Rachel Smolker – “Das Lied der Wilden Delfine”

Ich wache auf von den mir fremden Geräuschen um mich herum, den an den Katamaran klatschenden Wellen und den Pfiffen der Delfine draußen in der australischen Shark Bay. Noch schlaftrunken gehe ich an Deck, um diesen wundervollen, geheimnisvollen Tieren beim nächtlichen Schwimmen zu zuschauen und zu hören.

Kurz darauf reißt mich Smolker wieder in die Wirklichkeit zurück. Das hier sind nicht meine Erinnerungen, sondern ihre. Ein kurzer Augenblick in über 10 Jahren Forschung, in denen die Amerikanerin zwischen den USA und Australien pendelte, um die Verhaltensweise der Delfine von Monkey Mia, die sich an den Menschen gewöhnt haben, und ihrer restlichen Artgenossen in der eher flachen Shark Bay zu beobachten.

Alles beginnt Anfang der 80er mit den Erzählungen einer Frau in einem der Kurse, die Smolker damals an der Uni besuchte, von wilden Delfinen, die sich so nah an den Menschen trauen, dass sie sich sogar von ihnen füttern und berühren lassen. Kurz darauf tritt sie ihre erste Reise in den Nordwesten Australiens an. Bald schon schwankt der Inhalt zwischen Beobachtungen, Autobiografie und Abenteuerroman, werden die Leute, die sie trifft, kurz, aber prägnant und ausreichend beschrieben, während man selbst ins Wesen der identifizierten Delfine eintaucht und zu verstehen sucht, wieso sie sich in den bestimmten Situationen so verhalten. Die Gruppe der Beobachter wächst, verändert sich leicht und erhält Zuspruch und Hilfe von damaligen Größen der Verhaltensbiologie, die ihnen erklären, wie sie mit der Fülle an Daten und Eindrücken am besten umgehen. So entscheidet sich Smolker, deren erste Frage eigentlich die Intelligenz der Delfine gewesen war, für eine Dissertation über die akustische Kommunikation. Mehr als einmal zieht sie Vergleiche zu fremden, außerirdischen Wesen, die unsere Sprachmuster zwar irgendwann erkennen könnten, aber dennoch nicht hinter unsere Sprache an sich und ihre Bedeutung kommen, da das Gesagte nicht zwingend in Verbindung mit der Handlung der Individuen stehen muss. Bereits im Vorwort kommt mir Douglas Adams Rangfolge der intelligenten Wesen der Erde in den Sinn. Vielleicht hatte er ja tatsächlich Recht. Denn ein Großteil der Kommunikation liegt in einem Frequenzbereich, den das menschliche Ohr nicht mehr wahrnehmen kann, das für uns Wahrnehmbare scheint nur die unterste Ebene der Kommunikation darzustellen.

Aber ihre Forschung trägt auch direkt zu einem Wandel des Bildes, das wir von Delfinen haben, bei. Die Erforschung des Verhaltens von männlichen Delfinen ließ die Fassade des niedlichen, immer lachenden, immer freundlichen, arglosen Meeressäugers bröckeln. Gerade beim Thema Paarung tritt ein Verhalten zu Tage, dass in unseren Augen als fast schon brutal angesehen werden kann. Auch können Delfine durchaus aggressiv auf Menschen reagieren, wenn diese die Warnungen in ihrem Verhalten ignorieren, sie kratzen oder einfach nur nerven, wie Smolker bei der Beobachtung der immer mehr werdenden Touristen in Monkey Mia feststellte – aber auch bei sich selbst.

Auf der anderen Seite sind diese Tiere unglaublich verletzlich und anfällig gegenüber plötzlichen Umweltveränderungen. Die Sterblichkeitsrate der Jungtiere beträgt fast 50% und in den Fischereinetzen sterben jedes Jahr viele der Tiere, was für mich der Auslöser war (allerdings schon vor gut 10 Jahren) keinen Thunfisch zu essen, da dort der “Beifang” besonders hoch ist. Wieso die Delfine nicht einfach wieder aus den Netzen herausspringen wird u.a. im Delfinarium Duisburg erklärt: sie springen über nichts, das ihnen unbekannt ist.

Die Flut an neuem Wissen und Eindrücken berauscht einen fast, lässt einen wie auf Wellen in Strandnähe treiben, während man ab und zu Wasser ins Gesicht bekommt und kurz aus dieser Trance gerissen wird. Dennoch bin ich froh, fast 11 Jahre mit dem Lesen gewartet zu haben  – nicht nur wegen der Sprache und der Gedankensprünge im Text, sondern auch wegen des vermittelten Inhalts. Es hat eine Weile gedauert, bis ich gedanklich damit klar kam, woher Schwertwale ihren Beinamen haben, und ähnlich ging es mir später mit Delfinen. Es fiel mir anfangs schwer die Natur hinter diesen schönen und eleganten Tieren zu akzeptieren, gleichzeitig fing ich an zu hinterfragen. Bis jetzt habe ich Delfine immer nur in Gefangenschaft gesehen und vor allem in den letzten Jahren stellte ich mir immer die Frage, ob das, was in den Shows gezeigt wird, tatsächlich artgerecht ist. Letzten Herbst wurde ich in Duisburg damit positiv überrascht, dass auch in den Delfinarien ein Umdenken einsetzt und nun der Wissenstransfer statt der Unterhaltung im Vordergrund steht.

Auf jeden Fall haben wir noch lange nicht ausgelernt und werden vermutlich über die Ergebnisse von Verhaltensbiologen wie Rachel Smolker auch in Zukunft erstaunt sein.

Bis dahin: Tschüss, und danke für den Fisch.

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