Sapkowski – die Dame vom See

Nach etlichen Seiten und einigem “Figur A muss eben dort und dorthin, deswegen…” wird das Geheimnis um Ciri endlich gelüftet und eine Handlungsebene eingezogen, die mich sowohl zeitlich als auch räumlich etwas aus dem Konzept gebracht hat. Denn “die Dame vom See” ist hier keine zufällige Parallele zur Artussage, sondern eine gezielt verwendete Referenz!

So beginnt der fünfte Band der Hexer-Reihe aus Sicht eines gewissen Galahad, der die in einem See badenden Ciri für ebenjene Dame hält und ihr das Schwert wegnehmen will. Sie klärt jedoch das Missverständnis auf und erzählt daraufhin, wie sie an den See kam. Gleichzeitig wird Nimue, ihr Geliebter, der Fischerkönig, und eine “Praktikantin”, eine so genannte Träumerin, eingeführt, mit deren Hilfe sie die Wahrheit über die Geschehnisse um Ciri zu ergründen versucht.

Den Anfang in diesen besonderen Recherchen bildet Yennefer, die nachdem sie das Rätsel um das Schiffsunglück, bei dem Ciris Eltern umkamen gelöst hat, von Vilgefortz gefangen gehalten wird. Während sie leidet, verbringt Geralt einen entspannten Winter in Touissant, tötet die dort ansässigen kleineren Monster und vergnügt sich mit der angeblichen Verwandten der Fürstin, einer weiteren Zauberin. Als er auf einem dieser Streifzüge Skellen belauscht, der Vilgefortz Aufenthaltsort verrät, erinnert er sich plötzlich wieder an sein eigentliches Vorhaben und verlässt mit den anderen die Idylle. Nur Rittersporn bleibt.

Ciri befindet sich währenddessen tatsächlich in einer anderen Welt. Einer Welt, in der die Aed Elle herrschen und Menschen als Diener haben. Um ihre besondere Gabe für die Elfen zu sichern, soll sie ein Kind von Auberon/dem Erlkönig empfangen, der sie aber wenig erregend findet und sogar an dem ihm verabreichten Potenzmittelchen stirbt. Glücklicherweise hatte sie diese Nacht eh für ihre Flucht geplant und kann mithilfe von “Pferdchen” (dem Einhorn aus Band 2) fliehen. Dieses erklärt ihr kurz, dass sie tatsächlich zwischen den Welten reisen kann und nicht wieder gefangen genommen werden darf – denn in der Welt, in der sie sich aktuell befinden, lebten einst ausschließlich Menschen, die von den Aed Elle fast alle ermordert wurden. So flieht sie von Welt zu Welt und springt zwischen den Zeiten, bis ihr Nimue und ihre Schülerin schließlich ein Portal zum “richtigen” Zeitpunkt außerhalb von Vilgefortz Festung öffnen.

Gleichzeitig erreicht der weltliche Konflikt zwischen den nördlichen Königreichen und Nilfgaard seinen Höhepunkt in der Schlacht bei Brenna. Teile davon werden in späteren Aufzeichnungen Jarres, Ciris Freund aus dem Tempel, geschildert, andere aus der Sicht des Lazaretts. In diesem arbeiten die Adeption Iola, die Medizinstudentin Shani und der Halbling Rusty zusammen, um die Verwundeten beider Seiten zu retten.

In Vilgefortz Festung wurde indes Ciri gefangen genommen und soll künstlich befruchtet werden, da es in der (leider nie vollständig) zitierten Prophezeihung um ihren Mutterkuchen und nicht um ihren tatsächlichen Nachwuchs dreht (ja, das ist irgendwie…). Doch Regis befreit sie rechtzeitig und stürzt sich mit den anderen in den Kampf. So sterben Milva, Cahir, Angouleme und auch der Vampir. Yennefer kann Vilgefortz besiegen und Ciri besiegt Bonhart. Beim Verlassen der Burg bekommen sie es außerdem mit eine Gruppe Nilfgaarder Soldaten zu tun, die direkt Kaiser Emhyr untersteht. Nur Geralt erkennt in ihm Duny und stellt ihn getrennt von den anderen zur Rede. So erfährt er wie lange Duny diesen Plan bereits verfolgt und auch, dass er Ciris Mutter nie wirklich geliebt hat, diese ihn durschaut hatte und so Ciri vor ihm beschützt hatte, aber selbst bei dem vorgetäuschten Schiffsunglück starb. Emhyr lässt ihm und Yennefer die Möglichkeit sich selbst zu richten und nimmt Ciri mit, damit sie rechtmäßig den Platz als seine Frau einnähme (wenn ihr bei den Verwandschaftsverhältnissen noch durchblickt: ja, er ist ihr Vater).

Doch Überraschung: Ciri sammelt die überraschten Yennefer und Geralt nach einer Weile ein, bevor sie Selbstmord begehen konnten und reist zusammen mit ihnen ab. So. Und nach der Auflösung muss auf den letzten hundert Seiten natürlich noch aufgeräumt werden, auch wenn bereits im Laufe der Geschichte angedeutet wurde, dass nicht alles sich in Friede-Freude-Eierkuchen auflösen wird. So hat Ciri aus Versehen eine entsetzlich Seuche eingeschleppt und etwas scheint noch mit den Zauberinnen zu passieren. Aber erst einmal nimmt Ciri ihren Platz in deren Mitte ein und erfährt, dass sie die Geliebte eines Prinzen werden soll. Geralt holt Rittersporn ab/rettet ihn vor der Hinrichtung, da seine geliebte Fürstin nicht wirklich von seiner Untreue angetan ist und sie treffen sich alle in Riva, im Stadtteil Ulm, wo sie mit dem Zwerg Zoltan Schnecken essen und auf die “Damen” warten. Doch es kommt anders. Ein wütender Mopp erstürmt den Stadtteil mit dem Ziel die “Nicht-Menschen” zu töten und Geralt wird im Kampf mit einer Mistgabel wie von Ciri einst vorausgesagt schwer verletzt. Unter Pferdchens Führung bringen Ciri und Yennefer ihn in ein nicht näher benanntes Zwischenreich, in dem sie auch die anderen toten Freunde wiedersehen. Damit endet Ciris Schilderung und sie beschließt, sich zumindest für eine Weile Galahad anzuschließen.

Natürlich habe ich die ein oder andere Wendung und Details wie die Aushandlung des Friedens von Cintra (bei dem eine Menge Latein gesprochen wird) weggelassen, aber anders wäre es leider nicht möglich gewesen. Sapkowski hat nämlich auch im abschließenden Band durchblitzen lassen, wie viel größer die von ihm erschaffene Welt eigentlich ist und wie viele Geschichten sich noch in ihr verbergen. Umso unnötiger empfand ich die Einbindung der Artussage. Seitdem mein Freund mit mir vor einigen Jahren “Stargate SG1” angesehen hat, hat das außerdem leider den Beigeschmack von “es fällt den Schreibern nicht mehr ein, darum greifen sie jetzt auf Artus zurück” (ja, Tad Wiliams bedient sich auch bei der Legende vom Fischerkönig – aber dort ist es von Anfang an ein fester Bestandteil und kommt nicht erst auf den letzten Drücker).  Auch machte es meine persönliche zeitliche Einordnung zu nichte. Zunächst hatte ich – in Anlehnung an McCaffrey – geglaubt, die Bücher spielten nach unser Zeit, dann war ich zumindest beim späten Mittelalter, da neben Latein auch viele französische Anspielung versteckt sind und die Beschreibung von Kleidung und technischem Stand passen würde, so stimmt aber gar nichts mehr.

 Die Auflösung der Konflikte war glaubhaft gestaltet und lässt genug Spielraum für kommende Bücher. Auch Emhyr Einsehen, dass er trotz des vermeintlichen Nutzens für sich, seine Familie und langfristig der gesamten Welt (die Abwendung einer Art Eiszeit in mehreren tausend Jahren) nicht seine Tochter ehelichen sollte, hat mir gefallen. Bitter stießen mir hingegen zwei Dinge auf. Erstens empfand ich den Tod von Geralts Weggefährten als unnötig. Cahir und Angouleme opfern sich für Ciri, die aber wenige Augenblicke später entscheidet, dass sie doch gegen Bonhart kämpfen wird, um nur ein Beispiel zu nennen. Zweitens wird der Vorfall in Riva später als “Progrom” bezeichnet, was in dem historisch interessierten Teil meines Kopfes die richtigen/falschen Assoziationsketten ausgelöst hat und rückblickend im Bezug auf die Darstellung der Zwerge einiges hinterfragen lässt. Genauer werde ich das wohl mal in einem eigenen Beitrag schildern und untersuchen.

Dennoch hat mir die Reihe im Großen und Ganzen gut gefallen. Sie ist gut geschrieben, hat Tiefe und Spannung, enthält die ein oder andere überraschende Wendung, eine Fülle an Orten und Figuren. Es wird sogar ohne Probleme der Bechtel-Test bestanden und Ciris Erwachsenwerden wird mit einem erstaunlichen Feingefühl geschildert (zieht man mal die ganzen Kämpfe ab). 

Lesenswert – aber manche Ansichten sollten nicht einfach so hingenommen werden. 

Begonnen: 1.6.20    Beendet: 12.6.20

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Karine Tuil – “die Gierigen”

Vor ein paar Monaten las ich ziemlich überrascht den Post eines ehemaligen Mitschülers, dass er langsam begänne, unser 10-Jähriges Abi-Treffen zu planen. Aber war es dafür denn nicht noch viel zu früh? Wir haben doch erst vor… oh, verstehe. Aber will ich dort überhaupt hin? Mich dem direkten Vergleich mit denjenigen stellen, die die “gleichen” Voraussetzungen für das Leben nach der Schule hatten wie ich? Mir vor Augen halten lassen, in welchen Bereichen ich vermeintlich versagt habe? Karine Tuil treibt diese Überlegungen mit einem Abstand von 20 Jahren in ihrem Buch über die Freunde Samuel und Samir auf die Spitze und mutet dem Leser dabei so viel menschliche Nähe zu, dass es nicht selten weh tut.

Was spielt sich im Kopf eines Schriftstellers ab, der meint, ein Thema gefunden, eingegrenzt zu haben? Zuerst freudige Erregung über seines Geistesblitz und gleich darauf der Fragenkatalog: Wie soll ich das Thema behandeln? In welcher Form? Mit welchem Ziel? Welchen Mitteln? Welches Ergebnis will ich erreichen?

