Mark Spörrle – “unten ohne”

Zu den Ritualen, an denen ich eisern festhalte, gehört, dass ich mich morgens für die Arbeit immer vollständig und einigermaßen bürotauglich anziehe. Aber nach zwei Jahren Home Office, einem Umzug nebst Renovierung mitten im Lockdown, über einem halben Jahr Internetproblemen und gewisser, dem ungehinderten Zugang zum Kühlschrank geschuldeter Gewichtszunahme, kann ich zumindest nachvollziehen, dass man(n) es untem rum während der Arbeit bequemer mag.

Laut kurzem Portät am Ende des Buches ist Spörrle nur wenige Jahre jünger als meine Eltern, auch wenn seine Tochter während der geschilderten Erlebnisse gerade mal halb so alt wie ich war, und es gelingt ihm gekonnt den Grund für den vermehrten Home Office in seiner unmittelbaren (seine Frau) und mittelbaren (ein laut telefonietender, aber dann dich netter Nachbar) Umgebung unter den Tisch fallen zu lassen. Zwar konnte ich mich mit der ersten Geschichte über das Fehlen einer Hose bei der wichtigen Videokonferenz nicht identifizieren, doch spätestens beim Kapitel “zwei am Schreibtisch ist eine(r) zuviel” stimmte ich regelmäßig innerlich zu. Teils trocken teils zynisch und bestimmt das ein oder andere Mal sehr überspitzt schildert er also den “neuen Alltag”. Vom Kampf um den ruhigen Arbeitsplatz mit gutem WLAN, über die versaute Tagesplanung, denn “man sei ja zu Hause und könne sich doch um x Dinge nebenbei kümmern” (jenen Tag verbringt er im Schlafanzug), hin zu der leider zu Hause nicht vorhandenen Kantine und virtuell gefeierten Party ist alles dabei. Manches habe ich sogar sehr ähnlich erlebt und nicht immer war der Lernprozess erfreulich.

Meine bessere Hälfte weiß inzwischen, dass er während meiner Arbeitszeit im Arbeitszimmer lediglich geduldet ist und er vorsichtig das Arbeitszimmer betreten muss, sollte ausnahmsweise doch mal die Kamera an sein.

Von motivierten Essensplänen, die anfangs tatsächlich den zweiwöchigen Einkauf erst möglich gemacht haben, sind wir inzwischen abgekommen. Wir wissen, was wir in welchen Mengen für welchen Zeitraum brauchen und sind beim Kombinieren der Zutaten deutlich mutiger geworden. Ein paar neue Lieblingsrezepte hat es dennoch gebracht und seitdem ich festgestellt habe, dass ich mich in der Kantine gesünder ernährt habe, wird sogar kommentarlos Zucchini auf meinem Teller akzeptiert.

Da mein Geburtstag im Frühjahr liegt, war ich vermutlich eine der ersten, die versuchten die gesellige Runde durch diverse Laptops zu ersetzen. Auch die Moderation von zwei Team-Weihnachtsfeiern kann ich mir inzwischen auf die Fahne schreiben. Im ersten Jahr verschickte unsere Chefin mit kleinen und schönen Weihnachtsdingen befüllte Überraschungspakete, im zweiten Jahr schob meine Mutter mir unauffällig Gebäck und Kekse auf ihren Schreibtisch. Am morgen war bei uns mal wieder das Internet mehrmals abgebrochen und ich stand spontan panisch bei meinen Eltern vor der Tür. Mittlerweile haben wir bestimmt den ein oder anderen Support-Mitarbeiter bei Telekom verschlissen und neben dem Router, den Kabeln zum Switch und der Anschlussdose in der Wohnung auch das über 20 Meter lange Kabel vom Keller zu unserer Wohnung erneuert. Damit hören hoffentlich auch endlich die peinlichen Situation auf, in denen ich endlich etwas zum Meeting beitragen kann und prompt rausfliege.

Wer also noch nicht genug geistigen Abstand zur Arbeitssituation der letzten zwei Jahre hat, lasse bitte die Finger von diesem Buch! Es könnte traumatisch werden und all den beruflichen wie privaten Stress wieder aufleben lassen, den man durchs Lesen doch einfach mal vergessen möchte. Wer jedoch inzwischen fast schon darüber lachen kann, der sei herzlich eingeladen einmal jenseits der Webcam in einer anderen Wohnung Mäuschen zu spielen.

Gelesen: Mai 2022

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Christina Berndt – “Resilienz – Das Geheimnis der psychischen Widerstandskraft”

Unausgeglichen. Oder viel mehr “aus der Bahn geworfen” ist eine Beschreibung, die in den vergangenen Jahren für mich wohl zutreffend geworden ist. Und ich brauchte nicht den letzten Zusatz des seeehr langen Titels (“Was uns stark macht gegen Stress, Depressionen und Burn-out”) um in der hiesigen Stadtbücherei nach diesem umfangreichen und anscheinend gründlich recherchierten Buch zu greifen. Trotzdem bin ich positiv überrascht worden.

Resilienz hat sich in den letzten Jahrzehnten als Sammelbegriff für die Fähigkeit etabliert trotz widriger Umstände oder harter Schicksalsschläge nach vorne zu schauen und das Beste aus seinem Leben zu machen. Ob man dazu erst einmal das Traumatische verdrängt oder gar Mitleid mit der Gegenseite entwickelt, ist dabei sehr individuell. Wer jedoch eine schnelle und allgemeingültige Lösung sucht, ist sowohl beim Thema Resilienz als auch bei diesem Buch falsch. Der Aufbau ist logisch und der Ton meistens sehr sachlich und faktenorientiert, was es von den üblichen Psycho-Ratgebern angenehm unterscheidet. Nur als Kommentar der 10 Punkte des “Road to Resilience” Plans der APA (American Psychological Association) wird festgestellt, dass Spiritualität durchaus beim Aufbau von Resilienz helfen kann.

Aber den Kern nach einigen Eingangsbeispielen von manchmal sogar bekannten Fällen bildet die Schilderung von über 60 Jahren Forschung auf dem Gebiet, die Quellen findet man im Anhang. Um die Erläuterung einer Hand voll langjähriger Studien, die zumeist Kinder von jungen Jahren an bis ins späte Erwachsenenalter begleitet haben, wird geschildert wie man erste Indikatoren und begünstigende Faktoren fand. Wie man unter anderem anhand von Tierversuchen mit Ratten und Totenkopfäffchen versuchte das bekannte Problem von “Nature vs. Nurture” (Welcher Teil der persönlichen Entwicklung ist Folge der erblichen Anlagen und welcher des Umfelds, in dem man aufwuchs und in dem man sich inzwischen befindet) zu entschlüsseln. Welche Rolle spielt die Epigenetik, also die Veränderung der eigenen DNA durch Umwelteinflüsse? Und so spannend diese Einsichten auch sind, die ernüchternde Erkenntnis für den erwachsenen Leser lautet leider, dass die wichtigsten Grundsteine für eine widerstandsfähige Psyche bereits in der Kindheit gelegt werden. Die Empfehlungen, was ein Kind hierfür braucht, sind wegen der verschiedenen oben genannten Faktoren genauso individuell wie die eigenen späteren Bewältigungsstrategien, weshalb ich bei Interesse dringend dazu rate, es selbst nachzulesen und ggf. selbst weiterzurecherchieren, aber zwei Punkte sind mir besonders im Gedächtnis geblieben. Ein Kind braucht eine zuverlässige Bezugsperson (nicht zwingend ein Elternteil) und, wenn es das Glück hat behütet aufzuwachsen, muss es in erträglichen Dosen Stress ausgesetzt werden, um eigene Problemlösestrategien zu entwickeln und zu lernen, dass es auch auf sich selbst vertrauen kann.

