Ray Bradbury – “Fahrenheit 451”

An was können wir uns erinnern? An was wollen wir uns erinnern? Und wieso ist es für uns einfacher abzustumpfen, uns der breiten Masse zu fügen als denkende, eigenständige Individuen zu sein? All diese Fragen geisterten durch meinen Kopf, als ich dieses Werk über die Verbrennungstemperatur von Büchern las.

Fragte man einst kleine Jungs nach ihrem Traumberuf, konnte man sich sicher sein, dass “Feuerwehrmann” sehr weit oben genannt wurde – neben Polizist. Wahrscheinlich ist es das leicht Abenteuerliche, die scheinbaren Heldentaten, die diesen Beruf so interessant machen. Und als Held sieht sich auch Guy Montag, setzt er doch eine Familientradition fort und befreit als Feuerwehrmann seine Stadt von den Resten englischer Literatur mittels gezielt gelegter Cerosinfeuer – die Anstifter der Boston Tea Party können sich nicht rebellischer gefühlt haben. Wie, ihr hattet die Berufsbeschreibung anders in Erinnerung? Eine unglaubliche Vorstellung! So denkt Montag anfangs auch, als eine Reihe von Ereignissen nach dem Verschwinden der Nachbarstochter, mit der er auf dem Heimweg philosophische Gespräche führte, dadurch losgetreten wird, dass er eines der zu verbrennenden Bücher mit nach Hause nimmt. In der Nacht darauf wird sein eigenes Haus der dort gefundenen Bücher wegen abgebrannt (der Inhalt, das Haus selbst kann nicht mehr brennen), er schlägt seine Kollegen k.o., verbrennt seinen Chef Beatty und befindet sich auf der Flucht, um außerhalb der Stadt auf Gleichgesinnte zu treffen, die wie er tatsächlich Bücher gelesen haben. Auf dieser Flucht erreicht ihn die Nachricht, der Krieg sei ausgebrochen, und so sieht er in der Morgendämmerung aus der Ferne mit ehemaligen Professoren wie die Stadt binnen eines Augenblicks zerbombt wird. Sie machen sich wieder auf den Weg dorthin, denn diesmal würde das, was sie in ihren Köpfen tragen, gebraucht werden – die Erinnerung an die Bücher, die sie gelesen haben. Auch Montag kehrt um, die Worte des Salomo in sich und dem Gedanken, dass, eines Tages vielleicht, die Menschen endlich bereit wären, den Krieg zu begraben.

Doch was führte dazu, dass alle Bücher so vehement vernichtet wurden? Beatty versucht Montag darauf eine Antwort zu geben: Anfangs wurde zu viel Rücksicht genommen auf alle gesellschaftlichen Gruppen. Hinzu kam, dass es den Menschen nicht behage, wenn jemand klüger sei als sie selbst. Die sich entwickelnde Spaß- und Konsumgesellschaft habe kein Interesse mehr an Büchern gehabt und die durch die Erfindung eines nicht brennbaren Überzugs für Häuser arbeitslos gewordene Feuerwehr wurde einer neuen Bestimmung zugeführt. Die Erklärung scheint das zu ergänzen, was man durch Montag und in seinen Gesprächen mit Clarisse erfuhr, doch etwas lässt mich stutzen. Denn Beatty verwendet eine Sprache, deren Niveau und die darin verwendeten Zitate, mich an die höhertrabenden Gespräche mit meinem Lateinlehrer in der Oberstufe denken lassen. Sie ist komplex, schwer zu durchschauen und weist mehr als einen doppelten Boden auf. Nichts lässt vermuten, dass der Sprechende keine “höhere” Schulbildung besitzt, nie ein Buch gelesen hat (dies ist der Feuerwehr verboten). Und dieser Eindruck zieht sich durch das gesamte Werk. An vielen Stellen musste ich langsamer lesen, um den Sinn der Sätze richtig zu erfassen oder einfach nur die Schönheit der verwendeten Sprache zu honorieren. Bisher habe ich keine Verfilmung des Stoffes gesehen, doch scheint mir dies gar nicht notwendig, so lebendig tauchen die Bilder vor meinem inneren Auge beim Lesen auf. Es ist ein Plädoyer für das Lesen und Bücher selbst, wenn ihre Wirkung, aber auch ihr ganz eigener Geruch nach Muskatnuss und anderen exotischen Gewürzen beschrieben wird sobald sie etwas älter sind. Da die von mir gelesene Ausgabe bereits über 25 Jahre alt ist, huschte mir ein Lächeln über die Lippen, als ich im nächsten Atemzug bewusst auf die Gerüche in nächster Umgebung achtete.

In einem meiner allerersten Blogeinträgen beschwerte ich mich über die Auswahl der in der Schule gelesenen Literatur. An all die Lehrer dort draußen, die sich vielleicht auf diese Seite verirren sollten: Behandelt dieses Buch! Trotz seiner über 60 Jahre hat es nichts an Aktualität verloren, eher noch gewonnen, und oft habe ich mir jemanden zum diskutieren gewünscht, scheinen doch die Zitate längst zerstörter Bücher nicht willkürlich in den Gesprächen aufzutauchen, sondern ihre ganz eigene Bedeutungsebene beizutragen. Auch bringt Faber, ein Verbündeter Montags,  die wahre Bedeutung von Büchern auf den Punkt. Ihre Macht liegt darin, dass ihre Worte uns anregen, unseren Verstand zu gebrauchen, selbstständig zu denken und zu unabhängigen Schlussfolgerungen zu gelangen.

Und es bleibt dieser fantastisch wirkende Gedanke einer Bibliothek, deren Bücher lebende Menschen sind, die von ihrer eigenen Wichtigkeit zurücktreten, wenn sie erzählen, woran sie sich erinnern.

PS: Etwas ironisches aus der Welt der Zahlen zum Schluss. 451°F entsprechen 232°C und ich habe das Buch an einem 23. Februar begonnen.

Advertisements
This entry was posted in Books, Dystopie, Science Fiction and tagged , , . Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Please log in using one of these methods to post your comment:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s