Erin Morgenstern – “Der Nachtzirkus” – & – Auflösung zu Appetithäppchen #008

Lass uns ein Spiel spielen. Es wird eine Weile dauern, aber wir haben seit knapp 50 Jahren nicht mehr gespielt und es wird sicherlich interessant zu sehen wie sich unsere Schüler so anstellen. Dies muss sich zumindest Hector Bowen, besser bekannt als Zauberkünstler Prospero, gedacht haben, als er seine Tochter Celia seinem alten Lehrmeister Alexander H- vorstellt, der einwilligt – hat er doch die letzten Spiele immer gewonnen und so bewiesen, dass seine Lehrmethoden und Art der “Manipulation” besser sind als die seines ehemaligen Lehrlings.

Es ist also ein Wettstreit zwischen Zauberern, den Morgenstern uns zeigen möchte, doch wie passt der Zirkus oder vielmehr eine Art Jahrmarkt, den sie den Leser zu Beginn betreten lässt und durch dessen Attraktionen sie ihn im Laufe des Buches führt, in all das? Anfangs fühlte ich mich seltsam an Christopher Priests “Kabinett des Magiers” (verfilmt unter dem Titel “Prestige”) erinnert, bis mir auffiel, was anders war: es waren keine Tricks, keine doppelten Böden, keine Physik, die beschriebenen Manipulationen sollten real sein, Hector niemand, der nur so tat als ob, sondern wirklich das gezeigte vollbrachte!

Celia, die nach dem Selbstmord der Mutter zu ihrem Vater kommt, ist ein Naturtalent und wird von ihrem Vater praktisch ausgebildet. Alexanders Spieler hingegen, ein Waisenjunge, der später den Namen Marco annimmt, muss sich alles allein durch das Lesen von Büchern beibringen und füllt Notizbuch um Notizbuch mit seinen Erkenntnissen. Eines davon führt ihn mit Isobel zusammen, die sich in ihn verliebt und später das Spiel aus den Fugen geraten lässt, als er ihr gesteht all die Jahre über Celia geliebt zu haben.

Als Austragungsort des Spiels wird ein Zirkus, nein, der Zirkus der Träume geschaffen, der im Laufe der Jahre immer mehr Verehrer, die so genannten Träumer, findet, die ihm sogar von Ort zu Ort nachreisen. Dieser wird mit seinem schwarz-weißen Farbspektrum durch das Veranstaltungsgenie Chandresh und einem engen Kreis von Freunden und Bekannten geplant: Madame Padva, für ihn wie eine Tante, ehemalige Ballerina und phantastische Modeschöpferin, Mr. Barris, ein Architekt, die Burgess Schwestern Tara und Laine, die durch ihren Sinn für Detail und Zusammenhang dem Ganzen Leben einhauchen, und Tsukiko, eine Schlangenfrau, die als allererste Artistin eingestellt wird. Später erhält auch Celia eine Stelle als Zauberkünstlerin, während Marco als Chandreshs Assistent bereits bei den Vorbereitungen kräftig mitmischt. Und so können die Spiele am 13.10.1886 beginnen. Man erfährt von der Reaktion auf neue Zelte, wie sich beide annähern und ihre Lehrer immer wieder nach den genauen Regeln fragen, denn schließlich ist es eher ein Nebeneinander der beiden statt einer Konfrontation. So erfährt Celia schließlich von ihrem Vater, der mittlerweile als Geist auf einer Art Zwischenebene existiert, dass derjenige siegt, der die Dauerbelastung aushält und überlebt.

Zeitgleich wird ein anderer Handlungsstrang eingeführt, der einige Jahre später beginnt und erst am 1.11.1902 mit dem anderen zusammenfindet. Der junge Amerikaner Bailey lernt als er wegen einer Mutprobe tagsüber den Zirkus betritt die junge Poppet (Penelope) kennen, die zusammen mit ihrem Bruder Widget (Winston) in der Nacht der Zirkuseröffnung geboren wurde. Einige Jahre später, beide sind nun fast erwachsen, treffen sie sich erneut im Zirkus und vertiefen ihre Freundschaft. Außerdem bittet Poppet ihn mit ihnen zu kommen, da er wichtig für den Fortbestand des Zirkus sei. So lässt er alles hinter sich und reist (weil er den nächtlichen, verfrühten Aufbruch verpasste) hinter her. Er scheint wie eingefroren, in der Schwebe, als er ihn wieder betritt, nur Tsukiko, scheint sich bewegen zu können und führt ihn zu Marco und Celia, die in der Vornacht bei dem Versuch Tsukikos dem Spiel ein Ende zu bereiten ebenfalls in die Zwischeneben geraten sind, genauer gesagt, von ihr in das Feuer, das Marco als Verbindung zum Zirkus nutze eingesperrt wurden. Ohne lange zu überlegen erfüllt Bailey ihnen ihre Bitte, den Zirkus von ihnen zu “übernehmen”, da ihre Kräfte nun nicht mehr ausreichten ihn aufrecht zu erhalten und somit alle Zirkusmitglieder in Gefahr sind.

Überraschenderweise endet das Buch mit einer Zirkusszene des Lesers, in der er eine Karte mit dem Kontakt des Zirkusinhabers erhält – Baileys E-Mail Adresse.

Dieses Buch hat mich im wahrsten Sinne des Wortes verzaubert und träumen lassen, auch wenn ich es vermutlich noch einmal werde lesen müssen, um alle Anspielungen zu bemerken, da es einiger Aufmerksamkeit bedarf die Handlung jeweils richtig zeitlich einzuordnen. Ich habe mich sogar dabei ertappt, wie ich das einfache und doch geniale Farbkonzept der Träumer übernahm, die meist schwarz tragen, um mit dem Zirkus zu verschmelzen, und etwas rot, um zu zeigen, dass sie doch nicht ganz dazugehören: oder wie würdet ihr eine Schokoladen-Himbeer-Tarte als Essen zum Lesen deuten? Etwas Schwierigkeiten bereiteten mir die ab und zu verwendeten französischen Begriffe, der Sinn sich aber meist aus dem Kontext ergibt und zur gewählten Handlungszeit passt, dem Fin de Siécle. Zum Glück werde ich mich ab nächster Woche diesem kleinen, bewussten Versäumnis meiner Schulbildung widmen. Vermutlich bewusst wurden Politik und Tagesgeschehen weggelassen, wäre es doch nur störendes Beiwerk, trotzdem fehlte mir dadurch der Bezug  und die Geschichte rutschte mir gedanklich in unsere heutige Zeit oder lässt mich gerade bei der Beschreibung der Uhren von Herrn Thiessen etwas an SteamPunk denken. Auch vergisst man fast, dass es sich eigentlich um einen Liebesroman (?) handelt, da die beiden Protagonisten sich eher durch ihr gezieltes von einander Fernhalten auszeichnen und man die Anzahl ihrer Küsse wohl an einer Hand abzählen könnte, wodurch die Ebene, auf der sich ihre Beziehung befindet jedoch umso klarer hervor tritt – eine Wohltat nach all den Debatten der letzten Wochen über eine gewisse Verfilmung.

Und so lade ich euch ein, diesen seltsamen Zirkus, der nur nachts geöffnet hat, einmal selbst zu besuchen. Vielleicht findet ihr sogar Winstons Zelt, in dem all die kleinen Behälter stehen, in denen er über Gerüche Geschichten erzählt. Ein Problem gibt es allerdings noch:

Der Zirkus kommt überraschend.

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