Lucy Maud Montgomery – “Anne of Green Gables”

Es gab eine Buchserie, die ich mit 10 bzw. 11 Jahren verschlungen habe. Sie handelte von einem kleinen kanadischen Waisenmädchen, das am Anfang genauso alt wie ich war, und das mit jedem Band mehr lernte, erwachsener wurde und zum Schluss sogar selbst eine Familie hatte. Gestern morgen habe ich das Hörspiel in Englisch auf der Seite meiner Stadtbibliothek entdeckt und mir heruntergeladen. Das Ganze nennt sich “Onleihe” und bietet den digitalen Zugriff auf Bücher und Hörbücher für Mitglieder einer Reihe von Bibliotheken quer durch Deutschland über den normalen Bibliotheksausweis – also aktuell perfekt für mich geeignet. 😉

Und so verbrachte ich gestern und heute vormittag auf Prince Edward Island und sah der kleinen Anne Shirley (sie besteht darauf, dass ihr Vorname mit “e” endet) zu, wie sie zu den Geschwistern Mathew und Marilla nach Avonlea kommt. Zwar wollten die beiden eigentlich einen Jungen adoptieren, der dem 60 Jahre alten Mathew auf dem Hof zur Hand gehen könnte, aber dieses kleine Mädchen haben beide so schnell in ihr Herz geschlossen, dass sie es dennoch bei sich behalten. Und Anne bringt Leben in das alte Green Gables, anfangs wegen ihrer mangelden Erziehung, dann wegen ihrer überbrodelnden Fantasie und der Tatsache, dass sie es nicht ausstehen kann, auf ihre roten Haare angesprochen zu werden. Doch sie entwickelt sich prächtig. Ihre Rivalität mit Gilbert (Spoiler: sie heiratet ihn später) treibt sie in der Schule voran, während sie in der Nachbarstochter Diana eine wahre Freundin findet, selbst als diese nicht mit nach Queenstown geht, um sich wie die anderen als Lehrerin ausbilden zu lassen. Währenddessen bekommt die nun fast erwachsene Anne (naja, sie ist 16 oder war es 15?) ein Stipendium, mit dem sie ans College gehen kann. Doch dann erleidet Mathew einen tödlichen Herzinfarkt, als er erfährt, dass die Bank, bei der das gesamte Geld angelegt war, den Bach hinuterging. Und auch Marilla hat gesundheitlich Probleme und gedenkt Green Gables zu verkaufen, da sie allein nicht mehr den Hof verwalten kann. Doch Anne will nicht ihr zu Hause verlieren und bewirbt sich als Lehrerin in der Dorfschule, verzichtet vorerst auf ihr Studium am College und begnügt sich mit einer Art Fernstudium. Auch mit Gilbert, der für sie extra an die Schule im Nachbarort wechselt (eigentlich hätte er die Stelle in Avonlea bekommen), schließt sie Frieden (einst hatte er sie wegen ihrer Haare gehänselt) und fängt an endlich all die Gespräche nachzuholen, die sie mit ihm so gerne in den vergangenen Jahren geführt hätte. Und irgendwie ist trotzt des “Bend in the Road”, wie sie es nennt, alles gut.

Es war gut, dass ich saß, als es zu der Stelle kam, an der Anne die Weg-Metapher verwendet. Jahre lang habe ich sie selbst für mich verwendet, aber vergessen woher ich sie hatte. Die Kernaussage hierbei ist folgende: Der Weg muss nicht schnurgerade zum Ziel führen, er kann Biegungen haben, die einem den Blick auf das Ziel für eine Zeit nehmen, aber man kann es dennoch erreichen. Rückblickend auf die letzten zehn Jahre kann ich sagen, dass mein Leben immer wieder unerwartete Wendungen genommen hat, auch wenn sich das auf den ersten Blick nicht aus meinem offiziellen Lebenslauf herauslesen lässt (die meisten lasse ich auch nicht nah genug an mich heran, um diese Wendungen erkennbar zu machen). Mit 13 “durfte” ich meinen Freundeskreis fast vollständig umgestalten, ohne dass ich weggezogen wäre, eigentlich hatte ich ein duales Studium machen wollen und mein erster Freund hat sich als nicht für eine gemeinsame Zukunft bereit herausgestellt, genau in dem Moment, als wir endlich die Chance hatten unser gemeinsames Leben zu planen. All das sind Wendungen, die mich – obwohl ich wirklich auf sie hätte verzichten können – stärker und teilweise auch glücklicher gemacht haben. Sie haben mich gelehrt ich zu sein, aus mir herauszugehen und für mich einzustehen und zu kämpfen, wenn ich merke, dass sich etwas in eine Richtung entwickelt, in die es sich nicht entwickeln sollte.

Diese Bücher haben mir einiges beigebracht. Auch wenn ich es für eine Weile vergessen habe, war das Gelernte doch immer in mir und wurde angewendet. Ich weiß nicht, ob sie für einen erwachsenen Leser, der keinen Bezug dazu hat, interessant sind, aber wenn ihr Mädchen kennt, in dem Alter, in dem ich damals war, schenkt ihnen die Bücher. Sie werden sie lieben.

Wer am liebsten gleich loslesen würde, dem empfehle ich die eBooks auf gutenberg.org (kostenlos, allerdings im Original).

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