Manfred Spitzer – “Digitale Demenz”

Für Leute in meinem Alter ist es normal mittels Handy zu simsen, im Internet zu surfen, zu googlen, “Freunde” zu finden und das Innerste nach außen hin zu veröffentlichen. Doch was für Auswirkungen das alles langfristig haben kann, wüssten die wenigsten. So sieht das zumindest der Gehirnforscher Manfred Spitzer.

Aber anders als der Titel erwarten lässt, geht es nur zweitrangig um “alte” Leute. Worauf der Fokus viel mehr gelegt wird in meiner Bücherchallenge (“Du liest doch schnell – Ich hätte das Buch gerne am Samstag in 2 Wochen wieder” –  tolle Idee 2 Wochen vor Ende eines mehrmonatigen Projekts im Studium) ist die Generation nach mir, die heutigen Kleinkinder, Grundschüler und Teenager. Selbst die Allerkleinsten sehen, laut Umfragen, bereits mehrere Stunden täglich fern. Es kam sogar zu Einschlafproblemen, als einmal ein spezieller Babysender technische Probleme hatte! Allerdings hätte man herausgefunden, dass Kinder bis ca. 4 Jahren noch gar nicht wirklich verarbeiten können, was sie da sehen und hören, und so vielmehr Zeit vergeuden, die sie damit verbringen könnten wirklich Wichtiges für ihr Leben zu lernen. Etwas älter im Kindergarten käme auch schon immer mehr der frühe Kontakt mit dem Computer, was das “haptische” Erlernen einschränke. Dieses sei nämlich auch schneller im späteren Abrufen, als Dinge, die wir nur vom Bildschirm her kennen. Spätestens in der Grundschule und Beginn der weiterführenden Schulen, sei es aber endgültig vorbei. Kinder und Jugendliche erhalten wegen der “Medienkompetenz” Zugang zu Computern, die sie für alles mögliche nutzen, aber nicht zum Lernen. Vielmehr leide die eigentliche Schularbeit darunter, dass sich in “sozialen” Netzwerken (eher Mädchen) herumgetrieben wird oder man digitale Menschen umbringt (und zwar in einem Alter für das die meisten Spiele definitiv nicht freigegeben sind). Und anstatt diese Entwicklung zu stoppen, unterstütze die Politik sie noch, geblendet von Lobbyisten und dem Wunsch nach Fortschritt. Eines zeigt Herr Spitzer aber auch auf: bereits die Denk- und Lernprozesse von jungen Erwachsenen unterscheiden sich deutlich von denen der Kindern. Vergleiche dieser oder gar Rückschlüsse von dem einen auf das andere sind nicht möglich ohne grobe Verstöße gegen den gesunden Menschenverstand.

Wenn wir gerade beim Thema sind. Genau das ist das Problem, das Spitzer in den eben geschilderten Vorgängen sieht: Die gesamte Entwicklung des Gehirns wird durch den zu frühen, zu hohen Medienkonsum (und auch Konsum des Falschen) beeinträchtigt. Seine dystopische Zukunft sieht wie folgt aus: Die Generation nach mir wird nicht mehr richtig sprechen können (weil sie digitale, abgespielte Stimmen in der wichtigen Phase noch nicht verarbeiten konnten), ihr Gehirn braucht ungefähr so lange wie unsere, um bestimmte Gegenstände zu erkennen, auf Grund negativer Erfahrungen im Internet, aber gleichzeitig einer Sucht danach, ist sie sozial isoliert, durch Multitasking hat sie sich eine Aufmerksamkeitsstörung antrainiert, vergisst dank ständig verfügbarer Suchmaschinen viel schneller und wird eh wegen der Nebenerscheinung Stress und deren Folgen (Schlafmangel -> Fettleibigkeit -> Diabetes, Depressionen, weil keine Glückserlebnisse außerhalb der digitalen Welt und selbst dort selten) früher sterben, obwohl sich die Medizin ja angeblich noch weiterentwickeln soll. Hinzu kommt, dass vor allem die betroffen sein werden, deren Eltern sich durch das zur Verfügungstellen eines Computers erhoffen, dass ihre Kinder den sozialen Aufstieg schaffen. RUMS!!! Leider musste ich euch diesen schweren Brocken etwas zusammen fassen (was er im Übrigen auch kritisiert – also weniger Vorgekautes, bitte mehr selbst denken!), aber ansonsten müsste ich hier wohl das gesamte Buch wiedergeben.

