wochen nach, kann ihr seinen Entschluss aber nicht mehr mitteilen.

Der vierte Abschnitt beginnt mit den kurzen, begeistertsten Kritiken zu “Die Tröstung”, Samuels Roman. Er hat es endlich geschafft und wird als Autor gefeiert. Doch bald leidet er unter seinem Ruhm und vor allem die negativen Kritiken machen ihm so sehr zu schaffen, dass er wieder trinkt. Er reißt sich aber zusammen und liest überrascht kurz vor einem Interview in ebendem Hotel, in dem sie sich wiedersahen, dass Samir wegen Terror-Unterstützung festgenommen sei. Trotz all dem, was er ihm selbst vorwirft, zweifelt er jedoch keine Sekunde an dessen Unschuld, womit er sehr allein darsteht.

Samir wird gewaltsam mitten in der Nacht aus seiner Wohnung entführt und ins Gefängnis gesperrt (er denkt dabei an den Beginn von Kafkas “der Proceß”). Nach und nach erfährt er, dass Francois/Djamal zum Islam konvertiert ist, radikalisiert wurde, das Geld seines Bruders unter anderem für Reisen in den Jemen und die Veröffentlichung antisemitischer Flugblätter verwendet hat, und schließlich in einem Ausbildungslager in Afghanistan vom amerikanischen Militär gefangen genommen wurde. Die finanzielle Unterstützung ist jedoch nicht das, was die Situation aussichtslos werden lässt. Sobald bekannt wird, dass er seine Biografie frei erfunden hat, steht er selbst unter Verdacht ein Schläfer zu sein. Seine Frau, zusätzlich von ihrem Vater unter Druck gesetzt, wendet sich von ihm ab und reicht die Scheidung ein, seine Freunde stellen sich gegen ihn, finden Belege für sein unrechtes Verhalten. Nur Pierre Levy und Dan Stein, eigentlich der Anwalt von Ruths Familie, später von Levy bezahlt, stehen noch hinter ihm. Denn Pierre glaubt Samir. Er hatte die Wahrheit bereits knapp ein Jahr zuvor erfahren und erkannt, dass der systematische Rassismus in Frankreich und nicht zuletzt seine eigenen Annahmen und im Bewerbungsgespräch geäußerten Nachfragen (“Sam für Samuel?”, er habe Familienmitglieder mit dem Namen Tahar, sephardische Juden) ihn zu dieser Lüge getrieben hatte. Überraschend stellt sich Samuel als wichtiger Fürsprecher heraus, der die öffentliche Meinung stark genug beeinflusst, dass schließlich das Verfahren eingestellt wird. Eigentlich wollte er Samirs Geschichte für sein zweites Buch ausschlachten, entscheidet sich jedoch aus Respekt dagegen und sucht stattdessen nach Nina, die mittellos in Paris ist. Sie konnte ihn bei ihrer überstürzten Rückkehr nicht finden und lebt nun in einem Frauenhaus. Als Samuel in einem dem alten Samir nicht unähnlichen Aufzug sie von dort “retten” will, weigert sie sich mit ihm zu kommen, sie sei glücklich und endlich frei davon, Männern gefallen zu wollen. Von dieser Akzeptanz der Einfachheit bewegt, lehnt Samuel anschließend einen wichtigen Literaturpreis ab. Und Samir stellt nach seiner Entlassung fest, dass er nun endlich frei von Ehrgeiz und Erfolgssucht sei; nur seine Mutter aus seinem Leben zu streichen und seine Kinder anzulügen seien seine einzigen wirklichen Fehler im Leben.

