Rachel Joyce – “Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry”

Laufen kann helfen. Diese Erkenntnis begleitet mich nun seit über 10 Jahren. Immer wenn mein Kopf zu voll ist oder eben einfach nur so, ziehe ich die Schuhe an und mache das, was die meisten wohl als “Spazieren gehen” bezeichnen würden. Als Jugendliche habe ich einmal bei einer kleinen Hüttenwanderung mitgemacht und wandere auch so immer noch gerne. Etwas vollständig anderes ist es aber wohl zu pilgern. Jeden Tag über einen langen Zeitraum hinweg eine bestimmte Strecke auf ein bestimmtes Ziel zu zu gehen und sich dabei mehr oder minder selbst zu begegnen.

Als Harold Fry im beschaulichen Küstenort in Cornwall eines Frühlingsmorgens die Post öffnet, weiß er noch nicht, dass er genau diese Erfahrung machen wird. Er ist gerade seit einem halben Jahr pensioniert und hat bis aufs Rasenmähen und Müll rausbringen im Haus nicht wirklich viel zu tun, erledigt dies doch abstandslos alles seine Frau Maureen. An diesem Frühlingsmorgen also erreicht ihn Post aus Berwick upon Tweed. Aus einem Hospiz. Mit der Schreibmaschine geschrieben. Von Queenie Hennessy. Queenie, die als Buchhalterin bis vor zwanzig Jahren in der selben Brauerei wie Harold gearbeitet hat und dort der einzige nette Mensch war. Queenie, die Krebs im Endstadium hat.

Harold schreibt ihr zurück und will nur kurz die Straße runter, um den Brief einzuwerfen. Er hat sich in den letzten Jahrzehnten fast ausschließlich im Auto fortbewegt, doch etwas an diesem Morgen treibt ihn dazu noch zum nächsten zu laufen, und zum übernächsten… In der Tankstelle am Ortsrand unterhält er sich mit der jungen Kassiererin, die eine vage Aussage darüber macht, dass ihrer Tante damals der Glaube geholfen hätte. Und auf einmal hat Harold eine Idee, vielleicht auch schon eine Mission. Er beschließt einfach weiterzulaufen, bis zu Queenie, schreibt ihr, dass sie mindestens so lange leben müsse, bis er bei ihr sei.

Maureen ist bei den ersten Anrufen entsetzt, spricht sogar mit David, ihrem Sohn, darüber, ob man Harold als unzurechnungsfähig einstufen lassen könne, verheimlicht Harolds Abwesenheit vor den Nachbarn.

Währenddessen läuft Harold mit dem, was er am Leibe trug, als er aus der Tür ist. In Segelschuhen, einer leichten Wetterjacke, irgendwann mit einer mit dem nötigsten gefüllten Plastiktasche. Noch schläft er in B & Bs, geht in die Städte. Doch ewig kann das nicht so weitergehen. Von einer seiner Zufallsbekanntschaften, einer jungen Ärztin aus Osteuropa, die in England nur als Putzfrau arbeiten kann und dort von ihrem Freund sitzen gelassen wurde, erhält er einen Rucksack, einen Kompass und einen Schlafsack. Die Schuhe lässt sie ihm neu besohlen. So gerüstet macht er sich weiter auf den Weg, ab sofort im Freien schlafend und sich hauptsächlich von Beeren und Kräutern ernährend (er hatte sich am Anfang der Reise ein Buch über Pflanzen gekauft). Und dieser Wechsel hilft ihm sichtlich. Immer stärker erinnert er sich an früher. An Schönes, wie die ersten Jahre mit Maureen, aber auch an schmerzliches, wie seinen Vater, der ihn mit 16 Jahren rausschmiss, das schwierige Verhältnis zu David, wie Maureen ins Gästezimmer zog und sie seit 20 Jahren nur noch nebeneinander lebten.

Diese Einsichten werden weniger, nachdem sich ihm verschiedene Personen anschließen, die durch einen landesweit bekannt werdenden Artikel auf ihn aufmerksam geworden waren. Als Harold geschätzte neun Tage vom Ziel entfernt einen Bogen laufen will, um einen Geschäftsmann, den er am Anfang der Reise kennen gelernt hat, zu besuchen, kommt es zur Spaltung der Gruppe – vielmehr sie lassen Harold zurück und “heimsen seinen Ruhm” beim Erreichen von Berwick (es kommt groß im Fernsehen) ein.

Diese Beobachtung mach übrigens Maureen. Nach anfänglichem Zögern weiht sie ihren vor kurzem verwitweten Nachbarn Rex ein, der mit ihr aus der Ferne anhand der geschickten Postkarten Harold Pilgerweg verfolgt. Das merkwürdige ist, dass durch die wachsende räumliche Distanz die innere zu ihrem Mann zu schrumpfen anfängt, sie sich ihm emotional wieder annähert, ihn sogar vermisst. Aus der Ferne bringt sie ihn, als er kurz vor Berwick, wieder ganz allein, die Orientierung verliert, wieder auf den richtigen Weg zurück und fährt zu ihm, als sie die Postkarte erhält, dass er in Berwick angekommen sei, was eine unglaublich wichtige Entscheidung war.

