Glennon Doyle – “Ungezähmt”

Ich weiß nicht mehr genau, was ich erwartet hatte, aber das bestimmt nicht. Glennon Doyle legt in ihrem dritten Buch glaubhaft und gleichzeitig sehr verletzlich dar, dass es sich nicht nur lohnt bestehende Grenzen zu überdenken, um sein persönliches Glück zu finden, sondern auch, dass man die meisten Antworten in sich selbst finden kann, wenn man genau hinhört. Also durch etwas, zu dem die meisten Menschen in den vergangenen eineinhalb Jahren sehr viel Gelegenheit hatten.

Da Glennon Doyle zwar relativ gut strukturiert erläutert, was aus ihrer Sicht die notwendigen Schritte sind, um sich aus sich selbst heraus und nicht mehr über die Rollen und Beziehungen zu anderen zu definieren, aber dies anhand vieler Anekdoten aus ihrem Leben tut, hier in Kürze, was sie im Buch über sich verrät. Sie ist in ihren Vierzigern, stolze Mutter von drei allmählich erwachsen Kindern, gläubige Christin, engagiert sich unter anderem für Frauenrechte, kämpfte seit ihrem 10. Lebensjahr mit Bulimie, später auch Alkoholsucht und Depressionen, begab sich wegen ihrer ersten Schwangerschaft in Therapie, begann als Ergänzung dazu zu schreiben, wurde so eine erfolgreiche Autorin, trennte sich von ihrem untreuen Mann, verliebte sich überraschend in eine ehemalige Nationalfußballspielerin, heiratete sie und hat so eine neue, besser funktionierende Familie für ihre Kinder geschaffen. Was also von der einen Seite sehr konservativ und traditionell aussieht, ist auf der anderen Seite “schockierend” unkonventionell.

Im Prolog und im ersten Teil (“im Käfig”) erzählt Doyle von einer Gepardin im Zoo, die mittels eines Tricks dazu gebracht wird einem ans Auto gebundenen Plüschtier hinterherzurennen. Obwohl das Tier in Gefangenschaft aufwuchs, hat sie das Gefühl es könne sich doch ein Leben jenseits des Geheges vorstellen. Und dann erinnert sie sich daran, wie sie stiller und krank wurde, als sie sich ab dem Alter von 10 Jahren in den “Käfig” der Gesellschaft zu zwängen begann. An die Bibelstunde, in der ihr von einer Frau aus der Gemeinde beigebracht wurde, dass “Woman” sich von “Womb man” ableite, da Eva von Adam hervorgebracht worden war, und was die Erbsünde sei, sie jedoch zumindest am Anfang widersprach, schließlich brächten Frauen Kinder zur Welt – nicht umgekehrt. An die Therapeutin, der sie deutlich gesagt hatte, sie wolle nach den etlichen Seitensprüngen ihres Mannes keine Intimität mehr mit ihm, und die ihr trotzdem zu Blowjobs als Ersatz für regulären Sex riet. An die sehr unterschiedliche Werbung, die auf ihren Sohn und ihre zwei jüngeren Töchter abzielt. Wie die Sorgen ihrer Töchter heruntergespielt werden. Wie stur sich ihre Freundinnen und auch sie an gesellschaftliche Normen halten, selbst wenn es ihnen dabei nicht gut geht. Wie sie schließlich Abby kennen lernte.

Teil 2 (“Schlüssel”) erläutert die vier zentralen Aspekte, die für Doyle wichtig waren, mit der Geschichte, wie sie darauf kam und was sich direkt darauf in ihrem Leben geändert hat. Zunächst soll man fühlen – und zwar wirklich alle Gefühle, auch Schmerz und vor allem diesen nicht versuchen zu betäuben. Dann wissen (still sein und wissen). Konkret Wissen und Anerkennung im eigenen Inneren suchen, statt wie von ihr beobachtet beispielsweise die einen umgebenden Personen anschauen, bei der Frage, ob man hungrig sei. Vielleicht sich auch einfach vertrauen, es besser zu wissen als jeder andere, wenn etwas einen direkt betrifft. Aus diesem Wissen heraus könne man anfangen zu Imaginieren (es wagen, sich Dinge vorzustellen). Was ist die Vision auf die man hinarbeiten möchte? Zum Abschluss solle man aber auch keine Angst davor haben, dafür andere Dinge gehen zu lassen (Dinge kreieren & Verbrennen lassen).

Diese Aspekte greift sie im letzten Teil (“Frei”) immer wieder auf, wenn sie schildert, was sich in den letzten Jahren in ihrem Leben geändert hat. Manchmal sind diese Einsichten sehr persönlich, manchmal aber auch zutiefst politisch und eine klare Kampfansage an bestehende Systeme die sie so nicht länger hinnehmen will. Da ich sie aber auf keinen Fall alle zusammenfassen kann, vor allem da vieles in bildhaften Metaphern verpackt ist, hier ein kleiner Ausschnitt aus den während des Lesens entstandenen Notizen:

  • man sollte nicht okay, sondern lebendig sein – dazu gehört aber auch, Schmerz zuzulassen
  • Mut heißt nicht Angst zu haben und es trotzdem zu tun, sondern sich trotz des Drucks von außen selbst treu zu sein (Geschichte, wie sich ihre jüngere Tochter Ohrlöcher hat stechen lassen, die ältere aber noch nicht)
  • “Es ist so gut wie unmöglich, seinen eigenen Weg zu markieren, wenn man den Fußstapfen von jemand anderem folgt”
  • wenn sich ein oberflächliches Verlangen falsch anfühlt, geh tiefer, um herauszubekommen, was du dir eigentlich wünscht
  • Langeweile ist wichtig, um kreativ zu werden (und u.a. Smartphones verhindern das)
  • Nicht nur Mädchen stärken, sondern auch Jungen beibringen Schwäche zuzulassen, um sie für die Welt zu wappnen (nicht nur draußen bestehen, sondern auch innerhalb der Familie)
  • Vorstellungskraft nutzen, um die Kluft zwischen den eigenen Erfahrungen und denen anderer zu überwinden
  • Ansichten zu Gott, Kirche; gläubige Christin, aber eindeutig kritisch gegenüber der Kirche; bzgl. der Verschärfung der Abtreibungsgesetze in Texas interessanter Hintergrund – Ansichten der Kirche in den Staaten änderten sich, um Privilegien zu erhalten und die “Massen” hinter einem Thema zu vereinen (irgendwo gibt es eine hervorragende Dokumentation zu Roe vs. Wade)
  • Beschreibt sich selbst als introvertiert und sensibel (wirkt in ihren Videos aber unglaublich charmant)
  • Wut verrät einem oft mehr über einen selbst als über die Person auf die man wütend ist (Grenzen der eigenen Überzeugung)
  • “Mir ist aufgefallen, dass es der Welt offensichtlich leichter fällt, eine leidende Frau zu lieben als eine Frau, die fröhlich und voller Zuversicht ist.”; wir wurden erzogen mächtigen und glücklichen Frauen zu misstrauen, während wir umgekehrt mächtigen und glücklichen Männern mehr vertrauen

Insgesamt erhält man dadurch das Bild einer unglaublich mutigen und geliebten Frau, die ihren eigenen Standpunkt kennt, aber auch weiß, dass die Arbeit definitiv noch nicht getan ist und sie jeden Moment von etwas überrascht werden kann, das bis dahin außerhalb ihrer Wahrnehmung und/oder Vorstellung lag.

Mehr als einmal habe ich zustimmend genickt oder mir die entsprechende Stelle abfotografiert. Denn durch die lange Phase ausschließlich im HomeOffice und meine eingeschränkten sozialen Kontakte hatte ich mehr Zeit allein mit mir, als mir an manchen Tagen lieb war. Und so war es beruhigend von jemandem zu lesen, der auch die Schattenseiten erwähnt und nach außen hin vertreten musste, dass sie sich geirrt hat (ihr zweites Buch handelte wohl von der Kraft, die ihr ihr Ehe gab und sie war auf Promotour als sie von der Untreue ihres Mannes erfuhr). Ab einem gewissen Punkt beginnen sich die Grundaussagen der Kapitel jedoch zu wiederholen. Das ist auf der einen Seite sehr ermüdend (oder es lag an der Uhrzeit zu der ich gelesen habe) aber auf der anderen Seite zeigt es, dass die englische Wikipedia-Seite recht hat, wenn sie Doyles Bücher als Memoiren bezeichnet. Denn statt eines Selbsthilfebuchs ist es eigentlich genau das. Ein kleiner Ausschnitt aus einem Leben zu einem bestimmten Zeitpunkt und statt, dass sich der Leser die Quintessenz selbst daraus ziehen muss, bekommt er sie in leicht verdaulichen Häppchen nach und nach vorgesetzt.

Wer mit sich komplett im Reinen ist, kann bestimmt auf dieses Buch verzichten, zumal Doyle eine sehr … amerikanische (?) Sicht auf die Dinge hat und zu einem gewissen Grad Selbstdarstellung eindeutig Teil ihres Jobs ist. Dem Rest liefert es wahrscheinlich zumindest den ein oder anderen neuen Denkanstoß.

Begonnen: 27.8. Beendet: 13.9.21

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Stephanie Meyer – “Biss zur Mitternachtssonne”

Der Vorteil von analogen Buchläden und Bibliotheken ist eindeutig, dass man im Vorbeigehen, aus dem Augenwinkel, auf der Treppe, im Abkürzen zu einem ganz anderen Bereich, etwas Überraschendes entdecken kann. Damit kann kein “Andere Kunden lasen auch” mithalten. Der Vorteil besteht aber auch darin, dass man genauso glücklich das Buch durch die Rückgabeklappe schieben kann, sobald man endlich mit den über 800 Seiten fertig ist.