Die Neugier mit der Samuel Baron, auf der Arbeit als Sozialberater Jacques genannt, um sich die Fragen nach seiner jüdischen Herkunft zu ersparen, über seinen ehemaligen Freund Samir Tahar recherchiert grenzt an mehr als nur Masochismus. Als sie sich vor zwanzig Jahren trennten, stand er als der Gewinner da. Nina hatte sich für ihn entschieden, hatte ihn später sogar geheiratet. Sie schmissen beide das Jurastudium für etwas, das mehr ihren Neigungen entsprach. Doch Samir, der ebenfalls in Nina verliebt war, eine Affäre mit ihr hatte, während sein bester Freund seine Eltern beerdigte, tat das nicht. Er machte weiter, absolvierte sein Studium mehr als erfolgreich, wurde Partner in einer New Yorker Kanzlei, heiratete die Tochter eines reichen Unternehmers, … und baute all dies auf einer Lüge auf, wie Samuel und Nina klar wird, sobald sie im Anschluss an das Fernsehinterview nach weiteren Informationen suchen. Der muslimische Sohn tunesischer Eltern, der sowohl in Paris als auch in London aufwuchs, den Vater früh verlor und außerdem einen fünfzehn Jahre jüngeren Halbbruder hat, tauschte seine Biografie gegen die seines ehemaligen Freundes. Er war nun der Sohn jüdischer Intellektueller, orthodox erzogen, sie starben, als er zwanzig war. Die vorangegangene Adoption, die einst zum Bruch zwischen Samuel und seinen Eltern führte, ließ er dabei jedoch aus.

Samir, für sein Umfeld deutlich neutraler “Sam”, genießt sein Leben in vollen Zügen, den Status den er durch seinen Beruf und nicht zuletzt die Familie seiner Frau erreicht hat, seine Beliebtheit bei den Frauen, seine Macht. All das kippt jedoch an seinem vierzigsten Geburtstag, als sich seine Mutter (Nawel) bei ihm meldet, es sei dringend, es ginge um seinen Bruder. Alarmiert reist er nach Paris und trifft sich auch mit Nina und Samuel wieder. Samuel hatte sie dazu gedrängt, will er doch wissen, ob sie ihre Entscheidung von damals (er hatte sie erpresst, sich im Hörsaal die Pulsadern aufgeschnitten) bereut, ob sie immer noch Gefühle für seinen Rivalen hat. Samir durchschaut ihre Inszenierung als ebenfalls erfolgreiches Paar schnell und stellt fest, dass er immer noch Gefühle für Nina hat. Nach einem ziemlich üblen Streit mit Samuel kann er sie sogar davon überzeugen, mit ihm nach New York zu kommen, seine Geliebte zu werden. Weniger erfolgreich verläuft sein Familientreffen. Seine Mutter, die darauf besteht weiterhin im heruntergekommenen Banlieue zu leben, zeigt ihm, dass sein Bruder heimlich Waffen versteckt, bittet ihn, sich einzumischen, doch Francois stellt sich sturr, will keine Hilfe und was hätte sein großer Bruder denn je für ihn getan?

Damit ist die Bühne für das beste Jahr in Samirs Leben bereitet. Er blüht durch die Anwesenheit von Nina, die er mit Geschenken überhäuft und sich zu seiner ständigen Verfügung halten muss, auf. Einzig die mehrwöchige Anwesenheit seines Bruders schmälert kurz die Freude. Allerdings wird er diesen mit dem Rat seines Mentors aus Frankreich, Pierre Levy, schnell wieder los: er tut so, als wolle er mehr an dessen Leben teilhaben, überzeugt ihn, sich endlich wieder eine Ausbildung zu suchen und unterstützt ihn mit monatlichen Geldzahlungen. Ruth, seine Frau, merkt von all dem nichts. Währenddessen geht es Samuel immer schlechter. Er leidet unter der Trennung von Nina, hört auf zu arbeiten, trinkt, greift schließlich zu harten Drogen – und arbeitet endlich an dem schon so lange geplanten Roman über seine Lebensgeschichte, den er Nina widmet. Sie selbst spricht er in dieser Zeit nur zwei Mal. Einmal, als er Geld braucht, seine Drogenschulden zu begleichen und seinen Laptop mit dem Manuskript wieder zu bekommen, ein zweites Mal, als er schlicht wissen will, wie es ihr geht und dabei tiefen Zweifel an der Art ihrer Beziehung zu Samir säht. Sie ist vollkommen von ihm abhängig, in diesem fremden Land ohne eigene Arbeit und kaum sozialen Kontakten, und fremdbestimmt, muss sich ihm und seinen “Bedürfnissen” unterordnen. Schließlich verlangt sie von ihm das eine, was ihr Samuel wegen der schwierigen finanziellen Lage immer verweigert hat: ein Kind. Samir gibt nach mehreren Wochen nach, kann ihr seinen Entschluss aber nicht mehr mitteilen.

Der vierte Abschnitt beginnt mit den kurzen, begeistertsten Kritiken zu “Die Tröstung”, Samuels Roman. Er hat es endlich geschafft und wird als Autor gefeiert. Doch bald leidet er unter seinem Ruhm und vor allem die negativen Kritiken machen ihm so sehr zu schaffen, dass er wieder trinkt. Er reißt sich aber zusammen und liest überrascht kurz vor einem Interview in ebendem Hotel, in dem sie sich wiedersahen, dass Samir wegen Terror-Unterstützung festgenommen sei. Trotz all dem, was er ihm selbst vorwirft, zweifelt er jedoch keine Sekunde an dessen Unschuld, womit er sehr allein darsteht.

Samir wird gewaltsam mitten in der Nacht aus seiner Wohnung entführt und ins Gefängnis gesperrt (er denkt dabei an den Beginn von Kafkas “der Proceß”). Nach und nach erfährt er, dass Francois/Djamal zum Islam konvertiert ist, radikalisiert wurde, das Geld seines Bruders unter anderem für Reisen in den Jemen und die Veröffentlichung antisemitischer Flugblätter verwendet hat, und schließlich in einem Ausbildungslager in Afghanistan vom amerikanischen Militär gefangen genommen wurde. Die finanzielle Unterstützung ist jedoch nicht das, was die Situation aussichtslos werden lässt. Sobald bekannt wird, dass er seine Biografie frei erfunden hat, steht er selbst unter Verdacht ein Schläfer zu sein. Seine Frau, zusätzlich von ihrem Vater unter Druck gesetzt, wendet sich von ihm ab und reicht die Scheidung ein, seine Freunde stellen sich gegen ihn, finden Belege für sein unrechtes Verhalten. Nur Pierre Levy und Dan Stein, eigentlich der Anwalt von Ruths Familie, später von Levy bezahlt, stehen noch hinter ihm. Denn Pierre glaubt Samir. Er hatte die Wahrheit bereits knapp ein Jahr zuvor erfahren und erkannt, dass der systematische Rassismus in Frankreich und nicht zuletzt seine eigenen Annahmen und im Bewerbungsgespräch geäußerten Nachfragen (“Sam für Samuel?”, er habe Familienmitglieder mit dem Namen Tahar, sephardische Juden) ihn zu dieser Lüge getrieben hatte. Überraschend stellt sich Samuel als wichtiger Fürsprecher heraus, der die öffentliche Meinung stark genug beeinflusst, dass schließlich das Verfahren eingestellt wird. Eigentlich wollte er Samirs Geschichte für sein zweites Buch ausschlachten, entscheidet sich jedoch aus Respekt dagegen und sucht stattdessen nach Nina, die mittellos in Paris ist. Sie konnte ihn bei ihrer überstürzten Rückkehr nicht finden und lebt nun in einem Frauenhaus. Als Samuel in einem dem alten Samir nicht unähnlichen Aufzug sie von dort “retten” will, weigert sie sich mit ihm zu kommen, sie sei glücklich und endlich frei davon, Männern gefallen zu wollen. Von dieser Akzeptanz der Einfachheit bewegt, lehnt Samuel anschließend einen wichtigen Literaturpreis ab. Und Samir stellt nach seiner Entlassung fest, dass er nun endlich frei von Ehrgeiz und Erfolgssucht sei; nur seine Mutter aus seinem Leben zu streichen und seine Kinder anzulügen seien seine einzigen wirklichen Fehler im Leben.

Das ist jetzt wirklich keine leichte Kost gewesen. Sowohl inhaltlich als auch stilistisch. Fast alles ist im Präsenz geschrieben, es gibt kaum wörtliche Rede und vor allem auf den ersten siebzig Seiten sucht man so etwas wie Handlung vergeblich. Dennoch hat mich dieses Buch schließlich so sehr gepackt, dass ich die zweite Hälfte an zwei Abenden einfach runter gelesen habe. Die Figuren sind so komplex und facettenreich geschildert, dass sie tatsächlich real sein könnten, selbst noch so kleine Nebencharaktere erhalten durch Fußnoten mit Alter, Name und ihren Wünschen oder vergangenen Erlebnissen Tiefe. Wer dabei seltsam eindimensional bleibt ist Nina. Vor allem in der Fülle, mit der ihre angeblich gleich gestellten Freunde zu Beginn eingeführt werden, bleibt sie blass. Man erfährt, dass ihre Mutter sie und ihren Vater für einen anderen Mann sitzen gelassen hat, dass sie als Model für einen Kaufhauskatalog arbeitet, sich ihrer Wirkung auf Männer durchaus bewusst ist, diese aber meistens als störend empfindet. Und da haben wir es. Sie wird meist aus männlicher Perspektive geschildert, als würde sie nur durch sie existieren, und verkommt dabei tatsächlich zum Objekt, die Trophäe im Wettstreit. Umso mehr hat mich ihr Ende berührt, in dem sie sich endlich davon losmacht, äußerlich gefallen zu wollen. Ebenfalls fertig mit den Männern ist Nawel, die nach dem Zusammenbruch ausgelöst durch die Nachricht, dass beide Söhne im Gefängnis sind, erkennt, wie anders ihr Leben hätte verlaufen können, wenn sie sich nicht ständig erst ihrem Vater, dann ihrem Mann, ihrem Geliebten und schließlich ihren Söhnen untergeordnet hätte. Die “Verliererin” in dieser Betrachtung ist erstaunlicherweise Ruth, die zu Beginn als starke, selbstbewusste Frau eingeführt wird, die den Frauenheld Samir für sich gewann, obwohl sie nicht in sein übliches Beuteschema fiel, sich mit der Heirat gegen ihren Vater durchsetzte, denn ausgerechnet sie beugt sich der gesellschaftlichen Erwartung.