Aber mal zum Vergleich: bis Ende der vierten Klasse durfte ich unter der Woche nur 1 Stunde täglich fernsehen (genau die eine Stunde bis zum Sandmännchen –  ja, ich kannte “Wickie” und “Heidi” quasi auswendig), selbst am Wochenende wurde ich noch in der Unterstufe des Gymnasiums um spätestens 9 ins Bett geschickt, wodurch ich jede Menge Schlaf bekam. Allerdings habe ich dann meist noch eine halbe Stunde gelesen. Im Internet war ich relativ wenig und auch als ich mit 14 meinen ersten eigenen Laptop hatte (im Übrigen ab und zu immer noch in Gebrauch) hatte dieser erst mal keinen dauerhaften Internetzugang. Bei meinem Abitur war ich die Achtbeste meines Jahrgangs (an meiner Schule), habe sofort einen Studienplatz bekommen und war auch noch in den ersten beiden Semestern (keine Ahnung wie es jetzt aussieht) die Zweitbeste in meinem Kurs (wehe, ihr bezeichnet mich jetzt als Streber! – Ich bin ganz normal, irgendwie…). Was sich hier so schön liest, beweißt aber gar nichts. Es heißt nicht umsonst “Ich glaube nur der Studie, die ich selbst gefälscht habe”. Zwar werden im Buch eine Menge Studien aufgeführt und auch begründet, warum manche von diesen eher unseriös sind, im Großen und Ganzen musste ich doch sehr oft an meinen Statistikprofessor vom letzten Wintersemester denken, der uns erklärte wie sehr man an den Ergebnissen drehen kann, wenn es denn zweckdienlich ist. Denn ich bin mir keineswegs sicher, ob alles, was auf die über 300 Seiten Papier gedruckt wurde, wirklich so stimmt.

Dennoch fand ich manche Beispiele sehr interessant. Hier eine kleine Auswahl:

1. Londoner Taxifahrer

Diese Spezies muss sich drei Jahre lange auf ihren Beruf vorbeireiten, da sie ohne sehr gute Ortskenntnis keine Erlaubnis erhält diesen Beruf auszuüben. Durch diese Vorbereitung erhöht sich die Anzahl der Verknüpfungen im Gehirn.

2. alte Nonnen, die ihr Gehirn der Wissenschaft spenden.

Ein Orden von Nonnen ließ sich über Jahre hinweg untersuchen. Selbst diejenigen, deren Gehirne durch Demenz fast vollkommen zerstört waren, verhielten sich bis zu ihrem Tod wie “gesunde” Menschen. Denn es kommt letzten Endes darauf an, von welcher Höhe man den Abstieg beginnt.

3. Marshmallow Test (1989)

Ihr kennt die Ü-Ei Werbung “Hier hast du ein Überaschungs-Ei. Wenn du es nicht isst, bis ich wieder da bin, bekommst du ein zweites”? Die beruht auf dem Test auf Selbstkontrolle bei Kindergartenkindern und der Untersuchung Jahre später, ob sich diese frühe Selbstkontrolle auf den späteren beruflichen Erfolg auswirkt – anscheinend ja.

4. Stress bei Ratten

Unser Körper steht nur dann unter Stress, wenn wir nichts an unserer Situation ändern können, selbst wenn wir nach außen hin “faul” sind. Können wir aber aktiv etwas dagegen tun, machen wir zwar deutlich mehr, leiden aber nicht unter Stresssymptomen.

5. Gehirnjogging für die Älteren

Lasst das Kreuzworträtseln allein im Zimmer oder komische Aufgaben am Computer. Lasst euch von euren Enkeln besuchen und bewegt euch! Das fördert die Neubildung der “grauen Zellen” und sorgt durch die neuen Aufgaben auch gleich dafür, dass sie am Leben bleiben.

6. Empfehlungen zum Schluss

Nicht die ganze Zeit vorm Bildschirm verbringen (bitte trotzdem ab und zu hier vorbeischauen!), Geld lieber in tolle Ereignisse investieren (denn in der Erinnerung werden sie noch einmal schöner – hab ich heute auch schon gemacht: das lange geplante Geburtstagsgeschenk an meine beste Freundin: ein japanischer Kochkurs – ich rieche immer noch nach angebratener Sojasoße), singen, zur Not auch im Auto (ich bekenne mich schuldig), Freunde auch mal so treffen…

Soweit zum Inhalt. Wessen Neugier geweckt wurde, dem empfehle ich wirklich, dieses Buch zu lesen. Es ist weiter kein medizinisches Vorwissen notwendig, Details zum Gehirn und dessen einzelnen Bestandteilen werden gut, aber dennoch nicht zu ausführlich erklärt. Bitte nehmt aber nicht alles, was dort steht, einfach so hin. Nutzt eure Augen und Ohren, fragt bei Freunden nach und versucht der Fremden in der Straßenbahn, die euch wegen des Textes auf dem Schutzumschlag anspricht, zu erklären, worum es geht, selbst wenn ihr erst 2 Kapitel gelesen habt.

Ich hoffe mein erster Eintrag zu einem nicht fiktionalem Buch gefällt euch. Wenn ihr andere Bücher zu diesem Thema kennt, lasst es mich bitte wissen, da es vermutlich noch eine Weile dauern wird, bis ich 11-jährige mit Smartphones in der Straßenbahn wieder mit den gleichen Augen betrachten werde wie vor drei Wochen.

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