Stanislaw Lem – “Sterntagebücher”

Lust auf einen kleinen Blick in unsere Zukunft und unsere Vergangenheit zugleich?

In letzter Zeit wurden Stimmen laut, die die Urheberschaft der Schriften Tichys in Zweifel ziehen. Die Presse berichtete, Tichy habe sich jemandes Hilfe bedient, ja er habe nicht einmal existiert und seine Werke soll eine Einrichtung geschaffen haben, ein sogenannter “Lem”. Gewissen extremen Versionen zufolge soll “Lem” soager ein Mensch sein. Nun weiß aber jeder, der sich auch nur ein wenig mit der Geschichte der Kosmonautik befaßt hat, daß LEM die Abkürzung für die Bezeichnung LUNAR EXCURSION MODULE ist, das heißt für den forschenden Mondbehälter, der in den USA im Rahmen des “Apollo-Projekts” (der ersten Landung auf dem Mond) gebaut wurde. Ijon Tichy braucht weder als Autor noch als Reisender einen Fürsprecher. Die Gelegenheit nutzend, möchte ich jedoch die unsinnigen Gerüchte festnageln. Insebesondere: LEM war zwar mit einem kleinen Hirn (Elektronenhirn) versehen, doch diente dieses Gerät lediglich begrenzten Navigationszwecken und hätte nicht einen einzigen sinnvollen Satz schreiben können.

Soweit die (unvollständige) Aussage von Professor A.S. Taratonga, eines Freundes von Tichy, der im Vorwort zu den etwas inkonsequent, aber nach einer inneren Ordnung durchnummerierten Reiseschilderungen, nun die Möglichkeit hat sich für die ganze folgende Lobhudellei bei diesem zu bedanken. Nachdem ich diese Worte gelesen habe, ist meine Überzeugung, Vorworte in der Regel zu überspringen doch stark ins Wanken geraten, allerdings wird von den meisten Autoren keine solch herrlich ironische Selbstreflexion zu erwarten sein. Um weitere Verwirrungen vorzubeugen (keine Angst, ihr werdet noch euren Spaß haben) kurz zu der Ausgabe, die ich aus der Bücherei ausgeliehen habe. Sie umfasst nämlich nicht nur die Sternreisen 7, 8, 11, 12, 13, 14, 18, 20, 21, 22, 23, 24, 25 und 28, sondern auch “Aus den Erinnerungen Jion Tichys” 1 – 5, “Professor A. Donda”, “Die Anstalt des Doktor Vliperdius”, “Doktor Diagoras”, “Retten wir den Kosmos (Offener Brief Ijon Tichys)” und “vom Nutzen des Drachen”.

Reisen

Teils aus Neugier, teils wegen Aufträgen der Regierung reist Jion Tichy, bei dessem Alter ich mir zu Beginn der siebenten Reise nicht sehr sicher bin, mit seiner Rakete durch Raum und Zeit, was tatsächlich wörtlich zu verstehen ist. So bekommt man gleich am Anfang anschaulich geschildert, wie Einsteins Theorie einem einsamen Reisenden helfen kann, etwas an seinem Raumschiff zu reparieren, dass man leider nur zu zweit wieder in Ordnung bringen kann – mit nur einem Raumanzug. Ich weiß nicht, wie ihr reagieren würdet, wenn ihr euch selbst gegenüber stehen würdet, aber ich hoffe für euch, dass ihr euch nicht die ganze Zeit prügelt. Womit ein Großteil des Inhalts auch schon beschrieben wäre, da Tichy sich selbst anscheinend zutiefst unsympathisch ist. Dieses Phänomen kann man auch bewundern, als er sich selbst in die Zukunft schickt, um dort eine Einrichtung zu leiten, die durch geschickte Interaktion in der Vergangenheit die Welt zu einer besseren machen soll. Zwar wurde mit Tichy anscheinend der geeignetste Kandidat für die Leitung gefunden, aber die Exilanten wie Aristotoles, Kardinal Richeleu und viele andere beweisen, dass seine Untergebenen nicht wirklich nach seinen Vorstellungen gewirkt haben.