Zu einem weiteren Leitmotiv des Buches fällt es mir ziemlich schwer etwas zu sagen. Tuil spielt in ihren Wechseln zwischen Samuel und Samir oft mit Gegensätzen (wie gut es Samir geht, während es Samuel gleichzeitig so schlecht geht, später verkehrt sich das Ganze) und zwei von allen Figuren immer wieder aufgenommene Kontrahenten sind Islam und Judentum. Ich habe das Glück, dass beide Glaubensgruppen in meiner Heimatstadt ausreichend vertreten sind, dass ich als Jugendliche, als es bei mir selbst darum ging wie ich mit meinem christlichen Glauben umgehen möchte, nicht über sondern mit ihnen diskutieren konnte. Dennoch möchte ich mir über ihre Darstellung im Buch kein Urteil erlauben. Auffällig ist, wie sehr die Religion mit der Herkunft gleichgesetzt wird, beide “Seiten” können von Benachteiligung deswegen berichten, diskriminieren aber auch die andere Seite aus diesem Grund. Dabei will ich es hier auch schon bewenden lassen. Es gibt genug Leute, die das vermutlich besser erklären können als ich.

Zum Abschluss noch kurz zum Titel und dem Ende als dessen Auflösung. Zu Beginn dachte ich, die angesprochene Gier beziehe sich nur auf Samuel und teilweise Nina, die ihr Wissen gegenüber Samir ausnutzen wollen, um ihn zu erpressen, ihr eigenes Leben zu verbessern. Zum Ende hin wird jedoch deutlich, dass viele der vorgestellten Charaktere von ihr angetrieben werden. Samir will seine ärmliche Vergangenheit hinter sich lassen, sein Bruder Francois möchte endlich Anerkennung, Rahm Berg, Ruths Vater, die perfekte Familie, … Bei den ansonsten eher vagen Zeitangaben ist mir außerdem ins Auge gefallen, dass Samir bis zur Verfahrenseinstellung 66 Tage in Haft saß – dem Zeitraum, den es angeblich braucht, bis sich Gewohnheiten ausbilden. Das was ich daher für mich aus diesem für mich komplett aus dem Rahmen fallenden Buch mitnehme, ist, dass man durchaus nach Erfüllung in seinem Leben streben soll, aber immer das Maß kennen sollte, um es auch tatsächlich genießen zu können.

Begonnen: 17.10.20 Beendet: 29.10.20

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Andrzej Sapkoswki – “der Schwalbenturm”

Es ist Herbst geworden und Sapkowski entschleunigt die Handlung weiter. Ein Großteil der Handlung in Band 4 der Hexer-Reihe wird nämlich in Rückblenden erzählt und dadurch auch stark segmentiert.

Der Einsiedler Vysogota findet eines Tages in den Sümpfen, in die er sich vor der politischen Verfolgung zurückgezogen hat, eine bewusstlose, stark verwundete, junge Frau, versorgt ihre Wunden (vor allem den großen Schnitt in der linken Gesichtshälfte) und pflegt sie gesund. Mit der Zeit geht es ihr besser, auch wenn sie etwas umzutreiben scheint. Wie sich die Situation ändert, wird immer mit der gleichen Formulierung verdeutlicht.

Wenn jemand in die Hütte gesehen hätte, dann … Aber in die Sümpfe kam nie jemand.

Falka fühlt sich wohl bei den Ratten und vor allem Mistle gibt ihr Halt. Als Zeichen ihrer Liebe lässt sie sich sogar das gleiche Tatoo – eine rote Rose in der Leistengegend – stechen. Doch als ihr Gerüchte zu Ohren kommen, dass “Cirilla” von Kopfgeldjägern gesucht wird, trennt sie sich von der Gruppe und warnt sie noch davor, diesen entgegen zu reiten. Sie hören jedoch nicht auf sie und bei ihrem Eintreffen in Eifers, ist es bereits zu spät. Der Kopfgeldjäger Bonhart überwältigt auch sie, lässt sie jedoch am Leben und beschließt, sie als eine Art Gladiator zu halten, sobald er ihre Hexer-Ausbildung im Kampf bemerkt. Die dafür erworbenene Waffe ist eine der vielen Anspielungen auf den Titel. Das Schwert ziert eine Schwalbe, passend zu der Bedeutung von Ciris Namen. Aber auch das Gegenstück zum auf Thanedd zerstörten Möwenturm trägt diesen Namen. Letztlich gelingt es Ciri bei der Übergabe zu fliehen und sowohl Emhyrs als auch Vilgefortz Leuten zu entkommen – allerdings gibt es Unstimmigkeiten mit der Distanz und dem vermeindlichen Datum.

Die weitere Geschichte von Geralt und seinen Weggefährten schildert Rittersporn in seinen Memoiren, “ein halbes Jahrhundert Poesie”, die er zu einem späteren Zeitpunkt nocheinmal komplett neu schreiben wird, “verliert” er doch unterwegs seine Aufzeichnungen. Geralt hat das Rittersein bald satt, hindert es ihn doch immens bei seiner eigentlichen Aufgabe – der Suche nach Ciri. So desertiert er und schlägt sich weiter nach Süden durch. Dabei wächst ihre Gruppe um die junge Angouleme, die selbst Milva als “Tante” bezeichnet. Auf der Flucht aus dem ein oder anderem Hinterhalt streben sie Richtung Toussaint, das von Emhyrs Cousine regiert wird, für seinen Wein geschätzt wird und durch seinen Sonderstatus als “Märchenland” abgeschieden und friedlich ist. Im angrenzenden Gebirge trifft Geralt in unterirdischen Höhlen auf den Elf Avallach, der ihm weitere Details über Ciris Familie verrät und auch Cahir rückt endlich mit der Sprache heraus, weswegen er ihnen hilft. Er ist, seitdem er sie aus der brennenden Stadt gerettet hat, in Ciri verliebt, nicht in das Kind, sondern die junge Frau, die er in der gleichen Nacht im Traum gesehen hat, und hofft, wenn er sie Emhyr bringt, so zumindest ein bisschen in ihrer Nähe sein zu können. Der “Schwiegervater” ist alles andere als begeistert, lässt sich jedoch darauf runterhandeln, dass Ciri selbst entscheiden soll.

Was sie auch tut. Weitestgehend genesen verlässt sie Vysogota, als sie bemerkt, dass ihre Verfolger in der Gegend sind. Diese folgen ihr auch weiterhin bis in das Gebiet der Hundert Seen, wo sie die Verbliebenen (allen voran Bonhart, Rience und Skellen) allesamt auf dem gefrorenen Tar Mira besiegt und schließlich durch das Portal im Schwalbenturm geht.

Nachdem es in Band 3 doch relativ ruhig um sie war, steht Ciri dieses Mal klar im Vordergrund. Selbst Yennefers Handlungsbogen liefert eigentlich nur Informationen zu ihr, wie etwa, dass sie hervorragend Schlittschuhfahren kann und eigentlich auf den Skelligen aufgewachsen ist. Man merkt wie sie allmählich erwachsen wird und die Rolle des fremdbestimmten Kindes komplett hinter sich lässt.  Sie fängt an ihre Handlungen zu reflektieren. Merkt man in Band 1 als Leser durchaus wie viel Spaß ihr die Hexerausbildung macht, so spürt man jetzt ihr Entsetzen darüber, wenn sie zum Kämpfen gezwungen wird, denn sie weiß, dass ihr Überlebenswille stärker ist als alles andere. Gleichzeitig hat sie sich ihre Neugier und ihren Wissensdurst behalten und kann manche Dinge nun deutlich besser einordnen. Leider verhindern diese neuen Fähigkeiten nicht, dass ihr der Tod immer noch auf dem Fuße folgt. Sie verliert ihre Freunde, die sich komplett selbst überschätzt haben, und auch Vysogota, der als Gelehrter dann und wann in den Büchern zitiert wird, stirbt kurz nachdem sie ihn verlassen hat.

Sprachlich ist das Ganze wieder hervorragend verpackt. Und zumindest auf Geralts Seite türmen sich erneut die “Herr der Ringe”- Anspielungen: Wir haben so etwas wie Ents und Avallach könnte man durchaus mit Gollum… okay, der Vergleich ist vielleicht etwas zu gemein. Dafür ist mir etwas anderes im Gespräch mit einem Kollegen, der jetzt mit einigen Monaten Versatz die Bücher liest, aufgefallen. Die Einteilung in Abende, an denen Ciri erzählt und vor allem die immer gleiche Formulierung, mit der so ein Abschnitt endet, orientiert sich sehr stark an der “klassischen” Erzählweise mancher Märchen. Cahir entspricht mit seinen Motiven durchaus auch dem klassischen, strahlenden Helden, nur beweist Ciri eigentlich, dass sie keine Prinzessin ist, die gerettet werden muss, sondern lieber selbst retten würde.

Begonnen: 22.5. Beendet: 1.6.20

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Andrzej Sapkowski – “Feuertaufe”

In vielen Büchern sieht man nach der Widmung noch ein Zitat eines anderen Autors oder in diesem Fall den Ausschnitt eines Liedes. Meistens erschließt sich der Sinn dahinter nur dem Autor selbst, doch im Fall der “Feuertaufe” hat mich “Brothers in Arms” von den Dire Straits durch das gesamte Buch begleitet.

Der dritte Teil der Hexer-Saga beginnt im Brokilon, dem Heim der Dryaden, und nicht etwa mit Geralt, der fast genesen ist, sondern mit Milva, einer jungen Jägerin und sehr guten Bogenschützin. Sie führt heimlich die verbliebenen Elfen in den Wald, beschützt die Dryaden, die sie als Kind aufnahmen, vor den Menschen und entschließt sich trotzdem das alles hinter sich zu lassen. Ihr gegenüber fällt das erste Mal der Begriff “Feuertaufe”, der sich auch durch die weitere Handlung ziehen wird. Für die Elfen, genauer die Eichhörnchen, bezeichnet sie das von ihnen entfachte Feuer, das sie im Rücken der von Nilfgaard angegriffenen Menschen entfachen und das sie selbst abhärtet.

Geralt indes beschließt mit Rittersporn aufzubrechen, um Ciri zu suchen. Doch noch im Wald geraten sie bereits in Schwierigkeiten, als sie ein illegales Waffengeschäft stören. Denn dabei ging es nicht nur um die Waffen, sondern auch um die Auslieferung eines Ritters mit geflügeltem Helm (ja, genau der Ritter), den Nilfgaard bereits fieberhaft sucht. So ist Cahir frei, während Geralt sich mit Rittersporn und Milva durch ein vom Krieg zerstörtes Land auf nach Süden macht.

