Appetithäppchen #001

Sie sind etwas besonderes. Meist klein und raffiniert, geben sie einen Vorgeschmack auf das Können des Meisters und machen Lust auf mehr. Appetithäppchen. Ein Gang vor dem eigentlichen Menü, der den ersten Anreiz für die Geschmacksrezeptoren bildet und auf mehr hoffen lässt.

Ähnlich geht es mir mit Büchern. In dem Englischbuch aus der 11.Klasse gab es ein kleines Gedicht “How to eat a poem”, das dazu führte, dass ich “the Picture of Dorian Gray” mittlerweile als Schokoladentorte bezeichne. Die Sprache ist so wundervoll süß und fein abgeschmeckt, dass ich die deutschen Übersetzungen viel zu schwülstig finde, aber im Orginal dahinschmelze über das Gefühl auf meiner Zunge, wenn ich die Worte laut vorlese. Und auch hier war es die erste Seite, die mich gefangen nahm, die Beschreibung von Basils Garten im Mai, die Lust auf mehr machte.

Natürlich muss nicht immer der Beginn eines Buches oder einer Geschichte diese Eigenschaft haben, auch wenn der Beginn entscheidend dazu beiträgt, ob man auch weiterliest oder enttäuscht das Restaurant wechselt. Was mich jedoch nun interessiert ist folgendes: Gefallen euch die kurzen Ausschnitte, die ich euch hier unter dem Titel “Appetithäppchen” präsentieren werde? Ist euer Appetit geweckt? Wenn nicht warum? Damit euer Geschmack nicht zu einseitig beansprucht wird, werde ich zwischen selbstgeschriebenen, bekannten Romanen (es darf gerne geraten werden!) oder vielleicht auch Sachtexten variieren. Die Auflösung, was es genau war, folgt dann ein paar Tage später.

Hier also für euch das erste Häppchen zum anfüttern:

Strahlend, in ihren schönsten Gelb- und Orangetönen ging die Sonne im Westen unter und gab dem flachen Land, den Feldern und Wäldern unter ihm ihren ganz eigenen goldenen Glanz. Auch der Ninberg und sogar er selbst schienen vergoldet.

Hildan saß unterhalb der Baumreihen, die über 2/3 des Berges bedeckten. Im lauen Abendwind flüsterten sich die Bäume gegenseitig zu, was ihn jedoch nicht mehr in seiner Meditation störte. Er hatte die Beine untergeschlagen, atmete langsam aus und öffnete die Augen. Seine Übung war noch unbeendet, doch gab es Anblicke wie diesen selbst an schönen Tagen nur selten. Die Luft war klar genug, um am Horizont schemenhaft die Verbotene Stadt zu erkennen. Als er sie in der Ferne erblickte, verfinsterte sich sein Blick. Ihm war bewusst, dass er noch längst nicht die Fähigkeiten hatte, die er brauchte, obwohl er nachmittags nach der Arbeit auf dem Felde sich in den hohen Künsten seines Clans übte.

Unbewusst strich Hildan sich über die linke Wade, dort, wo ihn seine jüngere Schwester Mila mit einem Wurfholz getroffen hatte. Sein Vater würde nicht erfreut sein über diesen einen Moment der Unachtsamkeit. Es hieß, die ältesten und jüngsten hätten es unter Geschwistern am schwersten. Die einen wegen der Verantwortung, die anderen wegen dem Schatten der Älteren. Doch war man der älteste und zudem der einzige Sohn lastete die Verantwortung und die Erwartungen besonders schwer auf den Schultern.

Er spürte einen Riss im Stoff und blickte nach unten, wobei ihm das schulterlange Haar in die Stirn fiel. Mila hatte anscheinend eines der geschliffenen und gehärteten Wurfhölzer verwendet, die trotz ihres Materials auch gut schneiden konnten. Insgeheim gönnte Hildan ihr diesen kleinen Triumph über ihn. Wie konnte man einer Fünfjährigen auch böse sein? Er strich sich die blauen Strähnen hinters Ohr und fuhr mit seiner Meditation fort.

Die wahre Kraft des Körpers liegt im Geist. Nur mit einem gestählten Geist kann man einen gestählten Körper wirklich nutzen. Der dumme Geist ist grob und unfähig. Nur in der Ruhe liegt die Kraft. Allein der Verstand im Einklang mit sich selbst findet das Ziel…

Trotz der ständigen Wiederholung der Leitsätze, die er seit frühester Kindheit lernte, trat vor sein inneres Auge Milas Gesicht, das sich über den kleinen Sieg über den großen Bruder freute. Auch die von Rina und Nica, seinen beiden anderen Schwestern. Die Zwillinge hatten vor einem Jahr jeweils einen tüchtigen Bauern aus dem Dorf geheiratet. Das Gesicht seiner liebenden Mutter, das seines Vaters und strengen Lehrmeisters. Er lebte für sie und sie für ihn.

Sobald die letzten wärmenden Sonnenstrahlen das Land verließen, stand Hildan auf. Er hatte sich zum Gipfel umgedreht und erkannte im Halbdunkel die oberste Spitze der alten Ruine ganz oben auf dem Ninberg. Niemand wusste wer dieses Zeugnis einer untergegangenen Macht hatte errichten lassen. Es waren nicht die Magier gewesen, auch nicht einer der Clans, ebenso nicht die Menschen im Dorf. Einst hatte er den Gipfel und die verwitterten Steine erklommen, doch ihr Sinn und Zweck war ihm bis jetzt verborgen geblieben. Sie schienen keinen Grund außer ihrer puren Existenz zu haben.

Schnell wendete er den Blick ab und ging zu den Häusern des Dorfes, dessen Lichter der Berghang links von ihm beleuchtete.

Ich hoffe es hat euch gefallen, bis bald und viele Grüße aus der Scheibenwelt, in der ich mich gerade aufhalte.

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