J. K. Rowling – “Ein plötzlicher Todesfall”

Not Harry Potter anymore. Das ist wohl die passendste Aussage, die ich nach dem Hören dieses Buches im Netz gefunden habe. Nicht mehr Geschichten über eine Welt voller Zauberer. Dafür allerdings weiterhin England, Teenager in den Hauptrollen und die tragische Verknüpfung von Ereignissen.

Alles beginnt mit der plötzlichen Vakanz des Sitzes von Ratsmitglied Barry Fairbrother. Ausgerechnet an seinem Hochzeitstag verstirbt der beliebte Bewohner der Kleinstadt Pagford, der sich als mehrfacher Vater trotzdem die Zeit nahm die Ruder-AG an der Schule seiner Kinder zu leiten und sich für den ärmlichen Stadtteil Fields der Nachbarstadt stark zu machen, aus dem er stammt. Seine eigene Familie rückt nur selten in den Fokus, vielmehr wird geschlidert, was Fairbrothers Tod in anderen Familien auslöst. Bei anderen Ratsmitgliedern, seinen engsten Freunden und der Jugend des kleines Städtchens.

So unterschiedlich die Familien sind, so weitgefächert sind ihre Probleme. Angefangen von unzufriedenen Gattinnen, die sich in Boybandmitglieder verknallen, über Diabetes Typ 2, Alkohlabhängigkeit, häusliche Gewalt und Drogenabhängigkeit werden die einzelnen “Probleme” der Gesellschaft beleuchtet. Hinzu kommen vergangene und aktuelle Kindheitstraumata und oft auch Arroganz, mit der sich derjenige meist selbst im Weg steht und seine Situation verschlimmert. Jeder hat seine eigene Last zu tragen und ist dennoch so blind für die Problemen anderer, dass  die letzte Szene des Buches eine Mutter ist, deren Kinder auf Grund der einzelnen Verstrickungen der Geschichte bestattet werden. Ein kleiner Junge der im Fluss ertrank und seine Schwester, die Jahre lang versuchte ihre Mutter clean zu kriegen, sich für seinen Tod die Schuld gab und sich deshalb mit einer Überdosis selbst umbrachte.

Dieses Buch ist nicht fantastisch, es ist ehrlich. So ehrlich, dass es mir manchmal die Luft geraubt hat. Jede einzelne Geschichte ist glaubwürdig und so authentisch, dass man glaubt Pagford läge keine halbe Stunde vom eigenen Wohnort entfernt. Es war spannend zu sehen, wie sich die einzelnen Handlungsstränge anfangs kaum berührten und einem erst allmählich aufging, dass sie dicht ineinander verwoben waren und sich gegenseitig bedingten.

Heiter und leicht ist dieses Buch auf jeden Fall auch nicht. Wenn man einmal doch lacht, dann hat es einen bitteren Beigeschmack. So freut man sich, als Parminder Jawanda Miles Mollison abweist, der sie als Ärztin zur Hilfe ruft, als sein Vater einen Herzinfarkt erleidet. Denn die Mollisons haben dafür gesorgt, dass sie von ihrem Beruf als Ärztin suspendiert wurde, weil sie auf der Ratsversammlung Howard Mollison ins Gesicht gesagt hat, dass seine Adipositas das Gesundheitssystem und den Staat mindestens genauso viel kosten würde, wie die Drogenabhängigen, deren Entzugsklinik er schließen lassen wolle. Die wenigen schönen Momente beschränken sich eigentlich auf die Erinnerungen an die Siege der Rudermannschaft, in der Pamindas Tochter  und Krystal Weedon waren, die dafür sorgt, dass auf beiden geschilderten Beerdigungen Rihannas “Umbrella”läuft.

Nachdem ich vor ein paar Jahren die ersten Kapitel gelesen habe, hatte ich das Buch schnell wieder zur Seite gelegt. Ich kam irgendwie nicht richtig in die Geschichte hinein und auch der Versuch meines Gehirns Parallelen zu Harry Potter zu finden, hat es nicht gerade leicht gemacht voran zu kommen. Es hat tatsächlich bis Anfang April diesen Jahres gedauert, bis ich mich dazu durchringen konnte, mir das Hörbuch auszuleihen und ich bin froh, dass ich es jetzt kenne. Denn Rowling hat damit bewiesen, dass sie nicht nur brilliante Ideen hat, sondern auch etwas von ihrem Handwerk versteht und weiß, wie man eine komplexe Geschichte plausibel und spannend zugleich konstruiert.

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