Auf politischer Ebene beginnen ebenfalls Veränderungen: Dijkstra ist nun in Redanien an der Macht und seine (ehemalige) Verbündete Philippa Eilhart gründet eine Geheimgruppe aus 12 Magierinnen, die sich allein dem Erhalt der Magie verschreibt – unter Ausschluss der viel zu sehr durch Emotionen geleiteten Männer – und über politische Grenzen hinweg, sodass auch zwei Nilfgaarder Magierinnen Teil der illustren Runde sind. Wie weit dieses Vorhaben tatsächlich schon gediehen ist, wird beim zweiten Treffen klar. Aus Sicht der beiden Nilfgaarder, die sich allmählich der modernen und eitlen Erscheinung ihrer Kolleginnen anpassen, erfährt man, dass Ciri die einzige menschliche Trägerin eines Genes ist, das ansonsten nur bei einer sehr scheuen Gruppen von Elfen auftritt und mit großen magischen Kräften in Verbindung gebracht wird (frei nach Mendel wohl rezessiv auf dem X-Chromosom vererbt). Sie soll außerdem zur Stärkung der Macht im Norden mit dem Prinzen von Kovir verheiratet werden. Yennefer, die unter Verdacht stand zusammen mit Vilgefortz auf Thanned für Nilfgaard agiert zu haben, aber in Wahrheit von Francesca in Form einer kleinen Statuette hinausgeschmuggelt worden war, nutzt das Treffen außerdem zur Flucht. Offensichtlich ist sie für Ciris seltsamen Stammbaum mitverantwortlich.

Der “Rettungstrupp” schließ sich einer Gruppe von Zwergen und einem Gnom an, die Frauen und Kindern auf der Flucht helfen; sie ziehen gemeinsam nach Osten, statt wie Geralt eigentlich möchte nach Süden und werden dabei mehr oder minder heimlich von Cahir verfolgt, der sich allerdings als nützliche Rückendeckung erweist. Einen weiteren Weggefährten lernen sie auf einem alten Elbenfriedhof in dem Apotheker Regis kennen und betrinken sich mit seinem Alraunen-Schnaps. Das kleine Detail, dass er ein 400 Jahre alter Vampir ist, der mit den Kräutern seinen Geruch überdeckt, entgeht ihnen dadurch und sie finden es erst viel später heraus, als er Rittersporns Wunden versorgt (“Dein Blut riecht gut”). Die Gruppe wird getrennt, als das an den Friedhof angrenzende Flüchtlingslager von Nilfgaardern angegriffen wird und Geralt und Rittersporn von cintrischen Soldaten mitgenommen werden. Wie sich herausstellt, sind nicht alle von Ciris ehemaligen Vertrauten erpicht darauf, dass es ihr gut geht. Vor allem Vissegard sieht die hohe Dissertationsrate zu Gunsten von Nilfgaard “ungern”.

Nun tatsächlich selbst auf der Flucht rückt die fünfköpfige Gruppe noch enger zusammen. Sie kochen gemeinsam Fischsuppe (meine absolute Lieblingsszene, einfach weil sie so schön schräg ist), erfahren mehr über die Vergangenheit der anderen und als Milva ihre Schwangerschaft nicht länger verbergen kann, bieten die Männer geschlossen ihre Unterstützung an – unabhängig davon, ob sie das Kind tatsächlich behalten wird. Letzten Endes führt es sogar dazu, dass Geralt ganz hoch offiziell zu “Geralt von Riva” geschlagen wird, da bei der Überquerung des Pontar so einiges schief geht und er und Cahir Seite an Seite auf der Brücke gegen Nilfgaard kämpfen, während Regis die verwundete Milva versorgt.

Und was macht eigentlich Ciri währenddessen? Aus geschilderten Träumen von Geralt und Cahir oder aus der Sicht anderer erfährt man, dass sie sich bei den Ratten gut eingelebt hat. Sie ist fester Teil der Gruppe, kann mit der Elfe beim Tanzen mithalten und führt eine Beziehung mit Mistle. Doch die Stimmung scheint zu kippen, seitdem sie davon träumte, wie Geralt beim Überfall auf das Lager schwer verwundet wird.

Mittelstücke tendieren bekanntermaßen dazu sich zu sehr zu ziehen, man kennt schon alle wichtigen Figuren, aber wirklich zur Sache geht es erst im nächsten Teil. Mit der für den Großteil der Zeit nicht wirklich zielführenden Reise Geralts wäre fast das Gleiche passiert, wenn Sapkowski nicht durch die jeweiligen Begegnungen am Wegesrand einiges an Unterhaltung eingebaut hätte. Die ein oder andere Anspielung an frühere Geschichten, wie zum Beispiel, dass sie nur auf dem Friedhof landen, weil sie die Gräber (Ende “das Schwert der Vorhersehung” ) vermeiden wollen, lockert das Ganze noch weiter auf.

Und auch wenn ich das im Kontext der Bücher bestimmt mehr als einmal erwähnt habe, hat mir neben dem Schreibstil wieder sehr gefallen, wie fortschrittlich Sapkowski (zumindest in manchen Dingen) seine Figuren sein lässt. Es steht außer Frage, dass es Milvas Entscheidung ist, ob sie das Kind behält oder es abtreibt. Die “Tafelrunde” erhebt sich mit ihrem Ziel über das tagespolitische Geschehen, um das langfristige Bestehen der Welt zu sichern. Der “Rettungstrupp” geht ebenfalls ungewöhnliche Allianzen ein, … Nur Geralt verliert irgendwie im Vergleich mit der Fülle an neuen Figuren. Erstaunlicherweise ist es gerade Cahir, der sehr viele Sympathiepunkte bei mir gewinnen konnte.

Apropos Sprache: Am Nilfgaarder Hof wird auffällig viel Latein gesprochen, was meiner Meinung nach für die beschriebene Welt bedeuten könnte, dass der mehrfach erwähnte Durchgang zu der Ursprungswelt der Menschen irgendwann während unserer Antike gewesen sein müsste.

Begonnen: 11.5.20   Beendet: 20.5.20

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Daniel Glattauer – “Gut gegen Nordwind” & “Alle sieben Wellen”

So wunderbar schief wie meine eigenen Brieffreundschaften meistens gehen, so sehr habe ich diese beiden E-Mail-Romane genossen. Zumal ich dank der Hörbuchfassung die korrekte Betonung mancher Sätze gleich mitgeliefert bekommen habe. Dank des Kommunikationsmittels der beiden Protagonisten wechseln sich lange Wartezeiten und schnelle Wortwechsel regelmäßig ab und nur das ein oder andere auftauchende Klischee hat den Hörgenuss geschmälert. – Aber wie immer der Reihe nach.

Dass Emma Rothner Leo Leike schreibt, ist allein einem typischen Problem des 10-Finger-Schreibens geschuldet und so landet sie statt bei einem Zeitungsverlag bei dem wortgewandeten Uni-Dozent. Beide sind schnell genervt von dieser Verwechslung, doch der Wortwitz und Charme des jeweils anderen sorgen dafür, dass sie sich weiterschreiben. Mit dem Versuch über nichts Banales wie zum Beispiel das Wetter zu schreiben, aber gleichzeitig Leos On-Off-Beziehung und Emmis Familienleben außen vor zulassen entspinnt sich eine innige Freundschaft und eine gewisse Neugier auf den anderen. Das erste reale Treffen der beiden scheitert an einem gemeinen Trick Leos. Statt alleine ins verabredete Cafe zu gehen, nimmt er seine Schwester mit, die die Auswahl der möglichen Kandidatinnen auf drei reduziert, während Emmi nach einem einzelnen Herrn Ausschau gehalten hat. Auch, als Emmi ihn mit ihrer besten Freundin zu verkuppeln versucht, bringt sie das physisch nicht näher.

Dennoch scheint sich etwas in ihrer Beziehung zueinander zu verändern. Vor allem die Nächte mit (zu) viel Alkohol vor dem jeweiligen Computer arten in romantische/ erotische Fantasien aus, sodass schließlich sogar Emmis Mann Bernhard Leo mit der Bitte schreibt, sie endlich – ein einziges Mal – real zu treffen, um die gesamte Situation zu entzaubern. Leo behält wie versprochen diesen Vertrauensbruch für sich und nimmt eine Stelle in Boston an, um auch räumliche Distanz zu schaffen. Emmi überredet ihn zu einem letzten Treffversuch bei ihm in der Wohnung, kneift aber im letzten Moment, als sie sich von ihrem Mann verabschiedet. Auf die entschuldigende E-Mail am nächsten Tag antwortet nur noch der “System-Admin”. Die E-Mail-Adresse existiere nicht mehr und alle Nachrichten würden gelöscht werden.

Hiermit endet der erste Teil und eigentlich war ich mit diesem nicht vorhandenen “Happy End” glücklich. Zwar wünscht man sich, dass es zwischen Leo und Emmi zu einer Beziehung im realen Leben kommt, aber sie ist – wie sie mehr als einmal – betont, glücklich verheiratet und liebt ihre Stiefkinder. Denn wer sagt, dass sie mit diesem ihr doch noch ziemlich fremden Mann im Alltag glücklicher wäre? Doch so ganz konnte der Autor es dann doch nicht auf sich beruhen lassen und legte mit einem zweiten Teil nach.

Emmi scheint mit der gesamten Situation noch nicht abgeschlossen zu haben, denn in den folgenden 9 Monaten schreibt sie immer wieder an die alte E-Mail-Adresse von Leo, wohl wissend, dass sie nur die gewohnte Meldung des “System-Admins” erhält. Aber dann meldet sich Leo wieder an und beginnt ihr erneut zu antworten. Er ist zurück aus Boston, seine neue Freundin wird demnächst zu ihm ziehen und insgesamt scheint es ihm gut zu gehen. Emmi hingegen scheint aus der Bahn geworfen. Sie wohnt alleine, auch wenn sie sich immer noch um die Kinder kümmert, ihre anfänglichen E-Mails sind Aufgaben ihrer Psychotherapeutin und die Ehe mit Bernhard bezeichnet sie inzwischen als “Vernunftbeziehung”. Trotz allem nähern sich beide wieder an, treffen sich sogar von Angesicht zu Angesicht, und finden nach anfänglicher Verwirrtheit zu ihrer alten Vertrautheit zurück. Als deutlich wird, dass Leos Freundin in Deutschland nicht glücklich wird, und er mit ihr nach Boston endgültig ziehen will, entscheiden sie sich schließlich zu einem Frage-Antwort-Spiel (jeder hat jeden Abend eine Frage frei, die der andere wahrheitsgemäß beantworten muss). In diesem Rahmen kommt Bernhards Intervention heraus, Emmis bereits länger zurückliegende Scheidung und Leos Probleme sie während seines Auslandaufenthalts zu vergessen. Um es kurz zu machen: Natürlich kommen sie zum Schluss zusammen.