Mittlerweile ist das Konzept eine bekannte und beliebte Geschichte aus der Sicht einer anderen Figur zu erzählen nicht mehr ganz so neu, aber nachdem ich schon nicht Mr Darcys Sicht auf “Pride and Prejudice” bekommen konnte und mein 14/15-Jähriges Ich die “Biss”-Reihe damals ziemlich spannend fand, war es zumindest einen Versuch wert. Und auch, wenn die Dicke des Buches etwas anderes vermuten lässt, ist die Handlung doch relativ schnell zusammengefasst.

Edward Cullens Schulalltag ist langweilig, trist und grau und scheint sich schier endlos dahinzuziehen. Diese sehr typische Teenagererfahrung wird dadurch verschlimmert, dass er und seine vier “Geschwister” in Wahrheit alle deutlich älter und Vampire sind. Da ihr “Vater”, Carlisle, aber als hervorragender Arzt versucht der Ewigkeit etwas Gutes abzugewinnen und aus ethischen Gründen den Verzehr von Tierblut dem der Menschen vorzieht, probieren sie möglichst unauffällig unter den Sterblichen zu leben. Unruhe kommt erst mit der Ankunft der Tochter des geschiedenen Polizeichefs auf. Die Siebzehnjährige ist nicht nur die “Neue” und damit per se für alle Jungs an der Highschool in Forks interessant, sondern zudem auch tatsächlich hübsch und ziemlich intelligent.

Anfangs belächelt Edward, der sie in den Gedanken der anderen Schüler beobachtet (denn ja, natürlich kann er Gedanken lesen), das hormongesteuerte Verhalten um ihn herum, bis er selbst auf sie in ihrem Biokurs trifft. Das Wohlergehen seiner Familie im Kopf gelingt es ihm, sie (und sämtliche anwesenden Zeugen) nicht zu töten und flieht zu einem anderen Clan nach Alaska. Schnell merkt er jedoch, dass das auch keine Lösung ist, und kehrt in die verregnete Kleinstadt in Washington State zurück. Nach und nach lernt er mit ihrem wirklich verführerischen Duft zu leben und sie besser kennen, was seinen Wunsch nach ihrem Blut zumindest etwas dämpft.

Die Situation kippt nach einer Weile, als Bella beim Anblick von Blut im Biokurs umkippt. Edward hatte die Stunde absichtlich geschwänzt, folgt ihr und einem ihrer hartnäckigeren Verehrern aber auf die Krankenstation und bringt sie anschließend nach Hause. Von da an schleicht er sich nachts heimlich in ihr Zimmer und beobachtet sie auch tagsüber deutlich mehr. So ist er auch in der Nähe als sie mit Jessica und Angela in die nächstgrößere Stadt für Ballkleider fährt. Da sie selbst nicht zum Ball geht, schlendert sie irgendwann allein durch die Straßen und verläuft sich. Wie zuvor bei einem Beinahe-Autounfall auf dem Schulhof ist Edward plötzlich zur Stelle, als sie sich unbewusst in Lebensgefahr begibt, indem sie die falsche Gruppe Männer nach dem Rückweg frägt. Während des anschließenden Gesprächs konfrontiert sie ihn außerdem mit ihrem Verdacht, dass er a) Gedanken lesen kann (außer ihre) und b) ein Vampir ist.

Statt es zu leugnen bestätigt Edward diesen Verdacht und da Bella seltsamerweise keine Angst empfindet, verbringen sie nun mehr Zeit zusammen. Am sonnigen Wochenende des Frühlingsballs schließlich haben sie sogar ein erstes richtiges Date auf eine Waldlichtung, bei dem Edward ihr zeigt, dass Vampire in der Sonne glitzern, und sie sich zum ersten Mal küssen. Am nächsten Tag lernt Bella die restliche Familie Cullen kennen, die bis auf die Ausnahme von Rosalie begeistern von ihr sind, und begleitet sie zum Baseballspielen. Der vergnügliche Sonntagnachmittag nimmt jedoch ein jähes Ende mit der Ankunft drei weiterer, weniger humaner Vampire. Angespornt von der Entschlossenheit mit der die Cullens Bella zu verteidigen bereit sind, beginnt James ein Katz-und-Maus-Spiel mit ihnen, das in Bellas Heimatstadt Phoenix endet. Während seine Brüder Jasper und Emmett James auseinander nehmen, muss schließlich Edward Bella das Vampirgift aussaugen, was sie ihm in den darauffolgenden Wochen ihrer weiteren Genesung ziemlich übel nehmen wird. Dafür freundet sie sich mit Edwards Schwester Alice immer mehr an und lässt sich schließlich sogar auf den Abschlussball “entführen”. Die Warnung ihres Jugendfreunds Jacob, der von seinem Vater ebenfalls dorthin geschickt wurde, ignoriert sie jedoch und macht Edward abschließend noch einmal klar, dass sie die Ewigkeit mit ihm möchte.

Inzwischen bin ich doppelt so alt wie beim ersten Lesen von “Twilight” und zumindest der Beginn des Buches hat mir ins Gedächtnis gerufen, weswegen ich die Bücher damals mochte. Das war deutlich besser als der Film! Bella war plötzlich eine dreidimensionale Figur, mit deren Buchvorlieben (Jane Austen, Douglas Adams, Anne McCaffrey) ich mich bestens identifizieren kann. Eine gewisse Selbstironie war sogar auch vorhanden und während Edward zunehmend eifersüchtiger wegen des unbeschwerten Umgangs anderer mit Bella wird, hat er doch sichtlich Spaß an der Telenovela “Bella & 3 Kerle” (Mike, Eric und Tyler, die sie alle zum Frühlingsball einladen, obwohl Damenwahl ist). Auch Momente wie den, als Bella ihm mitteilt, sie wüsste, er sei ein Vampir und das wiederum sei ihr egal, sind genial, da er denkt, sie sei nicht ganz bei Trost und ihr sogar einen Psychotherapeuten vermitteln will. Die Erkenntnis, dass er ein Stalker ist, kommt allerdings ungefähr zum gleichen Zeitpunkt wie bei mir die, dass er einfach zu viel denkt – gute 700 Seiten bis zum Ende des Buches (die Lichtungsszene war dann später eindeutig zu lang). Und zunehmend machte mir auch der Schreibstil zu schaffen, da ich die “Erzählstimme in meinem Kopf” nicht auf “männlich” geschaltet bekam und so der Ich-Erzähler in meiner Wahrnehmung das Geschlecht tauschte. An sich nicht schlimm, aber dann stilistisch doch etwas am Ziel vorbei.

Wirklich gefallen haben mir die bessere Einsicht in die Motivation der einzelnen Figuren. So ist Rosalie plötzlich die einzige Vernüftige in der Geschichte, da sie von Anfang sagt, dass Bella, die noch ihr ganzes Leben vor sich hat, nichts mit ihnen zu tun haben sollte. Dennoch bin ich immer noch ein Fan von Alice, die mit ihrer direkten Art einfach mich und ihre Geschwister überzeugt. Und einen kleinen Pluspunkt gibt es für die wunderbare Angela Weber, die Edward sogar höchstpersönlich als Dankeschön für ihr gutes Wesen verkuppelt. Auch sind einige Anspielungen an Anne Rice versteckt, die ich so beim ersten Lesen natürlich nicht entdecken konnte, weil ich ihre Bücher damals noch nicht kannte. Carlisle rutschte in meiner Vorstellung optisch deutlich Richtung Lestat ab, während Laurent doch gewisse Anleihen an Louis hat. Und das ganze Gedankenlesen? Ich bitte euch! Dazu kann man gleich noch das Klavierspielen packen. (Leider haben der Komponist der Filmversion des Schlaflieds und ich nicht das gleiche Buch gelesen, und Yirumas “River Flows in You” passt tatsächlich besser). Das Beste war aus meiner Sicht aber, dass man Bellas Hintergrund deutlich besser zu verstehen lernt, da Edward seine eigenen Erfahrungen und Einschätzungen zu dem, was sie ihm verrät, einbringt. Vor allem ihre Mutter, die immer nach Unabhängigkeit und Abenteuern gestrebt hat, scheint prägend für Bellas Selbstwahrnehmung zu sein. Und damit beginnen die eigentlichen Probleme.

Bellas Selbstvertrauen ist so gut wie nicht vorhanden, da sie sich hauptsächlich als Last für andere wahrnimmt. Natürlich verliebt sie sich in den ersten Typen, der ihr das Gefühl gibt, seine gesamte Welt würde sich nur um sie drehen! Unabhängig davon, dass dieser Typ sie eigentlich umbringen möchte, ihr Fensterscharnier ölt, um unbemerkter in ihr Zimmer zu gelangen, und sich der restlichen Welt so überlegen fühlt, dass er sogar auf seine Geschwister herab sieht (wird unter anderem dadurch deutlich, dass er als einziger immer mit vollem Namen angesprochen wird). Seine Ansichten zu dem Pakt mit den Quileuten, Billy und Jacob lasse ich hier besser einfach mal unter den Tisch fallen. Wäre er nicht so fasziniert davon, dass er ihre Gedanken nicht hören kann, wäre sie längst tot. In dieser Hinsicht ist er nicht besser als der Tracker James. Er ignoriert sogar ihre Privatsphäre, selbst wenn sie ihn explizit darum bittet, wie als sie von Jessica über den weiteren Abend nach ihrem Mädelsausflug ausgefragt wird, und mischt sich in ihre Freundschaften ein. Denn Alice muss warten, bis er sein OK gibt, um sich mit Bella anzufreunden.