Wer es bis hierhin geschafft hat – und das Buch noch nicht frustriert in die Ecke gefeuert hat, da ja alles zu spät ist – der wird mit ein paar greifbaren Tipps belohnt. Nach der Erläuterung der fünf Charaktermerkmale (“Big Five”, Offenheit, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, Begeisterungsfähigkeit/Extraversion, Neurotizismus/emotionale Labilität) und vor der leider nicht vermeidbaren Ansprache, wie großartig Achtsamkeit(straining) sei, gibt es unter anderem die Bestätigung, dass man seinen Charakter sehr wohl in kleinen Schritten ändern kann, und die oben bereits erwähnte “Road to Resilience”.

  1. Bauen Sie soziale Kontakte auf
  2. Sehen Sie Krisen nicht als unlösbare Probleme
  3. Akzeptieren Sie, dass Veränderungen zum Leben gehören
  4. Versuchen Sie, Ziele zu erreichen
  5. Handeln Sie entschlossen
  6. Finden Sie zu sich selbst
  7. Entwickeln Sie eine positive Sicht auf sich selbst
  8. Behalten Sie die Zukunft im Auge
  9. Erwarten Sie das Beste
  10. Sorgen Sie für sich selbst.

Ob man die Lektion wirklich kapiert hat, kann man im Anschluss am besten daran testen, wenn man feststellt, dass man mindestens 8 der Punkte intuitiv bereits angegangen ist, aber sich dennoch instabil fühlt.

Wer sich auch nur ein wenig für den wissenschaftlichen Hintergrund interessiert, dem sei das Buch dennoch wärmstens empfohlen. Berndt schreibt gut verständlich und lässt neue Informationsquellen wie nebenbei einfließen, nimmt sich Zeit die Umstände einer Studie zu erläutern und greift gerne auch zu späteren Zeitpunkten darauf zurück, wodurch sich die neuen Eindrücke setzen können. Allerdings empfiehlt es sich, längere Lesezeiträume (>20 Minuten) zu planen, da man eine kleine Aufwärmphase braucht und so besser den Gedankengängen und Erläuterungen folgen kann.

Wem das zu aufwändig ist, dem empfehle ich zumindest dieses Zitat im Abschnitt “Wer stark ist, kennt sich selbst oft besonders gut”:

Ich HABE, ich BIN, ich KANN – so fasst die Schottin Brigid Daniel, Professorin für Sozialarbeit, die drei Grundbausteine der Resilienz zusammen: ich HABE Menschen, die mich gern haben und mir helfen. Ich BIN eine lebenswerte Person und respektvoll mir und anderen gegenüber. Ich KANN Wege finden, Probleme zu lösen und mich selbst zu steuern.

Begonnen: 6.5.22 Beendet: 26.6.22

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Terry Pratchett – “Eric”

Ankh-Morpork in einer schwülen Sommernacht, in der selbst die sonst so umtriebigen Gestalten der Nacht lieber breit und bräsig in ihren jeweiligen Ecken liegen. Dennoch sind laute Schritte zu hören. Und zwei Beschwörungsrituale später weiß man, dass es sich dabei um den Zauberer Rincewind handelt, der nach den Erlebnissen in “der Zauberhut” in der Zwischenwelt gefangen war. Das erste Ritual beschwört Tod, der fasziniert fragt, wer denn in dem Kreis erscheinen solle. Das Zweite wird durchgeführt von einem sehr jungen Dämonenbeschwörer, der seinen Fehler lange Zeit nicht einsehen wird. Aber wie immer – mehr oder minder – der Reihe nach.

Wie jede Welt, die etwas von sich hält, hat die Scheibenwelt neben dem Berg der Götter selbstverständlich eine Unterwelt und abhängig davon durch welche Tür man diese wundervolle auf Elefantenrücken ruhende Scheibe betritt, ist man an gewisse Regeln gebunden. Dies Erkenntnis ereilt auch Rincewind, als er versucht dem jüngsten Beschwörer der Scheibenwelt zu entkommen. Denn Eric Faustus hat in den alten Sachen seines Großvaters gestöbert und nach reichlicher Vorbereitung formvollendet seinen ersten Dämon beschworen. Zum Glück sind seine Wünsche sehr bescheiden (Reichtum, Weltherrschaft und der Anblick der schönsten Frau der Welt) und so freut er sich bereits darauf den “Lohn für seine Mühen” zu empfangen, während ihm dieser seltsame Dämon doch allen Ernstes einzureden versucht, er sei ein Mensch.

Seltsamerweise geschieht tatsächlich etwas, als Rincewind mit den Fingern schnippst, und sie treffen im Regenwald von Klatsch auf die Tetzumane, die in Eric ihren in Weissagungen versprochenen Herrscher erkennen. Dieser lässt sich also hoch erfreut feiern, nichts ahnend, dass die Tetzumane auf Grund ihrer Religion, die frühmorgendliche Menschenopfer beinhaltet, ein eher unzufriedenes Volk sind und ihren Schuldigen längst gefunden haben. Der stilvollen Hinrichtung können die beiden Reisenden nur durch erneutes Schnippen und dem plötzlichen Auftauchen von Truhe (ich könnte schwören, sie hieß früher “das Gepäck”) entgehen.

Nun landen sie auf der Suche nach der schönsten Frau mitten im zortanischen Krieg, genauer in einem gewissen Holzpferd. Das ganze wird extrem dadurch abgekürzt, dass Rincewind auf der Suche nach einem Ausgang den Efibianern das Tor öffnet. Kurz darauf trifft Eric die Erkenntnis, dass Geschichtsschreiber ziemliche Lügner sind und auch die einst “schönste Frau der Welt” nach 10 Jahren Stadtbelagerung und erfüllter Mutterschaft sich zumindest äußerlich verändert hat.