Das ist jetzt wirklich keine leichte Kost gewesen. Sowohl inhaltlich als auch stilistisch. Fast alles ist im Präsenz geschrieben, es gibt kaum wörtliche Rede und vor allem auf den ersten siebzig Seiten sucht man so etwas wie Handlung vergeblich. Dennoch hat mich dieses Buch schließlich so sehr gepackt, dass ich die zweite Hälfte an zwei Abenden einfach runter gelesen habe. Die Figuren sind so komplex und facettenreich geschildert, dass sie tatsächlich real sein könnten, selbst noch so kleine Nebencharaktere erhalten durch Fußnoten mit Alter, Name und ihren Wünschen oder vergangenen Erlebnissen Tiefe. Wer dabei seltsam eindimensional bleibt ist Nina. Vor allem in der Fülle, mit der ihre angeblich gleich gestellten Freunde zu Beginn eingeführt werden, bleibt sie blass. Man erfährt, dass ihre Mutter sie und ihren Vater für einen anderen Mann sitzen gelassen hat, dass sie als Model für einen Kaufhauskatalog arbeitet, sich ihrer Wirkung auf Männer durchaus bewusst ist, diese aber meistens als störend empfindet. Und da haben wir es. Sie wird meist aus männlicher Perspektive geschildert, als würde sie nur durch sie existieren, und verkommt dabei tatsächlich zum Objekt, die Trophäe im Wettstreit. Umso mehr hat mich ihr Ende berührt, in dem sie sich endlich davon losmacht, äußerlich gefallen zu wollen. Ebenfalls fertig mit den Männern ist Nawel, die nach dem Zusammenbruch ausgelöst durch die Nachricht, dass beide Söhne im Gefängnis sind, erkennt, wie anders ihr Leben hätte verlaufen können, wenn sie sich nicht ständig erst ihrem Vater, dann ihrem Mann, ihrem Geliebten und schließlich ihren Söhnen untergeordnet hätte. Die “Verliererin” in dieser Betrachtung ist erstaunlicherweise Ruth, die zu Beginn als starke, selbstbewusste Frau eingeführt wird, die den Frauenheld Samir für sich gewann, obwohl sie nicht in sein übliches Beuteschema fiel, sich mit der Heirat gegen ihren Vater durchsetzte, denn ausgerechnet sie beugt sich der gesellschaftlichen Erwartung.

Zu einem weiteren Leitmotiv des Buches fällt es mir ziemlich schwer etwas zu sagen. Tuil spielt in ihren Wechseln zwischen Samuel und Samir oft mit Gegensätzen (wie gut es Samir geht, während es Samuel gleichzeitig so schlecht geht, später verkehrt sich das Ganze) und zwei von allen Figuren immer wieder aufgenommene Kontrahenten sind Islam und Judentum. Ich habe das Glück, dass beide Glaubensgruppen in meiner Heimatstadt ausreichend vertreten sind, dass ich als Jugendliche, als es bei mir selbst darum ging wie ich mit meinem christlichen Glauben umgehen möchte, nicht über sondern mit ihnen diskutieren konnte. Dennoch möchte ich mir über ihre Darstellung im Buch kein Urteil erlauben. Auffällig ist, wie sehr die Religion mit der Herkunft gleichgesetzt wird, beide “Seiten” können von Benachteiligung deswegen berichten, diskriminieren aber auch die andere Seite aus diesem Grund. Dabei will ich es hier auch schon bewenden lassen. Es gibt genug Leute, die das vermutlich besser erklären können als ich.

Zum Abschluss noch kurz zum Titel und dem Ende als dessen Auflösung. Zu Beginn dachte ich, die angesprochene Gier beziehe sich nur auf Samuel und teilweise Nina, die ihr Wissen gegenüber Samir ausnutzen wollen, um ihn zu erpressen, ihr eigenes Leben zu verbessern. Zum Ende hin wird jedoch deutlich, dass viele der vorgestellten Charaktere von ihr angetrieben werden. Samir will seine ärmliche Vergangenheit hinter sich lassen, sein Bruder Francois möchte endlich Anerkennung, Rahm Berg, Ruths Vater, die perfekte Familie, … Bei den ansonsten eher vagen Zeitangaben ist mir außerdem ins Auge gefallen, dass Samir bis zur Verfahrenseinstellung 66 Tage in Haft saß – dem Zeitraum, den es angeblich braucht, bis sich Gewohnheiten ausbilden. Das was ich daher für mich aus diesem für mich komplett aus dem Rahmen fallenden Buch mitnehme, ist, dass man durchaus nach Erfüllung in seinem Leben streben soll, aber immer das Maß kennen sollte, um es auch tatsächlich genießen zu können.

Begonnen: 17.10.20 Beendet: 29.10.20

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Andrzej Sapkoswki – “der Schwalbenturm”

Es ist Herbst geworden und Sapkowski entschleunigt die Handlung weiter. Ein Großteil der Handlung in Band 4 der Hexer-Reihe wird nämlich in Rückblenden erzählt und dadurch auch stark segmentiert.

Der Einsiedler Vysogota findet eines Tages in den Sümpfen, in die er sich vor der politischen Verfolgung zurückgezogen hat, eine bewusstlose, stark verwundete, junge Frau, versorgt ihre Wunden (vor allem den großen Schnitt in der linken Gesichtshälfte) und pflegt sie gesund. Mit der Zeit geht es ihr besser, auch wenn sie etwas umzutreiben scheint. Wie sich die Situation ändert, wird immer mit der gleichen Formulierung verdeutlicht.