Ein Aspekt, der Kontrollsucht und Größenwahn unterstreicht, ist der auf dem Cover abgebildete, vor Saft triefende Granatapfel. (Der Fotograf hat es übrigens – zu Recht – dafür und für die Vorgänger in die Danksagung geschafft. Es ist bei genauerer Betrachtung nämlich ein überraschend abstoßendes Motiv für einen Liebesroman) Immer, wenn Bella etwas neues über ihn lernt oder mehr Kontakt mit ihm und den anderen Vampiren hat, vergleicht Edward dies mit den Granatapfelkernen, die Persephone in der Unterwelt aß. Er sieht sie sogar selbst als Frühlingsgöttin, was ihn im Umkehrschluss zu … Hades macht? Das wurde erst erträglich, als mir einfiel, dass ich bei Meg Cabots “Awaken” auch darüber gelesen habe und dort (mit einem echten Herrscher der Unterwelt) standen die Kerne jedoch für Sex. Soweit zu den keuschen Ansichten eines Vampirs, der sich immer mehr zum hormongesteuerten, verliebten Teenie entwickelt.

Das alles jetzt zusammenfassend, kann ich sagen, dass das Buch tatsächlich lesenswert ist. Denn nichts entzaubert den vermeintlichen Traumtypen besser als ein Blick hinter die Fassade. Ob es dafür wirklich so viele Seiten gebraucht hätte und das wirklich die Intention der Autorin war, bleibt jedoch fraglich.

Begonnen: 9.8. Beendet: 5.9.21

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Terry Pratchett – “Total verhext”

Es liegt in der Natur von Märchen, dass der Held loszieht und Abenteuer erlebt. Oder plötzlich eine gute Fee auftaucht und dafür sorgt, dass die Hauptfigur glücklich ist. Aber wo kommt die eigentlich her? Und was ist, wenn man mit einer bösen Hexe besser beraten ist? Im zwölften Roman der Scheibenwelt reisen drei Hexen aus Lancre ins Ausland und erhaschen einen Blick auf die Zerrbilder ihrer Selbst.

Alles beginnt mit dem Tod der ansässigen guten Fee, die ihren Zauberstab mit klaren, wenn auch überraschenden Anweisungen Magrat Knoblauch vermacht. Sie solle nach Gennua reisen, dafür sorgen, dass Ella NICHT den Prinzen heiratet – und gefälligst die beiden alten Drachen zu Hause lassen. Natürlich sind Oma Esme Wetterwachs und Nanny Gytha Ogg anderer Meinung und begleiten die junge Hexe, die mit ihrem neuesten Hilfsgerät nur Kürbisse zustandebringt.

Diese bekommen sie neben etwas Zwergenbrot auch prompt als Proviant in ihrer ersten Station wieder eingepackt. Zwerge wissen einfach nichts damit anzufangen. Beim nächsten Zwischenstopp löst Greebo, Nanny Oggs Kater, ein Fledermausproblem, als diese zum dritten Mal versucht Magrat zu überfallen. Sie stören eine Stier-Hetze. Oma Wetterwachs zockt Betrüger auf einem Raddampfer ab, was ihr nur gelingt da sie im Winter zuvor mit der ältesten Hexe in Lancre spielen musste, die “praktischerweise” das zweite Gesicht besitzt. Und während sie wohl oder übel in Kontakt mit der “internationalen Küche” kommen und Nanny Ogg ihr bestes “Ausländisch” auspackt (eine wüste Mischung aus lautmalerischem Französisch, Spanisch und Italienisch), werden die kleinen Unterbrechungen ihrer Reise zunehmend märchenhafter. So wecken sie eine Prinzessin auf, indem Oma Wetterwachs das Spinnrad aus dem Fenster schmeißt, retten eine ältere Dame vor einem geistig verwirrten Wolf und Nanny Ogg fällt ein Farmhaus auf den Kopf. Dank ihres äußerst stabilen Huts von Herrn Vernissage übersteht sie es unbeschadet, allerdings werden sei die herbeieilenden Zwerge, die unbedingt ihre Schuhe wollen – weswegen wissen sie selbst nicht- erst mit Hilfe des Zwergenbrots los.

In Gennua selbst folgt dann der Schock. Hexen sind hier gänzlich unbekannt. So trennen sich die Hexen, um genaueres zu erfahren. Magrat lernt (Glut)Ella kennen, deren andere gute Fee sie mit dem Prinzen verheiraten will. Nanny Ogg findet im Schloss in der Köchin ihr Pendant und wird von ihr zu Frau Gogol geschickt, als sie nach Magie frägt. Dort findet sie auch Oma Wetterwachs, die zuvor zwei Schlangen sah, die wie Menschen “herumliefen” und sich als Ellas Aufpasserinnen herausstellen. In Frau Gogols Häuschen im Sumpf erfahren sie schließlich, was so seltsam an der Stadt ist, auch wenn zumindest Oma schon eine Befürchtung hatte. Ihre Schwester Lilly, hier Lilith genannt, ist dabei Gennua in ein Märchenreich zu verwandeln und bezieht außerdem ihre Macht aus Spiegeln, was allgemein selbst unter Hexen als zu gefährlich angesehen wird. Oder wie es so schön zusammengefasst wird:

Lilith hielt dem Leben einen Spiegel vor und hackte ihm alles ab, was nicht ins Bild passte.

Da das auf Dauer einfach nicht gut gehen kann, beschließen die drei Hexen in den Kostümball anlässlich von Mardi Gras einzugreifen. Kleider werden zerstört, Kutscher unter den Tisch getrunken, Kutschen zu Kürbissen und wieder zurück, Greebo zu einem Menschen, Magrat erhält Selbstbewusstsein, Oma Wetterwachs trägt ein weißes Kleid, Nanny Ogg lernt Casanunter kennen und ein Gast mit richtig gutem Skelettkostüm amüsiert sich anscheinend prächtig. Leer geht ein armer Frosch aus, der seit dem Ableben des Barons der Stadt den Prinzen mimt. Und auch Frau Gogol kann ihren Plan mit Baron Samstag, der 10 Jahre lang als Zombie bei ihr lebte nicht komplett ausführen, da Esme sie in einem spektakulären Kampf von Vodoo gegen Kopfologie sie dazu bringt die Vodoo-Puppe selbst in Brand zu setzen. Allerdings scheitert sie mit dem klärenden Gespräch bei ihrer Schwester und beide werden in den verbliebenen Spiegel gezogen. Im Gegensatz zu Lily weiß sie jedoch ganz genau, wer die Echte ist und reist einige Tage später – mit unter Umständen dem ein oder anderen Umweg – nach Hause.

Nanny schlenkert mit den roten Stiefeln.

“Am schönsten ist es eben doch zu Hause”, sagte sie.

“Nein.” Oma Wetterwachs machte noch immer eine nachdenkliche Miene. “Es gibt Millionen Orte, wo es genauso schön ist. Aber leben tut man nur an einem.”

“Dann fliegen wir also heim?”, fragte Magrat.

“Ja.”

Doch sie gönnten sich einen Umweg und sahen den Elefanten.

Auch wenn der Fokus immer auf den drei Hexen, die törichterweise das ein oder andere Mal als “Jungfrau, Mutter und altes Weib” bezeichnet werden, bleibt, so ist dieses Buch doch Scheibenwelt in Reinform. Die Handlung verdreht die klassische Erwartungshaltung, hält sich quasi selbst den Spiegel vor, zeigt die Entwicklung verschrobener bis schrulliger Charaktere und ist dabei so zynisch, dass man nicht weiß, ob man lachen darf oder im nächsten Moment den strengen Blick von Oma Wetterwachs fürchten muss. Ein Highlight waren dieses Mal eindeutig sämtliche Anspielungen auf Märchen und solche die es einmal werden könnten (bspw. “Der Herr der Ringe” mit Lembas-Brot und Gollum-Cameo zu Beginn der Reise), sowie ihre “zeitgemäßen” Adaptionen (Frau Gogols Haus läuft auf Entenfüßen). Manchmal habe ich jede Sekunde damit gerechnet, dass Hexer Geralt auf der nächsten Seite lauert. Ein erstaunlich guter Ersatz war hierfür Greebo, dessen Passagen ich immer prompt meinem Freund vorlas (da ich immer noch im Home Office bin, lese ich mittlerweile wieder hauptsächlich abends). Dieses Selbstvertrauen sucht einfach seines Gleichen. Vielleicht besteht diesbezüglich sogar Hoffnung für Magrat, die sich mittels Fernkurs (von Herrn Schnapper aus Ankh-Morpork) Kampfkunst beibringt und im Hosenrock reist.

Da sie nun weiß, dass man Menschen nicht einfach so zu ihrem Glück zwingen kann, wird sie sich sicherlich machen – wenn nicht als gute Fee, dann doch bestimmt als Hexe.

Begonnen: 24.7. Beendet: 6.8.21

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Jo Baker – “Im Hause Longbourn”

Zu einer meiner absoluten Lieblingsszenen in Jane Austens “Stolz und Vorurteil” gehört definitiv Elisabeths Erscheinen in Netherfield, um sich nach der erkrankten Jane zu erkunden. Genauer gesagt Caroline Bingleys “Yes, and her petticoat: I hope you saw her petticoat, six inches deep in mud…”. Da ich selbst in England mehr als einmal wutschnaubend abends versucht habe meinen Hosensaum wieder sauber zubekommen und gleichzeitig Elisabeths Freude an Spaziergängen verstehen kann, fand ich diese Stelle immer sehr passend, um den Unterschied zwischen beiden Frauen zu betonen. Meine Sicht auf die Dinge hat sich jedoch bereits mit den ersten Kapiteln von “Im Hause Longbourn” geändert, denn hier sieht man die Geschichte plötzlich aus einer anderen Sicht – der, der Dienerschaft.