Das nächste Schnipsen bringt sie an das Ende und den Beginn der Scheibenwelt. Sie treten im wahrsten Sinne des Wortes vor ihren Schöpfer und das vom hungrigen Rincewind erbetene Eier-Kresse-Sandwich – leider ohne Majonaise – wird am ersten Strand der Scheibenwelt zum Katalysator des Lebens. Selbstverständlich kann es danach nur noch abwärts gehen. Denn in der Hölle zog derweil ein Höllenfürst die Fäden, um den etwas zu übereifrigen König der Hölle als “Präsidenten” wegbefördern zu können.

Letzten Endes wurde nicht nur Eric nach Erfüllen seiner Wünsche zufriedener, sondern alle, denen sie auf dieser Reise begegnet sind. Wie genau, lest ihr bitte selbst.

Und wieder einmal wurde es auf der Scheibenwelt ein bisschen enger. Troja. Azteken. Und natürlich die Unterwelt müssen dort nun ebenfalls Platz finden. Dennoch war diese wüste Mischung aus “Faust”, “Aladin” und “Bartimäus” äußerst amüsant.

Gehört: Februar 2022

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Julia Quinn – “Mit List und Küssen”

Selten war ein Titel so passend und gab den Inhalt so treffend wieder. Julia Quinn gelingt es trotzdem daraus ein kurzweiliges Buch zu machen, auch wenn ich mir einen stellenweise einen weniger vorhersehbaren und verästelteren Plot herbeigewünscht habe wie Lady Sarah sich den Ausfall der musikalischen Soiree. Aber mal wieder der Reihe nach.

Neben der durch die Netflix-Verfilmung hierzulande bekannt gewordenen “Bridgerton”-Reihe gibt es anscheinend noch einige weitere Romane, in denen diverse Figuren Gastauftritte haben (und umgekehrt). In diesem Fall wird die immer mal wieder erwähnte Familie der Smythe-Smiths vorgestellt. Deren jüngste Tochter Honoria soll im zweiten Jahr in Folge zu Beginn der Saison (Mitte April 1824) eine Familientradition fortführen, indem sie mit ihren Cousinen Iris, Daisy und Sarah ein Quartettstück von Mozart niedermetzelt. Vor diesem grauenvollen Ereignis ist frau nur sicher, wenn sie heiratet. Und so wundert es den Leser bald nicht mehr, dass sie vorab in Cambridge versucht, bessere Kontakte zu den unverheirateten Männern der feinen Gesellschaft zu knüpfen.

Die anfänglich gute Idee einer Wochenendveranstaltung bei der befreundeten Familie Royle mit vier solcher Kandidaten (darunter Gregory Bridgerton), nimmt aber eine ungeahnte Wendung, als der beste Freund ihres Bruders (zufällig ein Nachbar der Royles) sie im Wald beim vorbereiten einer List entdeckt. Der Plan lautete mittels eines künstlich geschaffenen Maulwurfhügels einen verstauchten Knöchel vorzutäuschen und sich von den jungen Männern nach der Jagd “retten” zu lassen. Blöderweise werden Honorias Hilferufe jedoch überhört und Marcus Holroyd verstaucht sich bei dem Versuch ihr aufzuhelfen tatsächlich den Knöchel. Die Rettung erfolgt nur verzögert und mitten im Regen.

Am nächsten Tag versichert Honoria sich, dass mit Marcus alles in Ordnung ist, entschuldigt sich für die Situation und reist anschließend durch den Kranken beruhigt nach London ab. Doch die scheinbare Ruhe herrscht nicht lange an und es kommt ein Brief von Marcus’ Hasuhälterin, es sähe nicht gut um ihn aus. Also reist Honoria, diesmal mit ihrer Mutter Lady Winstead im Schlepptau, zurück und findet mitten in der Nacht einen fiebrigen Lord vor. Wie sie bald herausfindet, hatte der (ältere) Arzt das Fieber auf eine Erkältung geschoben und dabei die sich entzündende Wunde am Bein übersehen (durch den geschwollenen Knöchel hatte sein Kammerdiener den Stiefel vom Fuß schneiden müssen und ihn dabei verletzt). Dies holt Lady Winstead aus ihrer Lethargie, in der sie sich seit dem Fortgang ihres Sohns vor drei Jahren befand, und sie macht sich unterstütz von ihrer Tochter daran, die Wunde von Eiter und abgestorbenen Gewebe zu befreien, während sie erneut auf den Arzt warten. Der (jüngere) Arzt lobt ihre Arbeit und gibt ihnen allen etwas Hoffnung auf Marcus’ Genesung, ohne dass das Bein amputiert werden müsse.

Während all dieser Zeit bleibt Honoria, teils gequält von Schuldgefühlen, an seiner Seite und pflegt ihn, was bei beiden heimlich zu dem Eingeständnis führt, dass sie den anderen mehr als nur freundschaftlich mögen. Doch der erste vorsichtige Kuss entsetzt sie und nachdem sie in einem Brief von Daniel an Marcus liest, dass dieser sich in seiner Abwesenheit um seine Schwester kümmern solle und bereits einige unpassende Verehrer erfolreich vergrault habe, geht sie auf Abstand.

So früh wie es sein Gesundheitszustand erlaubt, begibt Marcus sich ebenfalls wieder nach London, obwohl der als von Natur aus eher schüchterner Mensch den Rummel dort eher meidet, und überlegt, wie er Honoria den Hof machen könnte. Wie sich herausstellt reicht etwas gegenseitige Eifersucht, befeuert durch seine Urgroßtante Lady Danbury, und die darauf folgenden, klärenden Worte – in ihrem Schlafgemach. Ihren Abschiedskuss bekommt prompt der heimkehrende Bruder mit und gefleddert und verbeult nimmt sich Marcus im Anschluss noch einen besonders unhöflichen Gast der Soiree vor. Bevor er Honoria vor allen anderen einen Antrag macht und Ladz Danbury “aus Versehen” Honorias Geige zerstört.

Wie oben bereits erwähnt, ist die Handlung eher gradlinig und hält wenig Überraschendes bereit. Auch nimmt die Krankenpflege einen sehr großen Teil des Buches ein, aber man weiß nie, dass man schon immer über die korrekte Wunddesinfektion in allen Einzelheiten aufgeklärt werden wollte, während man im Wartezimmer sitzt, bis man es einmal erlebt hat. Deutlich amüsanter fielen hingegen die Schilderungen der Quartettproben aus, die sich nicht selten darum drehen, dass dreien durchaus bewusst ist, wie grauenvoll sie zusammen klingen, und wie man unter befolgen der Familientradition der Soiree fern bleiben könnte. Sarah gelingt es sogar!

Begonnen: 4.5. Beendet: 7.5.22

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Stefanie vor Schulte – “Junge mit schwarzem Hahn”

Roman. Märchen. Krimi. So ganz bin ich mir nicht sicher, was genau dieser Erstling ist. Er ist auf jeden Fall dicht und bedrückend wie der Winternebel um die Burg, zu der letzten Endes alle Spuren führen, und zugleich hoffnungsvoll, da in einer Welt voll Schlechtem doch etwas Gutes entstehen kann.