Wenn jemand in die Hütte gesehen hätte, dann … Aber in die Sümpfe kam nie jemand.

Falka fühlt sich wohl bei den Ratten und vor allem Mistle gibt ihr Halt. Als Zeichen ihrer Liebe lässt sie sich sogar das gleiche Tatoo – eine rote Rose in der Leistengegend – stechen. Doch als ihr Gerüchte zu Ohren kommen, dass “Cirilla” von Kopfgeldjägern gesucht wird, trennt sie sich von der Gruppe und warnt sie noch davor, diesen entgegen zu reiten. Sie hören jedoch nicht auf sie und bei ihrem Eintreffen in Eifers, ist es bereits zu spät. Der Kopfgeldjäger Bonhart überwältigt auch sie, lässt sie jedoch am Leben und beschließt, sie als eine Art Gladiator zu halten, sobald er ihre Hexer-Ausbildung im Kampf bemerkt. Die dafür erworbenene Waffe ist eine der vielen Anspielungen auf den Titel. Das Schwert ziert eine Schwalbe, passend zu der Bedeutung von Ciris Namen. Aber auch das Gegenstück zum auf Thanedd zerstörten Möwenturm trägt diesen Namen. Letztlich gelingt es Ciri bei der Übergabe zu fliehen und sowohl Emhyrs als auch Vilgefortz Leuten zu entkommen – allerdings gibt es Unstimmigkeiten mit der Distanz und dem vermeindlichen Datum.

Die weitere Geschichte von Geralt und seinen Weggefährten schildert Rittersporn in seinen Memoiren, “ein halbes Jahrhundert Poesie”, die er zu einem späteren Zeitpunkt nocheinmal komplett neu schreiben wird, “verliert” er doch unterwegs seine Aufzeichnungen. Geralt hat das Rittersein bald satt, hindert es ihn doch immens bei seiner eigentlichen Aufgabe – der Suche nach Ciri. So desertiert er und schlägt sich weiter nach Süden durch. Dabei wächst ihre Gruppe um die junge Angouleme, die selbst Milva als “Tante” bezeichnet. Auf der Flucht aus dem ein oder anderem Hinterhalt streben sie Richtung Toussaint, das von Emhyrs Cousine regiert wird, für seinen Wein geschätzt wird und durch seinen Sonderstatus als “Märchenland” abgeschieden und friedlich ist. Im angrenzenden Gebirge trifft Geralt in unterirdischen Höhlen auf den Elf Avallach, der ihm weitere Details über Ciris Familie verrät und auch Cahir rückt endlich mit der Sprache heraus, weswegen er ihnen hilft. Er ist, seitdem er sie aus der brennenden Stadt gerettet hat, in Ciri verliebt, nicht in das Kind, sondern die junge Frau, die er in der gleichen Nacht im Traum gesehen hat, und hofft, wenn er sie Emhyr bringt, so zumindest ein bisschen in ihrer Nähe sein zu können. Der “Schwiegervater” ist alles andere als begeistert, lässt sich jedoch darauf runterhandeln, dass Ciri selbst entscheiden soll.

Was sie auch tut. Weitestgehend genesen verlässt sie Vysogota, als sie bemerkt, dass ihre Verfolger in der Gegend sind. Diese folgen ihr auch weiterhin bis in das Gebiet der Hundert Seen, wo sie die Verbliebenen (allen voran Bonhart, Rience und Skellen) allesamt auf dem gefrorenen Tar Mira besiegt und schließlich durch das Portal im Schwalbenturm geht.

Nachdem es in Band 3 doch relativ ruhig um sie war, steht Ciri dieses Mal klar im Vordergrund. Selbst Yennefers Handlungsbogen liefert eigentlich nur Informationen zu ihr, wie etwa, dass sie hervorragend Schlittschuhfahren kann und eigentlich auf den Skelligen aufgewachsen ist. Man merkt wie sie allmählich erwachsen wird und die Rolle des fremdbestimmten Kindes komplett hinter sich lässt.  Sie fängt an ihre Handlungen zu reflektieren. Merkt man in Band 1 als Leser durchaus wie viel Spaß ihr die Hexerausbildung macht, so spürt man jetzt ihr Entsetzen darüber, wenn sie zum Kämpfen gezwungen wird, denn sie weiß, dass ihr Überlebenswille stärker ist als alles andere. Gleichzeitig hat sie sich ihre Neugier und ihren Wissensdurst behalten und kann manche Dinge nun deutlich besser einordnen. Leider verhindern diese neuen Fähigkeiten nicht, dass ihr der Tod immer noch auf dem Fuße folgt. Sie verliert ihre Freunde, die sich komplett selbst überschätzt haben, und auch Vysogota, der als Gelehrter dann und wann in den Büchern zitiert wird, stirbt kurz nachdem sie ihn verlassen hat.

