David Mitchell – “Der Wolkenatlas”

Halbwertszeiten – Luisa Reys erster Fall

Ich habe bis jetzt die ersten 16 Abschnitte gelesen und weiß noch nicht, was ich davon halten soll. Zugegebenermaßen sind die Abschnitte selten länger als 2 Seiten lang, aber auch wie dieser Teil des Buchs anfängt hat mich erst einmal gebremst.

Interessanterweise ist alles im Präsens geschrieben und beinhaltet sehr häufig Perspektivenwechsel, wodurch der eigentliche Lesefluss unterbrochen wird. Am ehesten könnte wohl Parallelen zu einem schnellgeschnittenen Film sehen.

Zur Handlung: Luisa Rey, ambitionierte Journalisten, nur leider bei einem Klatschmagazin gelandet, lern den Wissenschaftler Rufus Sixsmith in einem steckenbleibenden Fahrstuhl kennen. Hier haben wir also die Verbindung zu Robert Forbisher. Außerdem wird hier das erste Mal ein Muttermal in Kometenform erwähnt, das laut Rufus auch Robert hatte. Sixsmith mach ihr gegenüber Andeutungen sein letzter Arbeitgeber Swannekke habe Dreck am Stecken, weshalb Luisa mit Nachforschungen beginnt. Der Rest scheint ziemlich vorhersehbar. Einzig interessant bleibt jedoch das, was so brisant an der Firma ist: Die Inbetriebnahme eines neuen, aber fehleranfälligen Atomreaktors, um so das “Problem mit der Gier nach Öl” zu beseitigen. Das schöne ist: dieser Reaktor steht vor der Küste Kaliforniens. Von Westwindzone und nuklearer Katastrophe muss ich hier vermutlich nicht viel schreiben…

(PS: Da ich schon vorher auf den Film Bezug genommen habe: Tom Hanks spielt Sixsmith und Halle Berry Luisa)

…habe heute Zeit gefunden diesen Abschnitt fertig zulesen.

1. entschuldigt bitte die falsche Information: Die Firma heißt Seaboard, und die Reaktoren stehen auf der sog. Swannekke Insel.

2. Zur zeitlichen Einordnung: es wird das Jahr 1975 genannt.

Luisa ermittelt weiter, erfährt, dass die Frau, die den Aktivisten ihr Gelände zur Verfügung stellt, wegen eines Überfalls/Einbruchs im Koma liegt und schaut sich Swanekke unter einem Vorwand etwas genauer an…

…ein weiterer Wissenschaftler wird vom schlechten Gewissen geplagt und übergibt “Garcia” (ein süßer orangefarbener VW-Käfer) ein “Geschenk”(dreimal dürft ihr raten – den höchstbrisanten Bericht, wegen dem Sixsmith als Verfasser “Selbstmord” beging) für Luisa, das sie aber nicht mehr sicher von der Insel bringen kann, weil Seaboards “Killer” Bill Smoke sie mit seinem Auto von der Brücke drängt. ENDE

(weiteres nettes Detail: Joe Napier – ähnlich wie Smoke oberster Handlanger von Seaboard Chef Grimaldi – kannte anscheinend Lester Rey, Luisas Vater, näher)

Das grausige Martyrium des Timothy Cavendish

Cavendisch, seines Zeichens hochverschuldeter Verleger mit nur einer Angestellten, über 60 und nicht gerade politisch korrekter Engländer, gelangt der Coup seines Lebens als ein von ihm betreuter Autor einen angesehenen Kritiker 12 Stockwerke in die Tiefe katapultiert und zu 15Jahren Haft verurteilt wird. Denn dessen autobiografisches Buch wir über Nacht zum Bestseller und hilft zumindest einen Teil der angehäuften Schulden zu tilgen. Leider interessiert die 3 Brüder des Inhaftierten das überschriebene Copyright herzlich wenig und fordern nun ihren Anteil. Verzweifelt richtet sich nun T.C. an seinen Bruder, der ihm jedoch nichts leihen kann, aber rät bei Freunden auf dem Land unterzutauchen. Momentan muss ein Zwangsstopp eingelegt werden auf Grund eines mangelnden Zugführers ganz rein zufällig in dem Ort, in dem Cavendishs Jugendliebe (?) damals lebte.

Die bis jetzt erkennbare Verbindung besteht aus dem Manusskript für “Halbwertszeiten – Luisa Reys erster Fall”, das Cavendish – mittlerweile gefragter Verleger – gedanklich damit abtut, dass die Abschnitte zu kurz seien und zu sehr auf Hollywood abzielten. Ansonsten wird das ganze momentan angereichert durch manchmal tatsächlich interessante Passagen und – zu meinem Missfallen –  dem Beweis wie engstirnig manche Menschen in ihrem Denken sein können – selbst wenn sie ihre eigene Biografie niederschreiben. Ganz ehrlich: einen Teil des Martyriums hat sich Timothy Cavendish vermutlich redlich verdient.

