Jonas Jonasson – “Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand”

In fünf Tagen werden ich 21, lade fleißig Leute ein – und bin noch ziemlich planlos.  Vielleicht sollte ich einfach spontan sein, aus dem Fenster steigen, meine Gäste versetzen und der Polizei ein Rätsel aufgeben, das sie nicht so schnell knacken wird. Letzteres macht zumindest Allan Karlsson zu seinem hundertsten Geburtstag mit Erfolg.

In seinem Wunsch möglichst weit weg von dem Altenheim zu kommen, in dem er noch nicht einmal ein Jahr gewesen ist, besteigt er den erstbesten Bus, fährt soweit man eben mit 50 Kronen kommt und nimmt – weil er ohne feste Schuhe abgehauen ist und ihn ein junger Mann gebeten hat auf ihn aufzupassen – einen Koffer mit. Seine zufällige Haltestelle liegt mitten im Wald und so landet er bei dem Gelegenheitsdieb Julius (70 Jahre), mit dem er die Entdeckung macht, dass sich keine Kleidung im Koffer befindet, sondern 50 Millionen Kronen. Als der Besitzer des Koffers, Mitglied der 4-köpfigen Bande “Never Again”, sein Eigentum zurückfordert, stellt sich heraus, dass Allan noch ganz rüstig ist: der “arme” Fremde wird bewusstlos geschlagen, in der Kühlkammer eingesperrt und weil er wieder erwacht so gar keine Ruhe geben will prompt tiefgefroren. Eher aus versehen zwar, dennoch haben die beiden Alten jetzt eine Leiche, die es zu beseitigen gilt – wie genau lest ihr bitte selbst nach (wie an so manchen Stellen der Handlung – seid mir bitte nicht böse, aber es würde einen großen Reiz des Buches zerstören, wenn ihr vorher schon alle Feinheiten kennen würdet).

Befreit von der Leiche heuert Julius in der “Stadt” einen Imbissbudenbesitzer, Benny, als Chauffeur an. Mit diesem landen sie dann bei der “schönen Frau” und ihrer Elefantendame Sonja (deswegen das Cover), weil mittlerweile das ganze Land rebellisch gemacht wurde auf der Suche nach dem vermissten, verwirrten (?) Hundertjährigen. Das Geld wird geteilt und gut in einen gelben Reisebus als Fluchtfahrzeug investiert, um zu Bennys Bruder zu fahren. Zwar gibt es immer noch eine gewisse Fehde zwischen den beiden, weil Benny das gemeinsame Erbe des Onkels durch Studieren (Fach anfangen und kurz vor dem Abschluss abbrechen) durchgebracht hat. Die dort erworbenen Fähigkeiten helfen aber vortrefflich, als sie den Chef von “Never Again” wieder zusammenflicken, der dachte er könne auf der Suche nach dem zweiten verschollenen Bandenmitglied und seinem Koffer einen gewissen gelben Reisebus ausbremsen. Zum Glück löst sich alles zum Guten auf, sobald sich herausstellt, dass Bennys Bruder und der Chef alte Freunde sind.

Der Tod zweier seiner Mitglieder (der dritte hatte genug und ist zurück nach Südamerika) ist zwar traurig, war aber anscheinend auf Dauer nicht zu vermeiden, und so tischen sie ein letztes Mal dem Staatsanwalt eine logische, wenn auch ein wenig verrückte Geschichte auf und wandern nach Indonesien aus zu der Frau eines von Allans bereits verstorbenen Freunden.

Wer das jetzt für den spannenden Teil des Buches hielt, den muss ich an dieser Stelle leider enttäuschen. Denn schließlich handelt es sich hierbei nur um einen kurzen  Ausschnitt von Allans langem Leben. Aber beginnen wir von vorn.