Auch wenn die Perspektive manchmal auch zu anderen “Nebenfiguren” springt, so ist das Dienstmädchen Sarah doch unbestreitbar die Hauptfigur, der man durch sämtliche tägliche Pflichten folgt, bis hin zu der Entscheidung ihr persönliches Glück über das Wohlwollen ihrer Herrin zu stellen. So wurde mir zum ersten Mal klar, dass die Handlung des Romans im Spätherbst beginnt, als sie an einem kalten Morgen Wasser für den Waschtag pumpen muss und während diesem über Elisabeths Unachtsamkeit flucht. Sie selbst ist in einem ähnlichem Alter und kam als Kind nach Longbourn und wurde genau wie später Polly (eigentlich Mary, aber wegen der dritten Bennet Schwester wurde sie umbenannt) von Mrs Hill großgezogen. Sie ist die erste, die aufsteht, Wasser holt, den Herd schürrt, darauf achtet, dass Polly mit ihren zwölf Jahren ab und zu noch unbeschwerte Kindheitsmomente hat, den jungen Damen beim Ankleiden hilft, Besorgungen erledigt und manchmal die Nächte durchwacht, bis die Herrschaften nach einem Ball wieder heimkehren. Veränderung in diesen eher gleichförmigen Alltag kommt nicht mit der Ankunft Mr Bingleys, sondern mit der von James Smith, der sich bei Mr Bennet als Hausdiener und Kutscher verdingt, obwohl er als junger, gesunder Mann bestimmt eine lukrativere Stelle hätte bekommen oder zum Militär hätte gehen können.

Dass er ein. Auge auf sie geworfen hat, wird dem Leser sehr schnell klar, während Sarah selbst eher Interesse an Ptolomey “Tol” Bingley zeigt, den sie durch die diversen Botengänge zwischen den beiden Anwesen kennen gelernt hat. Die Abreise der Bingleys ist also nicht nur für Jane schwer, sondern auch für sie, doch anders als Miss Bennet hat Sarah die Möglichkeit dem Mann, mit dem sie angeschwippst während des Balls geknutscht hat, hinterher zu reisen. Doch James folgt ihr, überzeugt sie davon zu bleiben und stellt überrascht fest, dass seine Gefühle erwidert werden. Anscheinend werden der Dienerschaft nicht die gleichen moralischen Regeln auferlegt. Wie wenig Aufsehen die Affäre bei den Herrschaften erregt wird etwas später deutlich, als James in der gleichen Nacht wie das Militär verschwindet, und Sarah Elisabeth bittet Lydia zu fragen, ob sie ihn in Brighton gesehen habe. Elisabeth kann zunächst nicht mal etwas mit dem Namen anfangen.

Sarah sieht ihn erst deutlich später wieder, als Elisabeth längst verheiratet ist und sie mit nach Pemberley genommen hat. Ausgerechnet Tol ist es, der ihr erzählt, dass er ihn mit einigen Straßenbauern auf den Weg in den Norden gesehen habe. Ihn immer noch liebend beschließt sie ihr Arbeitsverhältnis zu kündigen, was eine direkte Unterredung mit Mr. Darcy zur Folge hat, und ihn zu suchen. Einige Jahre später kehren sie nach Longbourn zurück.

James, der im Original gerade mal einen Nebensatz wert ist, ist ein ganzer Abschnitt gewidmet, der sich mit seiner Zeit als Soldat in Portugal und Spanien auseinandersetzt. Er ist in der Nähe von Longbourn aufgewachsen, in Wahrheit der uneheliche Sohn von Mrs. Hill und Mr. Bennet, und wollte mit dem Eintritt ins Militär dem langweiligen Leben als Bauer entkommen. Desillusioniert, ausgepeitscht und desertiert kehrt er nach einigen Jahren auf See in seine Heimat zurück und findet in Longbourn tatsächlich eine Anstellung. Ihm ist bereits auf den ersten Blick klar, dass Wickham nichts Gutes im Sinn haben kann. So ist er es schließlich, der dazwischen geht, als Wickham Polly gegenüber zu zudringlich wird. Dieser errät jedoch dabei jedoch James Vergangenheit und sorgt mit seinen Drohungen dafür, dass er flieht.

Es wird deutlich, dass Mrs Hill der eigentliche Kit des Haushalts ist. Sie ist zentral in allen Aufgaben, kümmert sich um die Familie Bennet und die Dienerschaft gleichermaßen, denn die Herrschaften sind dazu nicht in der Lage. Sie hat so viel Weitsicht, Mr Collins während seines Aufenthalts bestens zu umsorgen, obwohl dieser das wenig zu schätzen weiß (seine eigene Dienerschaft ist durch Lady Catherine gedrillt), und auch das gute Verhältnis zu Charlotte aufrecht zu erhalten, damit diese später nicht das gesamte Personal einfach austauscht. Sie muss die Launen von Mrs Bennet ertragen und sich um die Kinderschar der Gardiners kümmern. Dennoch scheint sie zum Schluss des Buches seltsam zufrieden, sitzt sie doch Mr Bennet in der Bibliothek abends gegenüber.

Baker gelingt eine schmale Gratwanderung zwischen der neuen Perspektive, die ihre Figuren erlauben, und der Sympathie die man in Austens Werk für die Bennet Schwestern empfindet. Denn nicht selten werden unangenehme Aufgaben, wie das Holen neuer Schuhrosen für den Ball bei schlechtestem Regenwetter, Sarah aufgedrückt und eine Gleichgültigkeit und Unwissenheit an den Tag gelegt, die einen den Kopf schütteln lässt. So wirken sie wirklichkeitsnäher als die ursprünglichen Protagonisten. Gleichzeitig merkt man, dass diese es nie böse meinen, aber nie gelernt haben diese andere Sichtweise einzunehmen. Für Elisabeth ist es absolut unverständlich, dass Sarah ihre neue Arbeit langweilt und sie lieber geht, als sie während der Schwangerschaft zu umsorgen.

Manchmal wirkt der Erzählstil sehr episodenhaft, da kurze Füllsätze des Originals mit Leben gefüllt werden, trotzdem oder vielleicht deswegen habe ich das Buch kaum aus der Hand legen können. Und der Blick hinter die Kulissen lohnt sich allein schon für die Flut an Details, die man so meistens erst in den Verfilmungen optisch am Rande wahrnehmen kann. Wer also gerne etwas mehr Hintergrundinformation zu “Stolz und Vorurteil” hätte, dem kann ich dieses kurzweilige Buch wärmstens empfehlen.

Begonnen: 15.7. Beendet: 21.7.21

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Leigh Bardugo – “Goldene Flammen” (kurzgefasst)

Allmählich habe ich das Gefühl, dass meine Sehgewohnheiten meine Lesegewohnheiten beeinflussen. Nach “Good Omens” und “the Witcher” hat es jetzt auf jeden Fall das so genannte “Grishaverse” auf meine Leseliste geschafft. Und zumindest nach dem ersten Band muss ich sagen, dass mir die Verfilmung besser gefällt als das Buch. Vielleicht liegt das auch daran, dass das Merkmal, das die Geschichte etwas aus dem üblichen Young-Adult-Fantasy Dschungel hervorstechen lässt in der geschrieben Version zunächst untergeht.

Alina ist Kartenzeichnerin in Ausbildung und soll zu einem anderen Meister wechseln. Zu diesem Zweck reist sie mit der Armee zur Schattenflur, einem Streifen purer Finsternis, der das Land Ravka in zwei Teile spaltet. Seine Existenz scheint zudem die Nachbarländer zu feindlichen Handlungen herauszufordern, denn ein Großteil der Jugend des Landes befindet sich in der Armee. Bei der Durchquerung geht jedoch einiges schief und als Monster ihren Jungendfreund und heimlichen Schwarm Mal angreifen, erscheint um ihn und Alina eine Art Sonnenlicht, das die Kreaturen vertreibt.

Statt zu ihrem eigentlichen Ziel weiterzufahren kehrt die übriggebliebene Mannschaft um, damit Alina dem obersten der Grischa, so eine Art Zauberer, die entweder eine Affinität für Elemente, medizinische Vorgänge oder Handwerk haben, vorgeführt werden kann. Denn der Dunkle sucht bereits seit Ewigkeiten nach einer Sonnenkriegerin, die als Äquivalent zu seinen Fähigkeiten mit Schatten, die Missetat seines Vorfahrs umkehren kann. Sie beginnt also ihre Ausbildung, allerdings nicht am Meer, sondern abgeschirmt im kleinen Palast. Da sie bereits seit ihrer Kindheit, als sie auf Kräfte überprüft wurde, diese unterdrückt, um nicht von Mal getrennt zu werden, macht sie vorerst keine Fortschritte. Doch sobald sie sich selbst akzeptiert wird es besser und ihre Lehrmeisterin triezt sie, damit sie die volle Kontrolle hat und auch nicht von dem Kräftemehrer, den der Dunkle für sie – von Mal – suchen lässt, abhängig ist. Natürlich erkennt Alina inmitten der Palastintrigen zu spät, wer der tatsächliche Bösewicht ist und entkommt dem General nur knapp. Mal findet sie zuerst und die beiden können ihre Missverständnisse klären, während sie selbst auf die Jagd nach dem weißen Hirsch gehen. Allerdings geraten alle drei doch wieder dem Dunklen in die Hände, der mit Hilfe des Geweihs Alina und ihre Kräfte unterwerfen kann. Der große Showdon findet schließlich in der Schattenflur statt, in der Alina sich befreit und alle bis auf Mal schutzlos zurücklässt, da sie ihr nicht helfen wollten.