Nach weiterer anstrengender Reise, inklusive des Diebstahls seiner Brieftasche gelangt Cavendish endlich zu der gewünschten Addresse: Haus Aurora in Hull (Nordengland).

Beseelt von dem Gedanken endlich in Sicherheit zu sein und angetan von der Empfangsdame unterschreibt er im Gästebuch. Jedoch bereits am Morgen geht seine Marter weiter, als er Schwester Noakes (im Film herrlich von Hugo Weaving umgesetzt – aus meiner Sicht ein wirklich hervorragender Schauspieler!) beim Durchwühlen seines Hab und Guts erwischt auf der Suche nach Wertgegenständen, die “in Verwahrung” genommen werden müssen. Nach einem missglückten Ausbruchsversuch muss er sich bei einem schlechten Mittagsessen in einer spärlich eingerichteten Zelle eingestehen, dass ihn sein Bruder überlistet hat und er nun Gefangener in einem Altersheim ist.

Anhaltspunkt für die Zeit: es wird vom Amtsantritt George W. Bush II. als etwas längst Vergangenes geredet, daher gehe ich davon aus, dass dieser Teil der Handlung in unserer Zeit, oder zumindest naher Zukunft stattfindet.

sonstige Anmerkungen: Ich selbst hatte noch nicht das Vergnügen in England Zug zu fahren, bin aber doch verwundert als wie fortschrittlich und sicher die europäischen Züge von Cavendish angesehen werden -> wäre er auch nur ein einziges Mal mit der deutschen Bahn gefahren, würde er seine Meinung sicherlich schnell revidieren.

Sonmis Oratio

Somit hätten wir den Teil erreicht, der mich bis jetzt am meisten beeindruckt hat:

Die aufgestiegene Duplikatin Somni-451 schildert einem Archivar und einem “Orator” genannten Aufzeichnungsgerät wie sich ihr Leben wandelte. Daher wahrscheinlich auch der Name dieses Abschnitts: “ortatio” bedeutet auf Latein “Rede”. Ihre Erzählung wird nur manchmal von kurzen Fragen den Archivars gelenkt und in eine bestimmte Richtung gelenkt. Schauplatz ist eine futuristische Stadt im vermutlich zukünftigen Japan.

Soweit ich bis jetzt dahinter gestiegen bin gibt es eine 2-Klassen Gesellschaft, die sich in “Reinblüter” und Duplikanten unterscheidet, wobei es bei den Reinblütern noch einmal die Unterscheidung in Sub- und Supraklasse gibt. Genomänderungen, also z.B. die gefürchteten “Designerbabys”, ist inzwischen möglich und wird unter anderem dazu verwendet, Arbeiter – genau genommen Arbeitssklaven – zu züchten, die 12 Jahre lang ihre von Geburt an vorhandene Schuld abarbeiten müssen, bevor sie ins sog. “Elysium” (Hawaii) geführt werden. Deshalb ist Sonmis Alltag auch eher eintönig und vollständig auf die 19-stündige Arbeit in einem Fast-Food-Restaurant beschränkt, bis eine andere Duplikantin Yoona-939 “aufsteigt” und bei ihrer Flucht in die Freiheit erschossen wird. Sukzessiv beginnt Somni danach auch aufzusteigen – man könnte auch es wohl eher als Entwicklung einer eigenen Persönlichkeit mit einhergehender Selbsterkenntnis bezeichnen – und gelangt nach dem Tod ihres “Sehers” (eigentlich eine Art Aufseher) durch Professor Mephi an die Universität als Versuchsobjekt. Jedoch ist ihr Doktorand eine so hohle Nuss, dass er, ähnlich wie ehemalige Bundesminister, sich lieber seine Doktorarbeit schreiben lässt. Durch seine häufige Abwesenheit im Labor kann Somni viel mithilfe eines sog. “Sony” (würde es am ehesten mit einem Tablet-PC vergleichen, wobei “Sony” auch die Bedeutung “Fernseher” haben kann – allgemein sind viele allgemeine Begriffe durch Markennamen ersetzt wie z.B. “Disneys”, “Nikes”, “Nikon”, “Kodak”), das ihr ein anderer Duplikant gegeben hat. Der Überbringer der Nachricht von dessen Tod ist Hae-Joo Im, ein in der Fakultät für Einheit arbeitender Doktor (akademischer Titel – klassische Ärzte heißen “Med”). Als Mephi mitbekommt, dass Somni Opfer von Späßen nach Vorbild Wilhelm Tells wird, gibt er ihr eine eigene Wohnung und die Möglichkeit an der Uni zu studieren, da ihr heimliches Lernen nicht so heimlich war, wie sie bis dahin annahm. Von nun an versucht Mephi die Interessen der verschiedenen Gruppen auszubalancieren und den ersten “stabil abgestiegenen” Duplikanten so weit wie möglich zu beschützen. Allerdings unterscheidet sie sich nicht nur durch ihren Verstand von den anderen Duplikanten, sondern auch durch ein kometenförmiges Mutermal, das es eigentlich nicht geben dürfte. Zur Weiterentwicklung ihrer Persönlichkeit unternimmt nach einer Weile Hae-Joo mit ihr Ausflüge in die Stadt an jedem neunten Abend (Wochen haben 10 Tage, aber es gibt pro Jahr immer noch 12 Monate, die im “Sextettabend” gimpfeln – Ich vermute, dass hier das von Luisa vorbestellte “Wolkenatlassextett” von Frobisher wieder ins Spiel kommt). Auf diesen Ausflügen wird sie u.a. für eine Reinblüterin gehalten, die sich durch einen “Face-Designer” das Gesicht einer Somni hat machen lassen und sieht ihren alten Arbeitsplatz wieder, nur um zu erkennen welcher Hölle sie entkommen ist.