Man hat es vielleicht gemerkt – ich hab mehr als einmal beim Zuhören über den jeweiligen Plottwist oder das offensichtliche Klischee geflucht. Angefangen mit der Tatsache, dass, wenn sich ein Mann und eine Frau schreiben, das natürlich etwas Romantisches werden muss, über Leos Beziehungsprobleme, bis hin zu Emmis Unfähigkeit, das gesamte Thema einfach auf sich beruhen zu lassen. Wieso muss es die Frau sein, die dem Typen hinterherrennt, obwohl sie sich offensichtlich gegen ihn entschieden hat? Natürlich tut dieser abrupte Kontaktabbruch weh (der “Fachbegriff” dafür lautet wohl “ghosten”), aber ich hätte es interessanter gefunden, wenn sie ihre Position verteidigt hätte und dafür Leo den notwendigen ausgesprochenen Abschluss gebraucht hätte.

Wieso ich mir das Ganze dann doch “angetan” habe? Auf jeden Fluch und jedes Kopfschütteln, kamen mindestens zwei breite Grinsen. Die Sprache ist gut und pointiert. die sanften Sticheleien tragen viel zu dem Eindruck von Nähe zwischen den beiden bei. Leos anfängliche Versuche, über ihren Schreibstil mehr über Emmi zu erfahren sind so grandios wie fruchtlos (auf den technischen Hintergrund ihres Berufs kommt er auf jeden Fall nicht). Die Schilderung wie Emmis Stiefsohn auf Leo reagiert, als er ihn kennenlernt, wecken Hoffnung auf Verständnis und die wiederkehrende Erwähnung des Nordwinds, ließen mich tiefer in die Bettdecke kuscheln…

Vielleicht sind die Bücher doch nicht so schlecht wie ich direkt nach dem Ende dachte und die Hörbuchfassung ist von Andrea Sawatzki und Christian Berkel wirklich gut umgesetzt. Nur vernüftige Entscheidungen und gesunden Menschenverstand sollte man von den Protagonisten nicht erwarten. Aber wer tut das schon bei einem Liebesroman?

Begonnen: 8.9.20. Beendet: 19.9.20

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Andrzeij Sapkowski- “die Zeit der Verachtung”

Manchmal hilft es einen Schrecken zu demaskieren. Manchmal hilft es ihn zu verachten. Doch davor wegzurennen hilft selten und häufig beginnen damit aber auch erst die eigentlichen Probleme. Diese Erfahrung muss Ciri im zweiten Roman der Hexer-Reihe machen.

Für das weitere Studium der Magie reist Ciri mit Yennefer, die inzwischen für sie so wichtig wie eine Mutter geworden ist, zur Insel Thanedd. Wirklich begeistert ist sie davon nicht, da sie so bis zum Ende ihrer Lehrzeit Geralt nicht mehr wieder sehen wird. In der Hafenstadt gegenüber der Insel wird ihre Hexerausbildung das erste Mal auf die Probe gestellt, aber sie lernt auch die ehemalige und die aktuelle Direktorin von Aretusa kennen, der Zauberinnenschule in der sie ausgebildet werden soll. Doch sobald sie hört, dass Geralt in der Gegend sei, gibt es für sie kein Halten mehr und sie reißt mitten in der Nacht aus und wird von Yennefer erst an ihrem Ziel eingeholt.

Geralt indes war auch nicht untätig und versucht mittels des Anwalts Codringher eine falsche Fährte zu legen. Ciri sei, da ihr Vater kein Adliger gewesen war, gar nicht die Thronfolgerin Cintras, und eh bereits tot. Später findet der Partner des Anwalts heraus, dass Ciri von Falka abstammt, einer historischen Persönlichkeit, die auf Grund ihres grausamen Regierungsstils berüchtigt ist. So ist nun Geralt während eines Banketts der Zauberer zu gegen, das in der Nacht in einen offenen Kampf zwischen den verschiedenen Lagern ausartet. Während viele Zauberer die Herrscher im Norden unterstützen, gibt es auch diejenigen, die Nilfgaard unterstützen, allen voran Vilgefortz und die Elfen, denen mit dem Tal der Blumen (Dol Blathana, der Region um Vengerberg) ein eigenes Königreich versprochen wurde. Ciri gerät in den Tumult, als Yennefer mit ihren Visionen eigentlich Frieden stiften will. Auf der Flucht gerät sie an Cahir, den Ritter mit dem geflügelten Helm, kann ihn besiegen, doch als sie ihn ohne Helm sieht, zögert sie ihn zu töten, da er nicht mehr ihrem Albtraum gleicht und entscheidet sich zur Flucht durch das Portal am Möwenturm.

Nach diesem Putsch sind die Zauberer entzweit, viele verletzt und viele getötet, Aretusas ehemalige Direktorin begeht sogar Selbstmord. Geralt ist schwer verletzt und wird im Brokilon gepflegt, Yennefer, von der er nicht weiß, auf welcher Seite sie steht, ist verschwunden und Ciri gilt, da das Portal defekt war und explodierte, als tot. Dennoch wird Kaiser Emhyr, seines Zeichens Herrscher von Nilfgaard, Ciri vorgeführt. Während seine Höflinge mit einer baldigen Vermählung rechnen, erkennt er, dass es sich nicht um die Echte handelt, wahrt aber den Schein.

Tatsächlich hat Ciri überlebt, kommt jedoch in einer Wüste zu sich, in der sie mehrere Tage um ihr Überleben kämpft. Ein überraschender Weggefährte wird ein junges Einhorn, das sie “Pferdchen” tauft und einige Male rettet. Obwohl sich hierbei auch ihre magischen Kräfte als nützlich erwiesen haben, entsagt sie ihnen jedoch letztlich und ist somit schutzlos, als sie am Rande der Wüste von Kopfgeldjägern aufgegriffen wird.  Sie entkommt ihnen, da ein weiterer Gefangener von den anderen Mitgliedern einer jugendlichen Räuberbande, den Ratten, gerettet wird. Beeindruckt von ihren kämpferischen Fähigkeiten nehmen sie Ciri auf, die von ihnen wegen ihrer Augen “Falka” genannt wird. Während sie vor allem den männlichen Mitgliedern misstraut, kommt sie der jungen Mistle schnell näher.

Zum Schluss erfährt man noch, dass Rittersporn sich auf den Weg zu Geralt macht, um mit ihm zusammen Ciri zu suchen.

Die Handlung nimmt drastisch an Fahrt auf und ein wenig wird die politische Lage unübersichtlich, wenn man sich vorher nicht die Mühe gemacht hat, sich die Namen und Allianzen der einzelnen Beteiligten zu notieren. Aber gerade deshalb war dieser Band so spannend  und es hat Spaß gemacht, mit Ciri mitzufiebern.

Etwas überraschend war die detaillierte Beschreibung der Kleidung der Zauberinnen beim Bankett, das sich für meinen Geschmack etwas zu lange hinzog, hierbei aber wohl einfach nur den Eindruck, den Geralt von all dem hat, verstärken sollte. Außerdem bietet das die Gelegenheit eine Diskussion über Artenschutz miteinzubringen, da die Damen sehr exotische Leder für ihre Schuhe gewählt haben. Ebenso fanden weitere Mythen und Märchen Einzug. Neben den auf Jungfrauen fixierten Einhörnern, taucht unter anderem die Wilde Jagd auf und bei den Ratten, klingt hin und wieder Peter Pan durch.

Mit seiner abwechslungsreichen Handlung und der Diversität der Handlungsorte, muss ich fast sagen, dass dieser Band mir am besten in der Reihe gefallen hat. Allerdings hatte ich mich zum Schluss tatsächlich gefragt, wie es in diesem Tempo die nächsten drei Bände weitergehen sollte.

Begonnen: 6.4.20   Beendet: 19.4.20

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Andrzej Sapkowski – “Zeit des Sturms”

Ich begab mich auf die Suche nach etwas Leichtem für den Sommer und fand: einen weiteren Hexer-Roman. “Zeit des Sturms” ist zeitlich vor der Rahmenhandlung des ersten Kurzgeschichtensammlung angesiedelt und beleuchtet auf höchst amüsante und sehr bösartige Weise den Arbeitsalltag eines Hexers.

Geralt (wir kennen ihn ja jetzt schon eine Weile, daher spare ich mir die Vorstellung) möchte sich nach getaner Arbeit einmal wie ein Tourist verhalten und in der Osteria “Rerum Natura” das gute Essen genießen. Allerdings gibt es dabei mehrere Haken: erstens befindet sich diese in der Seestadt Kerack, dessen König glaubt, er hätte bei seinem letzten Honorar betrogen, und zweitens musste er am Stadttor seine Schwerter abgeben. Zwar kommt er dank derselben Zauberin, die ihn erst in diese Lage gebracht hat, wieder aus dem Gefängnis frei, doch seine Schwerter sind weg!

Durch Rittersporns (hier unter seinem Geburtsnamen Julian bekannt) Verwandtschaft mit dem Kronanwalt Ferrant erfährt er, dass es sich bei der Zauberin um Lytta Neid, genannt die Koralle, eine reizende Gynäkologin von den Skellige-Inseln, handelt und beginnt eine Affäre mit ihr. So erfährt er über zwei Ecken, dass seine Schwerter in drei Wochen im Nowigrader Auktionshaus Borsody versteigert werden sollen und ihm eine Reihe ungeklärter Dämonenangriffe in der Nähe von Rissberg die ganze Misere erst eingebrockt haben. Ist Aretusa die angesehene Lehranstalt mit gutem Ruf, so ist Rissberg der Teil des Campus, von dem man sich wundert, dass er von den dort Forschenden noch nicht in die Luft gesprengt wurde. Die dort experimentierenden Zauberer sind trotzdem sehr über Geralts Auftreten brüskiert, allen voran der alte Ortolan, dank dem sie selbst nicht mehr altern müssen, da er sie geradeheraus damit konfrontiert, dass die letzten von ihm erlegten Ungeheuer alle Plaketten trugen, die sie als Rissberger Experiment identifizieren. Auch hält sich seine Dankbarkeit über die Entdeckung der zur Hexermutation notwendigen Vorgänge in Grenzen. Von Pinetti erfährt er dann jedoch die eigentlichen Details: einer der Zauberer scheint einen Dämon herbeizurufen, den er jedoch nicht kontrollieren kann, was sich so zeigt, dass bereits sämtliche Bewohner von drei Dörfern im umliegenden Wald brutalst getötet wurden. Allerdings gilt dort wie auch in unserer Welt, dass vieles Illusion ist, was wir für Magie halten. Für die Morde zeichnet sich nämlich Ortolans rechte Hand, Degerlund, verantwortlich, der sich durch den Anschein er könne einen Dämon beschwören entsprechendes Prestige erhofft.