Er reist jedoch aber auch in der Zeit und im Raum, zum Beispiel um einen Zeitbeschleuniger des Herrn Taratonga an einem weit entfernt (30 Jahre) lebenden Volk auszuprobieren, das in kürzester Zeit den Aufstieg zur Hochkultur durchlebt. Nicht überzeugt von dem Ergebnis dreht Tichy nach einer Weile den Prozess um, und verjüngt sich allerdings dabei auch selbst bis ins Säuglingsalter. Somit ist er, zurückgekehrt, gerade wieder Anfang 30. Bei anderen Völkern, auf die er trifft, ist er zum Glück etwas vorsichtiger  – mittlerweile auch philospisch gebildet (gelesene Bücher werden ins All entsorgt, um sie auf dem Rückflug wieder einzusammelln). Meist sind dies ebenfalls hoch (?) entwickelte, humanoide Planetenbewohner, die aber sehr verschiedene Arten des Gemeinschaftswesens entwickelt haben. So haben auf einem Planeten alle die gleichen Gesichter und erhalten zu Mitternacht jeweils eine neue Rolle, (z.B. Mutter, Vater, Bürgermeister, Anwalt, …) auf dem anderen ist die Folge der automatisierten Wirtschaft ohne soziale Markwirtschaft in Verbindung mit einem Beratungssystem, das der Bevölkerung eine harmonische Ordnung geben soll (dieser Planet ist voll mit großen, flachen Glaslinsen, in schönen geometrischen Mustern, die einst die Bewohner waren).

Wer nun fürchtete Lem liese die Künstliche Intelligenz unter den Tisch fallen, sei hiermit vom Gegenteil überzeugt. Tatsächlich setzt er sich auch mit dieser auseinander. Tichy wird eingeschleust in eine unabhängige Roboternation, die die Menschen verabscheut und sich mittelalterlicher Sprache bedient. Jedoch waren dies in Wirklichkeit alles Menschen, die glaubten, sich als Roboter tarnen zu müssen. Währendessen übernehmen auf der Erde in den “Erinnerungen” intelligente Waschmaschinen (naja, das waren sie zumindest ursprünglich) alle wichtigen, leitenden Posten, was mich dann doch an Asimovs “I, Robot” denken lässt. Außerdem lernt Tichy wie unverlässlich moderne Navigation sein kann. Zumindest bewegt er sich relativ schnell vorwärts, im Vergleich zu seinen Vorfahren, die in 3. Generation auf einer Rakete lebten (er selbst ist die 4. – eines Tages bei seinem Vater vor der Tür abgelegt) –  oder etwa doch nicht? Ist es nur ein Hirngespinst auf einer langen Reise oder er selbst das Ergebnis einer gesunden Schizophronie eines anderen Reisenden?

Erinnerungen und eine Reihe von Wissenschaftlern

Die Erinnerungen spielen alle samt auf der Erde, sind dennoch gleichzeitig ein gelungenes Beispiel dafür, weswegen es “SCIENCE Fiction” heißt. Denn die Reihe an Wissenschaftlern, von denen Tichy erzählt oder teilweise auch auf Tontafeln schreibt deckt ein ganzes Gebiet ab: von Roboterpsychiatern (der Verantwortliche selbst ist natürlich auch ein Roboter), über solche, die komplett eigenständige Maschinen, wenn auch letzen Endes auf Pilzbasis, entwickeln, über Biologen, die sich klonen und beim Einlegen selbst im Behälter landen, geht es weiter über Zeitmaschinenerfinder, die vergaßen, dass auch sie altern werden, und jemandem, der seiner Frau eine echte, unsterbliche Seele schenkte, sie hierfür aber vollkommen von der Außenwelt abkapselte. Am beeindruckensten fand ich jedoch Donda mit seiner Theorie, dass verdichtetes Wissen auf Computern ähnlich reagiere wie verdichtete Materie – es gehe irgendwann von der Masse in Energie über und verflüchtige sich auf diese Art und Weise. Ein schönes Szenario des Untergangs einer Zivilisation in Zeiten des Internets und globaler Vernetzung.