Der Abschnitt endet mit einer unterbrochenen Filmvorführung eines alten, verbotenen Disneys “Das grausige Martyrium des Timothy Cavendish”. Für die Unterbrechung sorgt ein aufregter Student, der Hae-Joo mitteilt 40-50 Vollstrecker (Polizisten/Soldaten) hätten das Büro Mephis gestürmt und seien nun hinter Somni her, um sie zu töten. Der letzte Satz besteht aus dem Geständnis Hae-Joos:

“Somni, ich bin nicht genau der, als der ich mich ausgegeben habe.”

Interessanterweise gibt Somni an während ihres Selbststudiums auch Orwell und Huxley gelesen zu haben, 2 Autoren dystopischer Werke, die ich jedem zu lesen empfehle. Auf die Schilderung des Films und der darin dargestellten Vergangenheit hin meint der Archivar, er fände dies schrecklich dystopisch. Ironie daran ist, dass die sog. Konzernokratie für dessen Ministerium er arbeitet die Vergangenheit versucht zu tilgen, ganz ähnlich wie es dem Protagonisten in “1948” ergeht.

anbei eine kleine Entschuldigung: Dieser Teil spielt nicht in Japan, sondern in Korea – wird im nächsten Teil noch einmal explizit gesagt.

Sloosha’s Crossin’ un wies weiterging

Hilfe! Ich glaube ich brauche Sprachunterricht. Denn nach dem sog. “Untergang” hat sich die Sprache mächtig zurückentwickelt, sodass andere Formulierungen gebräuchlich sind, aber auch Worte wie “Quelle” nun “Kwelle” geschrieben werden, was die 90 Seiten Text nicht gerade einfacher zu lesen macht. Ich frage mich wirklich, wie das wohl im Orginal aussieht…

Es wird aus Sicht des Hirtenjungen Zachry erzählt, beginnend damit wie er im Alter von 10 Jahren den Tod seines Vaters und die Versklavung seines Bruders Adam durch einen babarischen Stamm – Kona genannt – verschuldete und dabei das erste Mal auf Old Georgie – in der Vorstellung der sog. Talleute der Teufel höchst persönlich – traf. Während der gesamten Handlung befindet er sich auf Big I, einer der fünf großen Inseln von Ha-Why (insofern interessant, da die Duplikanten in Somnis Oratio glaubten das Elysium läge in Hawaii), das sich mehrere verschiedene Stämme teilen: die barbarischen Kona, die auf Ferden (kein Schreibfehler!) reiten, die Hilo, die sich regelmäßig neue Götter erfinden und die Talleute aus den gefalteten Tälern, die Somni verehren und an die Wiedergeburt glauben. Das einzige, was diese verhindern kann, ist wenn Old Georgie sich der gesteichnichten Seele (Seele, von jemanden, der Schlechtes tut) bemächtigen kann und mit seinem Löffel auf dem Mauna Kea (der höchste Berg von Big I) frisst. Natürlich gibt es noch ein paar andere Stämme, die jedoch für die eigentliche Handlung nebensächlich sind.