Mit der Frage nach dem Schlüssel zur Kirche beginnt die Geschichte um den jungen Martin, der mit seiner offenen, ehrlichen Art den Bewohnern des kleinen Dorfes von klein auf unangenehm ist. So ist er es auch, der mitten im Gewitter zum Pfarrer im Nachbarort geschickt wird, um dort nachzufragen. Als er Wochen später im aufgeweichten Schlamm eines Weges einen menschlichen Schädel entdeckt und nachweist, dass es sich dabei um Mord handelt, ist seine Zeit im Dorf endgültig abgelaufen. Schließlich war er sowieso nur geduldet, nachdem sein Vater eines Tages die ganze Familie bis auf Martin mit dem Beil erschlagen hat. Seitdem lebt der Junge allein mit einem schwarzen Hahn und verdient sich das wenige Essen, indem er alle Aufgaben übernimmt, die sonst niemand machen möchte. Einzig die Wirtstochter Franzi und ein umherziehender Maler sind nett zu ihm.

Es steht also fest, dass Martin das Dorf zusammen mit dem Maler verlassen wird. Und so sieht der Junge das Land, Städte, vom Krieg Verwundete und noch mehr Gräuel, das sich die Menschen untereinander antun. Sein Interesse daran wie bestimmte Wunden entstehen, wächst mit seiner Fähigkeit zu zeichnen noch, und es wird deutlich, dass er die “einfache” Lösung nicht auf sich beruhen lassen kann, wenn anderen dadurch ein Unrecht geschieht. Was ihn umtreibt, ist der Raub der kleinen Nachbarstochter auf offener Straße, den er nicht verhindern konnte. Als sich die Wege des Malers und seine schließlich trennen, weiß er bereits, dass er dorthin muss, wo die Geschichte von dem Reiter nicht bekannt ist. Und in der Tat hat er Glück und treibt in einem kleinen Boot einer Gruppe besagter Reitern direkt vor die Füße. Unter dem Vorwand bei ihnen anheuern zu wollen, erfährt er mehr, darf sich ihnen aber nur anschließen, wenn er den anderen Reiter “aus dem Wald” rettet. Da er mit dem Hahn auf der Schulter oft für den Teufel persönlich gehalten wird, gelingt ihm auch dieses Kunststück.

Weiter geht es mit dem Geretteten zur Burg, wo Martin bei der in Ungnade gefallenen Familie des Reiters, aber auch beim Thomanns genannten Narr rasch Anschluss findet. Um der Fürstin die Kunststücke des Hahns und das vermeintliche Bauchrednern zu zeigen, darf er im Herbst mit auf ein Fest, doch die Situation eskaliert und dann ziehen die Kraniche über die Burg. Damit beginnt ein dunkler und bedrückender Winter. Der Kontakt mit der Außenwelt wird wie in all den Jahren zuvor unterbrochen, nur die Fürstin hungert nicht, nachts hört man grausige Geister und der Thomanns, gleichzeitig der Henker, bereitet sich darauf vor sein Todesurteil zu vollstrecken, ohne dass es ihm als Selbstmord ausgelegt werden könnte. Erst die Rückkehr der Reiter mit zwei Kindern, die denen der Fürstin bis aufs Haar gleichen, bringt eine Verbesserung. Inzwischen hat Martin längst durchschaut, dass die Fürstin Angst vor dem Altern hat und durch Terror herrscht. Der Säugling in ihren Armen ist ein Puppe, aber die Kinder, an denen man das Voranschreiten der Zeit am meisten sieht, werden jedes Jahr aufs Neue “ausgetauscht”. Deshalb lässt Martin sich auf das “Schlafspiel” ein, dass den Bittstellern die Möglichkeit einer Audienz einräumt, wenn es ihnen gelingt Tage ohne Schlaf auszukommen. Dank des Hahns und dem Mitgefühl anderer Mitspieler und Wachen gelingt es, doch die Fürstin überhört geflissentlich seine Bitte, ist der Hahn doch viel interessanter. Eben dieser wird jedoch zu ihrem Verderben, indem er auf ihrer Brust hockend sämtlichen Unrat aufwirbelt.

Martin flieht mit den Kindern und dem Maler (ja, auch er taucht wieder auf) und reist mit ihnen solange durch die Gegend, bis sie wieder bei ihren Familien sind. Daraufhin kehrt Martin ein letztes Mal ins Dorf zurück, um Franzi zu bitten, mit ihm zu kommen, was diese gerne tut.

Das Buch ist nicht sehr lang und die zweite Hälfte habe ich quasi in einem Rutsch durchgelesen, aber zu Beginn wirkt alles sehr episodenhaft und fügt sich erst mit der Zeit zusammen. Wie viel gerade die kleinen Details ausmachen, ist erstaunlich, passt aber auch gut zu der offenen und neugierigen Art, mit der Martin die Welt betrachtet. So gönnt man Martin es auch, dass er erfährt, dass sein Vater durch das Schlafspiel verrückt geworden ist, auch wenn es etwas zu viel der “glücklichen Umstände” ist. Wo der Schlüssel zur Kirche war, wusste er bereits die ganze Zeit, und der aufmerksame Leser hätte es bestimmt auch geahnt.

Ein zentrales Element ist das Spiel mit Schein und Sein. Nicht nur, dass der Maler seine Modelle frei in die hübschesten Szenen setzt, sondern wie oft sehr eindeutige Täuschungen thematisiert werden. Eines der wenigen positiven Beispiele ist dabei der schwarze Hahn. Er wird von den meisten anderen als “teuflisch” angesehen, aber in Wahrheit ist er Martins treuer Begleiter seit frühester Kindheit und steht ihm mehr als einmal mit klugen Ratschlägen zur Seite.

Etwas gewöhnungsbedürftiger als der sprechende Hahn ist hingegen die nicht genaue Einortbarkeit von Zeit und Ort des Geschehens. Ich habe ständig nach Anzeichen gesucht, und bin doch nicht weiter als Mitteleuropa zwischen 17. und 19. Jahrhundert gekommen. Aber vielleicht braucht die Geschichte genau das – oder besser genau das nicht. Denn so entsteht eine gewisse Universalität wie sie doch alle Märchen haben.

