Wolf Schneider – “Speak German! – Warum Deutsch manchmal besser ist”

Eine Liebeserklärung an die deutsche Sprache – aber auch die Englische.  So würde ich das Buch für eine kurze, knackige Bewerbung zusammenfassen und damit abweichen von der Welt am Sonntag, die auf dem Buchrücken mit der Aussage “Ein starkes Buch gegen die Anglomanie” vertreten ist.

Wolf Schneider ist für mich als Leser kein ganz Fremder. Sein “Deutsch für Profis” war maßgeblich an der Verbesserung meines Schreibstils in der Bachelorthesis vor zweeinhalb Jahren beteiligt. Dennoch hat mich dieses feine, kleine Büchlein doch auch einiges Neues gelehrt – so zum Beispiel wie wunderbar herrlich ein trockener Humor sein kann. Natürlich gehe ich davon aus, dass Herr Schneider, das meiste in diesem Buch ernst meint, doch gerade beim lauten Vorlesen (irgendwann fing ich an, meinem Freund einfach Kapitel für Kapitel abends vorzulesen) hört man das ein oder andere Augenzwinkern heraus.

Also, worum geht es? In 23 Kapiteln, deren Ende meist um erläuternde Beispiele, Statistiken oder kleinere Artikel erweitert sind, schildert Schneider wie Deutsch als Sprache zunehmend an Reiz verlor, droht durch Englisch ersetzt zu werden und welche negativen Auswirkungen das wiederum auf unsere Muttersprache hat, aber auch wie man dem entgegen wirken kann. Eine sich wiederholende Zahl ist, dass 60% der Deutschen gar kein und die anderen 40% hauptsächlich Freizeit-Englisch (aus Reisen und Musikhören) können (Erstauflage des Buches war 2008). Viele englische Werbeslogans seien daher für einen Großteil der Bevölkerung gar nicht verständlich (Mitsubishi “Drive alive” = Lebend ankommen – in einer Studie hielten dies über 80% der Probanden für die korrekte inhaltliche Wiedergabe).  Eine Menge an Wörtern sei falsch verwendet (“public viewing” ist eigentlich eine Leichenschau) oder eben gar kein richtiges Englisch (gerne dafür genannt: “recyceln” – wofür Schneider die Ausprache “rezützeln” vorschlägt, die bei korrekter Anwendung der deutschen Ausspracheregeln sogar nahe liegen würde).

Soweit zum Alltag, kommen wir nun in den professionellen Bereich. Es ist normal für uns, von “HR” (die Buchstaben natürlich deutsch ausgesprochen) zu reden statt von der Personalabteilung. In manchen Fachgebieten gibt es für die Erkenntnisse der letzen Jahre nur noch englische Begriffe – die bei Bedarf beispielsweise als Verben dann wieder eingedeutscht werden (downloaden).  Und nicht nur Politiker, sondern auch viele Wissenschaftler verunglimpfen ihre eigenen guten bis teils brillianten Vorträge dadurch, dass sie in einer Sprache referieren, derer Feinheiten sie nicht annähernd mächtig sind. Es bleibt leider eine Tatsache, dass komplexe Gedanken erst mit der Komplexität einer Sprache entstehen können. Was das für die internationale Außenwirkung bedeutet, muss ich hier vermutlich nicht erklären.

Allerdings gibt Schneider nicht dem Englischen die Schuld daran, sondern unserem Mangel an Stolz auf die eigene Sprache, der sich erstaunlicherweise erst mit einiger Verzögerung nach dem Ende des zweiten Weltkrieges entwickelte. Als Beispiel nennt er hier unter anderem, dass noch das Wort “Luftbrücke” eingeführt wurde, statt einfach den Amerikanischen Begriff hierfür zu verwenden. Ich fiel vor sieben Jahren aus allen Wolken, als ein Taiwanese mir in England sagte, was für eine wunderschöne Sprache doch Deutsch sei – er habe sogar ein Jahr lang versucht sie zu lernen. Gleichzeitig sieht Schneider einen Verfall der Sprachkultur: die Medien, mit denen das Buch heutzutage konkurrieren muss, sind sprachlich gesehen nun einfach keine Vorbilder,  die Rechtschreibreformen haben das korrekte Schreiben eher komplizierter als einfacher gemacht (von zu wenig Deutschunterricht mit Freiheit zum Erkunden der Sprache einmal abgesehen) und anspruchsvolle Gespräche in der Familie oder auch mit Freunden werden durch die alltäglichen Ablenkungen auch immer seltener.

Und hier schimmert auch die Liebe zu anderen Sprachen durch. Denn wir werden keine Sprache jemals besser beherrschen als unsere Muttersprache, laut Schneider. Um daher in einer Fremdsprache gut zu sein, müssen wir sie deshalb erst einmal bis zu einem gewissen Grad gemeistert haben. Wie sollen wir die Feinheiten einer anderen Sprache lernen, wenn wir daran schon in unserer Muttersprache gescheitert sind?

An mancher Stelle gibt Schneider dem englischen Begriffen sogar im Deutschen Raum – auch wenn er mit der Aktion lebendiges Deutsch durchaus nach Alternativen Ausschau gehalten hat – nämlich dann, wenn sie sich schon eingebürgert haben, kürzer und präziser sind als ihr deutsches Äquivalent. Gleichzeitig musste ich vor Freude beim Lesen der “Sieben Forderungen an die Schule” von Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, laut jauchzen. Genauer bei einem Satz im Anschluss an die Forderung, dass das Abitur nicht ohne das Lesen eines halben Regalmeters deutscher Literatur erreichbar sein solle:

Kanonisches literarisches Wissen ist eine Voraussetzung für anspruchsvolle Kommunikation; ein Wissen unter aller Kanone dagegen lässt Kommunikation verflachen.

Einfach ein wundervolles Spiel mit der Sprache, oder?

Ich hoffe, dass ich eines Tages diesen Grad an Sprachbeherrschung sowohl im Deutschen als auch im Englischen erreicht habe. Bis dahin werden wohl viele Augenblicke, Gespräche und Gedanken vergehen, in denen ich nun genauer darauf achte was und auch wie ich etwas formuliere. Zwei Sprachen können einander bereichern, das habe ich durch dieses Buch vor allem gelernt, aber man muss ihnen beiden den Raum geben, den sie verdienen und sollte darauf achten keine von ihnen zu verunglimpfen und sie so exakt und präzise wie möglich zu verwenden.

Gelesen: Herbst 2018 bis Januar 2019

Advertisements
This entry was posted in Books, nicht fiktional and tagged , , . Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Please log in using one of these methods to post your comment:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.