Vor ein paar Jahren wäre ich noch eindeutig die Zielgruppe des Romans gewesen und ich muss zugeben, dass es auch jetzt noch Spaß gemacht hat, ihn zu lesen. Manche Entwicklungen (Liebesdreieck) waren zwar sehr vorhersehbar, aber durch dieses Klischee muss man in dem Genre wohl oder übel durch. Viel spannender ist hingegen das gewisse Etwas, das ich bereits oben angesprochen habe. Bardugo hat sich für ein Setting entschieden, dass zu einer Märchenversion Russlands zu Beginn des 19. Jahrhunderts passen könnte. Namen, Kleidung, gesellschaftliche Struktur… aber wie gesagt, kommt das in der Verfilmung besser zur Geltung, während des eigentlich Lesens verschwimmt es im Hintergrund. Ich bin dennoch gespannt wie es weitergeht – nur leider ist die Wartezeit in der Bibliothek aktuell ziemlich lang.

Begonnen: 29.6. Beendet: 6.7.21

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Naomi Novik – “A Deadly Education – Lesson One of the Scholomance”

I grew up with stories about a magic school in which students might die, but usually were saved by the protagonist. Then came “Krabat” where the apprentice had a probability of 1 to 12 of an early death. I recently read a baltic fairytale on which part of the story might be based on (and that I was reading it, was because of Novik’s other novels), but I’m still not sure where the author read/heard/learned about the Scholomance. Because this is worse.

As El explains throughout the story the Scholomance, the world’s only school for young magical folks, is not the sanctuary to keep them save until they can handle the monsters that are lusting after their magical powers that it appears to be at first glance. Not only does it attract a lot of these monsters, called Maleficaria – or mals – now blocking the entrance hall, so that each graduation year has to fight their way out, the huge mechanical building placed in another dimension, the Void, itself needs the magical power to run and is therefore more than “happy” about the loss of at least a quarter to a third of its students. So if there would be someone running around, saving other students the school would react e.g. with worse food supply and weakened barriers that would allow some more dangerous mals to appear in the halls. Unfortunately there is someone like this.

Luckily this isn’t our protagonist. Well, to be honest, the reader meets Orion Lake before Galadriel Higgins, El for her friends, even introduces herself – but only because she decides to kill him for saving her life and then leave the mess behind for her to clean up. While she tries to find a cleaning spell in old English that wouldn’t burn down her whole room she explains how magic in this world works. It is basically all life force – most recent term used for it is “mana” – and one can build it up by doing things that cost you effort, e.g. sports, crocheting when you’re not good at it, cleaning your room manually, or you could use someoneelse’s life force, which comes with a huge backlash. So while some of the other students suspect her to be a Maleficer, as they are called, El is strictly mana and really powerful though. Being raised by her mother, the famous healer Gwen Higgins, she learned the keep her power a secret, since her great-grandmother in the enclave in Mumbai had a vision of her destroying the world (more precisely all enclaves). And enclaves are the ones who run the magical world, because the promise protection and success. Usually they’re a bunch of snobs who let other’s do the dangerous work or sacrifice them either way.

More details why to detest enclavers are provided during the thirteen chapters, each named after the monster of the week, day/night, hour, in which El tries to get through the last weeks of her third year at Scholomance. Orion not only saved her, but also stays alongside her, which raises the probability of dangerous encounters, but also saves her a couple of times. She is clever enough though to not let it get to her head that the whole school thinks they’re dating, but shares the benefits of this with those students who she worked with during the last years. The most two important are Aadhya, an excellent artificer, and Liu, as El in the language track and formerly maleficer. Due to some events I don’t want to give away here just yet they plan to already team up for their graduation the following year and therefore also face the seniors who weakened the barrier to graduation hall together.

The idea for the leak came them when a small version of the one of the worst monsters ever seems to have slipped into the school. Why not sacrifice the younger students in order to satisfy the school and reduce the number of monsters downstairs? That El just prevented something like this by killing the monster on her own (what is said to be impossible) is luckily unknown but to Aadhya who figured it out on her own. The other students would just become too scared of her. Nevertheless she is part of the maintenance team that will repair the “clean up” mechanism in the graduation hall. This was the compromise they came up with after discussing with all student, because this school doesn’t need any teachers.

Unbelievable their scheme succeeds. The seniors can graduate rather safely, Orion and El survive the immortal flames cleaning the halls – due to her, while she has to process that he is actually dating her – and when the new students arrive she actually feels something like hope, because she is finally part of the group.

The story of a misfit finding her place in society isn’t that new, but normally they do it by having courage or doing something really stupid. Okay, some of the things El does aren’t that good ideas either, but she is really clever and intelligent. And it is not just an adult writing a teenager, for she feels like a teenage girl throughout the whole story. She is angry, insecure, would prefer to be a child sometimes (though even that phase was dangerous for her) and doubts if what she chooses for the future is the right thing. – Oh, and have I mentioned that she is gloriously cynical?

Nothing else to add. Just read it!

Begonnen: 15.6. Beendet: 23.6.21

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Zoran Drvenkar – “der letzte Engel”

Wer kam eigentlich auf die Idee, dass Engel etwas mit Religion zu tun haben? Oder ihre Anwesenheit etwas Gutes sein soll?

Der Ich-Erzähler Markus, genannt Motte, berichtet wie er eines Freitagabends eine E-Mail erhält, die ihn warnt, dass er bei seinem nächsten Erwachen tot ist, wie er tatsächlich stirbt, aber nun als Engel weiterexistiert. Sein bester Freund Lars kann ihn sehen, sein Vater aber anscheinend nicht. Dieser ruft nur aufgeregt jemanden an, Motte hätte doch noch zwei Jahre gehabt, und brennt dann das Haus nieder. Die Wahrheit erfährt er erst am Montag bei seiner Beerdigung, als ihm zwei alte Frauen die Flügel rauben und ihm ein Engel seine Seele zurückgibt. Eine Tat aus Mitleid, die aber das Ende der Welt einläutet.

Allerdings ist das nur einer von vielen Erzählsträngen und leider neigt Drvenkar dazu, bestimmte Ereignisse aus mehr als einem Blickwinkel darzustellen – zwar nicht immer direkt hintereinander, aber die Redundanz lässt den Leser/Hörer bald nach einem Allwissenden Erzähler lechzen.

Vor ca. einer halben Millionen Jahren wurden in einem Krieg die letzten Engel getötet. Weswegen Königin Theja* dies für das Beste für die Menschheit hielt, bleibt mehr oder minder offen. Ihr Körper und der des letzten Engels, Escobar, werden Anfang des 19. Jahrhunderts auf den Färöer gefunden und einer russischen Baronin in St. Petersburg zum Geschenk gemacht. In dem Eisklotz befinden sich neben den Gebeinen auch 2 Paar großer Flügel, die sie und zwei durch Zufall anwesende Gräfinnen schnell zu dem Schluss bringen, dass dies Engel gewesen sein müssten. Beides übt eine große Anziehungskraft auf denjenigen aus, der sie berührt, und so geraten die drei Frauen, sowie ein französischer Wissenschaftler und ein Dienstbote in den Bann der Artefakte. Die Gräfinnen sind es schließlich, die das Sakrileg begehen, auf den Flügeln zu schlafen und daraufhin die “Chronik der Engel” niederschreiben. Während sich immer mehr Wissenschaftler im Haus der Baronin versammeln, rennen sie außerdem mit drei Fingerknochen des weiblichen Skeletts fort. Was sie durch die daraufhin folgenden Träume und den Konsum der Knochen erfahren, halten sie in einem “Märchen” fest. Da sie die darin enthaltene Prophezeiung nicht verstehen, nehmen sie Kontakt zu den Gebrüdern Grimm auf, die jedoch kein Kyrillisch lesen können. Zudem wird ihre Zusammenkunft von Kolja unterbrochen, der die beiden zur Heimkehr zwingt. Wieder in St. Petersburg beginnen sich die beiden auf ihre eigene Agenda, das Zurückholen der Engel, zu kümmern und erreichen schließlich, dass die rasant gewachsene Forschungsgemeinschaft, die “Familie”, mit Experimenten an und mit den Knochen im “Jahr ohne Sommer” (1816) beginnt.

Zwanzig Jahre später tauchen immer wieder Leichen mit entstellten Rücken auf und die Grimms, die im Nachhinein das Märchen doch übersetzen konnten, schicken drei ihrer Studenten nach Russland. Nur einer kehrt zurück und berichtet davon, wie seine Kommilitonen sich freiwillig als Versuchspersonen meldeten, um “Engel” zu werden. Er ist es auch, der die Bruderschaft gründet, um dem Schrecken ein Ende zu bereiten. Dies gelingt aber erst mehr oder minder in den 1990er Jahren. Die Familie hat nämlich über die gesamte Welt 40 Häuser/Forschungstationen verteilt, in denen immer Generationen von acht Jungen aufwachsen, bis sie mit 19 gewaltsam bei der Verwandlung sterben. Der einzige bekannte Überlebende ist Lazar, der sich daraufhin der Bruderschaft anschließt, um weiteres Leid zu verhindern. Doch im letzten Haus entkommt ein “Hüter” mit einem der Kleinkinder.

Unterstützt von den Gräfinnen, die durch die Flügel am Leben gehalten werden, gibt es jedoch noch ein Haus in Irland, in dem Mädchen leben. Da bei ihnen mit Thejas Knochen gearbeitet wurde, verwandeln sie sich jedoch nicht und erst die zehnjährige Mona zeigt zum “eigentlichen” Handlungszeitpunkt Anzeichen, dass das Experiment geglückt ist. Sie kann Erinnerungen “berühren” und aus diesen sogar Dinge und Personen mitbringen. Diese Neuigkeit veranlasst die Leiterin des Hauses ihren Mann, den einst entkommenen Hüter anzurufen, nichtsahnend, dass diese Anomalie erfasst und die Bruderschaft zum Versteck führen würde. Mona und eine Gouvernante (Hausbewohnerin der vorherigen Generation) überleben als einzige und fliehen nach Edinburgh, um im dortigen Archiv Zuflucht zu finden. Doch Lazar und seine Männer sind ihnen einen Schritt voraus und überraschen sie dort. Mona überlebt nur, weil es ihr gelingt Escobar aus Thejas Erinnerungen, die auch ihre eigenen sind, zu holen. Geführt von ihren toten “Schwestern” reist sie mit dem Engel weiter nach Berlin, um Motte zu warnen. Doch als absehbar wird, dass sie es nicht rechtzeitig schaffen, beschließt Esco einen Raben zu schicken, der dessen Seele raubt und ihn somit tötet.

