James Krüss – “Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen”

Was nutzt es einem, wenn man alles erreichen kann, aber dafür einem die Fähigkeit genommen wurde, sich über diesen Erfolg zu freuen? Wenn man sich über verlorene Wetten mehr freut als über gewonnene? Diese Erfahrung muss der junge Timm Thaler machen.

Seine Geschichte ist bekannt. Die Verfilmung war der Grund, warum meine Mutter unbedingt nach Lanzerote wollte. Und dennoch hat mich dieses Buch sehr nachdenklich gestimmt.

Den äußeren Rahmen bildet die Reise des Autors nach Leipzig, wo er seinen alten Freund Timm wieder trifft, der mit seinem Marionettentheater oft eine bestimmte Geschichte erzählte – die des verkauften Lachens. Er erzählt sie dem anderen verteilt über sieben Abende, um ihn über die Identität eines Herrn aufzuklären, mit dem der Autor sich ein Abteil im Zug geteilt hatte. Und so erhält Krüss die Gelegenheit die Geschichte seines Freundes auf ausrangierten Druckereibögen niederzuschreiben – jeder Bogen ein Kapitel.

Die Hauptfigur ist der kleine Timm Thaler, den es nach dem Tod seines Vaters auf die Pferderennbahn zieht, dorthin wo er mit seinem Vater jeden Sonntag war – ohne Stiefmutter und Stiefbruder Erwin. Er erhält einen Wettschein von einem seltsam karierten Herrn und gewinnt. Dies wiederholt sich ein zweites Mal. Doch immer wird ihm das Geld von Dieben abgenommen. Beim dritten Mal bietet Baron L. Lefuet dem Jungen einen Vertrag an: Timm gewinnt jede Wette, wenn der Baron im Gegenzug dessen Lachen erhält, dieses wunderschöne Kinderlachen mit dem Gluckser am Ende. Timm willigt ein und macht daraufhin ein kleines Vermögen mit Pferdewetten. Anfangs ist seine Stiefmutter dagegen, doch bald gewöhnen sie und ihr Sohn sich an den neuen Lebensstil, während Timm eigentlich gar keine Freude mehr am Gewinnen hat.

So beschließt er auch mit 14 von zu Hause abzuhauen, um zur See zu fahren. Mit dem bisschen Geld, was er zur Seite schaffen konnte, kauft er erst seinem Vater einen neuen, marmornen Grabstein und dann ein Straßenbahnticket. In der Straßenbahn wettet er mit einem Herrn, dass diese außerplanmäßig an den Bahnhof fahre, und erhält so auch eine kostenlose Fahrt nach Hamburg. Dieser Herr ist Herr Rieckert, Direktor bei einer Reederei die zufälligerweise dem Baron gehört. Timm darf anheuern auf einem Schiff nach Genua und die wenigen Tage dahin bei Herrn Rieckert und seiner Mutter in einer Hamburger Villa verbringen. Die lustige alte Dame lädt den ernsten Jungen ins Marionettentheater ein, in “Schwan-Kleb-An” (über eine Prinzessin, die lernt zu lachen), wo Timm mit seinem Weinen ein ausgiebiges Lachen vortäuscht.

Auf dem Schiff ist Timm Kreschimir unterstellt, einem Mann, der früher auch oft auf der Pferderennbahn war und dessen blauen Augen Timm an den Baron erinnern, obwohl der seit der zweiten Begegnung braune hat. Er ist der einzige, der versteht, was Timm durchmacht und von dem Vertrag zwischen ihm und Lefuet weiß, ohne dass die Schweigeklausel gebrochen wurde. Doch Kreschimir (seine eigenen Augen wiedererlangt) wird wegen Blinddarmproblemen mitten in einem Sturm von Bord ans Festland geholt, so flüchtet sich sein Zimmernachbar in den Steuerstand, wo er mit dem Steuermann Jonny wettet. Dieser sagt, es wäre unmöglich, dass ein Junge wie er noch bis zum Abend der reichste Mann der Welt werden könne. Die Wette gilt. Und so sieht sich der Baron genötigt, sein Ableben zu inszenieren und Timm zu seinem Erben zu erklären  – unter der Vormundschaft seines Zwillingsbruders.

Einmal noch sieht Timm Jonny in Genua wieder, bevor es mit dem Baron um die Welt geht und dieser für eine halbe Stunde testet wie viel Timm noch an seinem Lachen liegt. Bei einer Flasche Wein teilt Jonny ihm ein englisches Sprichwort mit.

Teach me laugther, save my soul.

An die deutsche Übersetzung hängt Timm ein “Steuermann” in Erinnerung an Jonny. Es vergeht über ein Jahr, bis Timm wieder nach Hamburg kommt – von seinen drei Freunden bereits heimlich erwartet. Zwar hat das reiche Leben einige Vorteile, wie z.B., dass es in Ordnung ist, nicht zu lachen, aber sein Lachen will er immer noch zurück. Zum Glück gibt es eine einfache Lösung für sein Problem: eine letzte Wette um einen Pfennig zwischen ihm und Kreschimir, darüber, dass Timm sein Lachen wiedererlangt.

Ich bin mir nicht hundertprozentig sicher, ob Timm dieses Wette tatsächlich gewann, denn laut Vertrag erhält er sein Lachen auch zurück, wenn er eine Wette verlieren sollte. Zumindest muss Baron Lefuet hilflos auf der Teufelsstiege stehend mitanhören wie sein Lachen wieder an den rechtmäßigen Besitzer geht.

Der Rest besteht nur noch aus einem kleinem Nachtrag. Frau Riekert freut sich, den Jungen lachen zu sehen und schnackt wieder mit ihm Platt. Seine drei Freunde übernehmen eine Reederei und Timm macht sich auf Reisen mit einem Marionettentheater und seiner eigenen Geschichte.

Und zu guter Letzt trifft der Autor den Herrn von der Hinfahrt wieder, der ihm viel Geld bietet, damit die Geschichte nie niedergeschrieben würde. Doch dieser lehnt ab und im nächsten Moment ist der andere aus dem Abteil verschwunden.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten in die Geschichte reinzukommen, war ich wie gefesselt. Zum einen, wollte ich unbedingt wissen, welche Wendung als nächstes kommen würde, zum anderen, ist diese Geschichte voll subtiler und manchmal sehr offenkundiger Hinweise zur Natur des Baron. So fühlt er sich bei den Yeziden wohl (seiner Aussage nach Teufelsanbeter), wird von dem Mitfahrer des Autors als Azaroth bezeichnet und hat eine Wunde an der Strin, als Timm während einer Teufelsbeschwörung den Pantoffel nach einer sich abseilenden Spinne wirft. Die restlichen Anspielungen überlasse ich euch zum eigenständigen entdecken.

Zwar ist es ein Kinderbuch, aber es steckt auch viel darin, das einen Erwachsenen zum Nachdenken anregen kann. Welche Stellung hat in unserer Gesellschaft noch das Lachen? Wird zu wenig gelacht oder gerade zu inflationär? Fest steht auf jeden Fall, Geld allein kann nicht glücklich machen, vor allem, wenn man dafür seine Lebensfreude eintauscht.

An dieser Stelle auch ein Dankeschön an diese wunderbaren, kleinen Buchhandlungen, in denen man so wunderbar stöbern kann. Denn dieses Buch, das eigentlich nur dadurch in meinen Besitz kam, weil ich viel zu viel Zeit bis zu einem Besichtigungstermin hatte, hat mir einige schöne Stunden draußen in der Sonne sitzend beschert.

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