Die eigentliche Handlung beginnt, als Zachry 15 Jahre alt ist und eine Prescient (Bewohner der Insel Prescience, die noch ein bisschen “Clever” (Technologie) von den alten haben und mit den Talleuten per Schiff Handel betreiben; ihre ist genetisch so verändert, dass sie dunkel ist, um eine bestimmte Seuche auszurotten) ein halbes Jahr lang unter ihnen leben möchte, um sie genauer zu studieren. Anfangs ist Zachry, in dessen Haus Meronym lebt skeptisch gegenüber dem Gast und vermutet böses, was sich jedoch ändert, als sie ihm hilf, seine Schwester zu heilen, nachdem diese auf einen Skorpionfisch trat. Allerdings ist sie aus Sicht der Talleute wirklich seltsam: die eigentliche Sprache der Prescienst unterscheidet sich stark von ihrer, sie kann richtig gut zeichnen und ist 50 Jahre alt. Zum Vergleich: Talleute fühlen sich mit 40 bereits sehr, sehr alt; Familiengründungen geschehen jedoch auch sehr früh – sein erstes, leider nicht lebensfähiges Babba zeugte Zachry im Alter von 12.

Auf Grund der Heilung fühlt sich Zachry verpflichtet mit Meronym zu kommen, als sie auf den Mauna Kea steigen will, um einen Überblick über die Insel zu erhalten, zumal sie – berechtigt – vermutet, dass dort oben eine alte Anlage mit Observatorien ist. Insgesamt v.a. wegen des langen Aufstiegs ist das eine Reise von 6 Tagen (hin und zurück). Während sie jedoch die Wunder der Alten bestaunt, hat Zachry ganz andere Sorgen: die gesteichnichten Seelen flüstern ihm böse Worte zu und als er auf dem Rückweg auf der Mauer sitzt, die das Gelände umgibt, erscheint im in einem Zeitvakuum Old Georgie und fordert ihn auf das Seil, an dem Meronym hängt, durchzuschneiden, oder innerhalb der nächsten 3 Monde wäre seine gesamte Familie tot. Zachry jedoch weigert sich wegen eines von drei Weissag, dass  er von Somni erhalten hat: “Hände brennen, das Seil darf nicht durchschnitten werden.”

Leider hält Old Georgie sein Versprechen: Als Zachry mit anderen Talleuten auf einem Tauschmarkt ist, beschließen die Kona, sich den Rest der Insel auch noch zu eigen zu machen, wodurch viele andere getötet und versklavt werden. Meronym kann Zachry befreien und erhält von einer Nachbarinsel die Nachrricht, dass der Kontakt zu Prescience wegen einer tödlichen Seuche abgebrochen sei und man sie abholen komme. Gemeinsam schlagen sich die beiden zum verabredeten Treffpunkt durch, wobei ihnen auch die anderen beiden Weissags helfen (obwohl Zachry Nummer 2 missachtet).

Ganz zum Schluss ändert sich der Erzähler: Hatte bislang der alte Zachry erzählt, so spricht jetzt sein Sohn, der Zweifel äußert, dass die Fabeln von seinem Pa immer wahr seien.

Wichtiger ist jedoch aus meiner Sicht der Gedanke, den Zachry hat, als er verwundet im Boot auf dem Weg in eine neue Zukunft ist:

Von unten aus dem Kajak sah ich den kwabblichen Wolken zu. Seelen wandern durch die Zeiten wie Wolken übern Himmel, un wenn ner Wolke ihre Form un Farbe un Größe auch nie dieselbe bleibt, is sie doch immer ne Wolke, un genauso isses mit ner Seele auch. Wer weiß schon, von wo ne Wolke hergeweht is un was fürn Mensch ne Seele morgen sein wird? Nur Somni, der Osten un der Westen un der Kompass un der Atlas, ja, nur der Atlas von den Wolken.

Das interessante hierbei ist: Nicht Zachry hatte das Muttermal, sondern Meronym, die im Gespräch mit Zachry zugibt, dass sie über ihren Orator, die Worte von Somni studiert hat, um die Talleute besser zu verstehen, und vielleicht sogar mehr an sie glaube als er selbst. Ich bin gespannt, was sie noch gesagt hat, um sich diesen Status zu verdienen, da es bis jetzt noch “nicht viel” Herausragendes gab. Aber zum Glück liegen noch 250 Seiten vor mir, die wieder in die Vergangenheit zurück führen.

Sonmis Oratio (Teil 2)

Ihre Flucht aus der Universität führt Somni und Kommandanten Im der Union in den Teil der Stadt in den die “Subschichtler” wohnen, diejenigen, die sich das System nicht mehr leisten können. In einem Stützpunkt der Union erhält Somni eine Seele, die nichts anderes ist als ein identitäsbestimmender Mikrochip in der Fingerkuppe, und auch Im erhält eine neue Identität. Um die Tarnung perfekt zu machen, bekommt Somni von einer Facedesignerin ein neues Gesicht. Hier ist auch einige der wenigen Stellen, in denen man erfährt wie sie aussah, da sie u.a. von elfenbeinfarbener Iris spricht. Auf Nachfrage des Archivars erklärt sie außerdem, dass die Eintracht ihr wieder das Somni-Aussehen gab vor dem Prozess.

