Pierre Boulle – “Der Planet der Affen”

Wir sind die Krone der Schöpfung. Darin war sich die Wissenschaft bis vor einiger Zeit noch einig. Doch sind wir das wirklich? Betrachtet am Alter der bewohnten Erde ist unsere Existenz nur ein kurzer Augenblick und nichts hindert die Natur daran eines Tages unseren Verstand stagnieren zu lassen und die Intelligenz und Vernunft von Wesen mit Seele an andere Erdenbewohner weiterzugeben.

Dies könnte man als Quintessenz des 1963 erschienenen, französischen Science-Fiction-Klassikers ansehen. Der junge Journalist Ulysee Merou hat sich der zweiköpfigen Expedition zum Planentensytem des Stern Beteigeuze angeschlossen und betritt mit seinen Mitreisenden den Planeten Soror. Wie dieser Planet tatsächlich heißt, kommt nicht zur Sprache, aber “Schwester” scheint für einen Planeten, der dem unseren in seiner Beschaffenheit so sehr ähnelt, passend zu sein. Und so ist das erste Wesen, das sie antreffen eine junge Frau, der Ulysee in Gedanken den Namen “Nova” gibt. Sie ist ein Mensch, aber auf Soror bedeutet dies etwas anderes als bei uns. Die Sorormenschen haben keinen Verstand, keine Sprache und lehnen alles Verarbeitete wie Textilien, aber auch das Beiboot der Weltraumexpedition ab und zerstören es. Wer auf dem Planeten das Sagen hat, erfährt Ulysee bei einer Treibjagd auf Menschen, bei denen er von seinen Kameraden getrennt wird. Es sind Affen. Genauer gesagt Gorillas, Schimpansen und Orang-Utans, die von uns gerne auch als Gruppe der “Menschenaffen” zusammengefasst werden. Eigentlich sollten die Menschen für Forschungszwecke eingefangen werden, aber bedauerlicherweise sind die Gorillas nicht gewillt, ihre alten Gewohnheiten abzulegen, wie später erklärt wird.

Ulysee hat Glück im Unglück und landet mit Nova in einer Forschungseinrichtung in der Abteilung, die die Verhaltensweise der Menschen (ich bitte euch zu berücksichtigen, dass “Mensch” hier gleichbedeutend für “Tier” steht, während “Affe” im Folgenden “intelligentes Wesen” heißt) studieren will. Schnell lernt Ulysee die Sprache der Affen, muss dies aber verheimlichen und verhält sich wie die übrigen Menschen um den Orang-Utan Zaius, Leiter der Einrichtung, nicht misstrauisch zu machen, der in ihm einfach nur ein besonders Lernfähiges Exemplar sieht. Doch die betreuende Wissenschaftlerin, die Schimpansin Zira, kann er nach und nach von seiner Intelligenz und extrasororischen Abstammung überzeugen und gemeinsam mit ihrem Verlobten Cornelius, der über den Ursprung des Affen forscht, gelingt es Ulysee der Wissenschaft vorzustellen und ebenfalls zu überzeugen. Dadurch werden ihm einige Privilegien, sowie seine Freiheit zugestanden und er arbeitet fortan mit seinen ehemaligen Leidensgenossen. Auch darf er Cornelius zu Ausgrabungen begleiten. Als aber dort Beweise gefunden werden, dass vor den Affen, die Menschen die intelligente Art waren, schickt dieser ihn zurück ins Institut. Auf dieser Rückreise bestärkt sich in Ulysee der Verdacht, dass die Affen zunächst durch nachäffen von den Menschen gelernt hätten, was auch den Entwicklungsstand erklären würde, der nur langsam Fortschritte  auf dem Planeten macht.

Im Institut erwartet ihn Zira mit Neuigkeiten. Nova ist schwanger, was die drei, sollte das Kind Verstand haben in größte Gefahr bringt. Und so werden die drei nach der Entbindung mit einer Familie getauscht, die einen Satelliten bemannen sollte, um wieder in ihr Raumschiff zu gelangen. Die Flucht gelingt und Sirius, Ulysees Sohn, entwickelt sich prächtig, erreicht es sogar, dass seine Mutter zu sprechen anfängt. Doch wie groß ist der Schock der drei als sie nach 2-jähriger Reise durch das All wieder auf der Erde landen! Trotz der mehreren Jahrhunderte, die vergangen sein müssten, sieht es dort fast immer noch so aus, wie beim Aufbruch vor 5-Jahren (persönliche Zeitrechnung/Wahrnehmung des Protagonisten) und das aufgeregte Empfangskomitee besteht keineswegs aus Menschen, sondern aus Affen. Zutiefst entsetzt und belehrt aus der Vergangenheit rettet sich die Familie wieder in ihr Schiff und flieht nun auch von der Erde. Dort schreibt nun Ulysee seine Erfahrungen nieder und übergibt sie in einer Glasflasche dem Kosmos.