Geralt entkommt ihm jedoch glücklicherweise, gerät in Grenzstreitigkeiten, muss erkennen, dass das von Rittersporn besorgte Ersatzschwert nichts taugt, und wird so oft an seinen weißen Haaren erkannt, dass er bereits überlegt sie sich zu färben. Er sieht es jedoch aber auch als Chance und reist mit einem Zwerg weiter nach Nowigrad. Doch vom Pech verfolgt hat ausgerechnet das Schiff, das sie mitnimmt, die Tochter eines Fuchsgeistes an Bord, was die Füchsin nicht auf sich sitzen lässt (Anmerkung: eine Füchsin ist ein mächtiger Waldgeist, der Elfenkinder raubt und sie mit der Zeit ebenfalls in Füchse verwandelt), und er verpasst die Auktion. Jetzt zeigt sich auch, was für Kreise die Nachricht eines Hexers ohne Schwerter gezogen hat, denn Yennefer lässt sie heimlich ersteigern und sorgt dafür, dass die Diebe ihren gerechten Lohn erhalten.

Wieder in Kerack muss Geralt aber auch nicht ohne Schwert auskommen: Pinetti, der wegen der politischen Folgen Rissberg verlassen musste, gibt ihm sein eigenes Schwert, bevor er nach Nilfgaard abreist. So ausgestattet löst Geralt einen Gefallen bei einem Werwolf ein und verdingt ihn als Fährtenleser, um in das Innere der privaten Forschungszitadelle zu kommen. Sagen wir einfach, Degerlund konnte nicht lange genießen, dass ihn Ortolan tatsächlich zu seinem Nachfolger erklärt hat.

Kerack bleibt Dreh- und Angelpunkt und Geralt sieht sich genötigt wie versprochen (auch wenn die Gegenseite ihren Teil der Abmachung nicht eingehalten hat) bei der königlichen Hochzeit auf den Gemahl, König Belohun, aufzupassen. Das ungute Bauchgefühl verstärkt sich, als man ihm das Schwert erneut abnimmt, die Koralle in der Braut eine ehemalige Schülerin erkennt und Rittersporn spurlos verschwunden ist. Während draußen die Menge bereits feiert, geschehen im Palast gleich zwei Putschversuche. Wobei der der jüngeren Brüder daran scheitert, dass ihr verstossener älterer Bruder Viraxas auftaucht, just in dem Moment, in dem ihr Vater durch ein Amulett (ein Verlobungsgeschenk der Braut) erdrosselt wird. Auch draußen finden die Festivitäten ein jähes Ende, nämlich als mehrere Sturmwellen einen Großteil der unbefestigten Stadt, sowie den Hafen zerstören.

Enttäuscht über das Verschwinden ihrer Meisterin, die angeblich nur ihre medizinische Ausrüstung holen wollte, geht Koralles Schülerin Mosaik mit Geralt und Rittersporn fort, kehrt aber nach einer Weile (Geralt hat sich mal wieder in aller früh aus dem Staub gemacht) zurück und muss sich Yennefer stellen. Währenddessen erhält Geralt seine Schwerter von einer weiteren Zauberschülerin, die wie ein Geselle durch das Land von einer Meisterin zur nächsten reist, im denkbar günstigsten Zeitpunkt zurück.  Er wird vom sog. Kater von Iello (Brehen) herausgefordert (als Kater bezeichnen sich “misslungene Hexer” selbst), da dieser die Entzauberung der Tochter von König Foltest (Wyzima) für sich fordert. Sie gehen aber ohne Kampf auseinander und so gehört zu den “Aufräumarbeiten” nur noch eine letzte Begegnung mit der Füchsin (ihre Tochter hat überlebt), die ihn darauf hinweist, dass alles nur eine Illusion sei.

Vermutlich hätte ich ohne den Zeitdruck von zwei Wochen Ausleihfrist deutlich länger gebraucht, da die Handlung sich gut in einzelne Episoden unterteilen lässt und selbstverständlich mit entsprechenden Zitaten vor den Kapiteln, aber auch dem ein oder anderem Interludium angereichert wurde. Besonders interessant fand ich, dass so Nimue, die erst im letzten Band der Hexer-Reihe auftreten wird, eingeführt wurde und man einen zeitlichen Rahmen erhält. Wobei genau diese zeitliche Einordnung mich sehr verwirrt hat. Denn beim Interludium heißt es “über 700 Jahre später”, doch im Epilog, sagt sie, Geralt sei seit 105 Jahren tot (Wer rechnen möchte: Handlung im Sommer 1245, Epilog 1373).

Wenn wir gerade bei Zahlen sind. Die ein oder andere Anspielung an andere Bücher jenseits der hier bereits vielfach zitierten Märchen hat sich auch eingeschlichen. Der Zeitraum von 42 Jahren ist sowohl für das Auktionshaus wie auch für Dussart, dem Werwolf, wichtig (s. Per Anhalter durch die Galaxis). Und die magisch gesicherte Tür zur Zitadelle ist mit dem Standard-Passwort “Freund” belegt (s. Herr der Ringe).

Ein paar leider aktuellere Themen sind mir aber auch aufgefallen. Geralt misstraut dem Gefolge eines der Prinzen, da ihn die Einzelpersonen in ihrem Auftreten an Degerlund erinnern, der – neben seiner Geltungssucht – als sehr klischeehaft schwul dargestellt wird. In wieweit er dies nur vorspielt, um bei Ortolan besser dazustehen, bleibt unklar. König Belohun will Lytta Neid in der Ausübung ihres Berufes beschränken, da ihm die Geburtenkontrolle ein Dorn im Auge ist. Und, was mir auch in der eigentlichen Hexer-Saga mehrmals sehr übel aufgestoßen ist, die Abneigung und offene Anfeindung gegenüber “Nicht-Menschen” (also hier hauptsächlich Zwerge, Elfen, Halblinge) ist mehr als greifbar und gipfelt in der Vertreibung eben dieser aus Kerack, um die Staatskasse aufzubessern.

Insgesamt hat mir das Buch trotzdem gut gefallen, vielleicht gerade weil sich manche Aspekte durchaus auf das moderne Leben übertragen lassen, wenn auch kritisch hinterfragt. Der Schreibstil ist nie schwer und kokettiert mit dem Leser und seinem Wissen, beispielsweise, wenn die Koralle mit Yennefer spricht und ihr glaubhaft versichert, sie und Geralt hätte nur Berufliches verbunden. Man lernt den ein oder anderen Charakter besser kennen und kann weitere Details dieser Welt bestaunen. Gleichzeitig ist das aber auch ein Nachteil, denn ohne zumindest ein bisschen Vorwissen funktioniert der Roman einfach nicht.

Begonnen: 5.7.20   Beendet: 17.7.20

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Andrzeij Sapkowski – Das Erbe der Elfen

Es geht weiter mit der Geschichte um den Hexer Geralt und der Fürstentochter Cirilla! Genauer gesagt geht es jetzt erst richtig los und stürzt die Welt so wie wir sie kannten ins Chaos. Während in den ersten zwei Bänden in den Kurzgeschichten die wichtigsten Personen eingeführt und der Grundstein für die Handlung gelegt wird, schildern die nachfolgenden fünf Bände, welche Auswirkungen eine Prophezeiung hat, von der alle beteiligten Gruppen eine eigene Version besitzen.

Bevor ich zur Handlung, interessanten Details und meiner Meinung komme, ein paar organisatorische Dinge vorweg. Aufgrund der Ausleih-Warteliste habe ich Band 1 der Saga vor den Kurzgeschichten gelesen und mir nur ein paar Notizen gemacht. Genauso bin ich bei den anderen vier Bänden vorgegangen, während ich sie mehr oder minder am Stück durchgelesen habe. Das letzte Mal, dass ich das gemacht habe/machen konnte, weil alle Bände bereits erschienen waren und ich Lust hatte, die gesamte Reihe in einem Rutsch zu lesen, war vor 15 Jahren beim “Herrn der Ringe”. Ich schreibe die Beiträge zu “The Witcher” also mit dem Wissen zur gesamten Handlung und teilweise im Abstand von mehreren Monaten, was zu ungewollten Interpretation und Erinnerungslücken führen kann.

Dass Rittersporn manchmal einfach nicht seine Klappe halten kann und es mit der dichterischen Freiheit übertreibt, wissen wir bereits. Für ihn sehr typisch bringt er mit dem Vortragen seiner jüngsten Ballade über ein Königskind, das von der Vorhersehung mit einem Hexer zusammengeführt wird einige Steine ins Rollen. Der qualvollen Folter durch Rience entkommt er nur dank Yennefer, die den anderen auf der Flucht noch mit einer Flamme erwischt und ihm das halbe Gesicht verbrennt. Im anschließenden Gespräch beschließen sie, dass Geralt gewarnt werden muss.

Triss Merrigold, Yennefers beste Freundin und ehemalige Geliebte Geralts, reist im Herbst nach Kaer Morhen, dem Sitz der Hexer, um die Warnung zu überbringen und ein Auge auf Ciri zu haben. Das ist auch eine gute Idee, denn die Hexer, ungeübt im Umgang mit Mädchen, haben mit ihrer Ausbildung inklusive Kräuterbehandlung begonnen und sind heillos mit der Tatsache überfordert, dass ihr Schützling zu Weissagungen neigt. Bis zum Frühjahr kümmert sich also Triss um Ciris Ausbildung und überredet die Hexer sie an die Schule von Mutter Neneke zu schicken. Den “Umzug” übernimmt Geralt persönlich und gerät selbstveständlich auch in den umkeimenden Konflikt zwischen den Soldaten der menschlichen Könige und den Scioteal/Eichhörnchen genannten Widerstandsgruppen der Elfen, die ihre alte Macht zurück haben wollen.