Geboren 1905 in Südschweden wird Allan zum Großteil von seiner Mutter großgezogen, bis diese früh verstirbt, weil der Vater nach Russland ging, um dort den Sozialismus zu unterstützen und letzten Endes Anhänger des Zaren zu werden. Einmal schickt er sogar ein Email-Ei seines Freundes Faber nach Hause. Allan ist also schon früh gezwungen zu arbeiten, erst in der ansässigen Sprengstofffirma, später in seinem eigenen Unternehmen. Da bei einer seiner Versuche jedoch unglücklicherweise eine in der Umgebung angesehene Persönlichkeit (ein Schuft, der das Ei der Mutter spottbillig abgekauft hat) verstirbt, wird Allan in die Psychatrie gesteckt und entdeckt dort sein Interesse für das Zeitgeschehen, auch wenn er von Politik dank seines Vaters wenig hält. Bei seiner nächsten Arbeit lernt er einen Spanier kennen, lernt dessen Muttersprache und landet letzten Endes als in Zivil auftretender Sprengstoffexperte im spanischen Bürgerkrieg, nur, um dort dann Franco kennen zu lernen. Durch dessen Schreiben kommt Allan nach Amerika und hilft mit die Atombombe zu ermöglichen. Natürlich wird er auch Trumans Saufkompane und von diesem nach China ausgeliehen. Aber statt Mao Tsetung zu stoppen, rettet er dessen Verlobte und macht sich über den Himalaya auf den Weg nach Hause – zu Fuß versteht sich. Der Überquerung folgt die Gefangenschaft im Iran, bei der er erst bei einem Komplott gegen Churchill beteiligt wird und schließlich mit diesem nach Schweden zurückfliegt. Dort angekommen wird geprüft, ob er das schwedische Atomprogramm weiterbringen könnte, aber statt zu fragen, ob er wisse wie man eine Atombombe baue (natürlich kann er!), wird nur seine geringe Schulbildung als unzureichend bemängelt. Also wird er prompt von dem führenden russischen Atomphysiker abgeworben, landet aber genauso schnell durch ein Missverständnis beim Abendessen mit Stalin in Wladiwostok, dass bei seiner Flucht niederbrennt. Auf der Flucht nimmt er Herbert Einstein mit, der auf Grund frapierender Ähnlichkeit mit einem gewissen Albert dort gelandet war, und lernt in Korea neben Mao Tsetung (seine Rettung in dem Falle und zugleich großzügiger Spender der Fördermittel der USA an seine Gegner) auch die Familie Kim kennen. So gelangen die beiden schließlich nach Indonesien, wo Herbert eine Bedienung heiratet, die schon bald trotz gewisser Wissenslücken in der Politik aufsteigt und schließlich als Botschafterin nach Paris versetzt wird. In der Stadt der Liebe wiederum ergibt es sich, dass Allan – diesmal wirklich als Spion –  nach Russland geschickt wird und über mehr als ein Jahrzehnt hinweg zusammen mit bereits oben genanntem Atomphysiker durch Ammenmärchen zur Deeskalation des kalten Krieges und dem langsamen Abrüsten auf beiden Seiten beträgt. Nach 13 Jahren kehrt er dann endlich wieder in die Heimat zurück, lebt dort eine Zeit ganz vergnüglich und wird schließlich ins Altersheim gesteckt.

Wenn ich mir das Ganzen jetzt noch einmal betrachte, stelle ich mehrere Dinge fest:

1. mir qualmt der Kopf

2. ich hoffe ich habe nichts Wichtiges vergessen in dieser langen Liste, bei der das eine zum anderen führt

3. Respekt! an Allan, aber auch an Herrn Jonasson, der einen auf diese wunderbare Reise durch das letzte Jahrhundert mitnimmt und in Allan einen absolut objektiven Former der Geschichte geschaffen hat.

Das Buch ist absolut empfehlenswert für alle, die für die Erkenntnis bereit sind, dass schwedische Autoren mehr schreiben können als Kinderbücher, Krimis und Thriller. Wobei,… eine spannende Polizeigeschichte haben wir, ebenso eine höchst (zufälligerweise) effiziente Methode Leichen verschwinden zu lassen. Dennoch gibt es mehr als eine Stelle, an der herzlich gelacht werden kann und darf und einen daran erinnert, dass Schweden nicht nur dunkle Winter, sondern auch lange Tage im Sommer hat.

Und jetzt widme ich mich wieder meinen eigenen Geburtstagsüberlegungen – musste nämlich feststellen, dass mein Fenster im Gegensatz zu Allans nämlich nicht im Erdgeschoss liegt.

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