Kerstin Gier – “Für jede Lösung ein Problem”

Kurz vorne weg: Ja, das ist das Buch, das als Fliegenklatsche gegen Wespen herhalten musste.

Stellt euch vor, die Leute um euch herum, eure Familie, die liebe Verwandschaft, eure Freunde und Kollegen wüssten alle, was ihr tatsächlich von ihnen denkt. Ein Albtraum? Vielleicht. Auf jeden Fall wird es schwierig weiterzuleben, wenn euer todsicherer Plan, sich das Leben mit Schlaftabletten, die eure Mutter euch nichts ahnend zum Entsorgen bei der Apotheke gegeben hat, schief geht.

Diese Erfahrung muss Gerda Thaler machen, als ihr Freund Ole nichts ahnend ihr ihren genialen Plan versaut, weil seine Frau mit ihrem Lover sich genau in dem Hotel vergnügt, dass sie sich für ihren Selbstmord in schönem, eleganten roten Kleid mit dazu passenden Schuhen ausgesucht hat. Ob es nicht etwas übertrieben ist, nur weil man Gerda heißt, sich umzubringen? Wahrscheinlich ja, aber fangen wir erst einmal von vorne an. Gerda, von nun an Gerri, ist die jüngste von vier Schwestern, die alle samt Jungs hätten werden sollen, und leider die einzige nicht Blondine, was dazu führte, dass sie indirekt das gesamte Meißner Porzellan der großen Verwandtschaft an der Hochzeit ihrer Tante Alexa zerstörte. Ihre Mutter kann sich die komplizierten Namen von Frischhaltedosen besser merken als die ihrer Töchter und verschweigt allen, dass ihre Jüngste Schriftstellerin ist, weil das ja peinlich wäre. Denn Gerri schmiss im ersten Semester das Germanistikstudium und lebt seitdem im Dachgeschoss einer anderen Tante von dem Geld, dass ihr der Aurora-Verlag als Honorar für ihre wirklich guten Herz-Schmerz-Romane zukommen lässt. Als Miete muss sie bei besagter Tante, von der sie der Haarfarbe wegen als “Wechselbalg” bezeichnet wird, putzen. Doch dann wird Aurora geschluckt und man entscheidet von nun an Vampirromane herauszubringen: der Erstling stammt von Gerris eventuell neuem Chef Gregor Adrian, den sie sehr anziehend findet, bis auf seine Begeisterung für Vampire und seinem Mangel an schriftstellerischem Talent. So einen Schund könne sie niemals schreiben. Und privat herrscht seit vier Jahren Ebbe und sie wird den Verdacht nicht los, dass der Freund ihrer Schwester ein Perversling ist, den sie über das Internet kennen gelernt hatte, der aber zum Glück schnell verschwand, als sie kein Interesse an seinem “Hammer” hatte. Und natürlich sind all ihre Freunde bereits verheiratet und haben bereits oder erwarten reizende Kinder.

Genug Argumente?

Bitte jetzt nicht falsch verstehen: Das ist definitiv kein Buch, dass zum Selbstmord verleiten soll, Depressionen verharmlost oder auf Gefühlen von Leuten herumtrampelt, die wirklich am Boden liegen. Viel mehr geht es darum, das Leben zu bejahen und über sich hinauszuwachsen, um etwas an seiner Situation zu ändern.

Denn Gerris Leben fängt an sich wieder zu ordnen. Ihr Vater steht hinter ihr, wenn es um ihren Job geht, gibt sogar zu, die Bücher zu lesen! (Erb)Großtante Hulda ist so begeistert von den Geschichten, dass sie sie abtippen und ordentlich binden lässt. Sie findet eine neue Wohnung (die des Freundes ihrer Schwester), setzt ihren Kopf gegen ihre Mutter allmählich durch. Ole verliebt sich in sie und auch ihr Chef scheint sie sehr sympathisch zu finden. Von der Art wie sie die Vampirromanreihe verbessert hat, gar nicht erst zu sprechen.

Meine Mutter vermutetet ja, dass sie zum Schluss mit Ole zusammen kommt, aber das Leben wäre doch viel zu langweilig, wenn nicht im Saal neben Tante Alexas Silber Hochzeit die Familie Adrian den 70. Geburtstag des Familienoberhauptes feiern würde, oder?

Beim Lesen musste ich manchmal wirklich laut auflachen, weil ich mich entweder wieder erkannte oder aber die Stelle wirklich einfach nur lustig war. Vor allem die Abschiedsbriefe sind genial, ob nun der Tante erklärt wird, ihr Sohn könne nicht von ihrem Ehemann stammen (nach Mendel: 2 blauäugige Elternteile können keine braunäugigen Nachkommen haben) oder der Mutter des Fast-Abschlussballdates eröffnet wie sich die peinliche Situation tatsächlich abspielte, jeder bekommt sein Fett weg oder auch den Ausdruck tiefster Zuneigung. Wie gesagt, es ist eines dieser Bücher, die einem wirklich Mut machen, sich dem Leben zu stellen und lieber auch einmal anzuecken als sich zu verstellen und allen Frust in sich hineinzufressen. Und wenn es sich auch anhört wie ein Buch, das nur Frauen lesen, an die liebe Männerwelt: Lest, begreift und geniest – oder verschenkt es an weibliche Menschen in eurem Umfeld, die ihr wirklich sehr gern habt.

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