Im Tempel hält Ciri ihre Identität geheim und wird von der bald eintreffenden Yennefer weiter in der Kunst der Magie ausgebildet. Diese erkennt das Potential, das in ihrem Schützling schlummert und beschließt, dass sie in Aretusa, ihrer alten Schule, am besten aufgehoben sei.

Geralt währenddessen versucht alle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und meidet den Kontakt mit beiden, vor allem weil sie noch nicht wissen, mit wem sie es eigentlich zu tun haben. In der Universitätsstadt Oxenfurt trifft er erneut auf Rittersporn, den der Geheimdienstchef von Redanien, Dijkstra, und die Zauberin Philippa Eilhart, auf ihre Seite ziehen wollen. Er weigert sich vehement und noch während er, eine befreundete Medizinstudentin und Geralt nach Informationen suchen, werden sie von Rience höchst selbst in einen Hinterhalt gelockt. Sie können sich verteidigen, doch leider entkommt ihr Angreifer (mit Philippas Hilfe), bevor sie Genaueres erfahren.

So weit so gut für den Anfang. Wie oben bereits erwähnt habe ich diesen Teil als allererstes in der Reihe gelesen, weiteres Vorwissen habe ich nur durch die Verfilmung, was mir an der ein oder anderen Stelle zu gute kam. Denn viele wichtige Ereignisse zwischen den Büchern, wie etwa der Fall Cintras oder auch die Schlacht bei Sodden, werden nur in Nebensätzen angesprochen, so als wären sie allgemein bekannt. Erstaunlicherweise finde ich das noch nicht einmal schlimm, da so der Eindruck vermittelt wird, dass der Kosmos der Handlung deutlich über die Bücher hinausgeht.

Sehr gut gefiel mir auch, dass Ciri tatsächlich so jung erscheint, wie sie tatsächlich ist. Machmal unbeholfen, manchmal um Anerkennung als “Erwachsene” bemüht, manchmal einfach nur neugierig. Den Vogel abschossen hat für mich bereits eine Szene zu Anfang, nämlich als Triss die anwesenden Hexer über die üblichen “Frauenprobleme” aufklärt und Ciri die Möglichkeit eröffnet über ihre Kleiderwahl (Kleid statt Hose) nonverbal zu kommunizieren, dass sie an manchen Tagen nicht (mit voller Kraft) trainieren kann.

Auch fallen ein paar erste sprachliche Feinheiten auf. Die Sprache der Gelehrten ist Latein. In diesem Teil vor allem bei der Diskussion über ein Wasserungeheuer verwendet, in späteren Bänden als “diplomatisches Jargon”. Viele Ortsnamen klingen wie Namen in unserer Welt. Von Oxenfurt zu Oxford ist es nun wirklich kein großer Sprung. Und die Elfen besitzen natürlich eine eigene Sprache, die allerdings auch von anderen Wesen, sowie den Zauberern und Hexern gesprochen wird.

Und selbstverständlich sind die Märchenanspielungen auch nicht vollkommen verschwunden. Aber es war etwas anderes, was mich hier positiv überrascht hat: In Rittersporns Beschreibung der Universität in Oxenfurt taucht ein Orang-Utan Bibliotheksnähe auf.

“Recht der Überraschung” in Märchen “Bestrafte Untreue “, “Madejs Lager”

Begonnen: 4.2.20    Beendet: Februar 20

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Andrzej Sapkowski – “der letzte Wunsch” & “das Schwert der Vorhersehung”

… Würdest du wollen, dass dein Sohn solche Zweifel hat?”

“Mag er sie haben”, sagte der Kaufmann ernst. ” Mag er sie haben. Denn gerade das ist menschlich und gut.”

“Was?”

“Zweifel. Nur das Böse, Herr Geralt, zweifelt nie. Aber seiner Vorherbestimmung entgeht niemand.” 

Es kommt selten vor, dass ich mich für die Verfilmung von Computerspielen interessiere, doch manchmal ist das Ergebnis durchaus schauenswert. Vor allem, wenn man kurz vor Weihnachten gemütlich vorm Fernseher sitzt und plötzlich sagt: “Er heißt Drei Dohlen und ist eigentlich ein Drache.” Einen kurzen Blick ins heimische Bücherregal später (der Sammelband “Tolkiens Erbe” ist trotz des verwirrenden Namens wirklich empfehlenswert) stand fest, was mein Freund, der seit gefühlten Ewigkeiten die Spiele immer mal wieder “zockt”, nicht wusste: “The Witcher” basiert auf den Büchern von Andrzej Sapkowski. Und nicht nur der titelgebende Hexer, sondern auch der Autor selbst verstehen ihr Handwerk.

In zwölf mehr oder minder zusammenhängenden Geschichten erfährt der Leser mehr über den Hexer Geralt und wird dabei zunächst etwas unsanft in eine völlig neue Welt und im ersten Moment verwirrende Zeitebenen geschubst.

Auf einem nicht näher bezeichneten Kontinent (man erhält keine weiteren Angaben, auch nicht dazu, ob die Bewohner an Scheiben oder Kugeln glauben) machen sich seit einigen Jahrhunderten die Menschen breit. Das bedeutet wir die Elfen, die eigentlich auch nur “zugereist” sind, die Zwerge, Halblinge und eine ganze Reihe faszinierender Geschöpfe, dass sie sich entweder mit den neuen Zuständen arrangieren müssen oder bejagt werden. Zur Bekämpfung der nicht vernunftbegabten Monster hatte sich sogar einst eine eigene Gilde gegründet, die ihren Sitz in Kaer Morhen hat und wie die von ihr bejagten Kreaturen kurz vor dem Aussterben steht. Denn vielleicht einer von zehn, manchmal nur von zwanzig überlebt die Ausbildung, zu der auch Prozeduren gehören, die den menschlichen Körper mutieren lassen. Als Belohnung gibt es enorme Schnelligkeit, Augen mit Nachtsicht, abgestumpfte Gefühle und das Misstrauen bis hin zur Verachtung der restlichen Bevölkerung.

Daher wird der Hexer Geralt, wegen seiner weißen Haare auch als “weißer Wolf” (das Gildensymbol besteht aus einem Wolf mit offenem Maul) bezeichnet, regelmäßig zum Kampf aufgefordert. Dass er das nicht immer will und vor allem mit vernunftbegabten, nicht-menschlichen Wesen lieber eine friedvolle Lösung findet, wird aber auch bald deutlich. So bildet die Rahmenhandlung für Band 1 “der letzte Wunsch” sein Genesungsprozess vom Kampf mit einer Striege, die er lieber entzaubern statt töten wollte. In Erinnerungen und Erzählungen lernt man die zwei beziehungsweise drei wichtigen Personen in seinem Leben kennen: den Barden Rittersporn, die Zauberin Yennefer und ein Kind der Vorhersehung, das in Band 2 und den anschließenden Büchern der so genannten Hexer-Saga noch wichtig wird.

Rittersporn ist ein weltbekannter Barde, der Geralt regelmäßig über den Weg läuft oder ihn auch eine Weile begleitet, immer auf der Suche nach neuen Ideen für Balladen und bestrebt wichtige Ereignisse möglichst in Person mitzubekommen. Nicht selten muss Geralt ihn allerdings aus Situationen retten, in die er sich durch sein Mundwerk und sein Schürzenjägertum selbst gebracht hat. Passenderweise ist er auch der Grund weswegen sich Geralt und Yennefer begegnen. Ein Flaschengeist hat ihm statt seine Wünsche zu erfüllen seine Stimme und Gesundheit ruiniert, woraufhin sein Freund einen Heiler sucht. Zwar hilft die Zauberin ihm, doch sie will eigentlich den Flaschengeist und den vermeindlich letzten Wunsch für sich. Da aber Geralt die Wünsche frei hatte gerät die gesamte Situation aus den Fugen und die einzige Chance, dass sie beide überleben, ist der Wunsch ihr Schicksal möge zusammen gehören. Seitdem ist Yennefer mit ihrem nicht erfüllbaren Kinderwunsch eine immer mal wiederkehrende Konstante in Geralts Liebesleben, die Zweifel weckt, ob wirklich alle Gefühle während der Ausbildung zum Hexer in ihm abgetötet wurden. 

In die Misere mit Ciri, Fürstentochter von Cintra, bringt er sich allerdings ganz alleine. Er wird von Königin Calanthe auf die Verlobungsfeier ihrer noch ziemlich jungen Tochter Pavetta geladen, um sich um einen Freier der besonderen Art zu kümmern. Duny ist mit einem Fluch belegt und hatte einst Pavettas Vater das Leben gerettet. Die beiden Herren waren übereingekommen, das dies mit dem “Recht der Überraschung”, also der Übergabe dessen, was der eine bereits besitzt, ohne davon zu wissen, vergolten werden soll. Dieses unverhoffte Glück war Pavetta, die sich in Duny nun ihrerseits verliebt hat. Nach gründlicher Verwüstung des Thronsaals sieht Calanthe ihren Fehler ein und erlaubt die Heirat. Nun soll auch Geralt für die Mithilfe bei der diplomatischen Lösung belohnt werden und wählt eher aus Verlegenheit heraus ebenfalls das Recht der Überraschung. Allerdings ist Pavetta schwanger. Später verzichtet er gegenüber Calanthe, die nach dem Tod ihrer Tochter die Erziehung übernommen hat, jedoch auf das Kind, obwohl die Hexer vermuten, dass solche Kinder vielleicht besser die Ausbildung überstehen. Dennoch trifft er die zehnjährige Ciri im Brokilon, dem Wald der Dryaden und sie weist ihn daraufhin, dass sie seine Vorherbestimmung sei.

Womit sie Recht behalten sollte. Denn als Geralt wieder einmal das Recht der Überraschung als Lohn verlangt – diesmal von oben zitierten Kaufmann – ist sie es wieder, die ihm als “Kind der Überraschung” entgegen tritt. Doch in diesem Fall ist er froh darüber, da ihr Königreich von Nilfgaard überfallen und zerstört wurde, und es eigentlich hieß sie sei tot. Auf ihre Aussage, sie sei nun offensichtlich seine Vorherbestimmung, antwortet er schlicht, sie sei etwas mehr.