Begonnen: 15.2. Beendet: 22.2.22

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Liam Erpenbach – “In Love with Adam”

Die Schulzeit ist – vor allem wenn man nicht zu den “Angesagten” gehört – nicht gerade die leichteste Zeit im Leben. Neben dem Lehrplan muss man lernen wie das Leben an sich und soziale Gefüge funktionieren und auch, wer man selbst ist. Dass Samuel in diesem Durcheinander sogar seine erste Liebe findet, ist dabei fast schon zweitrangig. Wie der Titel von Erpenbachs Debütroman schließen lässt, ist dieses Buch ein waschechter Liebesroman, aber eben noch so einiges mehr…

Sam zählt die Wochen und Tage bis zu seinem Schulabschluss, bis er fürs College endlich aus der typischen Kleinstadt in den Südstaaten abhauen kann. Denn er passt mit seiner ruhigen, beobachtenden Art und der Ablehnung gegenüber Football nicht so wirklich rein. Seitdem sein bester Freund bei einem Fahrradunfall ums Leben kam, hat er sich vollends von den anderen Jugendlichen abgekapselt, geht über all zu Fuß hin und vergräbt sich in Büchern. Letzteres führt zu einem ersten Gespräch mit dem äußerst beliebten, selbstverständlich footballspielenden Anwaltssohn Adam, der im Secondhand-Buchladen als “Lebenslektion” jobbt. Dadurch ermutigt sucht Adam nun immer öfter den Kontakt zu Sam, bittet ihn ihm den Schulstoff zu erklären, fährt ihn nach der Schule zu Sams Großvater, einem verwitweten Kunstprofessor, und fragt ihn sogar, ob er zum Schulball kommen werde.

Anfangs hat Sam noch bedenken, da drei von Adams Mitspielern ihn täglich mobben, und er einen miesen Streich vermutet. Aber warum hätte Adam ihn dann schließlich geküsst? Viel Zeit, um sich deswegen auszusprechen, bleibt jedoch nicht. Am Abend des Balls wird Sams Großvater ins Krankenhaus eingeliefert und verstirbt dort und am Tag der Beerdigung passen die oben erwähnten Mobber ihn ab, erzählen ihm von, wie sie mit Adam gewettet haben und stoßen Sam eine Böschung hinab. Mit schweren Verletzungen überlebt er und bleibt zunächst bei der Aussage all das sei nur ein “Unfall” gewesen. Allein zu Hause sucht er schließlich nach Ablenkung und erinnert sich an die Sachen seines Großvaters auf dem Dachboden (er hatte bis zur Hochzeit seiner Tochter im Haus gewohnt). Ihre Gespräche und den großväterlichen Rat vermissend beginnt er die Tagebücher aus 1958 zu lesen und sieht sich mit einer komplett unbekannten Seite seines Großvaters konfrontiert. Der promovierte in diesem Jahr in Los Angeles und lernte seine spätere Frau kennen – hatte sich aber zuvor mit einem Mechaniker angefreundet, zu er bald tiefere Gefühle entwickelte, denen er jedoch nie nachgegeben hatte. In dem Wissen, dass sich die Welt seit damals zumindest etwas weiterentwickelt hat, beschließt Sam daraufhin, mutig sein Leben endlich in die eigenen Hände zu nehmen. Er spricht sich mit Adam aus, erfährt so, dass die Wette lediglich den lange ersehnten Vorwand für mehr Kontakt zu ihm geliefert hatte, und macht seine Aussage bei der Polizei, da er verhindern will, dass Mobber ungestraft durchs Leben kommen. Das Ende ist ruhig und mit positivem Blick in die Zukunft. Adam und Sam lernen viel gemeinsam für ihren Abschluss und beginnen regelmäßig mit Sams Eltern zu Abend zu essen, die zwar noch nichts von deren Beziehung wissen, aber den Freund ihres Sohnes bereits ins Herz geschlossen haben.

Das Buch ist nicht sonderlich lang und die Handlungsparallelen zu Filmen wie “Eine wie Keine” machten zumindest den Verlauf der Liebesgeschichte sehr bald vorhersehbar. Gleichzeitig hat das genug Platz für eine erstaunliche Tiefe aller anderen zwischenmenschlichen Erfahrungen gemacht. Unsicher- und Zerrissenheit sind genauso nachvollziehbar wie Schmerz, Verletztheit und Zorn ohne dabei jemals überzeichnet und gar lächerlich zu wirken. Sam ist einfach ein Teenager, der seinen Platz noch finden muss und glücklicherweise stur genug ist, sich nicht in das vorgegebene Bild von “normal” zu zwängen. Vielleicht ist damit die Quintessenz “Wenn du dir selbst treu bleibst, kann es besser werden (aber der Weg dorthin wird weh tun)”.

Begonnen: 28.12.21. Beendet: 1.1.22

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Vonda N. McIntyre – “Das Lied von Mond und Sonne”

Zu Weihnachten und Silvester hin neigen viele Menschen zu Pump und zu Glitzer. Man dekoriert, beleuchtet, zieht sich schick an und es gibt besondere Speisen, die nur einmal im Jahr zubereitet werden. Passend dazu hat sich ein Ausflug nach Versailles im Jahr 1693 der besonderen Art als besonders fesselnd herausgestellt und dafür gesorgt, dass ich teilweise so lange aufblieb wie die erlauchten Gäste Ludwigs XIV.

Die später aus der Geschichte getilgten Ereignisse ereignen sich in etwas mehr als einer Woche im Spätsommer 1693 und haben die junge, adelige Waise Marie-Josèphe de la Croix im Fokus. Sie ist erst seit Kurzem am Hof und wartet der Nichte des Königs, “Lotte”, auf. Ihre Aufgaben erweitern sich schlagartig, als ihr Bruder Yves von einer Expedition erfolgreich zurückkehrt. Zur Ehre seines Königs hat der junge Jesuitenpater mehrere Seeungeheur gefangen und seine Schwester assistiert ihm, in dem sie die Sektion des toten, männlichen Exemplars grafisch festhält und das lebendige, weibliche Exemplar füttert und zu zähmen beginnt. Nicht nur der bald darauf eintreffende Papst Innozenz XII. ist von ihrer wissenschaftlich begeisterten Seite mehr als verwundert. Abwertende Kommentare trotz ihres offensichtlichen Talentes, das mit einer ebenso ausgeprägten Musikalität einhergeht, sind leider an der Tagesordnung. Durch diese und ihr zunehmend zu vertrauliches bis hin zu übergriffigem Benehmen verspielen es sich auch zwei der möglichen Anwerter auf das Herz der im Kloster erzogenen jungen Hofdame. Einzig Lucien de Barenton, der Berater des Königs, scheint es tatsächlich um sie selbst zu gehen und unterstützt sie bei ihren Aufgaben und Problemen bedingungslos.

Diese Hilfe hat Marie-Josèphe leider auch bitter nötig, damit sie all ihren Verpflichtungen während des “Karusells” (einem einwöchigen Fest zu Ehren der der Versöhnung zwischen Ludwig und Innozenz) gerecht wird. Einen Teil übernimmt ihre ebenfalls in Martinique geborene türkische Sklavin Odelette, die durch ihr Können bald an Ansehen unter den Damen gewinnt und genug Geschenke erhält, um nach ihrer Freilassung in die Heimat ihrer Mutter zurückzukehren. Dass dieser Schritt notwendig ist, wird Marie-Josèphe klar, während sie mehr Zeit mit dem “Seeungeheur” verbringt, das sein Dasein unglücklich in einem viel zu kleinen und zunehmend verschmutzten Springbrunnen fristen muss. Sie gehört zu den wenigen, die empfänglich für dessen besondere Sprache ist, die durch Gesang Bilder im Kopf erzeugt, und so erfährt, dass die Meermenschen intelligente, fühlende Wesen sind, die seither unter den Menschen gelitten haben. Umso überzeugter setzt sie sich von nun an dafür ein, dass die Meerfrau nicht das Schmuckstück des abschließenden Banketts wird und/oder dem königlichen Wunsch nach Unsterblichkeit geopfert wird. Doch sämtliches Flehen und Darlegen der Fakten sind umsonst und auch die Bestechung mit Schätzen aus einem versunkenen Schiff, verhindert nur das Schlimmste, da sie, Ives und Lucien zuvor die Meerfrau befreien.