Sprachlich ist das Ganze wieder hervorragend verpackt. Und zumindest auf Geralts Seite türmen sich erneut die “Herr der Ringe”- Anspielungen: Wir haben so etwas wie Ents und Avallach könnte man durchaus mit Gollum… okay, der Vergleich ist vielleicht etwas zu gemein. Dafür ist mir etwas anderes im Gespräch mit einem Kollegen, der jetzt mit einigen Monaten Versatz die Bücher liest, aufgefallen. Die Einteilung in Abende, an denen Ciri erzählt und vor allem die immer gleiche Formulierung, mit der so ein Abschnitt endet, orientiert sich sehr stark an der “klassischen” Erzählweise mancher Märchen. Cahir entspricht mit seinen Motiven durchaus auch dem klassischen, strahlenden Helden, nur beweist Ciri eigentlich, dass sie keine Prinzessin ist, die gerettet werden muss, sondern lieber selbst retten würde.

Begonnen: 22.5. Beendet: 1.6.20

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Andrzej Sapkowski – “Feuertaufe”

In vielen Büchern sieht man nach der Widmung noch ein Zitat eines anderen Autors oder in diesem Fall den Ausschnitt eines Liedes. Meistens erschließt sich der Sinn dahinter nur dem Autor selbst, doch im Fall der “Feuertaufe” hat mich “Brothers in Arms” von den Dire Straits durch das gesamte Buch begleitet.

Der dritte Teil der Hexer-Saga beginnt im Brokilon, dem Heim der Dryaden, und nicht etwa mit Geralt, der fast genesen ist, sondern mit Milva, einer jungen Jägerin und sehr guten Bogenschützin. Sie führt heimlich die verbliebenen Elfen in den Wald, beschützt die Dryaden, die sie als Kind aufnahmen, vor den Menschen und entschließt sich trotzdem das alles hinter sich zu lassen. Ihr gegenüber fällt das erste Mal der Begriff “Feuertaufe”, der sich auch durch die weitere Handlung ziehen wird. Für die Elfen, genauer die Eichhörnchen, bezeichnet sie das von ihnen entfachte Feuer, das sie im Rücken der von Nilfgaard angegriffenen Menschen entfachen und das sie selbst abhärtet.

Geralt indes beschließt mit Rittersporn aufzubrechen, um Ciri zu suchen. Doch noch im Wald geraten sie bereits in Schwierigkeiten, als sie ein illegales Waffengeschäft stören. Denn dabei ging es nicht nur um die Waffen, sondern auch um die Auslieferung eines Ritters mit geflügeltem Helm (ja, genau der Ritter), den Nilfgaard bereits fieberhaft sucht. So ist Cahir frei, während Geralt sich mit Rittersporn und Milva durch ein vom Krieg zerstörtes Land auf nach Süden macht.

Auf politischer Ebene beginnen ebenfalls Veränderungen: Dijkstra ist nun in Redanien an der Macht und seine (ehemalige) Verbündete Philippa Eilhart gründet eine Geheimgruppe aus 12 Magierinnen, die sich allein dem Erhalt der Magie verschreibt – unter Ausschluss der viel zu sehr durch Emotionen geleiteten Männer – und über politische Grenzen hinweg, sodass auch zwei Nilfgaarder Magierinnen Teil der illustren Runde sind. Wie weit dieses Vorhaben tatsächlich schon gediehen ist, wird beim zweiten Treffen klar. Aus Sicht der beiden Nilfgaarder, die sich allmählich der modernen und eitlen Erscheinung ihrer Kolleginnen anpassen, erfährt man, dass Ciri die einzige menschliche Trägerin eines Genes ist, das ansonsten nur bei einer sehr scheuen Gruppen von Elfen auftritt und mit großen magischen Kräften in Verbindung gebracht wird (frei nach Mendel wohl rezessiv auf dem X-Chromosom vererbt). Sie soll außerdem zur Stärkung der Macht im Norden mit dem Prinzen von Kovir verheiratet werden. Yennefer, die unter Verdacht stand zusammen mit Vilgefortz auf Thanned für Nilfgaard agiert zu haben, aber in Wahrheit von Francesca in Form einer kleinen Statuette hinausgeschmuggelt worden war, nutzt das Treffen außerdem zur Flucht. Offensichtlich ist sie für Ciris seltsamen Stammbaum mitverantwortlich.

