Volker Arzt – “Als Deutschland am Äquator lag”

Es soll ja Leute geben, die gerne von Deutschland aus in die Tropen für den Urlaub fliegen. Wäre es da nicht sogar viel angenehmer einfach aus der Haustür zu gehen und bereits dort zu sein? Wie, geht nicht?

Im Karbon, einem der Zeitalter der Erde, wäre dies aber durchaus gegangen, wie Volker Arzt in einem seiner Abstecher in die Vergangenheit zeigt. Der Vegetation der damaligen Zeit verdankt Deutschland nämlich seine Kohlevorkommen.

Aber immer der Reihe nach. Volker Arzt nimmt einen mit auf eine Expedition durch die Zeitalter der Erde, in denen es Leben gab. Hierfür braucht er aber keineswegs ein hochtechnisches, neumodisches Gerät, sondern einen Heißluftballon (nicht von ihm selbst gesteuert), mit dem die Fahrt in Zeit und teilweise auch Raum ermöglicht wird. Seine Begründung für die Auswahl des Gefährts scheint fast wie das Gegenstück zu dem Wunsch des kleinen Prinzen einen Sonnenuntergang zu sehen (was auf seinem eigenen Planeten bekanntlich sehr leicht war). Denn mit so einem Ballon kann man – fährt man denn rechtzeitig los – für eine Weile immer wieder die Sonne aufgehen sehen, wenn man einfach wieder in niedrigere Luftschichten navigiert.

Und so sehen wir die ersten Pflanzen und später auch Tiere im Wasser, staunen über die verlorene Artenvielfalt, lernen wie sich das Sehen entwickelt hat, erfahren, dass die Eroberung eines neuen Lebensraumes eigentlich immer der Versuch war, weiterhin im alten zu Leben, fliehen vor riesigen Tausendfüsslern, müssen mit ansehen wie die Übergangsformen zwischen Dinosauriern und Vögeln von Flutwellen erfasst werden, bewundern die Eleganz der Urpferdchen, treffen schließlich unsere eigenen Vorfahren und wagen einen kühnen Blick auf das Gesicht der zukünftigen Erde (wenn auch nur von Ferne). Außerdem widerlegt so manche unserer Entdeckungen die Expertenmeinungen von früher. Das einfachste Beispiel hierfür ist die Plattentektonik, über die vor 100 Jahren die Wissenschaft noch gelacht hat, da ihr “Entdecker” die Erdrotation statt dem nach oben quellenden flüssigen Erdinneren als “Motor” benannt hatte. Heute ist dies allgemeines Schulwissen und wurde mir Ende der Unterstufe in der so genannten “Zwieback-Griesbrei”-Stunde meiner Erdkundelehrerin beigebracht (Zwieback = Platte; Griesbrei = flüssiges Erdinneres). Das wirklich überraschende an unseren Beobachtungen ist jedoch, dass wir sie alle in den Grenzen Deutschlands  (bezogen auf die Platten) machen können. Denn in dieser Gegend hat sich einiges getan. Sogar meine Heimat war während der Entstehungszeit der Alpen einmal ein Verbindungskanal zwischen Mittelmeer und Nordsee.

Gleichzeitig liest sich das Buch wie ein Who-is-Who der Paläontolgie. Oft bittet Arzt zum Lokaltermin mit den entsprechenden Größen des Faches, meist direkt an ihren jeweiligen Ausgrabungsstätten, aber auch bekannte Museen (oder zumindest solche, die bekannte Funde beherbergen) kommen nicht zu kurz. Vor allem die Leichtigkeit dieser Sprünge macht den Reiz des  Buches aus, da aufgezeigt wird, dass das Erzählte tatsächlich zu belegen ist und so gewinnt dieses Phantasieren noch einmal an Tiefe. Einen Teil der Orte habe ich bereits als Kind besucht, andere – wie einen ganz bestimmten Eisenbahntunnel, durch den ich bei meiner Pendelei fahre – erst in den letzten Jahren kennen gelernt. Einen ebenfalls wichtigen Teil trägt die Erzählweise bei, die erst den Ort der Handlung beschreibt, bevor auf die jeweiligen Lebewesen (anfangs Pflanzen, später die Tiere, die sich dem Betrachter nähern, (die Pflanzen rutschen in die Ortsbeschreibung) und damit der üblichen Warnehmungsreihenfolge folgt.

Meine Ausgabe stammt von 2001, ist festgebunden und verstaubte sehr lange bei mir im Bücherregal, nachdem ich damals versucht hatte es zu lesen (rechnet bitte selbst nach, wie alt ich damals war). Dadurch blieb es mir als seltsam und kompliziert zu lesen in Erinnerung, was mich lange Zeit davon abhielt mich weiter damit zu beschäftigen. Tatsächlich ist es nur dem Zufall geschuldet, dass das Buch, als ich vor vier Wochen montags im Zug saß und den Hobbit auslas, sich in meiner Tasche befand. Ein glücklicher in diesem Fall, denn jetzt – Jahre später und mit entsprechendem Wissen –  bereitete mir es ein paar kurzweilige und dennoch lehrreiche Stunden. Keine Ahnung weswegen ich trotzdem für die 200 Seiten exakt 4 Wochen gebraucht habe – es war wahrscheinlich einfach zu viel los.

Zusammenfassend kann ich das Buch all jenen empfehlen, deren nächster Abendteuerurlaub auch gebannt auf Papier sein darf und denen es reicht großartige Zeichnungen der Tier- und Pflanzenwelt anstelle von Selfies oder Aufnahmen der Reisebegleitung vor einem erlegten Triceratops daraus mitzubringen.

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3 Responses to Volker Arzt – “Als Deutschland am Äquator lag”

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