Doch die Flucht misslingt und die Meerfrau wird ans Bug gefesselt gezwungen die Lage weitere Schätze zu verraten. Marie-Josèphe gelingt es sie zu befreien, muss sich jedoch anschließend dem Urteil von Papst und König stellen. Sie und Lucien werden vermählt und gemeinsam vom Hofe verbannt, während Yves sämtliche Aufzeichnungen der Meermenschen finden und zerstören soll, um diese zu schützen. Ein bisschen Weisheit ist den Herrschern dann vielleicht doch gegeben…

Die opulenten Beschreibungen der diversen Begegnungen, Festivitäten und Routineabläufe, sowie was wer wann trägt, lassen die Handlung zunächst etwas dahinplätschern und erschweren leider das zügige lesen, doch spätestens nach dem ersten Drittel kann man das Buch kaum noch zur Seite legen und man versteht sie zugleich als essentiellen Bestandteil der Kulisse. Die Sprache ist glaubhaft, historisch in der wörtlichen Rede und ruft wie der Gesang der Meerfrau Bilder vor dem geistigen Auge hervor. Wie von eben dieser zum Schluss festgestellt, ist Marie-Josèphe für den Hof, aber eigentlich auch das wahre Leben viel zu naiv, überzeugt aber durch ihre Prinzipientreue, Neugier und Liebe zu Wissenschaft und Musik. Auch die anderen Charaktere bleiben selbst in ihrer höfischen Überdrehtheit glaubhaft. Und einen großen Pluspunkt gibt es für die äußerst sympathisch dargestellte und nicht weit von hier geborene Elisabeth Charlotte von der Pfalz. Nur die große Fülle an Halbgeschwistern in Marie-Josèphes Generation lässt das Ganze leicht unübersichtlich werden. Dafür gibt es jedoch zum Glück eine “Liste der handlungstragenden Personen”, durch die man sich außerdem nochmals davon überzeugen kann wie facettenreich die Figuren sind.

Weitere Informationen darüber wie der Tod von Avram Davidson, ein Drehbuch-Workshop mit Stephen Spielberg und Illustrationen sowie das Korrekturlesen von Ursula K. LeGuin dieses unglaublich durchdachte Werk beeinflusst haben liefert schließlich das Nachwort. Und ich dachte das Buch könnte nicht noch besser werden!

Begonnen: 18.12 Beendet: 30.12.21

PS: Auf “Das Lied von Mond und Sonne”/”Am Hofe des Sonnenkönigs” bin ich durch den Trailer zu “The King’s Daugther” gestoßen und muss leider bereits meine Bedenken äußern. Denn erstens ist Marie-Josèphe, sondern ihr Bruder Yves ein außerehelicher Nachkomme und zweitens haben sie aus dem kleinwüchsigen Lucien einen großen, breitschuldrigen Schönling gemacht (oder sie küsst jemand komplett anderen und haben ihn aus dem Trailer gestrichen). Damit wäre eine wichtige Aussage, nämlich, dass die wahre Natur eines Wesens nicht am Äußeren festzumachen ist, komplett gestrichen.

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Nicole Snow – “No good Doctor” (kurzgefasst)

Wechsel das Genre. Dieser einfach Rat meines Serienjunkies trieb mich geradewegs in die Arme von Doctor Gray “Doc” Caldwell und zu der mal wieder bestätigten Erkenntnis, dass “Twilight” auch super, wenn nicht gar besser, ohne Vampire funktioniert hätte.

Auf der Suche nach etwas Neuem nimmt die junge, tollpatschige (Sept)Ember Delwen den Job als Tierarzthelferin im kleinen, verschlafenen Städtchen Heart’s Edge an. Der Beruf liegt ihr und selbst mit Patienten wie einer Baketball-verspeisenden Würgeschlange kommt sie gut zu Recht. Wenn da nur nicht die Besitzerinnen wären! Denn die sind alle samt und sonders hinter “Doc”, Embers gutaussehendem Chef Ende 30 her.

Aber zumindest eine der Damen hat ganz andere Absichten. Fuchsia tyrannisiert Ember, um so Doc aus der Reserve zu locken und zur Mitarbeit an einem acht Jahre zurückliegenden Projekt zu bewegen. Einst hatten sie gemeinsam an einem tödlichen Virus geforscht, doch Doc und der Sicherheitsmann “Nine” hatten im letzten Moment den Testlauf in der Kleinstadt verhindert. Dass sie das kleinere Übel ist, wird klar, als der alte Projektleiter ebenfalls zurückkommt und sich als Mäzen aufspielt, um das Vertrauen der Bewohner zu gewinnen…

In diesem ganzen Durcheinander kommen sich Ember und Doc unvermeidbar näher. Er schenkt ihr sein Vertrauen und sie ihm ihre Jungfräulichkeit. Letztlich rettet er sie sogar aus einem brennenden Theater, nachdem er den Bösewicht seiner gerechten Strafe zugeführt hat. Somit steht dem glücklichen Ende mit Hochzeit und zwei Kindern nichts mehr im Wege.

Wie bei diesem Genre üblich, war sehr schnell klar, worauf die Geschichte hinauslaufen wird. Unterhaltsam zu lesen war sie dennoch. Beide Hauptfiguren, die abwechselnd die Handlung schildern, sind zwar ziemlich überzeichnet, sei es Gray mit düsterer Vergangenheit oder Ember mit ihrem wirklich jeden Beschützerinstinkt ansprechenden Verhalten und Äußerem, aber dafür verleihen die zahlreichen Nebenfiguren einen gewissen Charme. In so einer Kleinstadt kennt schließlich jeder jeden und man wird das Gefühl nicht los, dass das Buch definitv Teil einer Reihe ist.

Begonnen: 16.11. Beendet: 7.12.21

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William Gibson – “Neuromancer”

Ich muss nur kurz die Augen während des Lesens schließen, nur kurz blinzeln, und schon blitzen die Neon Lichter von Night City davor auf, spüre ich die Troden auf meiner Haut und das Unwohlsein, dass die Schwerelosigkeit in Case hervorruft.