Der “Rettungstrupp” schließ sich einer Gruppe von Zwergen und einem Gnom an, die Frauen und Kindern auf der Flucht helfen; sie ziehen gemeinsam nach Osten, statt wie Geralt eigentlich möchte nach Süden und werden dabei mehr oder minder heimlich von Cahir verfolgt, der sich allerdings als nützliche Rückendeckung erweist. Einen weiteren Weggefährten lernen sie auf einem alten Elbenfriedhof in dem Apotheker Regis kennen und betrinken sich mit seinem Alraunen-Schnaps. Das kleine Detail, dass er ein 400 Jahre alter Vampir ist, der mit den Kräutern seinen Geruch überdeckt, entgeht ihnen dadurch und sie finden es erst viel später heraus, als er Rittersporns Wunden versorgt (“Dein Blut riecht gut”). Die Gruppe wird getrennt, als das an den Friedhof angrenzende Flüchtlingslager von Nilfgaardern angegriffen wird und Geralt und Rittersporn von cintrischen Soldaten mitgenommen werden. Wie sich herausstellt, sind nicht alle von Ciris ehemaligen Vertrauten erpicht darauf, dass es ihr gut geht. Vor allem Vissegard sieht die hohe Dissertationsrate zu Gunsten von Nilfgaard “ungern”.

Nun tatsächlich selbst auf der Flucht rückt die fünfköpfige Gruppe noch enger zusammen. Sie kochen gemeinsam Fischsuppe (meine absolute Lieblingsszene, einfach weil sie so schön schräg ist), erfahren mehr über die Vergangenheit der anderen und als Milva ihre Schwangerschaft nicht länger verbergen kann, bieten die Männer geschlossen ihre Unterstützung an – unabhängig davon, ob sie das Kind tatsächlich behalten wird. Letzten Endes führt es sogar dazu, dass Geralt ganz hoch offiziell zu “Geralt von Riva” geschlagen wird, da bei der Überquerung des Pontar so einiges schief geht und er und Cahir Seite an Seite auf der Brücke gegen Nilfgaard kämpfen, während Regis die verwundete Milva versorgt.

Und was macht eigentlich Ciri währenddessen? Aus geschilderten Träumen von Geralt und Cahir oder aus der Sicht anderer erfährt man, dass sie sich bei den Ratten gut eingelebt hat. Sie ist fester Teil der Gruppe, kann mit der Elfe beim Tanzen mithalten und führt eine Beziehung mit Mistle. Doch die Stimmung scheint zu kippen, seitdem sie davon träumte, wie Geralt beim Überfall auf das Lager schwer verwundet wird.

Mittelstücke tendieren bekanntermaßen dazu sich zu sehr zu ziehen, man kennt schon alle wichtigen Figuren, aber wirklich zur Sache geht es erst im nächsten Teil. Mit der für den Großteil der Zeit nicht wirklich zielführenden Reise Geralts wäre fast das Gleiche passiert, wenn Sapkowski nicht durch die jeweiligen Begegnungen am Wegesrand einiges an Unterhaltung eingebaut hätte. Die ein oder andere Anspielung an frühere Geschichten, wie zum Beispiel, dass sie nur auf dem Friedhof landen, weil sie die Gräber (Ende “das Schwert der Vorhersehung” ) vermeiden wollen, lockert das Ganze noch weiter auf.

Und auch wenn ich das im Kontext der Bücher bestimmt mehr als einmal erwähnt habe, hat mir neben dem Schreibstil wieder sehr gefallen, wie fortschrittlich Sapkowski (zumindest in manchen Dingen) seine Figuren sein lässt. Es steht außer Frage, dass es Milvas Entscheidung ist, ob sie das Kind behält oder es abtreibt. Die “Tafelrunde” erhebt sich mit ihrem Ziel über das tagespolitische Geschehen, um das langfristige Bestehen der Welt zu sichern. Der “Rettungstrupp” geht ebenfalls ungewöhnliche Allianzen ein, … Nur Geralt verliert irgendwie im Vergleich mit der Fülle an neuen Figuren. Erstaunlicherweise ist es gerade Cahir, der sehr viele Sympathiepunkte bei mir gewinnen konnte.

