Terry Pratchett – “Ab die Post” – Scheibenwelt Band 33

Ich ziehe den Hut – pardon – die vergoldete Mütze mit angeklebten Taubenflügeln und hoffe, dass ihr darüber vergesst, dass ich mich nicht an die Reihenfolge der Romane halte. Eben die kleinen Schönheitsfehler, die passieren, wenn man momentan nur online ausleihen kann.

Der Tag, an dem der Betrüger Albert Spangler starb, war ein guter für Ankh-Morpork. Denn endlich erhielt die Stadt nach dem Tod der letzten vier oder fünf innerhalb eines Monats wieder einen Postminister: Feucht von Lipwig. Dieser gute, ehrliche und rechtschaffende Mann verschwand kurz nach seiner Schulzeit und sollte bis zu eben diesem Tage im Büro von Lord Vetinari, Patrizier und Tyrann, verschollen bleiben. Aber wenn man an Engel glaubt und daran, dass man immer nur die Illusion von Hoffnung und Freiheit hat, wird einiges möglich.

Und man rennt stumpf in Asimovs drei Gesetze der Robotik, die nun für Jahrtausendealte Golems gelten – mit der schönen Einschränkung, dass Herr Pumpe aka Pumpe 19, Feuchts Bewährungshelfer, sehr wohl Menschen verletzten darf. So lernt der Postminister wider Willen die beiden letzten Mitarbeiter des Postamts kennen. Herrn Grütze, der sein Leben  lang “Junior-Postbote” war und unter seinem neuen Boss eine erstaunliche Karriere hinlegt, und Stanley, ein junger Bursche, der den Nadeln verfallen ist, später aber erkennt, dass Briefmarken viel interessanter sind. Doch statt ihr Mantra “Alles so lassen wie es ist” zu übernehmen, fängt er an etwas zu verändern. Er beginnt die sich seit Jahrzehnten angehäufte Post zuzustellen und trifft damit auf (größtenteils) positive Resonanz in der Bevölkerung, die begeistert das neue, alte System des Nachrichtenverschickens annimmt. Denn die alternative ist teuer, unpersönlich und hat unter dem aktuellen Management bedeutend an Qualität nachgelassen. Man könnte sagen ein Kampf David gegen Goliath. Feucht von Lipwig gegen Reacher Gilt, der sich die Klackergesellschaft mit nicht ganz lauteren Mitteln angeeignet hat.

Wie gut, dass dieser sich damit eine Menge Feinde gemacht hat. So lernt Feucht nicht nur Adora Belle Liebherz (der Wortwitz ist im Englischen deutlich besser; ihr Bruder nannte sie Killer – Feucht darf sie später Spike nennen) kennen, die einst wegen ihm gefeuert wurde und nun die Golem-Stiftung leitet, durch die es einen Postbotenzuwachs gibt – unter ihnen auch Anghammarad der mit 19.000 Jahren der dienstälteste Bote der Scheibenwelt ist. Sondern auch das “rauchende Gnu”, eine Gruppen von drei jungen Knackern (= Hacker ?), die einst mit Killers Bruder zusammenarbeiteten und nach Wegen suchen den “Großen Strang” zu sabotieren.

Einen Großbrand von unzähligen Briefen, einen Kampf mit einer wilden Banshee, der Erfindung der Briefmarken, einem explodiertem Golem und einem sehr großzügigen Geldgeschenk der Götter später fordert Feucht, der immer darauf bedacht ist, den Leuten eine Schau zu bieten, den Großen Strang zu einem Wettrennen heraus. Wer eine Nachricht ins zwanzigtausend Meilen entfernte Gennua schneller überbringen kann, gewinnt. Natürlich wird trotz der strengen Aufsicht der Unsichtbaren Universität mit gezinkten Karten gespielt. Aber während sich die Klackergesellschaft auf unerwartete Zwischenfälle unterwegs verlässt, verändert Feucht mit Hilfe des rauchenden Gnus die Nachricht (ein wissenschaftliches Buch – davon nur 40 Seiten für die Klacker), um die Verbrechen des Vorstandes anzuprangern. Netterweise wird sie von einem Studenten vor Ort vorgelesen, der durch ein Omniskop beobachtet wird – zumindest nachdem man das nervige rotbrennende Auge aus dem Bild bekommen hat. Kurzer Hand wird der gesamte Vorstand von Vetinari – außer dem nicht auffindbaren Gilt – verhaftet und die Bücher der Gesellschaft sehr genau geprüft. Sollte es die Kutsche bis nach Genua schaffen, hat die Post die Wette gewonnen – somit kann sich der Postminister entspannt seinen nicht mehr ganz so dringenden Fluchtplänen widmen und sich überlegen, wie er die Verwaltung des Großen Strangs, der ihm zusätzlich unterstellt werden soll, handhaben will – oder einfach nur Spike anschmachten, die seinen Heiratsantrag dann doch nicht ganz abwieß.

Kommen wir zu zum Schluss zu Reacher Gilt, oder eher Rudolph Stippler. Dieser glaubte mehr an die Freiheit als an Engel und so muss sich Vetinari wohl ein anderes Opfer, äh, einen anderen Freiwilligen für die Neustrukturierung des Münzamtes suchen. Obwohl es durch Feuchts Erfindung – die Briefmarke – doch eigentlich leicht sein sollte, die Menschen zu überzeugen, dass sie keine harte Währung mehr bräuchten…

Herrlich, witzig und einfach nur unglaublich schräg. Ein klassischer Scheibenwelt-Roman eben, der mein Herz berufsbedingt ein wenig höher schlagen lässt, auch wenn ich wahrscheinlich wieder nur einen Bruchteil der Anspielungen bemerkt habe. Es hat mich gefreut, zu erfahren, dass Karotte immer noch bei der Wache ist (s. “Wachen, Wachen” – habe ich gelesen, bevor dieser Blog entstand), ebenso habe ich mich durch die Anspielung an gewisse schwarze Steine (Omniskop) daran erinnert, dass ich vor elf Jahren irgendwo zwischen den “Zwei Türmen” steckte. Wer sich schon einmal mit moderner, digitaler Verschlüsselung auseinander gesetzt hat, wird GPG (Gnu Privacy Guard) wohl zur Genüge kennen, oder zumindest bei der Beschreibung des Post-Gottes an einen gewissen Hermes denken.

Und leider ist es so wie immer: die Verfilmung, die ich vor einer Weile bereits gesehen habe, kommt nicht an das Original ran. Aber seien wir mal ehrlich. Wie wäre das bei einem solchen Buch auch möglich.

Begonnen: 28.2.16    Beendet: 6.3.16

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