Auf dem Weg nach Pusan sieht sie ein Land, dass durch die Gier der Konsumenten in der Stadt geknechtet und verseucht ist, findet aber auch Erholung in den Bergen, wo sich ein altes buddhistischen Nonnenkloster befindet. Mittlerweile, weil alle Religionen verboten wurden, leben dort die sog. “Kolonisten”, Aussteiger, die sich mit ein wenig Hilfe der Union selbst versorgen. Dort sieht sie auch das durch die Zeit verwitterte Bild Siddhartha in einer Felswand und erfährt von der Äbtissin, was sie noch über ihn weiß. Somni findet eher, dass er aussieht wie der Timothy Cavendish aus dem abgebrochenen Film. Ich selbst hatte mich schon gefragt, ob es vielleicht erwähnt wird, da mich der Glaube der Talleute an Somni etwas an den Buddhismus erinnert und Somni selbst sagt, dass sie am liebsten unter den Kolonisten wiedergeboren würde, da sie als einzige keine Gier in den Augen hätten. Auf dem weiteren Weg sieht Somni außerdem noch wie ein “Xec” das Spielzeug seiner Tochter, eine kleine, lebende(!) Puppe billig entsorgt.

In Pusan muss sie sich dann entscheiden, ob sie der Union helfen wird. Als Entscheidungshilfe führt Im Somni in “Papa Songs Goldene Arche”, die laut dem Wissen der Bedienerinnen sie ins Elysium fahren soll. Durch den Gitterfußboden der Ebene über dem eigentlichen Geschehen beobachtet sie nun die Wahrheit: Der Raum in den jede Bedienerin einzeln geführt wird, hat nur 1 Tür, aus der jedoch niemand wieder herauskommt, da sie darin getötet und weiter geschleift werden in eine riesige Schlachterei. Hier wird der Archivar, der bereits darüber belehrt wurde, dass Duplikanten sehr wohl Sklaven seien, das erste Mal vollkommen aus dem Konzept gebracht. Denn weswegen sollte man die Metzelei veranstalten? Die Antwort ist einfach und grausam zu gleich: Der hohe Bedarf an flüssigem Protein, sowohl für die Seife der Duplikanten, als auch für die Schnellimbisse, wird über “Recycling” gedeckt. Zum Glück war ich beim Lesen vorbereitet auf das, was kam, aber als ich die Szene im Kino sah, lief es mir kalt den Rücken herunter. Bewegt durch diese Erkenntnis beschließt Somni der Union zu helfen und schreibt ihre “Erklärungen”, bevor sie medienwirksam von der Eintracht inszeniert festgenommen wird und ihr der Prozess gemacht wird.

Leider erfährt man nur die fünfte, der insgesamt zwölf Erklärungen:

Meine fünfte Erklärung legt dar, wie das Recht unterwander wurde. Es ist ein Kreislauf, so alt wie der Tribalismus. Am Anfang steht die Unwissenheit. Unwissenheit erzeugt Angst. Angst erzeugt Hass, und Hass erzeugt Gewalt. Gewalt ruft neue Gewalt hervor, bis der Stärkste am Ende bestimmt, was Recht ist. Die Juche hat die Erschaffung, Unterwerfung und saubere Vernichtung eines riesigen Stamms betrogener Sklaven bestimmt.

Sie hat jedoch auch noch eine weitere Wahrheit für den Archivar, bevor sie als letzten Wunsch den Rest des Films über Cavendish anschauen möchte: Es war alles eine einzige Inszenierung, die Union nur eine Farce, um den Konsumenten ein Feindbild zu liefern und Somnis gesamtes Leben wie ein Drehbuch geplant (von ein paar Uneingeweihten und deren Beeinflussung einmal abgesehen). Alles nur, um die Angst der Konsumenten vor den Duplikanten zu schüren. Und dennoch hat Somni gewonnen, da durch den Medienrummel um sie und die öffentliche Abwertung ihrer Erklärungen, diese in allen Köpfen verankert wären und so schnell nicht mehr aus ihnen verschwinden würden.