Apropos Sprache: Am Nilfgaarder Hof wird auffällig viel Latein gesprochen, was meiner Meinung nach für die beschriebene Welt bedeuten könnte, dass der mehrfach erwähnte Durchgang zu der Ursprungswelt der Menschen irgendwann während unserer Antike gewesen sein müsste.

Begonnen: 11.5.20   Beendet: 20.5.20

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Daniel Glattauer – “Gut gegen Nordwind” & “Alle sieben Wellen”

So wunderbar schief wie meine eigenen Brieffreundschaften meistens gehen, so sehr habe ich diese beiden E-Mail-Romane genossen. Zumal ich dank der Hörbuchfassung die korrekte Betonung mancher Sätze gleich mitgeliefert bekommen habe. Dank des Kommunikationsmittels der beiden Protagonisten wechseln sich lange Wartezeiten und schnelle Wortwechsel regelmäßig ab und nur das ein oder andere auftauchende Klischee hat den Hörgenuss geschmälert. – Aber wie immer der Reihe nach.

Dass Emma Rothner Leo Leike schreibt, ist allein einem typischen Problem des 10-Finger-Schreibens geschuldet und so landet sie statt bei einem Zeitungsverlag bei dem wortgewandeten Uni-Dozent. Beide sind schnell genervt von dieser Verwechslung, doch der Wortwitz und Charme des jeweils anderen sorgen dafür, dass sie sich weiterschreiben. Mit dem Versuch über nichts Banales wie zum Beispiel das Wetter zu schreiben, aber gleichzeitig Leos On-Off-Beziehung und Emmis Familienleben außen vor zulassen entspinnt sich eine innige Freundschaft und eine gewisse Neugier auf den anderen. Das erste reale Treffen der beiden scheitert an einem gemeinen Trick Leos. Statt alleine ins verabredete Cafe zu gehen, nimmt er seine Schwester mit, die die Auswahl der möglichen Kandidatinnen auf drei reduziert, während Emmi nach einem einzelnen Herrn Ausschau gehalten hat. Auch, als Emmi ihn mit ihrer besten Freundin zu verkuppeln versucht, bringt sie das physisch nicht näher.

Dennoch scheint sich etwas in ihrer Beziehung zueinander zu verändern. Vor allem die Nächte mit (zu) viel Alkohol vor dem jeweiligen Computer arten in romantische/ erotische Fantasien aus, sodass schließlich sogar Emmis Mann Bernhard Leo mit der Bitte schreibt, sie endlich – ein einziges Mal – real zu treffen, um die gesamte Situation zu entzaubern. Leo behält wie versprochen diesen Vertrauensbruch für sich und nimmt eine Stelle in Boston an, um auch räumliche Distanz zu schaffen. Emmi überredet ihn zu einem letzten Treffversuch bei ihm in der Wohnung, kneift aber im letzten Moment, als sie sich von ihrem Mann verabschiedet. Auf die entschuldigende E-Mail am nächsten Tag antwortet nur noch der “System-Admin”. Die E-Mail-Adresse existiere nicht mehr und alle Nachrichten würden gelöscht werden.

Hiermit endet der erste Teil und eigentlich war ich mit diesem nicht vorhandenen “Happy End” glücklich. Zwar wünscht man sich, dass es zwischen Leo und Emmi zu einer Beziehung im realen Leben kommt, aber sie ist – wie sie mehr als einmal – betont, glücklich verheiratet und liebt ihre Stiefkinder. Denn wer sagt, dass sie mit diesem ihr doch noch ziemlich fremden Mann im Alltag glücklicher wäre? Doch so ganz konnte der Autor es dann doch nicht auf sich beruhen lassen und legte mit einem zweiten Teil nach.