Eines der wiederkehrenden Motive ist die Frage, in wie fern ein/der Hexer noch ein Mensch ist. Wegen seiner Mutation sehen ihn die meisten Menschen eher als Monster – und manchmal glaubt er das auch selbst – wobei jedes Mal wieder gezeigt wird wie viel menschlicher er als seine Umwelt er sich eigentlich verhält. Dass seine Entscheidungen nicht immer die besten sind, macht ihn dabei umso menschlicher.

Deutlich weniger subtil, wenn auch kunstvoll in die Handlung verwoben, sind die zahlreichen Anspielungen auf diverse Märchen. Ich habe versucht während des Lesens mir das wichtigste zu notieren, habe aber bestimmt noch einiges übersehen:

  • Kapitel 1: Zwar waren mir “Striegen” bis dato unbekannt, aber das Motiv des in seine Schwester verliebten Königs findet sich erstaunlich oft in polnischen Märchen
  • Kapitel 2 “ein Körnchen Wahrheit”: Spielt mit den Rosen und dem Hausherrn auf “Schöne und das Biest” an, auch wenn das Ende deutlich tragischer ist
  • Kapitel 3 “das kleinere Übel “: Rapunzel und Schneewittchen bilden hier die Hintergrundgeschichte für eine Prinzessin, der die Rache verwehrt bleibt.
  • Kapitel 4: Ein Satyr und eine Fruchtbarkeitsgöttin als Vermittler zwischen vertriebenen Elfen und den Menschen
  • Kapitel 5: Verwunschene Prinzen und ein flaues Gefühl im Magen. In den polnische Märchen, die ich zur Recherche gelesen habe, wurde das “Recht der Überraschung” nämlich immer nur von Teufeln eingefordert.
  • Kapitel 6: 1001 Nacht mit seinen nicht ganz so handzahmen Elementargeistern lässt grüßen.
  • Kapitel “Grenze des Möglichen”: Mir seit über dreizehn Jahren bekannt und eine schöne Ergänzung zu Anne McCaffreys Ansicht über Drachen.
  • Kapitel “Eissplitter”: Ein kurzer Blick in eher winterliche Märchen. Neben der Schneekönigin wird auch die wilde Jagd, die meist im Zusammenhang mit den Rauhnächten steht, zitiert.
  • Kapitel “das ewige Feuer “: Ein von einem Doppelgänger belehrter Halbling und die Erkenntnis, dass man nicht alle Wesen aus Sagen aus der Zivilisation fern halten kann.
  • Kapitel “ein kleines Opfer”: Die kleine Meerjungfrau erhält mehrere Versionen und die Erkenntnis wie wenig opferbereit manch einer in seiner Beziehung ist.
  • Kapitel “das Schwert der Vorhersehung”: Ein Wald voll wehrhafter Dryaden und ein kleiner Schwenker zu den sieben Raben
  • Kapitel “etwas mehr”: Jetzt müsste ich wissen, woher Tad Wiliams seine Inspiration für die Gräber hatte.

Auch nicht wegzudenken sind Frauen. Mehr als einmal schrie die Feministin in mir erbost auf, wenn mal wieder die körperlichen Vorzüge der ein oder anderen Dame beschrieben wurde, oder wie sehr Geralt allerorts angehimmelt wird. Allerdings wird Sapkowski selbst an den frivolsten Stellen nie plump, arbeitet gekonnt mit dem Weglassen zu bildhafter Details und hat es geschafft weibliche Figuren zu schreiben, die eben zu mehr taugen, als nur dem Anhimmeln von Männern, selbst wenn sie den Bechdel-Test leider nicht bestehen, weil sie in einer Welt voller Männer zu rar gesät sind. Renfri hat es zu einer Art Räuberhauptmann gepackt, Calanthe steht weder in der Politik noch der Schlacht hinter einem Mann zurück, die Bardin “Äuglein” ist gewitzt, die Nixe Sheezan ist mutiger als ihr Verehrer, Mutter Neneke so weise und durchsetzungsfähig, dass selbst stolze Ritter vor ihr schlottern, …

Im Großen und Ganzen ist es eine gelungene Buchreihe für Erwachsene, die sich die Freude an Märchen bewahren konnten, gespickt mit jeder Menge Zynismus und einer Sprache der “alten Völker”, die man seltsamerweise mit einer Mischung aus Englisch und deutschen Dialekten erstaunlich gut versteht.

“Der letzte Wunsch” Begonnen: 20.4.   Beendet: 2.5.20   

“Das Schwert der Vorhersehung” Begonnen:  4.5.  Beendet: 11.5.20

PS: Erstaunlicherweise wurde bei der Serienadaption vor allem das Erzählen auf mehreren Zeitebenen bemängelt. Dabei kamen sie diesbezüglich nicht einmal annähernd an die Bücher heran und haben vieles, was sich der Leser zusammenreimen muss, aktiv in die Handlung integriert. 😉

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Elton John – “Ich: die Autobiografie” & “Rocketman”

Beim gemütlichen Filmschauen mit meinem Freund überkam mich neulich eine entsetzliche Erkenntnis. Ich erkannte zwar fast alle Lieder, die der Protagonist überzeugend sang, doch die Eckpunkte der Handlung, die Namen der Weggefährten, der Mann selbst, waren mir völlig fremd, und das, obwohl er mich irgendwie seit meiner Kindheit begleitet hat.

Eher durch Zufall hatte ich mich in die Warteliste für das Hörbuch zu Elton Johns Autobiografie eingetragen und hatte das sehr erfolgreich verdrängt, bis am 22.4. mir eine E-Mail mitteilte, dass mir mehrere Stunden zuckender Mundwinkel, überraschende Fassungslosigkeit und anerkennende Bewunderung bevorstanden.

Für die genauen Eckdaten zu Sir Elton John schaut ihr bitte in Wikipedia nach oder ihr lest diese außergewöhnliche Autobiografie einfach selbst. Wobei Erich Wittenberg in der Hörbuchfassung ebenfalls einen hervorragenden Job macht und die vergangenen Jahrzehnte vor meinem inneren Auge hat aufleben lassen.

Anders als im Film, dessen Entstehungsgeschichte übrigens auch erwähnt wird, widmet sich das Buch einem Zeitraum von über sieben Jahrzehnten, von Elton Johns Geburt (25.3.1947) beziehungsweise noch davor kurz wie seine Eltern zusammen kamen bis zu dem Moment, in dem er verkündet eine dreijährige Abschiedstour zu machen (2018). Er hat zwar – wie er selbst erzählt – bereits mehrmals seinen Abschied verkündet und ist dann wieder auf die Bühne zurückgekehrt, doch die Möglichkeit seine Söhne aufwachsen sehen zu können und ihnen ein fast normales Leben zu ermöglichen, wiegt vermutlich diesmal schwerer. Entlang von Anekdoten, Zeitraffung und mancher ausschweifenden, wenn auch unterhaltsamen Abzweigung frei nach dem Motto “wo ich gerade dabei bin” erfährt der Leser/Zuhörer die wichtigsten Details aus seinem Leben. Vom ersten Klavierunterricht, dem Direktor, der ihm erlaubte die Schule zu schmeißen gegen das Versprechen, dann sich der Musik wirklich vollkommen zu widmen, den ersten Konzerten, wie er Bernie Taupin, seinen langjährigen Texter, kennen lernte, ihm ein anderer Sänger erklärte, dass er schwul sei, privaten Höhen und Tiefen,  seiner Begeisterung für Fußball, rauschenden Parties mit ebenfalls bekannten Größen der Musikgeschichte, dem Verlust von Freunden als AIDS aufkam, bis hin zu seinem nicht immer ungetrübten Glück mit Ehemann David und den beiden Söhnen. Manchmal kommt man aus dem Staunen nicht heraus, was er alles gemacht hat, wen er alles kennen lernte … und wie er das eigentlich alles überlebt hat.

Zum Ende erfährt man, dass er die Biografie hauptsächlich für seine Söhne geschrieben hat, damit sie als Erwachsene nachlesen können, was für ein Mensch ihr Vater war. Neben dieser Aussage stimmt es einen auch nachdenklich von wie viel Zufällen diese Entwicklung vom schüchternen Jungen zum Weltstar abhing.

Oder man feiert einfach die Momente voller bissigem schwarzen Humors, die bildhaft-geschilderten Treffen mit Rod Stewart, diversen Beatles-Mitgliedern, Freddie Mercury, dem englischen Königshaus, Lady Gaga, … den Beschreibungen, was er in seinem Leben alles sammelte.

Was mich erstaunte, war, dass die berühmte Brillensammlung nicht erwähnt wurde. Denn wie oft habe ich mir schon Scheibenwischer an meiner eigenen gewünscht, wenn es das typisch englische Wetter einmal bei uns gibt!

Wer gerne die Kurzfassung hätte, auf Musicals steht und mit den ersten vierzig Jahren dieses außergewöhnlichen Lebens zufrieden ist, dem empfehle ich den Film “Rocketman”. Taron Egerton spielt überzeugend und ist ein guter “Ersatz” für den eigentlich vorgesehenen Tom Hardy, der nicht gut genug für die Rolle singen konnte. Mit dem Wissen aus der Biografie fallen mir im Nachhinein ein paar wohl bewusste Änderungen auf, wie etwa der Selbsteinweisung in die Entzugsklinik stat der Intervention seines damaligen Freundes, aber sie runden den Gesamteindruck gelungen ab. Mehr als Schmunzeln musste ich, nachdem mir endlich aufging, woher ich den Darsteller des Bernie Taupin, dessen Texte überraschend perfekt zur jeweiligen Lebenssituation Elton Johns passen, kannte. Jamie Bell hatte “Billy Eliot” gespielt! Begeistert vom Film hatte Elton John übrigens die Musik für die Musical-Adaption geschrieben.

Jetzt bleiben nur noch ein paar ausklingende Worte:

Seit jenem Moment, in dem mir nach einem verpatzten Vorspiel ein Umschlag von Bernie zugesteckt wurde, ist nichts wirklich so gekommen, wie es geplant war. In meinem Leben und meiner Karriere reihte sich ein “Was wäre wenn”-Moment an den anderen. Lauter seltsame kleine Momente, die alles veränderten. Was wäre wenn […] Wo wäre ich dann heute? Und vor allem wer wäre ich dann heute? Es führt zu nichts, wenn ich mir über diesen Dingen das Hirn zermartere. Sie sind nun einmal passiert und genau darum bin ich der, der ich bin. Es bringt nichts sich ständig zu fragen: “Was wäre wenn?” Es gibt nur eine Frage, die sich wirklich zu stellen lohnt: Wie geht es weiter?

Begonnen: 22.4.    Beendet: 27.4.20

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