Wer Case ist? Henry Dorsett Case ist ein ehemaliger “Cowboy”, als ihn der Leser kennen lernt. Ehemalig, weil ein unzufriedener Arbeitgeber es ihm durch eine Chemikalie unmöglich gemacht hat wieder in den Cyberspace zurückzukehren. Und so fristet er seine Tage in Chiba, in der Tokyoter Bucht, entweder high und betrunken oder mit dem Versuch genug Geld zusammenzubekommen, um diesen Zustand zu erlangen. Eines Abends merkt er, dass er verfolgt wird, und nach etlichem Katz-und-Maus-Spiel gelingt es Molly ihn zu überwältigen. Ihr Auftraggeber, Armitage, lässt den Schaden an seinem Gehirn reparieren und eröffnet ihm, dass er ihn für einen Run bräuchte. Kurz vor der Abreise wird seine Freundin Linda Lee, der er sein letztes Geld gab und die ihm prompt seine aktuelle Hehlerware stiehlt, vor seinen Augen getötet. Somit hält ihn nichts mehr.

Der erste Stopp ist in den USA, dem Sprawl, in dem riesigen Stadtgebilde, zu dem alles zwischen Boston und Atlanta gewuchert ist (BAMA). Mit Hilfe einer Aktivistengruppe, einem Simstim-Zugang, durch den Case Mollys Sinneseindrücke live miterleben kann, und einem Computer gelingt ihnen der Einbruch in eine Bank, um einen weiteren Helfer zu akquirieren. Als Flatline werden Persönlichkeitsrekonstruktionen bezeichnet und die erbeutete Flatline Dixie war niemand anderes als Case’ Freund und Mentor Pauley McCoy. Er starb bei dem Versuch durch das EIS einer künstlichen Intelligenz zu kommen.

Während es weiter nach Istanbul geht, um dort den Illusionisten Peter Riviera zu rekrutieren, beschließen Molly, Case und Dixie mehr über Armitage herauszufinden. Schnell finden sie Unterlagen, wonach er eigentlich Corto heißt und der einzige Überlebende einer Mission in Russland war. Seine gesamte jetzige Persönlichkeit wurde ihm vom eigentlichen Auftraggeber, Wintermute, eingepflanzt.

Und ab geht es ins All! Mit einem Schlenker über Zion – schließlich braucht man Techniker, die keine Probleme mit der Schwerelosigkeit haben – geht es nach Freeside, einem wie eine Spindel angelegtem Luxusreiseziel. Dort nutzt Riviera seine Fähigkeiten, um 3Jane Tessier-Ashpool auf sich aufmerksam zu machen, während der Rest den tatsächlichen Run vorbereiten. Die von France Tessier einst entwickelte KI will sich befreien und braucht jemanden, der ihre Hardware-Fesseln sprengt. So beginnen Case und Dixie sich ins Hauptsystem der Familie zu hacken, während Molly in die Villa Straylight einbricht. Doch als ihre Konfrontation mit 3Jane anders verläuft als erwartet, begeben sich auch Case und Maelcum physisch dort hin. Sein eigentlicher Computer war zu wenig transportabel und als er sich mit Erlaubnis von Wintermute direkt vor Ort einstöpselt, um im Cyberspace die Lage zu kontrollieren, lernt er die zweite Hälfte der KI kennen. Neuromancer.

Wie bei McCoy sorgt diese Begegnung für seinen Hirntod und er verbringt einige Tage mit Linda in einer Zwischenwelt, bis dieser Strippenzieher auftritt. Anders als Wintermute hat er Persönlichkeit und glaubt den Willen von France Tessier verstanden zu haben, während ihr Mann Ashpool die Familie durch lange Phasen im Kryo-Schlaf unsterblich machen will.

Letztendlich gelingt es Maelcum Case nach einigen Minuten zurückzuholen. Sie retten Molly und befreien die KI(s), die nun den Cyberspace komplett einnehmen.

Zurück auf der Erde an dem Tag, an dem Molly ihn verlässt, trifft Case erneut auf die KI, die ihm offenbart, dass sie nun die ganze Matrix durchdrungen und Kontakt zu anderen wie ihr aufgenommen habe.

Was soll ich sagen? Wo soll ich anfange? Vielleicht damit, dass sich das seltsame Gefühl in mir irgendwo zwischen Bauch und Kopf erst legte, als ich das Erscheinungsjahr nachschlug. 1984. Damit war klar, weswegen die USA offensichtlich einen (kalten) Krieg mit Russland führten und Bonn als Ziel für eine Atombombe in Frage kam. Es stellte aber auch meine Wahrnehmung auf den Kopf und gleichzeitig wieder richtig rum. Manche Begriffe erinnerten mich sehr an die “Matrix”-Filme, während die Ästhetik eindeutig aus “Ghost in the Shell” (dem Anime von 1995) stammte. Das zeigt aber auch wie bildhaft Gibsons zahlreichen atmosphärischen Beschreibungen tatsächlich sind, während ich mir beim besten Willen keine Verfilmung des Buches vorstellen kann. Zu viele Details würden verloren gehen, von den manchmal erstaunlich philosophischen Gedankengängen in Case Kopf, dessen limitierter Sicht der Leser ständig folgt, ganz zu schweigen.

Aber irgendwie war das Buch auch anstrengend. Laut eBook-Reader waren es nur knapp 250 Seiten und bei jeder einzelnen habe ich gekämpft, um die Reizüberflutung einigermaßen zu überstehen. Während ich mit der Handlung vorankommen wollte, wissen wollte, was hinter der nächsten Straßenbiegung kommen würde, welche neue Person, welche Daten die Matrix in ihrer mal schlechten, mal brilliantscharfen Auflösung darstellen würde, traute ich mich nicht schneller zu lesen, Abschnitte zu überspringen. Zu groß war die Gefahr, dass ich wichtige Details verpassen würde. Und so habe ich drei Wochen später, obwohl noch einige gute Bücher im “Ungelesen”-Fach auf mich warten, noch nichts Neues angefangen. Eine Wiederholung des “Nachtzirkus“, Agatha Christie’s “Ein Schritt ins Leere” (beides als Hörbuch) einfach so nebenbei, aber nichts mit Substanz, nichts, was meinen Kopf wirklich fordern würde. Anscheinend versuche ich immer noch die Tragweite dieses Buches zu verarbeiten. Es hat ewig auf meiner Leseliste geschlummert, eine Empfehlung eines meiner allerersten Chefs, aber irgendwie hat es erst jetzt Sinn gemacht es zu lesen, verstehe ich doch zum einen endlich all die Anspielungen an bereits vergangen Zukünftigen und die Tragweite der beschriebenen Technik.

Insgesamt ist es absolut lesenswert, nicht nur für Sci-Fi-Fans. Denn bei aller zelebrierter Technikverliebtheit steht eigentlich der Mensch im Mittelpunkt. Molly, die sich mit ihrer implantierten VR-Brille von ihrer Umwelt emotional versucht abzuschotten, Case, der lernen muss, dass nicht sein ganzes Leben aus Rausch bestehen kann, Armitage, der eigentlich nur noch eine programmierte Hülle ist, Riviera, der mit seinen makaberen Illusionen seine grausame Vergangenheit zu überlagern versucht, Malcom, der unerschütterlich in sich ruht, Linda Lee, die in der Matrix weiterlebt und eigentlich nur zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort war.