Vielleicht war mein Aufhorchen bei dem Namen Huxley begründet, da es einige Parallelen bzgl. des Systemaufbaus gibt. Jedoch gibt dieser Abschnitt soviel mehr: Er erklärt, wie es zu dem “Untergang” kommen konnte, von dem Meronym berichtet, und hält uns selbst auch den Spiegel vor. Wir wollen immer mehr und mehr und mehr, aber letzten Endes vereinsamen wir durch unsere Gier und vernichten unser eigenes Umfeld. Es braucht Leute, die uns regelmäßig daran hindern den falschen Schritt zu tun, aber es braucht auch Visionäre, die uns zeigen wie die Zukunft aussehen könnte, wenn wir nicht aufpassen – zumindest solange wie wir noch ein bestimmtes Verantwortungsgefühl in uns tragen.

Das grausige Martyrium des Timothy Cavendish

Und er leidet weiter:

Anfang November muss Cavendish feststellen, dass er einen Schlaganfall hatte und sich in diesem Haus aus “Untoten” wieder aufbauen lernen. Jedoch muss er weiterhin am Stock gehen, was sämtliche Ideen zur Flucht deutlich erschwert. Aber das Leben hat auch positive Seiten, da er das Trio kennen lernt, das sich im Heizungsraum rumtreibt: Ernie Blacksmith, der den Heizkessel in Stand hält, die ehemalige Hutgeschäftbesitzerin Veronica Costello und Mr. Meeks, den T.C. für etwas senil hält, da er immer nur “ich weiß. Ich weiß!” sagt.

Dennoch unternimmt er seinen ersten Fluchtversuch Mitte Dezember allein: Ein nächtlicher Anruf bei seinem Bruder. Zu seiner großen Verwunderung, muss er hören, dass dieser an einem Schlaganfall vor Wochen verstorben und seine Schwägerin hoffnungslos mit der Situation überfordert ist. Aber wofür hat man denn Freunde? Ernie hat nämlich alles etwas besser ausgeklügelt. Am 28. Dezember beginnt abends der Ausbruch: Mr. Hotchkiss, dessen Mutter auch in Haus Aurora ist, zuvor aber den Familienschmuck vergraben hat, wird benachrichtigt, ihr ginge es so schlecht, dass sie die Nacht vermutlich nicht überleben werde und ständig etwas von Schmuck fasele, währenddessen Timothy und Ernie Schwester Noakes in Timothys Zimmer einsperren (mit dem kleinen Fehler, dass sich darin der Fluchtplan befindet). Als auch das Fluchtfahrzeug da ist, retten sie sich endlich spektakulär aus ihrem Gefängnis und fahren nach Norden. Allerdings werden sie in einem Pub gestellt. Glücklicherweise haben sie Mr. Meeks dabei, der es versteht mit einer kleinen Rede die schottische Sportbar gegen die offensichtlich englischen Verfolger aufzubringen, wodurch die 4 erneut entkommen.

Was gäbe ich heute heute dafür, eine festgeschriebene Karte des für immer flüchtigen zu besitzen. Einen Atlas der Wolken, sozusagen.

Letzten Endes ist alles Friede, Freude, Eierkuchen: Timothy lebt in einer kleinen schottischen Pension, leitet von dort aus seinen Verlag und überlegt aus seiner Biografie ein Drehbuch schreiben zu lassen. Mit diesem Gedanken schien er irgendwie bereits seit der Schilderung seines Schlaganfalls zu spielen, da er sich von nun an bei Stimmungsbildern an einen Lars, Skandinavier mit schwarzem Rollkragenpulli, richtet. Irgendwie musste ich gleich an Lars von Trier dabei denken. Seltsam…

Die Geschichte von Hilary Vincent Hush wird natürlich auch verlegt, da T.C. letzten Endes doch gut fand, auch wenn ihm die Andeutung Luisa könne die Wiedergeburt von Robert Frobisher sein, missfällt.

Nachdem sein Martyrium nun beendet ist, bin ich gespannt, was wohl die anderen 3 noch alles zu erleiden haben.

Halbwertszeiten – Luisa Reys erster Fall

Fast alles ertrunken: Käfer ertrunken, Bericht ertrunken. Nur Luisa lebt glücklicherweise noch, was jedoch auch eher einem Wunder gleicht, denn im Folgenden explodiert ein Flugzeug, das den eigentlichen Chef von Seaboard und ein paar Wissenschaftler auf einen Schlag beseitigt, fliegt eine Bank in die Luft und taucht Bill Smoke auf einer Benefizveranstaltung von Luisas Mutter auf, obwohl Joe Napier – mittlerweile so was wie Luisas Verbündeter Bedenken geäußert hat, dass es dort sicher sei.