Als sie in Berlin ankommen ist Motte verschollen, aber sein bester Freund Lars unterstützt sie, gerät mit diversen Söldnern aneinander, wundert sich über die vier Rentner, die nachts den Wannsee überqueren und in Wahrheit die Gräfinnen, Kolja und der alte Zar sind. Den Zusammenstoß mit Lazar überstehen sie dank Mona, die ihn an ihre Schwestern ausliefert, unbeschadet. Aber alle drei lernen zu spät, was das wirkliche Ziel der Familie war. Und so sieht sich Mona wieder Lazar gegenüber, während Escos Mitleid Motte gegenüber dazu führt, dass die Prophezeiung erfüllt wird und die Engel zurückruft.

Zugegebenermaßen enthält die Handlung in der Gegenwart noch den ein oder anderen Schlenker und gerade dort hat sich der Perspektivwechsel als erstaunlich unterhaltsam herausgestellt, u.a. da der Leser Lazars Position einnimmt und ich diese Sicht noch nie in einem Roman gelesen habe, aber gut die Hälfte des Buches besteht aus der Hintergrundgeschichte und gut ein Fünftel gefühlt aus Wiederholungen. Die Prämisse mit den Engeln macht es dennoch spannend, wobei für meinen Geschmack, dann fast zu wenig darauf eingegangen und abschließend erläutert wurde. Vielleicht kam mir deswegen auch nach einer Weile der Anime “Neon Genesis Evangelion” in den Sinn, der relativ handfest beginnt und zum Ende hin immer diffuser und spiritueller wird. Ein anderer “Verwandter” ist für mich die “Insel der besonderen Kinder” mit seinen verteilten, gut versteckten Waisenhäusern und der Unnachgiebigkeit der Jäger, was mich wahrscheinlich mit auf eine falsche Fährte schickte, da so die Bruderschaft über weite Teile als Bösewicht auftritt.

Damit wir uns richtig verstehen, das Buch ist gut geschrieben und die Idee an sich spannend. Doch allzuoft wird die Fahrt aus der Erzählung genommen. Wer außerdem ein Fan von sauber aufgeklärten Sachverhalten ist, für den ist es gänzlich ungeeignet.

* da ich das Hörbuch gehört habe, weiß ich bei den ungewöhnlicheren Namen nicht genau, wie sie geschrieben werden; Abweichungen sind möglich

Begonnen: 25.6.21. Beendet: 3.7.21

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Karine Tuil – “Die Zeit der Ruhelosen”

Unruhig. Das ist das beste Wort, das mir einfällt, um dieses Buch zu beschreiben, aber auch den Zustand, in dem es mich zurückgelassen hat. Zu wissen, wie Tuil dies über die vielen Seiten des Buches gelingt und sie gleichzeitig eine sehr spannende Geschichte erzählt, schmälert den Lesegenuss nicht im Geringsten.

Nach einem kurzen Prolog, der an die Anschläge am 11. September 2001 erinnert, werden drei Erzählstränge eingeführt, die mehr oder minder alle in Paphos auf Zypern 2008/2009 beginnen. Dieser Ort wurde als so genannte Dekompressionskammer für die aus Afghanistan zurückkehrenden Soldaten gewählt, um sicher zu gehen, dass man sie wieder in die zivile Welt Frankreichs lassen kann. Einer dieser Soldaten ist Romain, dessen Gedanken erst während eines One-Night-Stands mit der Journalistin Marion Decker zur Ruhe kommen. Von den anderen Soldaten erfährt er, dass sie mit dem weltgewandten und beruflich sehr erfolgreichen Francois Vely verheiratet ist, der seine Frau mit seinem Besuch überrascht. Das Trio wird von Osman Dobula vervollständigt, der sich als Sozialarbeiter aus Romains Viertel inzwischen bis in den Stab des amtierenden, konservativen Präsidenten hochgearbeitet hat. Die Kapitel für Romain, Francois und Osman wechseln sich nun kontinuierlich ab und erzeugen allmählich ein Gefühl von Schwindel, als würde man sich die ganze Zeit auf seinem Schreibtischstuhl drehen.

Romain hat Schwierigkeiten sich wieder an sein altes Leben anzupassen. Der geliebte Sohn hat sich von ihm entfremdet und er und seine Frau haben sich nichts mehr zu sagen. Ihn quälen Schuldgefühle, da einer seiner Kindheitsfreunde, die er überredet hatte mit ihm zum Militär zu gehen, schwer verwundet und gelähmt ist. Außerdem triggern scheinbar banale Situationen und Geräusche seine Erinnerungen an den Krieg, auch wenn er das gegenüber seinen Vorgesetzten und den Psychologen nicht zugibt. Die Einzige, die ihm tatsächlich zu verstehen scheint und Ruhe bringt ist Marion, auch wenn sie nur zögerlich auf seine Avancen eingeht.

Denn in Marions noch relativ junger Ehe kriselt es gewaltig. Zwar hatte Francois extra für sie seine zweite Frau, die Mutter seiner drei Kinder, verlassen, doch deren Suizid und die damit alleinige Verantwortung für den Nachwuchs überschattet diesen nächsten Schritt in ihrer Beziehung. Trotz allem scheint Marion einen besseren Draht zu den halberwachsenen Kindern zu haben als Francois. Erst durch sie erfährt er bei der Vorbereitung auf ein wichtiges Interview, dass sein Sohn Thibault, der genau wie er katholisch aufgewachsen ist, zum ultraorthodoxen Judentum konvertiert ist und den Namen eines Urgroßvaters Mordechai Levy angenommen hat. Das Porträt selbst, das in einer großen namhaften Zeitung veröffentlicht wird, stellt sich als reinste Katastrophe für ihn heraus. Es wird übermäßig betont, dass seine Vorfahren väterlicherseits Juden waren, und seine Pose auf dem Black Woman Chair von Bjarne Melgaard löst einen solchen Sturm der Empörung aus, dass sogar Deals seiner Firma platzen. Gleichzeitig wird er massiv antisemitisch angefeindet.

Erstaunlicherweise verteidigt ihn Osman in einer medienwirksamen Stellungnahme, obwohl oder vielleicht gerade weil er sich eine rassistische Bemerkung auf seine Kosten nicht gefallen lassen wollte und daraufhin aus dem engeren Umfeld des Präsidenten entfernt wurde. Die Rechnung geht für ihn auf. Die Medien reißen sich um ihn und er wird Staatssekretär für Außenhandel. Auch, dass seine Kollegin und Ex-Freundin Sonia wegen ihrer Schwangerschaft zu ihm zurückkehrt und sie in ein idyllisches Vorstadthäuschen ziehen, scheint ins Bild zu passen. Hinter der Fassade streiten sich die beiden aber immer wieder, nicht selten darüber, ob sie nun wegen ihrer Hautfarbe diskriminiert werden (Osman) oder nicht (Sonia).

Als sich Romain nach mehrerem Hin und Her endgültig entscheidet seine Familie für Marion zu verlassen, ereignet sich ein nächtlicher Zwischenfall wegen dem er in ein psychatrische Anstalt gebracht wird. Seine Frau nimmt sein Handy an sich und schreibt ihr als Romain, sie solle ihn in Ruhe lassen. Durch ein Zitat aus der “Kunst des Krieges” wird angedeutet, dass sie seinen nervlichen Zusammenbruch bewusst herbeigeführt hat. Als er endlich entlassen wird, möchte er dennoch nicht zu ihr zurück. obwohl Marion weist sämtliche Kontaktaufnahmeversuche abweist, und heuert schließlich mit Xavier, einem weiteren Jugendfreund, bei einer privaten Sicherheitsfirma an, die ihn in den Irak schickt.

Francois reist mit seiner Familie nach New York, um zum einen seine geschäftlichen Beziehungen zu pflegen, zum anderen den Kontakt zu seinem Sohn nicht endgültig zu verlieren, der sich einer der dortigen chassidischen Gemeinden anschließt. Durch Zufall erfährt er dort auch von Marions Affäre, weiß aber nicht genau, wer der andere ist, bis er mit ihr Osman auf eine fünftägige Messe in Bagdad begleitet. Romain wird zu ihrem Schutz angeheuert und es gelingt ihm so, sich mit Marion auszusprechen. Dadurch ist aber nicht er vor Ort als Francois und Osman, der die ganze Zeit angespannt ist, vorzeitig ins Hotel zurückfahren wollen. Xavier stirbt als der Wagen überfallen wird, Osman kann fliehen und Francois und ein Journalist, der mit ihnen gefahren ist, werden entführt. Nach mehreren Monaten in Geiselhaft wird Francois hingerichtet. Bis zuletzt hatte er seine Entführer davon überzeugen wollen, kein jüdischer Spion zu sein, sondern Geschäftsmann, aber das Internet und die Bilder mit seinem Sohn sprachen gegen ihn.