Diese Flasche wird von einem Liebespaar eingefangen, als sie an deren Schiff vorbeifliegt. Jinn liest und übersetzt für seine Phyllis, die zum Schluss darüber lacht, was für ein gutes Märchen dies sei. Selbst noch kurz vor der Landung ist die Schimpansin darüber verwirrt, dass jemand tatsächlich über intelligente Menschen geschrieben hat.

Das Buch ist Teil meines “back to the roots”-Vorhabens, obwohl es, wie auch im Nachwort betont wird, eigentlich nicht dem klassischen Science-Fiction entspricht. Sieht man einmal von dem Raumschiff ab, das Ulysee von der Erde zu Sorror transportiert und wieder zurück, gibt es keine auffälligen wissenschaftlichen Neuerungen. Es wird schlicht ein Blick in eine mögliche Zukunft geworfen, die einen gleichermaßen erschreckt wie den Spiegel vorhält. Die von Ulysee geschilderten und als grausam verurteilten Verhaltensweisen der Affen den Menschen gegenüber unterscheiden sich nicht im geringsten von Handlungen früherer Generationen oder mancher Menschen noch heute. Die Verwendung wörtlicher Rede ist auf ein Minimum reduziert und tritt daher umso deutlicher an wichtigen Stellen hervor, wird doch die Verwendung von Sprache zu einem der Merkmale, die ein Wesen mit Verstand angeblich ausmachen (neben der Fähigkeit zu Lachen). Und so fesselte mich das Buch von der ersten Seite an, auf der man zunächst Jinn und Phyllis kennen lernt. Die Selbstverständlichkeit mit der Ulysee, aber auch man selbst, die Weltanschauung bezüglich des intelligenteren Wesens verändert, ist fast unglaublich und gleichzeitig subtil.

Mich selbst hat das Buch sehr zum Nachdenken angeregt, auch vor dem Hintergrund des letzten von mir gelesenen Buchs. Volker Arzt lässt bewusst offen, wie es in der Zukunft auf der Erde aussehen wird, ob wir noch da sein werden und wie wir uns entwickelt haben. Schließlich sind wir nur ein klitzekleiner Teil eines fortlaufenden Prozesses. Gleichzeitig wurde ich mir der Arroganz bewusst, mit der wir davon ausgehen, im All zu findende Intelligenz müsste menschlich oder zumindest dieser ähnlich sein. Würden wir es denn überhaupt ertragen können, auf andere menschliche Wesen jenseits unseres Sonnensystems zu stoßen? Da sind Lems Fantasien zur künstlichen Intelligenz beinahe beruhigend, schließlich wird dort unsere Intelligenz nicht so stark wie hier als Ergebnis einer Reihe von Zufällen angeprangert.

Zu den Filmen kann ich euch noch nichts sagen, da ich heute morgen mich erst einmal durch die entsprechenden Wikipedia Einträge lesen musste, um die Handlung zu kennen. Anscheinend wurde versucht, die Geschichte weiterzuspinnen und gleichzeitig eine Begründung für die Entwicklung von Soror, oder genauer gesagt der Erde (Soror selbst wurde mehr oder minder gestrichen) zu liefern, indem der gemeinsame Sohn von Zira und Cornelius, die auf unserer heutigen Erde nach der Zerstörung ihres Planeten gelandet sind, Teil der Ereigniskette wird, die zum Abstieg der Menschen und Aufstieg der Affen führt. Besonders auffällig fand ich hierbei, dass man dem Protagonisten als Einzigem nicht seinen Originalnamen behalten lies und augenscheinlich auch Beruf und Nationalität geändert wurden. Verstehe einer die Filmbranche!

Auf jeden Fall ist “Planet der Affen” zu Recht ein Klassiker, den ich euch nur empfehlen kann.


Nachtrag 1.12.14

Zira erzählt Ulysee, dass die Orang-Utans an den Inhalten der alten Bücher festhielten und auch für das Bildungswesen zuständig seien. → Sprung aus dem Science Fiction ins Fantasy: In welches Tier wird der Bibliothekar der Unseen Univerity in Terry Pratchetts “Discworld”-Reihe verwandelt und bleibt dies fortan? Richtig! Allerdings scheint er mir deutlich einsichtiger zu sein, als seine Verwandten auf Sorror.

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One Response to Pierre Boulle – “Der Planet der Affen”

  1. Pingback: Kisten packen und Leselisten | js reads and writes

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