Viel schöner ist es jedoch wie wortgewandt bestimmte Frauen mit den Idioten ihrer Zeit umgehen können, deren Traum zu Somnis Zeit anscheinend Wirklichkeit wurde:

“…Die Zukunft gehört den Konzernen. Die Wirtschaft muss das Land regieren und eine echte Leistungsgesellschaft etablieren.” – “Die nicht von Wohlfahrtsstaat, den Gewerkschaften oder Sonderrechten für farbige, amputierte, obdachlose Transvestiten mit Spinnenphobie lahm gelegt wird…” – “Eine businessorientierte Leistungsgesellschaft. Die sich ohne Scham eingesteht, dass Reichtum Macht anzieht…” – “…und ihre Leistungsträger – also uns – belohnt. Wenn ein Mann nach Macht strebt, stelle ich mir die simple Frage: “Denkt er wie ein Geschäftsmann?””

Luisa knüllt ihre Serviette zusammen. “Und ich stelle mir drei simple Fragen. Wie ist er an die Macht gelangt? Wie benutzt er sie? Und wie kann man sie dem Schweinehund wieder entreißen?”

Interessanterweise muss sie sich von diesen Chauvinisten später als Lesbe beschimpfen lassen, was sie jedoch zu feige sind, ihr ins Gesicht zu sagen. Daher weiter mit den mutigen Frauen: Megan Sixsmith trifft sich mit Luisa, um ihr von der Yacht ihres Onkels zu erzählen. Leider finden Luisa und Joe dort nicht nur eine weitere Kopie des Berichts, sondern auch Bill Smoke findet sie, schießt auf Joe, der mit letzter Kraft noch ihn erschießt, bevor auch für Luisa alles aus wäre. Aufhorchen lies mich aber ein letzter Wortwechsel der beiden, der in mir die Meinung bestärkt, dass es nicht Zufall war, dass Hugo Weaving sämtliche Bösewichte im Film spielen durfte:

“Macht der Tod sie immer so geschwätzig?”

Luisas Stimme zittert. “Was meine Sie mit immer?”

Letzen Endes gewinnt also Luisa. Sie hat einen neuen Job als echte Journalistin, Seaboard wurde überführt, Swannekke stillgelegt und ich frag mich, ob das nicht alles viel zu vorhersehbar war, während Luisa die zweite Hälfte der Briefe von Robert Frobisher an Sixsmith liest.

Briefe aus Zedelghem

Und wieder erfahren wir mehr über Robert Frobisher, dessen Wolkenatlas-Sextett Luisa so bekannt vorkam, obwohl seine Musik kaum aufgenommen wurde. Anscheinend litt er sehr unter dem Idealbild seines im 1. Weltkrieg gefallenen Bruders, dessen vermeintliches Grab er besucht, als es Ayrs mal wieder schlecht geht. Generell scheint es dem Maestro nicht so gut zu gehen, was Robert dazu benutzt, Sixsmith gegenüber sein generelles Misstrauen gegenüber Ärzten Kund zu tun und an seinen eigenen Stücken weiterzuarbeiten.

Immer wieder erwähnt er sein Sextett, das aus 2 Sätzen besteht. Jedes Instrument ist für sich Solist und wird von dem nächsten unterbrochen, nur um in umgekehrter Reihenfolge seinen Teil letzten Endes doch zu beenden. An was erinnert das ganz dunkel?

Ach, das Leben könnte so schön sein! Selbst die kratzbürstige Eva ist plötzlich nett zu Robert und es scheint als würde sie ihm auf einem Wochenendausflug ins Nahe Brügge auf dem Glockenturm ihre Liebe gestehen. Doch die Probleme lassen nicht lange auf sich warten: ihre Mutter Jocasta klammert sich eifersüchtigst an Robert und Ayrs beginnt eindeutig von Robert zu kopieren und ihm sogar aufzutragen für ihn zu komponieren. Gekränkt weigert sich Robert und wird schlagartig damit konfrontiert, dass man genau wisse welch feinen Herrn man sich ins Haus geholt habe.

Also was macht der junge (wenn ich es richtig gelesen hab – maximal 24 Jahre alt) Robert- er türmt mal wieder und lässt dabei neben der unter sein Bett geklemmten zweiten Hälfte eines gewissen Pacifiktagebuchs auch die Pistole Ayrs mitgehen. Einquartiert in Brügge, versucht er nun Kontakt mit Eva aufzunehmen und komponiert fleißig weiter. Fast schon wahnsinnig kommen einem seine Briefe während dieser Phase vor. Doch die Ernüchterung kommt wie ein Schlag ins Gesicht, als er sich auf eine Festlichkeit schleicht und dort Eva und deren Verlobten begegnet. Sie verkündet zudem vor versammelter Mannschaft, dass er es war über den sie ihm berichtet hätte und nicht er selbst.