Emmi scheint mit der gesamten Situation noch nicht abgeschlossen zu haben, denn in den folgenden 9 Monaten schreibt sie immer wieder an die alte E-Mail-Adresse von Leo, wohl wissend, dass sie nur die gewohnte Meldung des “System-Admins” erhält. Aber dann meldet sich Leo wieder an und beginnt ihr erneut zu antworten. Er ist zurück aus Boston, seine neue Freundin wird demnächst zu ihm ziehen und insgesamt scheint es ihm gut zu gehen. Emmi hingegen scheint aus der Bahn geworfen. Sie wohnt alleine, auch wenn sie sich immer noch um die Kinder kümmert, ihre anfänglichen E-Mails sind Aufgaben ihrer Psychotherapeutin und die Ehe mit Bernhard bezeichnet sie inzwischen als “Vernunftbeziehung”. Trotz allem nähern sich beide wieder an, treffen sich sogar von Angesicht zu Angesicht, und finden nach anfänglicher Verwirrtheit zu ihrer alten Vertrautheit zurück. Als deutlich wird, dass Leos Freundin in Deutschland nicht glücklich wird, und er mit ihr nach Boston endgültig ziehen will, entscheiden sie sich schließlich zu einem Frage-Antwort-Spiel (jeder hat jeden Abend eine Frage frei, die der andere wahrheitsgemäß beantworten muss). In diesem Rahmen kommt Bernhards Intervention heraus, Emmis bereits länger zurückliegende Scheidung und Leos Probleme sie während seines Auslandaufenthalts zu vergessen. Um es kurz zu machen: Natürlich kommen sie zum Schluss zusammen.

Man hat es vielleicht gemerkt – ich hab mehr als einmal beim Zuhören über den jeweiligen Plottwist oder das offensichtliche Klischee geflucht. Angefangen mit der Tatsache, dass, wenn sich ein Mann und eine Frau schreiben, das natürlich etwas Romantisches werden muss, über Leos Beziehungsprobleme, bis hin zu Emmis Unfähigkeit, das gesamte Thema einfach auf sich beruhen zu lassen. Wieso muss es die Frau sein, die dem Typen hinterherrennt, obwohl sie sich offensichtlich gegen ihn entschieden hat? Natürlich tut dieser abrupte Kontaktabbruch weh (der “Fachbegriff” dafür lautet wohl “ghosten”), aber ich hätte es interessanter gefunden, wenn sie ihre Position verteidigt hätte und dafür Leo den notwendigen ausgesprochenen Abschluss gebraucht hätte.

Wieso ich mir das Ganze dann doch “angetan” habe? Auf jeden Fluch und jedes Kopfschütteln, kamen mindestens zwei breite Grinsen. Die Sprache ist gut und pointiert. die sanften Sticheleien tragen viel zu dem Eindruck von Nähe zwischen den beiden bei. Leos anfängliche Versuche, über ihren Schreibstil mehr über Emmi zu erfahren sind so grandios wie fruchtlos (auf den technischen Hintergrund ihres Berufs kommt er auf jeden Fall nicht). Die Schilderung wie Emmis Stiefsohn auf Leo reagiert, als er ihn kennenlernt, wecken Hoffnung auf Verständnis und die wiederkehrende Erwähnung des Nordwinds, ließen mich tiefer in die Bettdecke kuscheln…

Vielleicht sind die Bücher doch nicht so schlecht wie ich direkt nach dem Ende dachte und die Hörbuchfassung ist von Andrea Sawatzki und Christian Berkel wirklich gut umgesetzt. Nur vernüftige Entscheidungen und gesunden Menschenverstand sollte man von den Protagonisten nicht erwarten. Aber wer tut das schon bei einem Liebesroman?

Begonnen: 8.9.20. Beendet: 19.9.20

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Andrzeij Sapkowski- “die Zeit der Verachtung”

Manchmal hilft es einen Schrecken zu demaskieren. Manchmal hilft es ihn zu verachten. Doch davor wegzurennen hilft selten und häufig beginnen damit aber auch erst die eigentlichen Probleme. Diese Erfahrung muss Ciri im zweiten Roman der Hexer-Reihe machen.

Für das weitere Studium der Magie reist Ciri mit Yennefer, die inzwischen für sie so wichtig wie eine Mutter geworden ist, zur Insel Thanedd. Wirklich begeistert ist sie davon nicht, da sie so bis zum Ende ihrer Lehrzeit Geralt nicht mehr wieder sehen wird. In der Hafenstadt gegenüber der Insel wird ihre Hexerausbildung das erste Mal auf die Probe gestellt, aber sie lernt auch die ehemalige und die aktuelle Direktorin von Aretusa kennen, der Zauberinnenschule in der sie ausgebildet werden soll. Doch sobald sie hört, dass Geralt in der Gegend sei, gibt es für sie kein Halten mehr und sie reißt mitten in der Nacht aus und wird von Yennefer erst an ihrem Ziel eingeholt.