Begonnen: 3.10.21 Beendet: 20.10.21

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Leigh Bardugo – “Lodernde Schwingen”

Es gilt den dritten Kräftemehrer zu finden, mehr als einen Bösewicht zu besiegen und ganz nebenbei ein Land zu einen. Dass dieses Kunststück sauber und gleichzeitig spannend in unter 300 Seiten zu schaffen ist, habe ich nicht erwartet, aber im Falle des dritten Buchs um Alina Starkova lasse ich mich gerne eines Besseren belehren.

Alina wurde nach ihrem Kampf mit dem Dunklen von ihren Freunden und verbliebenen Verbündeten in die weiße Kathedrale gebracht, um dort zu genesen. Doch dieser Teil des unter Rawka liegenden Tunnel- und Höhlensystems ist soweit von der Erdoberfläche entfernt, dass sie ihre Kräfte nicht rufen kann, was die Heilung verzögert, und der Asket, der dort seine Anhänger und eine zunehmende Anzahl an Pilgern versammelt, isoliert sie nicht nur von allen anderen, sondern macht ihr auch mehr als einmal deutlich, dass eine tote Heilige für ihn politisch sogar die bessere Wahl wäre. Ihren Freunden gelingt jedoch ein Komplott, sodass der Rauchabzug in der Küche aufgesprengt wird und Alina wieder Zugang zum Sonnenlicht hat. Noch am gleichen Tag brechen sie auf, um zurück an die Oberfläche zu gelangen.

Dort dauert es nicht lange, bis sie von einer umherstreifenden Miliz überfallen und ausgerechnet von Nikolaj gerettet werden. Mit Hilfe eines seiner Luftschiffe bringt er sie zu seinem Stützpunkt, einem weit abseits in den Bergen gelegenen Kloster, in dem Alina wieder auf Baghra trifft, die ihren Unterricht fortführt. So erfährt sie, dass Baghra die Tochter eben jenes Heiligen bzw. Grisha ist, der einst die Kräftemehrer erschaffen hat. Auch wird bekannt, wie der Zar von Genja vergiftet wurde, was zu seiner Abdankung und Exil führt. Doch die Freude darüber ist nur von kurzer Dauer, da einer aus der Gruppe, der die Expedition nicht weiter begleiten wollte, sie an den Dunklen verrät, der sie daraufhin überfällt. Der kleinen Gruppe um Alina gelingt die Flucht nur durch Baghras Einschreiten.

Da niemand das genaue Ziel ihrer Expedition kannte, fliehen die verbliebenen zehn in das Tal, in dem Alina und Maljen geboren wurden, Von dort aus machen sie sich auf die Suche nach dem Feuervogel. Durch Maljens untrüglichen Sinn für alles Lebendige haben sie sogar unverhofft Erfolg, aber genau in diesem Moment müssen Alina und er erkennen, dass er selbst der Kräftemehrer ist. Anscheinend ist er ein Nachfahre von Baghras Schwester. Während Maljen bereit wäre sich zu opfern, will Alina nichts davon hören und selbst die Nachricht, dass es dem Dunklen gelungen sei die Schattenflur zu durchqueren und er jetzt auch West Rawka unterjoche, lässt sie nicht wanken. Mittels der Visionen, die inzwischen auch sie beherrscht, verabredet sie mit ihm einen Treffpunkt und plant daraufhin einen Hinterhalt in der Schattenflur selbst. Der Plan war fast perfekt, doch der ausbrechende Kampf wird zu chaotisch. Um ihn zu beenden, ersticht sich Maljen, was nicht wie erwartet Alina stärkt, sondern ihre Kräfte auf alle anwesenden Nicht-Grisha überträgt. Der Dunkle ist von diesem Ergebnis so überrascht, dass Alina auch ihn erstechen kann, was zum Zerfall der Schattenflur führt. Und den Rest erledigen die neuen “Sonnenkrieger”.

Offiziell sind Maljen und Alina in der Schattenflur gestorben. Inoffiziell gelang es Tamar und Tolja Maljen zu retten und beide ziehen sich auf das Anwesen zurück, auf dem sie selbst aufwuchsen, leiten dort ein Waisenhaus und werden regelmäßig von ihren Freunden, inklusive des verkleideten, neuen Zaren besucht. Die Leitung der Grischa obliegt David, Genja und Zoja, sodass sich keine Gruppe zu sehr in den Vordergrund spielen kann.

Wie bereits oben angedeutet bin ich positiv überrascht, wie gut die Geschichte in eine relativ geringe Seitenzahl gepasst hat, ohne dass sie zu gehetzt wirkte oder wichtige Handlungen ohne passendes Ende blieben. Gleichzeitig blieben genug Stellen offen, um zu einem späteren Zeitpunkt sehr leicht daran anknüpfen zu können. Wie regelt Nikolaj das Problem mit dem Asketen? Wird Zoja Zarin oder kann Adrik ihr Herz gewinnen? Wie wirkt sich die Vielzahl an neuen Sonnenkriegern aus? … Mehr Zeit hätte ich mir trotzdem an der ein oder anderen Stelle gewünscht. Vor allem Baghra kam meiner Meinung nach zu kurz, sowohl als Lehrmeisterin als auch nach ihrem Tod. Eigentlich die Trauer um sämtliche erstaunlich dreidimensional eingeführte Nebenfiguren.

Auch stieß mir irgendwann auf, dass Zoja scheinbar nur dafür da war, um Alinas Fokus durch Eifersucht auf Maljen zu halten. Manche Wendungen kamen extrem plötzlich und, wenn man als Leser den Zeitdruck der Ausleihfrist im Nacken hat, kommt man selbst auch nicht mehr wirklich zu Atem. Und das andauernde Liebes-Viereck (oder wie man es sonst bezeichnen will) nervt irgendwann leider auch.

Gut gefallen hat mir hingegen wie menschlich der Dunkle, oder vielmehr Aleksander Morozow, zum Ende hin gemacht wurde. Kein gottgleicher Gegner, sondern ein verletzbarer Mensch. Dahingegen gewinnt vor allem Genja hinzu, deren Intellekt stärker herausgearbeitet wird. Auch hat mir die Ironie in der Auflösung, was passiert, wenn alle drei Kräftemehrer vereint sind gefallen. Ansonsten bietet das Buch wieder einige atemberaubende Handlungsorte und neben dramatischen Lichteffekten auch die ein oder andere kitschige Szene.

Alles was jetzt noch fehlt sind eine große Tasse Tee und vielleicht das ein oder andere Stück Kuchen.

Begonnen: 27.9.21 Beendet: 6.10.21

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