 Das Ende ist eigentlich schnell erzählt: Robert wechselt seine Unterkunft, um Sixsmith zu entwischen, der in Sorge um seinen Freund nach Brügge gereist ist. Das einzige, das ihm bleibt, ist ein Abschiedsbrief und das Wolkenatlas-Sextett, des Mannes, der, um den durch seinen Selbstmord entstehenden Schmutz zu minimieren, sich mit einem Handtuch umwickelten Kopf erschießt. Ich weiß nicht, ob Sixsmith der Bitte nachkam, er solle nicht zulassen Robert hätte dies aus Liebe getan, aber die Bitte bezüglich der Publikation der Noten, hat er anscheinend Ernst genommen.

Wieso sind es meist eigentlich die überragend Kreativen, die dieser Welt so schnell überdrüssig werden? Die, die eine ganze Generation geprägt haben oder hätten prägen können?

Das Pacifiktagebuch des Adam Erwing

Während der allererste Solist wieder die Kontrolle übernimmt, wird dieser tatsächlich von einem heimtückischen, tropischen Parasiten geplagt und verliert langsam die Kontrolle. Natürlich kümmert sich sein Freund Henry Goose um ihn, während er selbst immer mehr das Gefühl hat den Verstand zu verlieren und immer wieder aufs Neue von der Grausamkeit der Menschen erschrickt.

Zum einen kommen ihm langsam Zweifel, ob die Missionare im Pazifik den dortigen Ureinwohnern wirklich die Erlösung bringen, da sie für diese hart körperlich arbeiten müssen, zum anderen erschüttert ihn der Selbstmord des Schiffsjungen, der nach wochenlangem Missbrauch dem selbst ein Ende bereitete. Und immer mehr quält ihn sein Parasit, nicht zu zähmen durch Gooses Medizin, und zwingt ihn immer häufiger in seiner als “Sarg” bezeichneten Kajüte zu bleiben. Kurz vor Hawaii erkennt er endlich die Wahrheit, nämlich als Goose ihm einen letzten Giftbecher verabreicht, um endlich an das – geringer als erhoffte – mitgeführte Vermögen des Notars zu gelangen. Sein Glück, dass er den Moiori Autua das Leben rettete und dieser nun seines. Darüber hinaus sorgt er dafür, dass “Missa Ewing” wieder aufgepäppelt wird. Noch weit von zu Hause weg beschließt er, seinem Sohn eine bessere Welt zu hinterlassen und sich der Sklavenbefreiung anzuschließen.

In seinen Gedankengängen schreibt er 2 interessante Dinge auf:

Meine Gedanken fließen so: Gelehrte erkennen den Gang der Geschichte u. formulieren aus diesen Abläufen Regeln, welchen den Aufstieg u. Fall der Civilisation bestimmen. Meine Überzeugung geht jedoch in die Gegenrichtung. Nämlich: Die Geschichte läßt Regeln nicht zu, sondern nur Ergebnisse.

und er malt sich die Reaktion seines Schwiegervaters aus (ich muss nicht erwähnen, dass auch hierfür im Film Hugo Weaving herhalten durfte?)

…Naiver, träumender Adam. wer gegen die Hydra der menschlichen Natur kämpft, muss dafür mit unendlichem Leid bezahlen, u. sein Familie bezahlt mit ihm! erst wenn du deinen letzten Atemzug gethan hast, wirst du begreifen, daß dein Leben nicht mehr gewesen ist als ein Tropfen in eine grenzenlosen Ozean!”  – Was aber ist ein Ocean anderes als eine Vielzahl von Tropfen?

In dem Sinne: “Lasst uns ein Meer sein!” (“Meer” von Silbermond)

Ein kleines Fazit:

Ein gutes und stellenweise sehr lehrreiches Buch, das viel besser ist als der Film. Wann werden die in Hollywood merken, dass es mehr braucht als deren Happy Endings, pures Gemetzel und Verseichtung von ernsten Themen? Dass es ausreicht den Menschen die “wahre” Welt zu zeigen, ungefiltert, nicht nach Genre sortiert und überhäuft mit Klischees. Und vielleicht sind wir das wirklich: wandernde Seelen, ob durch mehrere Zeiten oder nur durch unsere eigene, bin ich mir noch nicht sicher.

Naja, mein Hauptproblem sieht momentan aber so wie so etwas anders aus: Gestern Abend (5.8.) das Buch fertig gelesen und übermorgen muss es wieder in der Bücherei sein und ich keine Zeit. – Es wäre schade für so ein interessantes Buch Mahngebühren zu kassieren…

Feststeht: Jeder Augenblick unseres Lebens beeinflusst nicht nur unsere Zukunft, sonder auch die anderer.

Gute Nacht

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