Jules Verne – “Reise zum Mittelpunkt der Erde”

Ich wollte dieses Jahr zurück zu den Wurzeln der Genre, die mich so sehr geprägt haben. Und dennoch hätte ich nicht erwartet so weit nach unten zu kommen bei meinem Vorhaben. Und dabei fing alles mit einem Buch an.

Es ist ein Mai Mitte/Ende des 19. Jahrhunderts als Professor Lidenbrock aufgeregt nach Hause kommt. Die Bibliophilie dieses Mannes beschränkt sich leider auf besonders schwer zu erwerbende Werke – der Strapazen des Erwerbens Willen, nicht wegen des Inhalts. Sein eigentliches und hauptsächliches Interessensgebiet ist die Geologie, doch als unbehelligter Leser, der nur das erfährt, was Axel Lidenbrock, in seiner Funktion als Waise und Neffe des Professors gleichzeitig dessen Assistent, einen Wissen lässt, erscheint einem dieser Mann (nicht nur) auf den ersten Blick etwas seltsam. Aus der neuesten Errungenschaft fällt ein Stück Pergament mit Runen beschrieben, das Lidenbrock zwar dem Alchemisten Arne Sarkusnemm zuordnen kann, aber an deren Entschlüsselung er scheitert, bis Axel ihm die Lösung sagt. Denn dieser kam einen Tag früher auf die Lösung, hatte aber aus gutem Grunde beschlossen, dies geheim zu halten – in guter Kenntnis seines Onkels, der den Worten sogleich Taten folgen lässt.

Und so muss Axel sich schweren Herzens von seiner heimlichen Verlobten, dem Mündel des Professors trennen, um mit seinem Onkel auf den Spuren des isländischen Gelehrten den Mittelpunkt der Erde zu erkunden. Die Reise nach Reykjavik gelingt problemlos und auch die Weiterreise zum Snäfilds, einem erloschenen Vulkan, verläuft ohne größere Strapazen. Außerdem erklärt sich der ortskundige Jäger (nach Entendaunen) Hans gegen einen Lohn von wöchentlich 3 Reichstaler bereit, die beiden Geologen überall hin zu begleiten. Und so geht es durch einen mittels Sonnenstand gekennzeichneten Krater hinab in das Erdinnere, zunächst auf Meeresspiegelhöhe und dann immer weiter nach unten und nach Osten. Auf dieser eigentlichen Reise zählen eine Sackgasse, die fast vergebliche Suche nach einer Quelle und Axels viertägiges Verschwinden nur zu den kleineren Nebensächlichkeiten, gelangen sie doch an ein mehrere tausend Kilometer langes, unterirdisches Meer, dessen Bewohner jeden Paläontologen in Verzückung versetzen würden. So werden die drei Zeugen eines Kampfes zwischen den beiden bekanntesten Vertretern der im Wasser lebenden Saurier und überleben ein 3-tägiges Gewitter auf ihrem Fl0ß. Diesem Gewitter ist es geschuldet, dass sie die Orientierung verlieren (ein Kugelblitz hatte den Kompass umgepolt) und so staunen sie nicht schlecht, als sie durch einen Vulkanausbruch nach oben befördert sich auf Sizilien wiederfinden.

Zurück in Hamburg sind beide bekannte Größen ihres Fachs, stets gefragt (vor allem der Professor) und Axel heiratet endlich sein Gretchen, das er gepackt von der Erkundungslust seines Onkels das ein oder andere Mal vergessen hatte.

Verne wird allgemein als der Urvater des Science-Fiction angesehen, wobei dieses Werk erst sein zweites ist, vor genau 150 Jahren erschien und noch nicht die Spuren großer technischer Erfindungen beinhaltet. Die Leben rettende Bereicherung der Expedition ist keine Maschine, sondern Hans, der immer einen kühlen Kopf bewahrt und besser durch die Gefahren kommt als die beiden Wissenschaftler. Gleichzeitig räumte er bei mir im Kopf auf und nach und nach wurde mir klar, wie bekannt mir manche Passagen vorkamen. Grobe Schätzungen ergaben, dass ich das Buch bereits in der Grundschule gelesen habe, allerdings damals mit einer vollkommen falschen Wahrnehmung des Ganzen, kannte ich doch noch nicht Wörter wie “Oheim” oder “Mündel”. Mit meiner kindlichen Fantasie machte ich aus dem liebreizenden Gretchen eine Art Hund und so ganz konnte ich den Diskussionen der beiden Lidenbrocks darüber, ob das Erdinnere nun heiß oder kalt sei, auch nicht folgen. Aus heutiger Sicht bin ich von diesem Buch beeindruckt. Jules Verne schildert an den passenden Stellen so genau und detailreich, dass man das Gefühl hat, den beiden Lidenbrocks bei jedem Schritt über die Schulter zu schauen – allerdings ohne die tausende Kilometer selbst laufen zu müssen. Auch lässt die variierende Erzählweise nie Langeweile aufkommen, so ist eigentlich Axel der Erzähler, wechselt aber ab und zu in die dritte Person oder zitiert sich selbst aus “Logbuch”-Einträgen, wenn es um die Überquerung des “Lidenbrock’schen Meers” geht.

Was mir zeitgleich immer wieder in den Sinn kam, war das Buch von Volker Arzt, das ich erst vor Kurzem gelesen habe. Gerade bei der zeitlichen Einordnung der Gesteinsschichten, aber auch der Artenbestimmung der Fänge während der “See”-Reise half mir das Wissen aus seinem Werk. Aber wie musste ich lachen, als ich auf der letzten Seite eine kurze Zusammenfassung zu Jules Verne las! Sein allererstes Werk dreht sich um einen Ballon! Irgendwie finde ich diese vielleicht zufällige, vielleicht gewollte Verbindung der beiden Bücher charmant.

Und trotz der gemütlichen Wärme, die zum Schluss der unterirdischen Reise die drei umgab, bin ich froh, wieder an der Erdoberfläche zu sein und das Licht der Sonne zu genießen – wenn sie denn hinter den Wolken hervor scheint. Tut sie dies nicht, kann man immer noch einem – laut Verne –  weit verbreiteten Hobby der Isländer nachgehen (auch wenn heutige Bibliotheken keine 2 bis 3 Jahre auf die Rückgabe eines Buches warten würden): dem Lesen.

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