Osman wird in Frankreich für seinen Mut gefeiert, ist aber geplagt von Schuldgefühlen. Zwar hat er endlich den Einfluss, den er sich gewünscht hatte, doch kämpft er immer mehr mit den Begleitumständen. Als er zurücktreten möchte, wird er vom Präsidenten höchst persönlich zum bleiben aufgefordert, schließlich wurde er zum drittbeliebtesten Politiker des Landes gewählt. Rechtsextreme Stimme gegen seine Wahl ernten unverhofft starken Protest. Er denkt tatsächlich an Selbstmord, entscheidet sich aber anders, als sein Vater ihn anruft, er würde auf ihn warten.

Mit Francois’ Tod übernimmt Marion als aktive Figur seinen Part in der Geschichte. Man erfährt, dass sie mit seinen Töchtern nach New York zieht, aber auch, dass ihr Schwiegervater ihr ein halbes Jahr später den Hinweis gibt, endlich wieder ihr eigenes leben zu führen und ihren neuen Roman zu schreiben. Letztlich findet sie so auch mit Romain zusammen.

Man könnte also fast sagen, dass es sich bei diesem Buch um eine Liebesgeschichte handelt. Die groben Anlagen dazu (junge Frau, unglücklich mit deutlich älterem Mann verheiratet, lernt ihre große Liebe kennen und findet erst durch mehrere Schicksalsschläge zu ihm) sind gegeben, aber das wäre für die von Tuil erzählte Geschichte zu kurz gegriffen. Zumal erst zum Ende hin tatsächlich Marions Perspektive eingenommen wird, wodurch gewisse Parallelen zu der Erzählweise in “die Gierigen” entstehen. Denn im Kern steht der gesellschaftliche und soziale Abstieg der drei Männer. Jeder Strang ist für sich genommen fesselnd, doch vor allem durch die bereits oben erwähnte Erzählweise entsteht Spannung, nämlich indem der Abstieg manchmal parallel verläuft, manchmal aber durch unerwartete Höhenflüge kontrastiert wird.

Osmans Geschichte sticht für mich dabei am meisten heraus – vielleicht, weil es die Perspektive ist, die mir am wenigsten vertraut ist, die selten beleuchtet wird. Natürlich habe ich mitbekommen, dass es in Frankreich in den letzten Jahren immer wieder zu großen Demonstrationen und Unruhen kam, habe Erklärungen von Leuten gehört, die dort gelebt haben, doch so ganz habe ich es nicht verstanden. Wenn Osmans Freunde und Bekannte mit ihm darüber diskutieren, wie unterschiedlich mit ihnen umgegangen wird, weil sie schwarz sind, will ich unbewusst Sonjas Standpunkt einnehmen, die das alles dementiert. Vielleicht liegt es daran, dass sie nicht in einer der Pariser Vorstädte groß geworden ist, eine hervorragende Ausbildung genossen hat – oder einfach als Frau von vornherein Diskriminierung gewohnt ist und sie dadurch anders wahrnimmt. Zumindest stimme ich ihr zu, dass die u.a. von Issa (Romains drittem Jugendfreund, der damals aber nicht vom Militär genommen wurde) geforderte Trennung zwischen Schwarz und Weiß nicht die Lösung sein kann. Denn wie soll aus einer stärkeren Abkapselung Kommunikation entstehen?

Es war purer Zufall, dass ich zeitgleich Feldmans “Unorthodox” gelesen habe, aber beide Bücher griffen gut in einander. Neben dem mehr oder minder offensichtlichen Aspekt der Tragweite der Entscheidung von Francois’ Sohn sich einer chassidischen Gemeinde anzuschließen, erklärte es mir zumindest teilweise den Konflikt zwischen Juden und Schwarzen, u.a. da Feldmans früheres Umfeld auf sephardische Juden (eher in Nordafrika angesiedelte Tradition) herabsieht. Ich war fassungslos. Fast wäre die Darstellung einer weiteren Radikalen Bewegung, des Islamismus, darin untergegangen, obwohl Francois’ Entführung die Eskalation des Buches darstellt.

Die Dichte an Themen, die Tuil in knapp 500 Seiten zusammenfasst, ist erstaunlich. Dass es ihr gleichzeitig gelingt spannend zu schreiben und nie belehrend zu sein, ist fast unglaublich. Die Motivation aller Figuren ist nachvollziehbar, dennoch werden sie einem nie zu sympathisch durch ihre allzu menschlichen Fehler. Das macht das Buch absolut lesenswert, auch wenn ich etwas Fröhliches als Lektüre zum Wechseln dringend empfehle. Denn…

Schreiben ist eine Steigerung der Gewalt. Was Literatur hervorbringt, wird einen am Ende töten.

Begonnen: 8.5.21 Beendet: 2.6.21

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Deborah Feldman – Unorthodox

Wegen meines Redebedarfs habe ich vor 8 Jahren diesen Blog begonnen und selten hat in diesem Zeitraum ein Buch so in mir gearbeitet wie die Autobiografie von Deborah Feldman, die gerade einmal die ersten 24 Jahre ihres Lebens umfasst und mit der Erkenntnis endet, dass bereits all ihre Träume war geworden sind.

Die eigentliche Handlung lässt sich relativ kurz zusammenfassen. Feldman schildert an hand ihrer Erinnerungen wie sie bei ihren Großeltern väterlicherseits in Williamsburg, einem Teil von Brooklyn, New York, aufwuchs, zur Schule ging, als Lehrerin arbeitete, verheiratet wurde, Mutter wurde und einen höheren Schulabschluss anstrebte. Doch der Teufel steckt hier im Detail.

Ihre Großeltern, und damit auch ihr geistig behinderter Vater, gehören der ultraorthodoxen, jüdischen (chassidischen) Gemeinschaft der Satmarer an. Diese Gruppe lehnt ihren Namen an eine ungarische Stadt an, aus der ihr erster und prägendster Rabbi stammte und sie glauben, dass der Holocaust eine Strafe Gottes für die Verweltlichung gewesen sei, was sie über ein besonders frommes und strengen Regeln unterworfenes Leben wieder gut machen wollen. Wie einschränkend diese Regeln vor allem für Frauen sind, wird zunächst vor allem durch die Schilderungen der Großmutter, Bubby genannt, deutlich. Sie liebt Musik, doch singen darf sie offiziell nicht und ein Radio ist verboten. Ihre Haare, die sie eh unter einer Perücke versteckt, muss sie regelmäßig rasieren. Während die Männer den rituellen Teil der Feiertage begehen, bleibt alle Arbeit an ihr hängen (auf die Spitze getrieben in einer Situation, da der Großvater seinen Hut anzündet, es nicht merkt und seiner Frau unterstellt, sie hätte heimlich einen Kuchen im Ofen und sie ihn frägt, wie sie dafür denn hätte Zeit haben sollen). Zu Pessach erzählt nur der Großvater von seinen Erlebnissen in der ungarischen Armee, niemand frägt, wie es der Großmutter im Konzentrationslager erging, das sie als Einzige in ihrer Familie überlebte.

Ihre Freizeit nutzt Feldman heimlich, um zu lesen. Nicht umsonst ist das Zitat, das das erste Kapitel begleitet aus Roald Dahls Matilda.

Da sie sehr klein war und sehr jung, war die einzige Macht, die sie über jeden in ihrer Familie besaß, die Macht ihrer Intelligenz.

Diese Intelligenz muss sie aber genau wie ihre Bücher verstecken, was nicht selten zu Konflikten mit einer ihrer Tanten führt, die die Unterstufe ihrer Schule leitet und später Aufgaben in ihrem Leben unternimmt, die normalerweise von der Mutter übernommen werden. Ihre Neugier und Intelligenz lassen sie erste Widersprüche in ihrem Leben erkennen, vor allem, als sie eine englische Übersetzung des Talmuds erwirbt und die dort geschilderten Ereignisse sich nicht mit dem decken, was ihre Lehrerinnen ihr und ihren Mitschülerinnen beibringen. Gleichzeitig weiß sie bereits, dass sie sich dieses Wissen nicht anmerken lassen darf. Einen Schlüssel dazu findet sie bei einem Streich in einer langweiligen Schulstunde, bei dem ihr alle tatsächlich glauben, sie hätte eine Maus gesehen, sah sie doch so erschrocken aus.

… aber ich kann so tun als ob; ich kann mich derart überzeugend verhalten, dass niemand je die Wahrheit zu entdecken vermag.

Diese Wahrheit verbindet sie nach ihrem Schulabschluss rasch mit einer anderen jungen Lehrerin, in der sie endlich jemanden zum Diskutieren und Austauschen findet, obwohl diese aus einer noch strenger religiösen Familie stammt. Doch diese durch ihre Arbeit neu gewonnene Freiheit währt nicht lange, da bald für sie eine Ehe arrangiert wird. Hier tut sich ein neuer Widerspruch für sie auf – nicht in der Tatsache, dass sie ihren Zukünftigen nicht kennt und auch keine wirkliche Chance hat ihn bis zu ihrer Hochzeit näher kennen zu lernen, sondern darin, dass plötzlich Geld für Geschenke und ihre Mitgift da ist, obwohl sie bisher sehr bescheiden und einfach gelebt hatte.

Was mich persönlich an die Grenzen des Erträglichen getrieben hat, waren schließlich die Schilderungen ihrer ersten Ehejahre. Denn plötzlich wurde von jemandem, der vorher noch nicht einmal verstand, weswegen sich die Erwachsenen darüber aufregten, dass sie mit einer Freundin auf einer ungemähten Wiese außer Sichtweite lag, erwartet, ihre ehelichen Pflichten zu erfüllen, von jemandem der sich bis dahin als Seele in einer irdischen Hülle verstand, aber keinerlei Ahnung von Sexualität hatte. Die Schuld an dem Versagen des “Ehevollzugs” werden allein ihr gegeben, obwohl ihr Mann einen ebenso großen Anteil daran hat, jedes Detail ist ihren Schwiegereltern bekannt, Privatsphäre gibt es zwischen ihnen nicht. Als sie doch endlich schwanger wird, stellt ihr Mann die Ruhe seiner Familie an Schabbes (Sabbat) über ihre Gesundheit und die des Kindes. Selbst ohne Ambitionen schätzt er die Meinung seiner Frau gering, und plappert lieber die selbst in ihren Augen zu engstirnigen Ansichten seines Vaters nach. Denn ihr Großvater war für sie deutlich gelehrter als ihr Schwiegervater, der sein fehlendes Wissen, durch strengstes Befolgen der Regeln wettmachen wollte.