Geralt indes war auch nicht untätig und versucht mittels des Anwalts Codringher eine falsche Fährte zu legen. Ciri sei, da ihr Vater kein Adliger gewesen war, gar nicht die Thronfolgerin Cintras, und eh bereits tot. Später findet der Partner des Anwalts heraus, dass Ciri von Falka abstammt, einer historischen Persönlichkeit, die auf Grund ihres grausamen Regierungsstils berüchtigt ist. So ist nun Geralt während eines Banketts der Zauberer zu gegen, das in der Nacht in einen offenen Kampf zwischen den verschiedenen Lagern ausartet. Während viele Zauberer die Herrscher im Norden unterstützen, gibt es auch diejenigen, die Nilfgaard unterstützen, allen voran Vilgefortz und die Elfen, denen mit dem Tal der Blumen (Dol Blathana, der Region um Vengerberg) ein eigenes Königreich versprochen wurde. Ciri gerät in den Tumult, als Yennefer mit ihren Visionen eigentlich Frieden stiften will. Auf der Flucht gerät sie an Cahir, den Ritter mit dem geflügelten Helm, kann ihn besiegen, doch als sie ihn ohne Helm sieht, zögert sie ihn zu töten, da er nicht mehr ihrem Albtraum gleicht und entscheidet sich zur Flucht durch das Portal am Möwenturm.

Nach diesem Putsch sind die Zauberer entzweit, viele verletzt und viele getötet, Aretusas ehemalige Direktorin begeht sogar Selbstmord. Geralt ist schwer verletzt und wird im Brokilon gepflegt, Yennefer, von der er nicht weiß, auf welcher Seite sie steht, ist verschwunden und Ciri gilt, da das Portal defekt war und explodierte, als tot. Dennoch wird Kaiser Emhyr, seines Zeichens Herrscher von Nilfgaard, Ciri vorgeführt. Während seine Höflinge mit einer baldigen Vermählung rechnen, erkennt er, dass es sich nicht um die Echte handelt, wahrt aber den Schein.

Tatsächlich hat Ciri überlebt, kommt jedoch in einer Wüste zu sich, in der sie mehrere Tage um ihr Überleben kämpft. Ein überraschender Weggefährte wird ein junges Einhorn, das sie “Pferdchen” tauft und einige Male rettet. Obwohl sich hierbei auch ihre magischen Kräfte als nützlich erwiesen haben, entsagt sie ihnen jedoch letztlich und ist somit schutzlos, als sie am Rande der Wüste von Kopfgeldjägern aufgegriffen wird.  Sie entkommt ihnen, da ein weiterer Gefangener von den anderen Mitgliedern einer jugendlichen Räuberbande, den Ratten, gerettet wird. Beeindruckt von ihren kämpferischen Fähigkeiten nehmen sie Ciri auf, die von ihnen wegen ihrer Augen “Falka” genannt wird. Während sie vor allem den männlichen Mitgliedern misstraut, kommt sie der jungen Mistle schnell näher.

Zum Schluss erfährt man noch, dass Rittersporn sich auf den Weg zu Geralt macht, um mit ihm zusammen Ciri zu suchen.

Die Handlung nimmt drastisch an Fahrt auf und ein wenig wird die politische Lage unübersichtlich, wenn man sich vorher nicht die Mühe gemacht hat, sich die Namen und Allianzen der einzelnen Beteiligten zu notieren. Aber gerade deshalb war dieser Band so spannend  und es hat Spaß gemacht, mit Ciri mitzufiebern.

Etwas überraschend war die detaillierte Beschreibung der Kleidung der Zauberinnen beim Bankett, das sich für meinen Geschmack etwas zu lange hinzog, hierbei aber wohl einfach nur den Eindruck, den Geralt von all dem hat, verstärken sollte. Außerdem bietet das die Gelegenheit eine Diskussion über Artenschutz miteinzubringen, da die Damen sehr exotische Leder für ihre Schuhe gewählt haben. Ebenso fanden weitere Mythen und Märchen Einzug. Neben den auf Jungfrauen fixierten Einhörnern, taucht unter anderem die Wilde Jagd auf und bei den Ratten, klingt hin und wieder Peter Pan durch.

Mit seiner abwechslungsreichen Handlung und der Diversität der Handlungsorte, muss ich fast sagen, dass dieser Band mir am besten in der Reihe gefallen hat. Allerdings hatte ich mich zum Schluss tatsächlich gefragt, wie es in diesem Tempo die nächsten drei Bände weitergehen sollte.

Begonnen: 6.4.20   Beendet: 19.4.20

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