Retten wir den Kosmos

Spätestens in diesem Brief zeigt sich, dass die Geschichten in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts veröffentlicht wurden. Es scheint ein Plädoyer auf den Erhalt der Natur und den bewussten Umgang des Menschen mit ihr zu sein. Wem diese Seite von Tichys Schilderungen bis dahin noch nicht aufgefallen war, dem schlägt sie hier stumpf ins Gesicht. Er beschreibt die Auswirkungen von Massentourismus (zuvor jedoch auch schon, dass man den Grad der Entwicklung eines Planeten an dem, um ihn kreisenden Schrott erkennen könne) und auch, wie sich die jeweilige Flora und Fauna durch das Verhalten der Menschen eigene ökologische Nischen geschaffen habe und das es keineswegs sinnvoll sein kann, diese auszurotten anstatt die Menschen selbst besser zu erziehen.

vom Nutzen des Drachen

Für die, denen es entgangen ist: Ich bin ein wenig verrückt nach Drachen, aber auf einen solchen wie in der letzten Geschichte beschriebenen, bin ich noch nicht gestoßen. Es ist vielmehr ein großer (sehr, sehr großer) schleimiger Haufen im Norden des Planeten, der sich langsam, aber sicher auch auf den Rest ausbreitet und von der dortigen Bevölkerung mittels “Export” prächtig versorgt wird. Dieser Export wird hoch subventioniert, aber er schaffe doch auch Arbeitsplätze und sichere so das Einkommen und es wäre nicht vorstellbar das Geld direkt der Bevölkerung zu geben. Kleiner Tipp: Stanislaw Lem war Pole. Was jedoch nicht heißen soll, dass diese Thematik an Aktualität verloren hätte.

Fazit

Ich bin mir bewusst, dass es von den ersten Ankündigungen bis heute doch etwas länger gedauert hat als erwartet. Zu meiner Verteidigung kann ich aber betonen, dass diese 522 Seiten mit Verstand gelesen werden wollten und ich hier vielleicht die Hälfte des Inhalts angerissen habe. Trotz aller “Strapazen” bin ich begeistert nach so langer Zeit (ok, der “Wolkenatlas” ist kein Jahr her) endlich mal wieder ein Buch mit so viel Tiefgang gelesen zu haben, ohne die bekannten Nebenwirkungen.

Zudem ist hiermit bewiesen, dass Sci-Fi mehr ist als Asthmatiker in Schwarz, seltsame Formen des Peace-Zeichens zur Begrüßung und Liebe zwischen zwei Völkern auf einer riesigen Raumstation (- sagt mir jetzt bitte nicht, dass ihr “Babylon5” nicht kennt! – Sheldon Cooper, du kriegst Ärger!). Klar diese Formen sind unterhaltsam und widmen sich (manchmal) auch ernsten Themen. Aber bin ich ein Nerd, weil ich mir Sci-Fi ab und zu auf einem Niveau-Wünsche, das Asimov dazu anregte, gut verständliche und anschauliche Geschichten zu schreiben? Ihr habt bestimmt nicht zum letzten Mal von mir zu diesem Thema gehört und ich freue mich, mit meinem Vorhaben für diese Jahr, “back to the roots”, etwas näher gekommen zu sein.

In nächster Zeit wird die Kost aber wieder “leichter”, da sich “Drachenmeister” dem Ende nähert. Allerdings habe ich vorher eine Aufgabe zu bewältigen: Buch erhalten am 13.6., Buchrückgabe 28.6. , aktuell Seite 114 von 324. Und hat eigentlich jemand schon den Inhalt meines letzten Apetithäppchens erraten?

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