Am ersten Tag in Berwick ist Harold zu verwirrt, zu schwach, um Queenie zu besuchen, und bricht zusammen als ihm aufgeht, dass er sich nichts sehnlicher als seinen Sohn wünscht, sich aber nicht mehr an seinen Namen erinnern kann. Am zweiten Tag geht er endlich zum Hospiz. Anders als die anderen Pilger, wird er eingelassen und zu Queenie geführt, die in seiner Vorstellung noch immer so aussah wie vor 20 Jahren. Doch alles kommt anders als er es sich in den langen Stunden des Laufens ausgemalt hat. Queenie ist von ihrer Krankheit gezeichnet, kann nicht mehr sprechen (ihr musste wegen der gestreuten Karzinome die Zunge entfernt werden) und nimmt ihn kaum wahr. Statt mit Worten, dankt Harold ihr, indem er einfach nur ihre Hand hält und still ausdrückt, was er ihr sagen wollte. Er zeigt ihr die für sie den ganzen Weg getragenen Souvenirs, hängt ihr einen funkelnden Rosenquarzkristall ins Fenster…

Auf einer Bank am Meer findet Maureen ihn, sorgt dafür, dass er sich nach so langer Zeit endlich wieder gründlich wäscht und rasiert, ist bei ihm, als er über Queenies Tod benachrichtigt wird, ist bei ihm, als er Abschied nimmt. Anschließend laufen sie am Strand entlang. Erzählen sich von früher und müssen beide in einem Anflug seltsamer Heiterkeit anfangen zu lachen.

Ende

Erst zum Schluss eröffnet sich dem Leser das vollständige Bild, als das “Tankstellen-Mädchen” bei Maureen auf der Schwelle steht und sich entschuldigt, ihren Mann wohl zu dieser Reise inspiriert zu haben. Schließlich sei ihre Tante an Krebs gestorben und sie fühle sich nun wie eine Hochstaplerin. Daraufhin erzählt ihr Maureen von David, ihrem hochbegabten Sohn, dessen psychischen Probleme aber schwerwiegender waren als sie es sich als Mutter hatte eingestehen wollen. Vor 20 Jahren hatte Harold seinen Sohn erhängt im Gartenschuppen gefunden – und Maureen gab ihm die Schuld an seinem Suizid.

Ungefähr gleichzeitig erfährt man, warum Queenie so wichtig für Harold ist. Sie hat ihn damals versucht zu trösten und hat sogar die Schuld gegenüber ihres jährzornigen, gewalttätigen Chefs auf sich genommen, für etwas was Harold eigentlich getan hatte. Und genau dafür wollte er ihr endlich danken.

Etwas, was sich am Anfang noch wie eine annähernd lustige Geschichte anfüllt, wird nach und nach düsterer, mit Wiederaufblitzen von Heiterkeit und zeigt wie bittersüß das Leben doch ist. Wie Harold selbst feststellt, nicht alle haben seine Last zu tragen, doch jeder trägt seine eigene mit sich herum.

Gleichzeitig ist das Buch so wunderschön geschrieben und hat so einen Blick fürs Detail, dass man gar nicht merkt, wie sich die Seiten fast von allein umblättern. Gedanklich brachte es mich jedes Mal ein bisschen zu meinen eigenen langen Spaziergängen, denen, bei denen ich tief in Gedanken bin, und denen, bei denen ich es nicht fassen und mich glücklich schätze, in einer solchen Umgebung zu sein (und sei es nur der kleine Stadtpark).

 Begonnen: 22.1.    Beendet: 5.2.19

PS: In die letzten Tagen, die ich das Buch las, fiel auch ein Wochenende, das sich erstaunlich weich in seine Lektüre einbettete. Samstag war ich auf einem Aikido-Lehrgang in Erinnerung an eine vor einem Jahr verstorbene Lehrmeisterin. Zwar war ich nie von ihr selbst trainiert worden, doch ihn einem von ihr geleiteten Dojo, habe ich mit dem Aikido angefangen. Es hat etwas unglaublich Feierliches, wenn über fünfzig Leute eineinhalb Stunden ohne ein Wort zu reden miteinander trainieren.  Sonntagnachmittags war ich dann mit meiner besten Freundin in einer Kinovorstellung von “Big Fish & Begonia”, einem chinesischen Zeichentrickfilm über eine Zwischenwelt, in der menschliche Seelen als große Fische (eigentlich Delfine/Wale) existieren und das Chaos, das es mit sich zieht als eine seiner Bewohnerinnen eine menschliche Seele aufzieht, um den Menschen, der starb als er ihr half, wiederzubeleben. Klingt wirr, wenn ich das so zusammenfasse, ist aber einfach nur unglaublich philosophisch und melancholisch.

PPS: Seit diesen drei Erlebnissen begleitet mich immer wieder ein Gedanke: Wir sollten das Leben mehr wertschätzen, denn wir wissen nie, was als nächstes kommt.

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