Mit ihrer Schwangerschaft ändert sich jedoch aber auch etwas Wesentliches. Sie weiß, dass sie ihr Kind nicht unter den gleichen Bedingungen aufziehen will, unter denen sie groß wurde. Sie überredet ihren Mann weg von Brooklyn zu ziehen, lernt Autofahren, nimmt heimlich den Kontakt zu ihrer Mutter wieder auf, die sie zu in einem Alter verließ, in dem sie sich noch nicht an sie erinnern konnte, beginnt eine Ausbildung/Studium für Erwachsene und erkennt schließlich, dass der Zeitpunkt gekommen ist, alles hinter sich zu lassen, als sie unversehrt einen heftigen Autounfall überlebt. Denn was könne ihr Schlimmeres noch passieren?

Damit endet dieser Teil ihrer Geschichte fast. Im Anschluss schildert sie noch, wie es zu dem Buch kam. Nämlich basierend auf ihren anonymen Blogbeiträgen als Teil der Strategie bei der Scheidung von ihrem Mann sowohl weltlich als auch religiös das Sorgerecht für ihren Sohn zu erhalten.

Dieser Schritt ist ihr gelungen und sie lebt inzwischen mit ihrem Sohn in Berlin, wo sie auch dieses Frühjahr das Interview führte, durch das ich auf sie aufmerksam wurde. Während der vier Stunden unter dem Motto “Alles gesagt” lauschte ich gebannt und wusste danach, dass ich dieses Buch lesen musste. Vieles hat mich überrascht, vieles wollte ich zunächst nicht glauben, manches hat sicherlich auch meine Sichtweise beim Lesen nachhaltig beeinflusst. Dazu gehört Feldmans Meinung, sie sei nicht mutig, denn sie habe nur die Wahl gehabt, entweder zu gehen oder zu sterben. Und auch ihre Beobachtung, dass die Unterdrückung die sie erfahren habe, meistens von Frauen ausgegangen sei, die statt ihr zu helfen, sich an das Bisschen Macht klammerten, das ihnen die patriachale Gesellschaft zugestand. Die Schilderung ihres Erlebnisses mit zwei japanischen Journalistinnen, die ihr sagten, dass ihre Geschichte die jeder japanischen Frau sei, hat mich beunruhigt, ist doch eine japanische Kampfkunst für mich ein wichtiger Katalysator zum selbstbewussten Auftreten in meinem männlich geprägten Arbeitsumfeld. Es kann allerdings nicht schaden, die eigenen Wissenslücken aufgezeigt zu bekommen, um anschließend zu versuchen sie zu überwinden.

Auch wenn die Vielzahl an religiösen Feiertagen und Riten ein zentraler Bestandteil des Buches ist, da sich Feldman früheres Leben stark darum drehte, gelingt ihr doch alles so zu schildern, dass man auch ohne viel Vorwissen gut alles versteht und einordnen kann. Generell beschreibt sie alles in sehr klaren und eindrücklichen Bildern, ihre Liebe zur Literatur ist mit jedem Satz spürbar. Das war auch einer der Gründe weswegen ich das Buch ab einem gewissen Punkt nicht mehr zur Seite legen konnte, obwohl mich das Ausmaß der systematischen Unterdrückung und des Schreckens einer Gemeinschaft, die Fortpflanzung als etwas sehr wichtiges ansieht, gleichzeitig aber ihre Jugend bis kurz vor der Hochzeit nicht aufklärt (und selbst dann nur rudimentär) immer wieder ins Stocken brachte. Vielleicht ging mir aber auch genau deswegen alles so nah. Während Austens “Stolz und Vorurteil” oft die Blaupause für moderne Liebesfilme ist, sah Feldman darin perfekt ihre eigene Wirklichkeit gespiegelt. Man spürt die schwüle Sommerluft oder das Unverständnis, weshalb sie eine Schokolade, die ihr ein anderes, jüdisches Mädchen gab, nicht essen darf, da diese nicht koscher genug sei. Die Verunsicherung, als sie hört, sie habe sich die Gürtelrose vermutlich bei der Mikweh (ein rituelles Bad) vor ihrer Hochzeit eingefangen; denn wie könnte etwas, das Teil der Ausübung ihres Glaubens ist, sie so sehr verletzen. Die Freude jemanden zum Reden gefunden zu haben. Die Wut auf ihren Mann, der sie vor seiner Familie nicht verteidigt, nichts unternehmen will, um seine neue Familie mit ihr tatsächlich ernähren zu können. Ihre Freude über die kleinen Siege und Freiheiten, die sie sich nach und nach in ihrem Studium erkämpft…

Gewiss ist, dass dieses Buch, diese Geschichte noch eine ganze Weile weiter in mir arbeiten wird, und ich unsicher bin, ob und wie ich es weiterempfehlen soll. Denn ihm wohnt eine Kraft inne, die weh tut. Gleichzeitig gibt sie Zuversicht.

Ich bin machthungrig, aber nicht, um über andere zu herrschen; nur, um mir selbst zu gehören

Begonnen: 16.5. Beendet: 24.5.21

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Jean-Paul Didierlaurent – “Die Sehnsucht des Vorlesers”

Vielen Bücherfreunden erscheint schon der Gedanke, Bücher wegzuwerfen seltsam, aber sie tagein tagaus zu vernichten käme wirklich nur den wenigsten in den Sinn. Umso erstaunlicher ist es, dass gerade Guylain jahrelang an der “Bestie” im Recyclingwerk arbeitet. Denn genau wie sein seit einem Betriebsunfall im Rollstuhl sitzender Freund Guiseppe und der Pförtner Yvon liebt er Bücher.

Wie genau der 36-Jährige, der bis auf einen Goldfisch (während der Handlung Nr. 5 und Nr. 6) allein in einer kleinen Wohnung in Paris lebt, zu dieser Stelle gekommen ist, und was ihn letztendlich daran hindert zu kündigen, erfährt der Leser nicht. Dafür aber in den schillerndsten Farben wie gefährlich und heimtückisch eine solche Reißmühle sein kann. Guiseppe kostete sie die Beine, die er nun in ihrer neuen Form als Gartenratgeber versucht ausfindig zu machen. Seine Buße leistet Guylain jeden morgen auf dem Weg zu Arbeit, wenn er einzelne Seiten vorliest, die er am Vorabend bei der Reinigung der Maschine gerettet hat. Wurde auf meinem alten Arbeitsweg zu einer ganz ähnlichen Tageszeit jeder, der die beruhigende Stille durchbrach, böse angesehen, so scheint Guylain zumindest den ein oder anderen Mitreisenden den Start in den Tag mit seiner angenehmen Stimme zu versüßen.

Zwei alte Damen sind sogar so von ihm begeistert, dass sie ihn bitten, für sie samstagvormittags vorzulesen. “Sie” bedeutet allerdings nicht nur die beiden Schwestern, sondern fast die gesamte Seniorenresidenz, die ihn bereits nach der ersten Vorlesestunde ins Herz schließt und den Verseschmied Yvon, der einige Wochen später ebenfalls vorträgt, am liebsten adoptieren würde.

An einem anderen Morgen findet Guylain dann einen USB-Stick an seinem üblichen Platz und ist von seinem Inhalt so begeistert, dass er nun diese Texte vorliest statt seiner geretteten Findelkinder und plötzlich lacht morgens der ganze Wagen. Die Texte stammen aus der Feder der aufgeweckten Toilettenfrau Julie, die, um das Weltbild ihrer Kunden nicht zu zerstören, nur heimlich am Arbeitsplatz schreibt und ihre täglichen Erlebnisse und die Weisheiten ihrer Tante so humorvoll zu Papier gebracht hat, dass man wirklich froh ist, dass Guylain ihr Tagebuch mit der Welt teilt. Als Guiseppe mitbekommt, wie gut seinem Freund das literarische Ich der Texte gefällt, entschließt er sich spontan ihm bei der Suche zu helfen. Mit den wenigen, verstreuten Hinweisen zu Baujahr, Größe und vorhandenen Geschäften des immer wieder erwähnten Einkaufszentrums grenzt er das Suchgebiet auf acht mögliche Adressen ein, zu denen er Guylain schickt.

Überraschenderweise findet dieser sogar seine heimliche Angebetete, kann sich jedoch kein Herz fassen, sie direkt anzusprechen und entscheidet sich stattdessen für eine romantische Geste an dem Tag, an dem sie alljährlich die Kacheln ihres “Reichs” zählt. Hier wechselt die Perspektive und das Buch endet damit, dass Julie sich entschließt, ihn anzurufen.

Um ehrlich zu sein, habe ich mehrere Anläufe gebraucht, um wirklich in die Geschichte zu kommen und ohne das Hörbuch, hätte ich vermutlich auch dieses Mal schnell wieder aufgegeben. Der ruhige, melancholische Fluss von Guylains Leben wird nämlich immer wieder durch die teils grausamen Vorlesepassagen und die Schilderungen der “Bestie” unterbrochen. Doch im Endeffekt war es eigentlich viel zu schnell vorbei und ich fühlte mich wie einer seiner Zuhörer, die sich fragen, wie es wohl nach dieser einen Seite weitergeht mit der Geschichte.

Begonnen: 24.4. Beendet: 27.4.21

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